Sie schloß die Augen und sank auf die Knie, beugte sich nach vorn und verneigte sich tief. Während dieser Bewegung verkürzte sich ihr Haar. Als ihr Kopf den funkelnden weißen Sand berührte, sah es aus, als hätte man es kurz geschnitten, bis dicht über das Genick.
»Es muß sein, sonst wird der Hüter entkommen. Es stören, heißt ihm helfen — dann bekommt er uns alle. Sprich diese Worte, wenn du mußt, doch erwähne nichts von dieser Vision.« Ohne den Kopf zu heben, leierte sie in gleichgültigem Tonfall den Text herunter.
»Nur eine einzige von allen, die aus der Magie geboren sind, wird übrigbleiben, um die Wahrheit zu verkünden, wenn die Bedrohung des Schattens aufgehoben ist. Damit es eine Chance auf die Bande des Lebens gibt, muß diejenige in Weiß ihrem Volk geopfert werden, zu dessen Freude und unter seinem Jubel.«
Indes Richard das Trugbild anstarrte, entstand ein Ring aus Blut um ihren Hals. Richard stockte der Atem. Kahlans Kopf rollte davon, als hätte man ihn abgetrennt. Ihr Körper sank zur Seite. Blut schoß hervor, sammelte sich in einer Lache unter ihr und tauchte den weißen Sand und das Kleid in Rot.
Richard holte tief Luft.
»Neiiiiiin!«
Seine Brust hob sich. Er spürte, wie sich seine Fingernägel in die Handflächen gruben. Die Zehen krallten sich in seine Stiefel.
Es ist eine Täuschung, redete er sich zitternd ein. Eine Täuschung. Nichts weiter. Eine Täuschung, die mir einen entsetzlichen Schrecken einjagen soll.
Kahlan starrte aus flachen, toten grünen Augen zu ihm hoch. Er wußte zwar, daß es eine Täuschung sein mußte, trotzdem wirkte sie. Panik lahmte seine Beine, Angst vernebelte ungehindert seinen Verstand.
Kahlans Abbild flackerte und verschwand dann plötzlich, als Schwester Verna durch einen seitlichen Torbogen hereinstürmte.
»Richard!« schrie sie wütend. »Was tust du hier drinnen! Kannst du denn nie das tun, was man dir sagt? Mußt du dich immer wie ein Kind aufführen?«
Sie trat zwei Schritte vor, das Gesicht rot vor Wut.
Sein Herz pochte, das qualvolle Bild, welches er gerade gesehen hatte, hatte ansehen müssen, hatte ihn schockiert. Er sah Schwester Verna verständnislos an. Er war nicht in der Verfassung, ihre Grobheiten hinzunehmen. »Ihr wart nicht da. Ich konnte Euch nicht finden. Ich habe mich umgesehen, aber…«
»Keine Widerworte!« Ihre Locken hüpften auf und ab bei ihrem Gekreische. »Ich habe genug von deinem Gerede, mehr kann ich nicht ertragen. Ich habe dir gesagt, daß ich für so etwas nicht in Stimmung bin. Meine Geduld ist zu Ende, Richard.«
Er machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch der Halsring riß ihn nach hinten. Seine Füße verließen den Boden. Es war, als hätte man ihn an einem Strick um seinen Hals zurückgerissen. Mit einem Ächzen krachte er gegen die Wand. Der Aufprall preßte ihm die Luft aus den Lungen und raubte ihm den Verstand. Er hing mit den Füßen in der Luft, vom RadaHan an die Wand gepinnt. Der Halsring würgte ihn. Er versuchte etwas zu erkennen, doch ihm verschwamm alles vor Augen.
»Es wird Zeit, daß du eine Lektion erteilt bekommst, die ich dir schon längst hätte geben sollen«, meinte die Schwester ungehalten, als sie auf ihn zugestürmt kam. »Ich habe genug unter deinem Ungehorsam gelitten. Ich bin nicht bereit, ihn noch länger hinzunehmen.«
Richard hatte Mühe, Luft zu bekommen. Jeder Atemzug brannte, sobald er ihn durch den Engpaß an seinem Hals sog. Sein Blick klärte sich, und er richtete ihn auf Schwester Vernas Gesicht.
»Schwester … nicht…«
Der Schmerz nahm ihm die Worte. Er entflammte mit einer solchen Heftigkeit in seiner Brust, daß seine Finger kribbelten. Er bekam nicht einmal genug Luft, um zu schreien.
»Ich habe genug von deinen Worten. Ich will nichts mehr hören. Keine Ausreden mehr, keine Widerworte, keine barsche Kritik. Von jetzt an wirst du tun, was man dir sagt, wann man es dir sagt, und du wirst mich mit deinen Unverschämtheiten verschonen.«
Sie kam wieder einen Schritt näher, das Gesicht drohend verzerrt. »Haben wir uns verstanden?«
Irgendwie verschlimmerte sie die Schmerzen noch. Er krümmte sich unter der erdrückenden Qual in seiner Brust. Brennende Tränen strömten aus seinen aufgerissenen Augen.
»Ich habe dich etwas gefragt! Haben wir uns verstanden?«
Luft strömte in seine Lungen. »Schwester Verna … ich warne Euch … tut das nicht, sonst…«
»Du warnst mich! Du wagst es, mich zu warnen!«
Ein weißglühender Schmerz bohrte sich wie ein Messer durch seine Brust. Er preßte einen Schrei aus seinen Lungen. Seine schlimmsten Ängste wurden wahr. Das hatte ihm das Tragen des Halsrings eingebracht, wieder einmal. Das war es, was die Schwestern mit ihm vorgehabt hatten. Das war sein Schicksal, wenn er sich nicht wehrte.
Richard rief die Magie des Schwertes.
Von ihrem Meister herbeigerufen, fuhr die Kraft in seinen Körper, glühend vor Hoffnung, glühend vor Zorn, glühend vor Gier. Richard hieß sie willkommen, machte sie sich zu eigen, ließ seinen eigenen Zorn mit dem des Schwertes verschmelzen und seinen Körper ergreifen. Seine Wut vernichtete den Schmerz und benutzte ihn, um Kraft zu schöpfen.
»Wage es nicht, mit mir zu kämpfen, oder ich sorge dafür, daß du den Tag bereust, an dem du geboren wurdest!«
Wieder loderten Flammen leidenschaftlicher Qual empor. Richard sog sie auf in seinem Zorn. Er berührte das Schwert nicht, brauchte es nicht zu berühren. Er war eins mit der Magie und rief ihre gesamte Kraft herbei.
»Hör auf damit«, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Oder ich tue es.«
Schwester Verna, die Fäuste an ihrer Seite, kam einen Schritt näher.
»Du drohst mir? Ich habe dich eben schon gewarnt. Jetzt hast du deinen letzten Fehler begangen, Richard.«
Obwohl ihn der Schmerz fast blendete, den sie auf ihn entlud, etwas sah er doch. Das Schwert der Wahrheit. Es lag im Sand, gleich neben der Schwester.
Der Sucher richtete die Magie des Schwertes auf jene Kraft, die ihn an der Wand festhielt. Mit einem lauten Krachen brach das Band, und er löste sich taumelnd von der Wand und rollte durch den Sand.
Seine Hände fanden das Schwert.
Schwester Verna stürzte auf ihn zu. Er kam auf die Beine, das Schwert in weitem Bogen schwingend. Die Gier nach ihrem Blut brannte sich in seine Seele, unwiderruflich. Nichts sonst zählte.
Der Bringer des Todes.
Die Klinge durchschlug den Körper der Schwester in Schulterhöhe. Eine Gischt heißen Bluts spritzte in die kalte Luft. Der Geruch stieg ihm in die Nase, der Anblick füllte sein Gesichtsfeld. Kopf und Teile ihrer Schultern trudelten in hohem Bogen durch die Luft.
Blut und Knochen klatschten an die Wand. Die untere Hälfte ihres Körpers sank zu Boden. Blut sickerte in den weißen Sand, breitete sich unter ihr aus. Was von Kopf und Schultern übrig war, landete gut drei Meter entfernt in einer Fontäne aus weißem Sand. Die weiche Masse ihrer Innereien bildete ein glänzendes Band, das sich aus ihrem Rumpf gelöst hatte.
Richard sank keuchend auf die Knie. Endlich war der Schmerz verschwunden. Er hatte sich geschworen, nie wieder zuzulassen, daß man ihm dies antat. Es war ihm ernst damit gewesen.
Wie eine ferne Erinnerung erfüllte jetzt der Schmerz über seine Tat sein Inneres. Es war alles so schnell passiert, bevor er Zeit gehabt hatte nachzudenken. Er hatte die Magie des Schwertes dazu benutzt, jemandem das Leben zu rauben, und die Magie würde ihren Tribut verlangen.
Ihm war es egal. Das war nichts im Vergleich mit der Qual dessen, was sie ihm angetan hatte. Er konzentrierte sich auf seinen Zorn, und der Schmerz verflüchtigte sich und war verschwunden.
Aber was sollte er jetzt machen? Er brauchte die Schwestern, damit sie ihm beibrachten, wie man die Gabe daran hinderte, ihn umzubringen. Ohne Schwester Vernas Hilfe würde er sterben. Wie konnte er jetzt zu den anderen Schwestern gehen und sie um ihre Hilfe bitten? Hatte er gerade sein eigenes Todesurteil ausgesprochen?