»Ich lenke es nirgendwohin«, rief er über das Geräusch der donnernden Hufe hinweg. »Es sucht sich seinen eigenen Weg.«
Die Schwester galoppierte neben ihm her, die Brauen vor Wut zusammengezogen. »Bist du wahnsinnig? Sieh doch, wohin du reitest!«
Richard riskierte einen kurzen Blick. Sie stürzten geradewegs auf den Rand einer Klippe zu.
»Schließt die Augen, Schwester.«
»Hast du den Verstand ver…«
»Schließt die Augen! Das ist eine Täuschung. Die Halluzination einer Angst, die uns gemeinsam ist, der Angst zu fallen. Aus dem gleichen Grund haben wir beide die Schlangen gesehen.«
»Die Schlangen waren echt! Wenn du dich irrst, werden wir umkommen!«
»Schließt die Augen. Wenn dort wirklich eine Klippe ist, werden die Pferde nicht über ihren Rand hinausrennen.« Hoffentlich irrte er sich in diesem Punkt nicht.
»Es sei denn, es gibt sie wirklich und die Magie gaukelt ihnen einen ebenen Erdboden vor, um uns umzubringen!«
»Wenn wir hier bleiben, kommen wir ebenfalls um! Wir haben keine Wahl!«
Er hörte, wie sie knurrend fluchte, als sie ihren linken Zügel nach hinten riß und versuchte, ihr Pferd zu wenden, doch Jessup blieb bei Bonnie. Bonnie hatte die Führung, Jessup und Geraldine wollten sie nicht verlassen.
»Ich hab’ dir doch gesagt, es war töricht, die Kandaren zu vernichten! Jetzt können wir sie nicht kontrollieren! Sie gehen mit uns durch!«
»Ich habe gesagt, daß ich Euch retten werde. Das Vernichten der Kandaren wird Euch retten. Ich habe die Augen geschlossen. Wenn Ihr überleben wollt, dann schließt sie ebenfalls!«
Schwester Verna schwieg, während die drei Pferde weiterdonnerten. Richard hatte die Augen fest zugekniffen. Als sie nach seiner Schätzung die Klippe erreicht haben mußten, hielt er den Atem an. Er betete, daß die guten Seelen ihm dieses eine Mal beistehen mochten.
In der Erwartung, gleich in die Tiefe hinabzustürzen, begannen seine Beine zu kribbeln. Er versuchte, nicht daran zu denken, wie es auf dem Weg nach unten wäre. Eine verbreitete Furcht, mehr war es im Grunde nicht. Er merkte, daß er sich in Todesangst an Bonnies Mähne klammerte. Er lockerte den Griff, hielt die Augen aber geschlossen.
Der Absturz in die Tiefe blieb aus.
Die drei Pferde galoppierten weiter. Er unternahm nichts, um sie zu bremsen, sondern ließ sie nach Belieben weiterrennen. Da sie den ganzen Tag gegrast hatten, waren sie in ausgelassener Stimmung, und er sah, daß ihnen das Rennen Freude bereitete. Sie rannten aus schierem Vergnügen.
Nach einer Weile bemerkte Richard, daß das Geräusch der Hufe sich verändert hatte. Es klang nicht mehr so hell, sondern gedämpfter.
»Richard! Wir sind raus aus dem Tal!«
Er warf einen Blick über die Schulter und sah die dunklen Fetzen der Sturmwolken am Rand des Horizonts tosen. Die goldene Sonne stand tief am Himmel über dem grasbewachsenen, sanft gewellten Land zu ihren Füßen. Ihre Pferde wurden langsamer und verfielen in einen leichten Galopp.
»Seid Ihr sicher? Seid Ihr sicher, daß wir das Tal hinter uns haben?«
Sie nickte. »Dies ist die Alte Welt. Ich kenne diesen Ort.«
»Aber es könnte dennoch ein Trugbild sein, um uns in Sicherheit zu wiegen und uns in eine Falle zu locken, bevor wir ganz hindurch sind.«
»Mußt du eigentlich immer in Frage stellen, was ich dir sage? Ich spüre es mit meinem Han. Dies ist keine Täuschung. Das Tal liegt hinter uns, und wir sind die Magie los. Jetzt kann sie uns nicht mehr einholen.«
Richard überlegte kurz, ob sie vielleicht trotzdem eine Illusion sein konnte. Aber auch er spürte, daß die Gefahr vorüber war. Er beugte sich vor und schlang die Arme überschwenglich um Bonnies warmen Hals.
Die gewaltigen Hügel, in die sie nun hineinkamen, waren baumlos und mit Grasbüscheln und Wildblumen bedeckt, die Niederungen mit sandfarbenen Felsen übersät. Die Sonne schien warm, brannte jedoch nicht mehr auf das Land herab. Richard lachte in den Wind, der ihm ins Gesicht wehte.
Er grinste Schwester Verna an, doch die lächelte nicht. Sie zog die Brauen zusammen und setzte eine finstere Miene auf, während sie das ausgedehnte Hügelland vor ihnen absuchte.
»Hör auf, so dreckig zu grinsen«, fuhr sie ihn an.
»Ich bin doch nur froh, daß wir es geschafft haben. Ich bin glücklich, daß Ihr lebt, Schwester.«
»Hättest du eine Vorstellung, wie wütend ich auf dich bin, Richard, du wärst längst nicht mehr so hoch erfreut, daß ich noch bei dir bin. Nimm dir diesen Rat zu Herzen: du würdest dir selbst einen sehr großen Gefallen tun, wenn du deine Zunge im Zaume halten würdest.«
Er konnte nur den Kopf schütteln.
33
»Du mußt mir den Arm abnehmen.«
Zedd zog den Ärmel ihres himmelblauen Samtgewandes den Arm hinunter und bedeckte damit die Wunde, die nicht verheilen wollte, und das schwache grüne Leuchten ihrer Haut.
»Ich werde dir den Arm nicht abschneiden, Adie. Wie oft muß ich dir das noch erklären?«
Er stellte die Lampe aus geschliffenem Glas auf einen Nachttisch mit silbernen, zu einem Blumenmuster gearbeiteten Einlegearbeiten zurück, gleich neben das Tablett mit braunem Brot und dem halbverspeisten Lammtopf, überquerte gemächlichen Schritts den Teppich und teilte die mit Stickereien verzierten Vorhänge mit einem seiner dünnen Finger. Ohne etwas zu erkennen, linste er durch das reifüberzogene Fenster auf die dunkle Straße hinaus. Der Schein des Feuers im Vorzimmer warf ein warmes, schwaches Licht durch die offene Doppeltür. In Anbetracht der Menschenmenge unten im Speisesaal war es in den Zimmern geradezu still.
Obwohl es mitten im Winter war, oder vielleicht gerade deswegen, herrschte im ›Bockshorn‹ reger Betrieb. Die Straße war bei diesem Schnee, bei dieser Kälte kein Platz zum Schlafen, trotzdem konnte man den Handel nicht einfach der Jahreszeit wegen einstellen. Kaufleute, Fahrer und Reisende jeder Art füllten sowohl diesen als auch alle anderen Gasthöfe in Penverro.
Er und Adie hatten Glück gehabt, eine Unterkunft zu finden. Vielleicht war auch der Wirt der Glückliche. Glücklich deswegen, weil jemand des Weges kam, der bereit war, den unverschämten Preis zu zahlen, den er für seine besten Zimmer verlangte.
Das Geld bereitete Zedd jedoch keine Sorgen. Für einen Zauberer Erster Ordnung war es ein leichtes, den geforderten Preis in Gold auf den Tisch zu legen. Nein, Zedd hatte andere Sorgen. Die klaffende Wunde, dort, wo der Skrin Adie mit seiner Kralle geritzt hatte, verheilte nicht. Sie wurde eher immer schlimmer. Und es half nichts, die Wunde weiter mit Magie zu behandeln. Magie war das Problem.
»Hör zu, alter Mann.« Adie stemmte sich im Bett auf einen Ellenbogen hoch. »Es ist die einzige Möglichkeit, die Vergiftung aufzuhalten. Du hast es versucht, und ich möchte deine Bemühungen nicht bekritteln. Aber wenn wir das Gift nicht aufhalten, werde ich sterben. Was ist ein Arm, verglichen mit meinem Leben? Wenn dir der Mut dazu fehlt, dann gib mir ein Messer. Ich schaffe es auch allein.«
Er blickte finster über seine Schulter. »Daran, meine Liebe, habe ich keinen Zweifel. Aber es wird nichts nützen, fürchte ich.«
»Wie meinst du das?« fragte sie krächzend.
Er zog ein kaltes Stück Lammfleisch aus der goldgeränderten Schale und stopfte es sich in den Mund, bevor er sein aufwendiges Gewand ein Stück weit hochzog und sich auf der Bettkante niederließ. Kauend griff er nach ihrer gesunden Hand. Sie wirkte dünn und zerbrechlich, dabei war sie ihm sonst eher wie aus Eisen vorgekommen.
»Adie, kennst du jemanden, der sich mit diesem Gift auskennt?«
Sie überhörte seine Frage. »Warum sagst du, daß es nichts nützen wird?«
Zedd tätschelte ihre Hand. »Beantworte die Frage. Kennst du jemanden, der vielleicht etwas darüber weiß?«
»Ich müßte ein wenig überlegen, aber ich glaube nicht, daß es jemanden gibt, der noch lebt und der über ein solches Wissen verfügt. Du bist Zauberer, wer sollte es besser wissen als du? Zauberer sind Heiler.« Sie zog die Hand zurück. »Und was meinst du damit, es würde nichts nützen, den Arm abzunehmen?« Einen Augenblick lang war sie still, dann weiteten sich ihre Augen. »Soll das heißen, es ist bereits zu spät …?«