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Richard warf einen Blick zurück. Das Trugbild verschwand hinter den dunklen Wirbeln. Chase und Rachel schienen auf irgend etwas zuzugehen. Die aufgewühlten Wolken zogen zwischen Richard und das Trugbild seiner Freunde, dann waren sie verschwunden.

Richard begann zu laufen, um Schwester Verna einzuholen. Was mochte der Grund für ein derart seltsames Trugbild sein? Warum sollte die Magie ausgerechnet diese beiden aus seiner Erinnerung hervorholen, um ihn in Versuchung zu führen? Sie hatten so echt ausgesehen. Es war, als hätte er nur die Hand auszustrecken brauchen, um die beiden zu berühren. Vielleicht wollte die Magie ihn dazu verleiten, jemandem zu folgen, dem er sein Leben anvertraute. Dabei hatte alles so echt gewirkt, Chase hatte so verzweifelt ausgesehen.

Er nahm sich vor achtzugeben. Natürlich hatte es für ihn echt ausgesehen. Das war der ganze Zweck von Magie: eine Wirklichkeit vorzutäuschen, um jemanden zum Narren zu halten, jemanden anzulocken. Sie wäre nicht besonders wirkungsvoll, wenn sie nicht echt wirken würde.

Richard legte Jessup die Hand auf die Flanke, als er ihn eingeholt hatte, um ihm zu zeigen, daß er da war, und damit er nicht erschrak. Im Vorbeilaufen strich er mit der Hand über den muskulösen Pferdekörper, während er Bonnie und Jessup mit der anderen Hand an ihren Führungsleinen hinter sich herzog.

Dann gab er Jessup einen Klaps auf den Hals. Jessup senkte erneut den Kopf, graste auf einer nichtvorhandenen Wiese und zog seine Führungsleine hinter sich her. Richard erstarrte auf der Stelle.

Schwester Verna war verschwunden.

Auf allen Seiten explodierten Blitze mit ohrenbetäubendem Krachen. Ein Lichtblitz sprengte den Boden vor seinen Füßen. Er sprang zur Seite, um dem nächsten Einschlag auszuweichen. Sein Haar schien sich aufzurichten, als der Blitz einschlug. Blau-weiße Nachbilder der zackigen Blitze zuckten ihm vor Augen.

Richard rief den Namen der Schwester, während er die Führungsleinen einsammelte, die Pferde weiterzerrte und dabei panisch um sich blickte. Die Blitze schienen ihm zu folgen. Zum wiederholten Male schlugen sie in den Boden ein, wo er noch Sekunden zuvor gestanden hatte.

Feuerbälle entzündeten sich in der Luft, stoben kreischend auseinander. Die Luft selbst schien zu brennen. Das Brüllen des Feuers war überall. Richard rannte jedesmal auf die Lücken zu, wenn einer der Feuerbälle sich aufgelöst hatte, tauchte unter den Blitzen und Flammen hindurch, seinen Kopf mit einer Hand schützend, obwohl er wußte, daß die Hand ihn auch nicht retten würde, sollte die Magie ihn treffen. Der ohrenbetäubende Lärm konnte einen in den Wahnsinn treiben. Die dunklen Staubwolken verhinderten, daß er etwas sehen konnte, vorausgesetzt, es gab überhaupt etwas zu sehen. Er rannte weiter, ohne auf die Richtung zu achten, versuchte nichts weiter, als den blauen Blitzen und den gelben Flammen auszuweichen.

Unvermittelt ragte die Ecke einer Mauer aus weißem, poliertem Marmor vor ihm auf. Er kam mit einem Ruck keuchend zum Stehen, schaute nach oben, konnte aber die obere Kante nicht erkennen; sie verschwand in der dunklen Wolke über ihm. Ein naher Blitzeinschlag, zu nah für seinen Geschmack, zwang ihn erneut weiterzurennen. Er zerrte die drei Pferde hinter sich her. Indem er um die Ecke bog, stellte er fest, daß auch diese Wand eine bogenartige Öffnung enthielt.

Im Laufen zählte er. Jede der fünf Gebäudeseiten maß ungefähr dreißig Schritte. In der Mitte jeder Wand befand sich ein sechs Schritte breiter und in etwa ebenso hoher Torbogen. Vor einer der Öffnungen blieb er stehen und schöpfte Luft. Drinnen war es leer, und durch die Öffnung konnte er die Bögen in den anderen Wänden sehen.

Ein Blitz krachte wie ein Hammerschlag in den Boden und schleuderte Erde in die Luft. Er schlug die Hände vors Gesicht. Die Einschläge kamen immer näher, ihr Lärm donnerte ihm in den Ohren. Er wußte nicht, wohin. Er ließ die Pferde los, sprang durch einen Bogen hindurch und rollte drinnen über den sandigen Boden.

Er setzte sich auf und stützte sich nach hinten auf seine Hände. Die Stille dröhnte ihm in den Ohren. Das Innere des Gebäudes war nackt und leer. Die Luft war nicht so drückend heiß wie draußen, sondern wirkte im Vergleich fast kühl und duftete süß wie eine Wiese.

Durch die Torbögen konnte er die kochenden schwarzen Wolken sehen, die sich über den Erdboden wälzten. Die Blitze zuckten in wilden Bögen, der Lärm war jedoch kaum mehr als ein leises Grollen. Die Pferde wanderten langsam weiter und grasten auf einer Wiese, die es nicht gab.

Dies mußte einer der Türme der Verdammnis sein, von denen Schwester Verna ihm erzählt hatte. Innen ragten die Wände oben weit in die Dunkelheit hinein und waren als Folge der Lebensfeuer der Zauberer schwarz verfärbt. Richard fuhr mit dem Finger durch den schwarzen Ruß und kostete. Der bitter-beißende Geschmack ließ ihn zurückschrecken. Der Zauberer, der gestorben war, um diesem Feuer sein Leben zu widmen, hatte dies nicht freiwillig getan. Er hatte es getan, um sich die Qualen zu ersparen, die man ihm antun wollte oder vielleicht schon angetan hatte.

Der Boden war mit weißem Sand bedeckt, in dem sich das Licht funkelnd brach. Er war in die Ecken geweht wie Schnee. Richard erinnerte sich, solchen Sand schon einmal gesehen zu haben. Das war im Palast des Volkes gewesen, im Garten des Lebens: in einem Kreis in der Mitte des Raumes. Darken Rahl hatte beim Versuch, die Kästchen der Ordnung zu öffnen, Banne in den funkelnden weißen Sand gezeichnet.

Richard lief im Innern des Turmes umher und versuchte zu entscheiden, was er tun sollte. An diesem Ort schien er in Sicherheit zu sein, aber für wie lange? Bestimmt würde die Magie ihn früher oder später finden. Vielleicht war die scheinbare Sicherheit dieses Ortes lediglich ein Zauber, der ihn in eine Falle locken, ihn hier für immer festhalten und ihm angst machen sollte, sich je wieder hinauszuwagen.

Er konnte unmöglich bleiben. Er mußte die Schwester finden. Sie brauchte seine Hilfe. Sie hatte Angst. Er hatte ihr versprochen durchzukommen.

Aber wieso sollte er ihr helfen wollen? Sie hielt ihn gefangen. Wenn er sie hier zurückließ, wäre er frei. Aber frei wozu? Wenn sie ihm nicht half, die Gabe zu beherrschen, würde er sterben. Zumindest behauptete sie das.

Richard drehte sich um, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Aus dem Schatten eines Torbogens trat Kahlan hervor. Ihr langes Haar floß nicht über ihre Schultern, sondern war in einem einzigen Zopf nach hinten gebunden. Statt ihres weißen Konfessorenkleides trug sie die rote Lederkleidung einer Mord-Sith.

Richard blieb unsicher stehen, seine Brust hob und senkte sich. »Kahlan, ich weigere mich, auf diese Weise an dich zu denken — nicht einmal in Form einer Täuschung meines Verstandes.«

Sie zog eine Braue hoch. »Aber ist es nicht gerade das, was du am meisten fürchtest?«

»Verändere dich, oder verschwinde.«

Das rote Leder flimmerte und verwandelte sich in das weiße Konfessorenkleid, das er so gut kannte. Der Zopf löste sich.

»Besser so, mein Geliebter? Leider wird dich das immer noch nicht retten. Ich bin gekommen, dich zu töten. Wehre dich.«

Richard zog das Schwert der Wahrheit aus der Scheide. Das unverwechselbare Klirren seines Stahls hallte durch den ganzen Turm. Zorn durchflutete seinen Körper, als die Magie freigesetzt wurde. Mit elender Unvoreingenommenheit ertrug er das Gefühl der Mordgier, während er dem einzigen Menschen ins Gesicht sah, der seinem Leben einen Sinn gab.

Seine Knöchel spannten sich um das Drahtgeflecht des Hefts, um die Erhebungen, die das Wort WAHRHEIT bildeten. Seine Kiefermuskeln spannten sich, als er die Zähne aufeinanderbiß. Plötzlich wurde ihm klar, warum die Zauberer das Lebensfeuer hatten entfachen und sich ihm hatten überlassen können — um nicht ertragen zu müssen, was man ihnen antat. Es gab Dinge, die schlimmer waren als der Tod.

Richard schleuderte das Schwert Kahlan vor die Füße.

»Nicht einmal in einem Trugbild, Kahlan. Eher würde ich sterben.«

In ihren grünen Augen leuchtete ein trauriger, zeitloser, wissender Blick auf. »Du wärst besser gestorben, mein Geliebter, damit du dir nicht ansehen mußt, was ich dir zeigen will. Es wird dir größere Schmerzen bereiten als der Tod.«