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Zedd stand auf und wandte sich von ihr ab. Er stemmte eine Hand in seine knochige Hüfte und wog die Möglichkeiten ab. Viel abzuwägen gab es nicht.

»Denk nach, Adie, und tu es ohne Hast. Dies überfordert meine Kenntnisse, und die Lage ist ernst.«

Er hörte das Bett quietschen, als Adie sich in die Kissen zurücksinken ließ. Sie stieß einen müden Seufzer aus.

»Dann bin ich so gut wie tot. Wenigstens ist meine Seele dann bei meinem Pell — endlich. Du mußt sofort Weiterreisen. Vergeude nicht noch mehr Zeit. Ich habe dich schon viel zu lange aufgehalten, viel zu viele Tage in diesem Bett gelegen. Du mußt nach Aydindril. Bitte, Zedd, ich will nicht für das verantwortlich sein, was geschieht, wenn du es nicht bis Aydindril schaffst. Geh und hilf Richard und laß mich sterben.«

»Tu bitte, was ich sage, Adie, und denk nach. Wer wäre in der Lage, uns zu helfen?«

Zu spät erkannte er, daß er einen Fehler begangen hatte. Er zuckte zusammen und wartete auf das, was unweigerlich kommen mußte.

Wieder vernahm er das Quietschen der Sprungfedern. »Uns?«

»Ich meinte nur…«

Sie packte den Ärmel seines feinen Gewandes und zerrte Zedd herum. Ihr Gesicht war bedrohlich ernst geworden. Mit einem kräftigen Ruck zog sie ihn neben sich aufs Bett. Im Schein der Lampe wirkten ihre Augen eher rosa als weiß, trotzdem konnte er das schwach grünliche Schimmern darin erkennen.

»Uns?« wiederholte sie. Diesmal klang es wie ein knurriges Schnarren. »Und du beschwerst dich über die kleinen Geheimnisse, die eine Magierin für sich behalten möchte! Raus damit, oder ich werde dafür sorgen, daß es dir leid tut, mich mitgeschleppt zu haben!«

Zedd gab einen müden Seufzer von sich. Es war schon in Ordnung so, er hätte es ihr ohnehin nicht länger verheimlichen können. Er zog den dunklen Ärmel seines Gewandes hoch.

Die Haut seines Oberarms war dort, wo auch ihr Arm geritzt worden war, mit undeutlichen, schwarze Flecken in der Größe von Goldmünzen übersät und wies die gleiche schwach grünliche Verfärbung auf. Sie starrte regungslos darauf.

»Zauberer benutzen die Magie ihres Einfühlungsvermögens, um Menschen zu heilen. Wir nehmen den Schmerz und die Essenz der Verstimmung, der Krankheit oder der Verletzung auf uns. Wir haben die Schmerzensprüfung bestanden, daher können wir in diesem Punkt, wie auch in anderen, aushalten, was wir von einem anderen übernehmen. Wir benutzen die Gabe dazu, uns selbst zu stärken und dem Betreffenden Kraft zu geben, so daß die Magie das heilen kann, was krank ist. Die Harmonie in unserem Innern gleicht die Disharmonie aus. Krankheit und Verletzungen sind Irrwege, und die Magie stellt den Fluß der Kraft in einem Menschen wieder her, so wie er sein soll.« Er streichelte ihre Hand. »In Grenzen natürlich. Wir sind nicht die Hand der Schöpfung. Von ihr jedoch haben wir die Gabe erhalten, die wir, falls erforderlich, benutzen können.«

»Aber … wieso ist dein Arm ebenso zugerichtet wie meiner?«

»Die eigentliche Übertragung der Krankheit oder Verletzung wird verhindert. Nur der Schmerz und die Disharmonie werden übernommen, damit wir Kraft, Heilung und Wohlbefinden an den, dem wir helfen, weitergeben können.« Er faßte den Silberbrokat an seiner Manschette und zog den Ärmel wieder über seinen Arm. »Irgendwie hat das Gift des Skrin diese Barriere durchdrungen.«

Sorgenfalten legten sich über ihr Gesicht. »Dann werden wir wohl beide einen Arm verlieren.«

Zedd bewegte seine Zunge, um den Mund anzufeuchten. »Nein, ich fürchte, das wird nicht helfen. Wenn ich versuche, jemanden zu heilen, spüre ich, wo die Verletzung oder die Krankheit, wo die Disharmonie sich befindet.« Er stand wieder auf und kehrte ihr den Rücken zu. »Die Wunde befindet sich zwar auf deinem Arm, aber die Vergiftung durch die Magie des Skrin ist in deinem ganzen Körper deutlich zu spüren.« Er senkte die Stimme zu einem Flüstern. »In meinem mittlerweile auch.«

Zedd hörte gedämpftes Lachen von unten aus dem Speisesaal. Fröhliche Musik drang durch die eleganten, farbenprächtigen Teppiche nach oben. Ein Barde sang gerade eine zotige Ballade über eine als Kellnerin verkleidete Prinzessin. Ihr Vater, der König, hatte sie einem Prinzen versprochen, den sie nicht ausstehen konnte. Nachdem sie den Freier als Halunken und habgierigen Opportunisten bloßgestellt hatte, stellte sie fest, daß sie es zwar würde ertragen müssen, daß man ihr in den Hintern kneift, sie aber ansonsten den Beruf der Kellnerin dem der Prinzessin vorzog, und führte fortan ein Leben voller Gesang und Tanz. Das Publikum spendete grölend Beifall und schlug mit den Krügen zum Takt der Musik.

Hinter sich hörte er leise Adies Stimme. »Wir stecken in großen Schwierigkeiten, alter Mann.«

Er nickte gedankenverloren. »Das stimmt.«

»Tut mir leid, Zedd. Vergib mir, was ich uns eingebrockt habe.«

Er tat ihre Entschuldigung mit einer Handbewegung ab. »Passiert ist passiert. Es ist nicht deine Schuld, meine Liebe. Wenn überhaupt, dann meine, weil ich vor der Anwendung von Magie nicht nachgedacht habe. Das ist der Preis, wenn man zuerst sein Herz und dann den Kopf gebraucht.« Und der Preis für das Brechen des Zweiten Gesetzes der Magie, überlegte er, sprach es aber nicht aus.

Die schweren Falten seines Gewandes wirbelten um seinen Körper, als er sich umdrehte, um sie anzusehen. »Denk nach, Adie. Es muß jemanden geben, der etwas über diese Vergiftung weiß, jemanden, der sich mit Skrins auskennt. Hast du auf der Suche nach dem Wissen über die Unterwelt jemanden besucht, der vielleicht etwas weiß? Selbst wenn es nur sehr wenig ist, könnte es für mich der entscheidende Hinweis sein, den ich brauche, um uns hiervon zu befreien.«

Ihr Gewicht sank tiefer in die Kissen, derweil sie die Stirn nachdenklich in Falten zog. Schließlich legte sie den Kopf von einer Seite auf die andere.

»Als ich die Frauen mit der Gabe aufsuchte, war ich noch jung. Sie waren alt, zumindest älter als ich. Sie leben jetzt bestimmt alle nicht mehr.«

Zedd trat näher. »Hatte eine von ihnen vielleicht Töchter? Töchter, die die Gabe besaßen?«

Adies Blick fand den seinen. Sie hob die Brauen, und ein Lächeln huschte über ihr feines, runzliges Gesicht. »Ja! Eine Frau, die mir einige der wichtigsten Dinge über Skrins beibrachte, hatte mehrere Töchter!« Sie stützte sich auf ihren gesunden Ellenbogen. »Drei.«

Ihr Grinsen wurde breiter. »Sie alle besaßen die Gabe. Damals waren sie noch klein, aber sie besaßen die Gabe. Sie sind längst nicht so alt wie ich. Wenn ihre Mutter lange genug gelebt hat, dann hat sie ihr Wissen bestimmt an sie weitergegeben. Das ist bei Magierinnen üblich.«

Trotz des dumpfen Schmerzes einer fremden Magie in seinen Knochen beschwingte die Aufregung Zedds Schritt. »Dann müssen wir zu ihnen! Wo leben sie?«

Adie zuckte zusammen und sank in die Kissen zurück. Sie zog die Dekke hoch bis zur Brust. »In Nicobarese. Sie leben in einer entlegenen Region von Nicobarese.«

»Verdammt.« Zedd stieß einen Seufzer aus. »Das ist ein weiter Weg in die falsche Richtung.« Er strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die beiden Seiten seines glatten Kinns. »Fällt dir vielleicht noch jemand ein?«

Leise vor sich hinzählend, öffnete Adie einen Finger ihrer geschlossenen Hand nach dem anderen. »Söhne«, murmelte sie. »Sie hatte nur Söhne.« Sie zählte den nächsten Finger ab. »Nein, sie wußte nichts über die Skrin.« Schließlich zählte sie den letzten Finger ab. »Keine Kinder.« Sie ließ die Hände schlaff zur Seite fallen. »Tut mir leid, Zedd. Die drei Schwestern sind die einzigen, die vielleicht etwas wissen, und sie leben in Nicobarese.«

»Und diese Frau, ihre Mutter, wo hat sie diese Dinge gelernt? Vielleicht könnten wir dorthin gehen?«

Adie strich die Decke über ihrem Bauch glatt. Ihre Hand glitt herab und lag ruhig an ihrer Seite. »Allein das Licht weiß das. Der einzige Ort, wo wir meines Wissens nach Antworten suchen können, ist Nicobarese.«