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Sein Haar wollte sich sträuben.

»Schwester Verna?«

War das möglich? Lebte sie tatsächlich noch? Vielleicht hatte er sie nicht wirklich umgebracht. Vielleicht war alles eine Täuschung gewesen. »Schwester Verna, wenn Ihr es wirklich seid, antwortet mir.«

Sie betrachtete ihn mit einem verwirrten Stirnrunzeln. »Richard?«

»Natürlich, Richard.«

»Geh fort«, sagte sie leise, während sie ihre Augen erneut gen Himmel hob. »Ich bin mit Ihm vereint.«

»Mit ihm? Mit wem?«

»Bitte, Richard, du bist verdorben. Geh fort.«

»Wenn Ihr ein Trugbild seid, dann verschwindet selbst.«

Sie betrachtete ihn flehend. »Bitte, Richard. Du störst Seine Ruhe. Zerstöre nicht, was ich gefunden habe.«

»Was habt Ihr denn gefunden? Jedidiah?«

»Den Schöpfer«, sagte sie in weihevollem Ton.

Richard sah in den Himmel. »Ich sehe niemanden.«

Sie kehrte ihm den Rücken zu und schlenderte davon. »Laß mich bei Ihm bleiben.«

Richard wußte nicht, ob dies die echte Schwester Verna war oder eine Täuschung. Oder vielleicht der Geist der toten Schwester. Was mochte stimmen? Wie sollte er das entscheiden?

Er hatte der echten Schwester versprochen, daß sie es schaffen würden, daß er ihr helfen würde. Er ging ihr hinterher, bevor sie im dunklen Nebel verschwinden konnte.

»Wie sieht der Schöpfer aus, Schwester Verna? Ist er jung? Alt? Hat er langes Haar? Kurzes? Hat er noch alle seine Zähne?«

Sie drehte sich wütend um. »Laß mich in Ruhe!«

Der bedrohliche Ausdruck in ihrem Gesicht ließ ihn auf der Stelle stehenbleiben.

»Nein. Hört auf mich, Schwester. Ihr kommt mit mir. Ich werde Euch nicht in diesem Bann gefangen zurücklassen. Das ist alles, was Ihr seht: einen Bann der Verzückung.«

Seine Überlegung war folgendermaßen: wenn sie ein Gespenst war und er sie mitnahm, würde sie verschwinden, wenn sie die Magie des Tales verließen. War sie echt — gut, dann würde er sie eben retten. Sie würde überleben. Er wünschte sich zwar, sie los zu sein, aber noch mehr wünschte er sich, daß sie lebte und ihm nicht wirklich das antat, was sie im Turm getan hatte. Das durfte nicht die echte Schwester Verna gewesen sein. Er ging wieder zu ihr.

Sie hob die Hand, als wollte sie ihn zurückstoßen, obwohl er noch gut zehn Schritte entfernt war. Die Wucht des Stoßes warf ihn zu Boden. Er rollte ab, faßte sich an die Brust, betastete die getroffene Stelle, doch der Schmerz ließ bereits nach. Es hatte sich angefühlt wie das, was man ihm im Turm angetan hatte — ein heftiger, brennender Schmerz.

Ächzend setzte er sich auf und sammelte rasch seine Gedanken, während er nach Luft schnappte. Er hob den Kopf, um festzustellen, wo die Schwester steckte, für den Fall, daß sie die Absicht hatte, ihm noch einmal weh zu tun. Was er sah, ließ ihm den Atem stocken.

Während die Schwester wieder in den Himmel blickte, begann der dunkle Nebel, der sie umgab, zu wirbeln und verschmolz zu Gebilden, zu einer Art Geistererscheinungen: zu materielosen Figuren, in denen der Tod nur so schäumte und brodelte. In ihren Gesichtern bewegten sich dampfende, fliehende Schatten, die sich zu glühenden Augen in einem tintenschwarzen Gesicht zusammensetzten — heiß züngelnde Flammen voller Haß, die aus ewiger Nacht erglühten.

Eine kribbelnde Gänsehaut kroch über seinen Rücken. Im Haus der Seelen, als er den Screeling auf der anderen Seite der Tür gespürt hatte, als er den Mann gespürt hatte, der im Begriff stand, Chandalen zu töten, und bei seiner ersten Begegnung mit den Schwestern hatte er ein durchdringendes, unerklärliches Gefühl der Gefahr empfunden. Genau das gleiche empfand er jetzt.

Er hatte nicht den geringsten Zweifel, daß all dies ein Teil der Magie des Tales war und daß diese Magie endlich einen Eindringling entdeckt hatte. Ihn.

»Verna!« schrie er.

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. »Ich habe dir doch schon gesagt, Richard, ich werde mit Schwester Verna angesprochen…«

»Ist es das, was Ihr Euren Zöglingen antut? Sie mit Eurer Kraft verletzen?«

Sie wirkte überrascht. »Aber ich…«

»Ist das Euer ewiges Paradies? Ewiger Streit mit Menschen? Menschen weh zu tun?« Er ließ sich auf die Knie fallen und betrachtete die Gebilde, die sie umwehten. »Schwester, wir müssen hier raus.«

»Ich möchte bei Ihm bleiben. Ich habe meine Seligkeit gefunden.«

»Ist das hier Eure Vorstellung vom Paradies? Jemandem weh zu tun? Antwortet mir, Schwester Verna! Ist es das, was Euer Schöpfer von Euch will? Daß Ihr den Menschen weh tut, die Euch anvertraut werden?«

Sie sah ihn mit aufgerissenem Mund an. Plötzlich gewannen ihre Bewegungen an Schnelligkeit, und sie stürzte zu ihm. »Habe ich dir weh getan?« Sie packte ihn bei den Schultern. »Oh, Kind, das tut mir leid. Das habe ich nicht gewollt.«

Er kam wieder ganz auf die Beine und schüttelte sie. »Schwester, wir müssen hier raus! Ich weiß nicht, wie! Sagt mir, wie man hier rauskommt, bevor es zu spät ist!«

»Aber … ich will doch bleiben.«

»Seht Euch um, Schwester Verna! Was seht Ihr?«

Hölzern zuckte sie mit dem Kopf, blickte von einem dunklen Gebilde zum nächsten, dann wieder zu ihm. »Richard…«

Richard zeigte wütend in den Himmel. »Seht hin, Schwester! Das ist nicht der Schöpfer! Das ist der Hüter!«

Sie starrte in die angezeigte Richtung. Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund.

Der rote Schein in den Augen eines der dunklen, schwebenden Gebilde wurde greller, verwandelte sich in ein Glühen. Das Gefühl von Gefahr loderte durch die Tiefen seiner Seele. Im Nu hatte er das Schwert gezogen. Die flüchtigen Gespenstererscheinungen verhärteten sich zu festen Knochen und Muskeln, Krallen und Reißzähnen und verwandelten sich in eine mit dunkler, aufgesprungener, ledriger Haut bedeckte Bestie, die mit häßlichen, schwärenden Wunden übersät war. Sie stürzte sich mit entsetzlicher Geschwindigkeit auf ihn herab.

Das Schwert mit beiden Händen fest umklammert, ließ Richard seiner Wut mit einem Schrei freien Lauf und bohrte der Bestie das Schwert beim Angriff in die Brust. Weiches Fleisch und harte Knochen zischten beim Kontakt mit der Klinge. Das Ungeheuer glitt vom Schwert herab und klatschte wie ein Eimer feuchter Erde auf den Boden. Seine Haut war nicht imstande, den Inhalt festzuhalten. Ein Tropfen Blut spritzte auf Richards Arm, ätzte sich durch sein Hemd und fraß sich in sein Fleisch. Die Bestie brodelte und schäumte von innen heraus. Aus der schwärenden Wunde wimmelte Gewürm.

Schwester Verna starrte die blubbernde, rauchende Masse mit aufgerissenen Augen an. Richard packte sie bei ihren Locken und zwang sie, die Gebilde anzusehen, die immer näher rückten. »Ist das Eure Vorstellung vom Paradies? Seht hin! Seht sie Euch an!«

Er riß sie nach hinten, als das dunkle, wässrige Blut, das aus der Bestie herausquoll, sich entzündete und ein beißender, öligschwarzer Rauch kräuselnd aus den Flammen in die Höhe stieg. Dann fiel ihm ein, was sie ihm zuvor über das Zurückweichen in eine noch größere Gefahr erzählt hatte, und er blieb stehen. Er roch verbranntes Fleisch, und als er merkte, daß es sein eigenes war, spuckte er auf die schmerzende, rauchende Wunde, die das Blut der Bestie auf seinem Arm hinterlassen hatte.

Mit einem kurzen Blick in die Runde verschaffte er sich Übersicht. Hinten waren noch mehr dieser Gebilde. Ein weiteres materialisierte sich zu einer Bestie, diesmal mit gespaltenen Hufen und einer breiten Schnauze. Rasiermesserscharfe Eckzähne sprossen hervor und wuchsen sich zu langen, gebogenen Waffen aus.

Schnaubend griff die Bestie an. Richard hämmerte ihr sein Schwert auf den Schädel, als sie versuchte, ihn aufzuspießen. Die Bestie sackte kreischend in sich zusammen. Als der massige Körper auf dem Boden aufschlug, hatte er sich bereits in eine Masse wimmelnder Schlangen verwandelt. Beim Aufprall auf den Boden rollten und stürzten sie übereinander, das verflochtene Knäuel stob zappelnd auseinander. Hunderte roter Augen sahen zu ihm hoch. Rote Zungen leckten durch die Luft, während sich die gelb-schwarz geringelten Körper auf die beiden zuschlängelten.