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Auf keinen Fall jedoch würde er zulassen, daß sie ihm noch einmal weh taten. Auf keinen Fall.

Er kniete sich hin und kam zur Ruhe, setzte sich auf die Hacken, versuchte nachzudenken. Vor ihm, gleich neben Schwester Vernas Leiche, lag das kleine Buch, das sie im Gürtel aufbewahrt hatte. Es war das kleine Buch, in das sie ständig geschrieben hatte.

Richard hob es auf und blätterte darin. Es war leer. Nein, nicht ganz. Kurz vor dem Ende gab es zwei beschriebene Seiten.

Ich bin die Schwester, die für diesen Jungen verantwortlich ist. Diese Anweisungen sind ungerechtfertigt, wenn nicht gar absurd. Ich verlange, daß man mir die Bedeutung dieser Anweisungen erklärt. Ich verlange zu wissen, auf wessen Geheiß sie gegeben wurden#.

Im Dienste des Lichts, Eure Schwester Verna Sauventreen#.

Richard dachte darüber nach, daß die Schwester sogar beim Schreiben voller Temperament gewesen war. Er blickte auf die nächste Seite. Sie trug eine andere Handschrift.

Du wirst tun, was man dir aufgetragen hat, oder du mußt die Konsequenzen tragen. Wage es nicht, die Befehle des Palastes erneut in Frage zu stellen.

Höchstselbst, die Prälatin.

Es sah ganz so aus, als hätte Schwester Verna es geschafft, sich außer seinem noch den Zorn von jemand anderem zuzuziehen. Er warf das Buch wieder neben sie auf die Erde. Er saß da und starrte ihre Leiche an, betrachtete, was er angerichtet hatte. Was sollte er jetzt tun?

Er hörte ein Seufzen, hob den Kopf und erblickte Kahlan in ihrem weißen Konfessorenkleid, die in einem Torbogen stand. Mit traurigem Gesichtsausdruck schüttelte sie langsam den Kopf.

»Und du fragst dich, weshalb ich dich fortgeschickt habe.«

»Du verstehst nicht, Kahlan. Du weißt nicht, was sie…«

Ein stilles Lachen lenkte seine Aufmerksamkeit auf die andere Seite des Raumes. Darken Rahl stand in einem anderen Torbogen. Sein weißer Umhang leuchtete.

Richard fühlte, wie der Handabdruck seines Vaters vor Hitze zu kribbeln und zu brennen begann.

»Der Hüter heißt dich willkommen, Richard.« Darken Rahls grausiges Feixen wurde breiter. »Du machst mich stolz, mein Sohn.«

Mit einem Aufschrei stürzte Richard über die Sandfläche. Sein Zorn war neu entflammt. Mit dem Schwert voran warf er sich auf Darken Rahl.

Die leuchtende Gestalt verflüchtigte sich, als Richard durch den Torbogen segelte. Hallendes Gelächter erscholl und verklang kurz darauf.

Außerhalb des Turms toste das Unwetter. Drei heiße Blitze kamen durch das Dunkel auf ihn zugerast. Instinktiv riß er das Schwert als Schutzschild hoch. Die Blitze schlugen im Schwert ein, zuckten und wanden sich wie eine Schlange in der Falle. Ein Donnerschlag ließ den Boden unter seinen Füßen erzittern.

Richard kniff gegen das blendende Licht die Augen zusammen. Er biß die Zähne vor Anstrengung zusammen, als er das Schwert senkte und dabei die lodernden, flüssigen Feuerlinien mit nach unten zog. Sie wurden stumpf und schwächer, als sie zu Boden gerissen wurden, wo sie sich zischend wanden wie im Tod, bis sie schließlich ganz erloschen und verschwanden.

»Schluß mit diesen Trugbildern.«

Verärgert ließ Richard sein Schwert in die Scheide gleiten und sammelte die grasenden Pferde ein. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte, auf jeden Fall aber fort von diesem Turm, fort von der toten Schwester. Und fort von dem, was er angerichtet hatte.

32

Die Blitze kamen nicht mehr zurück. Die aufgewühlten Wolken hüllten ihn noch immer ein, doch es blitzte nicht mehr. Er ging, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, wohin. Spürte er eine unerklärbare Gefahr, umging er sie. Zu beiden Seiten verlockten ihn Trugbilder hinzuschauen, doch unerschütterlich mißachtete er sie.

Anfangs hatte er ihn wegen der dunklen Wolken fast nicht bemerkt, den nächsten Turm. Er glich dem ersten, nur war er glänzend schwarz. Zuerst spielte er mit dem Gedanken, ihn zu umgehen, doch dann fand er sich plötzlich in einem der Torbögen wieder und warf einen Blick ins Innere. Der Boden war mit Sand bedeckt, der in die Ecken geweht war, doch er war schwarz, nicht weiß. Dank derselben Lichtbrechung funkelte er jedoch wie weißer Sand.

Die Neugier war stärker als die Vorsicht, also griff er hinein und fuhr mit dem Finger über den schwarzen Ruß, der die Wände bedeckte. Er schmeckte süß.

Der Zauberer, der sein Leben diesem Feuer geopfert hatte, hatte damit einen anderen retten und nicht sich selbst die Folter ersparen wollen. Dieser Zauberer war altruistisch, der andere unehrenhaft gewesen.

Wenn der Besitz der Gabe bedeutete, daß er ein Zauberer war, zu welcher Sorte gehörte er dann, überlegte Richard. Er sah sich gern als jemand, der eine hohe Gesinnung hatte, andererseits hatte er gerade einen anderen Menschen umgebracht, um sich Qualen zu ersparen. Doch war es nicht sein Recht, zu töten, um sein Leben zu schützen? Mußte er erst auf diese Weise sterben, um ehrenhaft zu sein?

Wie wollte er beurteilen, welcher der beiden Zauberer weiser gewesen war oder welcher getan hatte, was ihm zustand?

Der funkelnde schwarze Sand faszinierte ihn. Er schien das Licht aus dem Nichts anzusaugen und zu brechen, um es dann in blinkenden Farben im Turm zu verteilen. Richard holte eine leere Gewürzdose und schaufelte sie mit dem schwarzen Sand voll. Er stopfte die Dose wieder in sein Bündel, das an Geraldines Sattel hing, und pfiff nach Bonnie — sie war wieder grasen gegangen.

Sie hob den Kopf und drehte ihm die Ohren zu. Pflichtschuldig kam sie herbeigetrabt, stellte sich zu ihm und den anderen beiden Pferden und rieb ihren Kopf an seiner Schulter, in der Hoffnung, am Hals gekrault zu werden. Als sie den Turm hinter sich ließen, tat er ihr den Gefallen.

Sein Hemd war schweißdurchtränkt, als er raschen Schritts über den kahlen Boden marschierte. Er wollte raus aus diesem Tal, fort von der Magie, den Bannen und den Trugbildern. Schweiß rann ihm im Gehen von der Stirn, während er sich bemühte, die vertrauten Stimmen zu ignorieren, die ihn riefen. Er sehnte sich danach, die Gesichter seiner Lieben zu sehen, die nach ihm riefen, doch er blickte nicht hin. Andere Stimmen stießen zischend Verwünschungen und Bedrohungen aus, doch er ging weiter. Manchmal kribbelten die Banne auf seiner Haut, brannten stechend vor Hitze oder Kälte. Doch dann eilte er nur noch schneller weiter.

Als er sich den Schweiß aus den Augen wischte, fiel sein Blick auf den ausgebrannten Boden vor ihm, und er sah Spuren. Seine eigenen. Bei dem Versuch, dem Gefühl von Gefahr, den Trugbildern und Stimmen aus dem Weg zu gehen, mußte er im Kreis gegangen sein. Vorausgesetzt, die Fußspuren waren tatsächlich echt.

Ihn beschlich das unangenehme Gefühl, daß die Magie ihn in eine Falle lockte. Vielleicht war er während all der Zeit kein Stück weit aus dem Tal der Verlorenen herausgekommen. Vielleicht war auch er verloren. Wie sollte er überhaupt hier herausfinden? Er zog die Pferde weiter, setzte seinen Weg fort, doch mit einem zunehmenden Gefühl von Panik.

Aus dem dunklen Nebel tauchte unerwartet ein Trugbild auf, das ihn vor Schreck sofort stehenbleiben ließ. Es war Schwester Verna. Sie wanderte ziellos umher, die Hände zum Gebet gefaltet, die Augen himmelwärts gerichtet, ein seliges Lächeln auf den Lippen.

Richard eilte auf sie zu. »Verschwinde! Ich habe genug von diesen Gespenstern! Laß mich in Ruhe!« Sie schien ihn nicht zu hören. Das war unmöglich, sie war durchaus nahe genug, um ihn zu verstehen. Er ging näher. Plötzlich fühlte sich die Luft ringsum zäh an, schien zu funkeln, bis er diese Stelle hinter sich zu lassen schien. »Hörst du? Hör mir zu! Ich sagte ›Verschwinde!‹«

Entrückte braune Augen richteten sich auf ihn. Sie streckte den Arm aus, die Hand zu einer abwehrenden Geste erhoben. »Laß mich. Ich habe gefunden, was ich suche. Laß mir meinen Frieden und mein Glück.«

Als sie sich umdrehte, spürte Richard ein gespanntes Kribbeln bis hinunter in die Zehen. Sie versuchte nicht, ihn wie die anderen Trugbilder zu verleiten.