Richard glaubte nicht, daß dies nur immaterielle Trugbilder waren. Die Wunde auf seinem Arm, wo der Blutstropfen hingekleckert war, brannte schmerzhaft. Die Schlangen zischten. Einige rollten sich ein, um anzugreifen, bleckten triefende Fangzähne.
»Richard, wir müssen fort von hier. Komm, Kind.«
Sie machten kehrt und rannten los, gefolgt von den rotäugigen Gebilden. Richard fühlte die dicke Luft, als er hindurchlief. Die Luft ringsum funkelte.
Schwester Verna stieß einen Schrei aus. Er drehte sich um und sah sie auf dem Boden liegen, kurz hinter ihr die Schlangen. Sie sprang auf und versuchte es noch einmal, kam aber nicht hindurch. Für sie war die Luft undurchdringlich.
Schweigend blieb sie einen Augenblick lang stehen und beruhigte sich. Sie faltete die Hände. »Richard, ich bin in diesem Bann gefangen. Ich kann ihn nicht verlassen. Der Bann hat mich wiedererkannt. Für mich ist es zu spät. Rette dich. Lauf. Ohne mich hast du vielleicht eine Chance. Beeil dich. Los.«
Es schienen nun wesentlich mehr Schlangen zu sein, als Richard anfangs gesehen hatte. Der Boden wimmelte nur so von ihnen. Sie kreisten ihn ein. Er schlug auf sie ein und enthauptete drei von ihnen, die ihm zu nahe kamen.
Die kopflosen Körper wanden sich und zerfielen zu Hunderten riesiger, glänzender, schwarz-braun geringelter Käfer. Sie flitzten in alle Richtungen davon. Ein paar krabbelten in seinem Hosenbein hinauf. Verzweifelt trat er mit dem Bein aus, um sie abzuschütteln. Jeder Biß fühlte sich an wie ein Stück glühender Kohle auf der Haut. Er trampelte, um sie loszuwerden. Aus der Erde, dort, wo er die Schlangen getötet hatte, kamen immer mehr Käfer hervorgekrabbelt, deren hart gepanzerte Körper übereinanderpurzelten und dabei raschelten wie trockenes Laub, das über ausgedörrtes Land geweht wird.
Inmitten der raschelnden Käfer und der wimmelnden Schlangen herumspringend, trat er zurück in die funkelnde Luft. »Ohne Euch habe ich keine Chance. Ihr kommt mit.«
Er schlang die Arme um sie und stürzte sich mit dem Schwert voran vor die funkelnde Barriere. Zuerst schien die Wand hart zu sein, doch dann explodierte die Luft ringsum zu glitzernden Blitzen. Lichtzacken wie von zersprungenem Glas schossen in alle Richtungen davon. Die Luft zerbarst mit krachendem Donner in einer Funkenexplosion. Die umherschießenden funkelnden Teilchen wurden langsamer und rieselten wie dicke Schneeflocken zur Erde. Bei der Berührung mit dem Boden erlosch ihr Licht. Die beiden schoben sich an der verschwundenen Barriere vorbei, vom Bann befreit.
Die dunklen Gebilde folgten ihnen. Die Schlangen verfolgten sie. Käfer zerplatzten knirschend unter seinen Stiefeln.
Richard packte das Schwert fester. »Machen wir, daß wir von hier fortkommen.«
Sie machte zwei Schritte und erstarrte.
»Was ist?«
»Ich kann den Weg nicht fühlen«, sagte sie leise. »Richard, ich spüre die Lücken nicht.« Sie drehte sich zu ihm um. »Fühlst du etwas?« Er schüttelte den Kopf. »Versuch es! Versuche zu spüren, wo weniger Gefahr lauert, Richard.«
Er stampfte mit den Füßen auf, um die Käfer von den Beinen zu abschütteln, und wischte einen fort, der es bis zu seinem Gesicht geschafft hatte. Noch immer strömten Schlangen aus der Erde, dort, wo das Monster zu Boden gegangen war. Sie sprudelten hervor wie Wasser aus einer Quelle. »Ich kann nicht. Ich spüre überall Gefahr. Es ist überall das gleiche. Wohin?«
Sie raffte ihr Kleid zusammen. »Ich weiß es nicht.«
Richard hörte einen Schrei. Die vertraute Stimme hatte seine Aufmerksamkeit erregt, bevor er sich bremsen konnte. Kahlan stand genau dort, wo die Schlangen aus dem Boden hervorsprudelten. Sie glitten an ihr hinauf und über sie hinweg, als wäre sie ein Fels in einem Strom aus Schlangen. Sie streckte die Hände nach ihm aus.
»Richard! Hilf mir! Du hast gesagt, du würdest mich immer lieben! Bitte, Richard! Laß mich jetzt nicht allein. Hilf mir.«
Leise und verunsichert fragte er: »Schwester Verna, was seht Ihr?«
»Jedidiah«, antwortete sie ruhig. »Er ist über und über mit Schlangen bedeckt. Er will meine Hilfe. Möge der Schöpfer uns gnädig sein.«
»Warum sollte er ausgerechnet jetzt damit anfangen?«
»Bitte, keine Gotteslästerungen!«
Er zwang sich, dem Trugbild den Rücken zuzukehren. Er packte die Schwester am Arm und führte sie fort. Sie beobachteten, wie die Gebilde um sie herumwehten, und wichen ihnen aus. Den Schlangen konnten sie aus dem Weg gehen, aber es war unmöglich, nicht auf die riesigen Käfer zu treten. Er wußte, daß es gefährlicher sein konnte, ziellos umherzulaufen, als stehenzubleiben, jetzt, da die Magie sie gefunden hatte. Trotzdem drängten ihn seine Füße immer weiter. Schließlich erreichten sie eine Stelle, die fürs erste frei von Schlangen und Käfern war.
»Die Zeit läuft uns davon. Spürt Ihr noch immer nichts? Könnt Ihr den Weg schon fühlen?«
»Nichts. Tut mir leid, Richard. Ich habe in meiner Pflicht versagt, den Schöpfer enttäuscht. Ich habe uns beide in den Tod geführt.«
»Noch nicht ganz.«
Richard pfiff die Pferde herbei. Sie kamen angetrabt, unbeachtet von den dunklen Gebilden. Bonnie rieb ihren Kopf an ihm, drückte ihn einen Schritt zurück. Schwester Verna nahm die Leine auf und wollte Jessup wegführen.
»Nein!« Richard sprang zu Bonnie. Er schlug zwei klickende Käfer von seinem Hosenbein. »Steigt auf. Rasch.«
Schwester Verna starrte ihn an. »Richard, wir können die Pferde nicht nehmen. Das sind nur dumme Tiere. Sie werden einen Schrecken bekommen und uns in ein magisches Unwetter tragen. Ohne die Kandaren können wir sie nicht kontrollieren.«
»Schwester, Ihr habt mir gesagt, Ihr hättet Die Abenteuer von Bonnie Day gelesen. Erinnert Ihr Euch noch daran, wie die drei Helden die Verletzten in Sicherheit bringen und sie an den Giftfluß kommen, den man nicht überqueren kann? Was haben sie da gesagt? Sie sagten, die Menschen sollten nur darauf vertrauen, daß man es schaffen kann. Bonnie, Geraldine und Jessup haben sie über den Fluß geführt. Habt Vertrauen, Schwester. Steigt auf. Beeilt Euch.«
»Du willst, daß ich etwas tue, was uns in den sicheren Tod führt, nur weil du irgendeine Torheit in einem Buch gelesen hast? Wir müssen zu Fuß gehen!«
Bonnie warf ihren Kopf zurück und tänzelte. Richard zog an den Zügeln, um sie still zu halten. »Ihr kennt den Weg nicht. Ich kenne den Weg nicht. Wenn wir hier bleiben, kommen wir um.«
»Was soll uns denn das Reiten nützen!« Sie mußte scharf an der Leine reißen, um Jessup ruhig zu halten. Bonnies Erregtheit hatte ihn aufgescheucht.
»Schwester, was haben die Pferde den ganzen Tag getan, wenn wir sie gelassen haben?«
»Sie haben gegrast — auf einer Weide, die nicht existiert. Sie haben Halluzinationen.«
»Wirklich? Wißt Ihr was? Angenommen, wir wären diejenigen, die Halluzinationen haben? Vielleicht sehen sie, was wirklich existiert. Und jetzt laßt uns losreiten.«
Die dunklen Gebilde waren näher gekommen, ihre Augen erglühten in einem helleren Rot. Schwester Verna warf einen Blick darauf, dann zog sie sich in den Sattel. »Aber -«
»Habt ein wenig Vertrauen, Schwester.« Bonnie tänzelte zur Seite, wollte fort. »Ich habe versprochen, Euch zu retten, und genau das habe ich vor. Ich übernehme die Führung. Bleibt nicht zurück.«
Richard trat seinem Pferd hart in die Flanken. Das Tier machte einen Satz nach vorn und fiel in äußersten Galopp. Die beiden anderen Pferde setzten hinterher und folgten. Er beugte sich nach vorn über Bonnies Widerrist, als sich die Stute im Galopp streckte. Er ließ die Zügel schießen, ohne ihr im geringsten den Weg vorzugeben. Er hielt den Blick auf ihre Ohren gerichtet, statt auf das, was vor ihm lag — er wollte sie nicht beeinflussen.
»Richard!« schrie Schwester Verna von hinten. »Im Namen des Schöpfers, paß auf, wohin du reitest. Siehst du nicht, wohin du das Pferd lenkst!«