Zedd reckte einen knochigen Finger gen Himmel. »Dann gehen wir eben nach Nicobarese!«
Adie sah ihn zweifelnd an. »Zedd, in Nicobarese gibt es den Lebensborn. Mein Name wird dort noch in Erinnerung sein. Und nicht in guter.«
»Das war vor schrecklich langer Zeit, Adie. Vor zwei Königen.«
»Dem Lebensborn bedeutet Zeit nichts.«
Er rieb sich nachdenklich das Kinn. »Nun, niemand weiß, wer wir sind. Wir haben unsere Identität geheimgehalten, um nicht in das Blickfeld des Hüters zu geraten. Wir werden einfach auch weiterhin zwei wohlhabende Reisende bleiben.« Er blickte sie bedrohlich an. »Schließlich trage ich bereits diese lächerliche Kleidung.« Die üppigen Gewänder, die die beiden trugen, waren ihr Einfall gewesen. Ein Einfall, der ihm keinesfalls behagte.
Adie zuckte mit den Achseln. »Sieht ganz so aus, als hätten wir keine Wahl. Was getan werden muß, muß getan werden.« Sie ächzte vor Anstrengung, als sie sich im Bett aufrichtete. »Wir müssen sofort aufbrechen.«
Zedd tat dies mit einer Handbewegung ab. »Du bist geschwächt und brauchst Ruhe. Ich werde uns eine Transportmöglichkeit besorgen. Reiten ist zu anstrengend. Ich werde uns eine Kutsche mieten — oder irgend etwas anderes.« Er zog eine Braue hoch und lächelte sie verschmitzt an. »Wenn wir schon diese protzigen Kleider tragen und uns als wohlhabende Reisende ausgeben, wäre es doch am besten, wir spielen die Rolle weiter und fahren mit einer Kutsche.«
Sie beobachtete ihn, wie er sich vor dem großen Standspiegel musterte. Er hielt das schwere Gewand auseinander, um dessen Fülle zu begutachten. Das Gewand bestand aus einem schweren, kastanienbraunen Stoff, mit schwarzen Ärmeln und einem kuttenartigen Schulteraufsatz. Die Manschetten waren mit drei Reihen Silberbrokat verziert. Rings um den Hals und auf der Vorderseite befanden sich zu einem gröberen Muster geflochtene Goldbrokatstreifen. Das Ganze wurde in der Hüfte von einem prunkvollen, roten Samtgürtel zusammengehalten, der mit einer goldenen Schnalle versehen war. Der Gesamteindruck war so offenkundig protzig, daß er innerlich aufstöhnte.
Nun, was sein muß, muß sein. Zedd holte zu einer großen Geste aus und verbeugte sich dramatisch.
»Wie sehe ich aus, meine Liebe?«
Adie nahm sich eine Scheibe braunen Brots vom Tablett. »Wie ein Geck.«
Er richtete sich augenblicklich auf und drohte ihr mit dem Finger. »Darf ich dich daran erinnern, daß du das Gewand ausgesucht hast!«
Sie zuckte mit den Achseln. »Aus Rache. Du hast meins ausgesucht. Ich fand es nur angemessen, auf Wiedergutmachung zu bestehen.«
Eingeschnappt überquerte er die weite Teppichfläche und äußerte murmelnd seine Überzeugung, sie habe bei weitem den besseren Tausch gemacht. »Ruh dich ein wenig aus. Ich werde mich um unsere Transportmöglichkeit kümmern.«
Er war bereits auf dem Weg zur Tür, als Adie mit den Zähnen ein Stück Brot abriß und mit vollem Mund meinte: »Vergiß deinen Hut nicht.«
Zedd zuckte zusammen und erstarrte. Er wirbelte auf seinen Fußballen herum. »Verdammt, Frau! Muß ich auch noch den Hut aufsetzen?«
Sie kaute einen Augenblick, dann schluckte sie. »Der Mann, der uns die Kleider verkauft hat, meinte, er sei bei den Edelleuten der allerletzte Schrei.«
Zedd stöhnte laut und nahm den schlaffen, roten Hut vom Marmortisch neben der Flügeltür des Vorraumes. Er stülpte ihn über sein welliges, weißes Haar. »Besser so?«
»Die Feder sitzt schief.«
Er ballte die Fäuste. Schließlich hob er die Arme, setzte den Schlapphut zurecht und rückte die Pfauenfeder gerade.
»Zufrieden?«
Sie lächelte — über ihn, wie er vermutete.
»Zedd, ich habe nur deshalb gesagt, du siehst aus wie ein Geck, weil du ein so gutaussehender Mann bist, daß der Versuch albern wirkt, dein perfektes Äußeres durch elegante Kleidung zu verbessern.«
Ein Schmunzeln schlich sich auf sein Gesicht. Er machte eine weitere knappe Verbeugung. »Ich danke Euch, meine Dame.«
Sie riß ein Stück Brot entzwei. »Und Zedd, sei vorsichtig.« Er legte den Kopf auf die Seite und machte ein fragendes Gesicht. »In dieser Maskerade kann es leicht passieren, daß man dich in den Hintern kneift.«
Zedd zwinkerte ihr schelmisch zu. »Ich werde nicht zulassen, daß sich irgendein dahergelaufenes Dienstmädchen auf dein Territorium wagt.«
Er zog den Hut fesch noch etwas schräg und eilte, eine fröhliche Melodie pfeifend, zur Tür hinaus. Ein Stock, überlegte er. Vielleicht sollte er sich einen Stock zulegen. Einen verzierten natürlich. Ein Edelmann sollte einen vernünftigen Stock besitzen.
34
Mit dem Stimmengewirr aus dem dichtgedrängten Raum stieg ein warmer Lufthauch über die Treppe vom Speisesaal nach oben. Der Duft gebratenen Fleisches wehte von der Küche herauf und vermischte sich angenehm mit dem süßlichen Geruch von Pfeifenrauch. Zedd rieb sich den Bauch, als er die Treppen hinunterstieg, und überlegte, ob er die Zeit erübrigen konnte, eine Portion Fleisch zu vernaschen.
Auf dem Absatz stand ein großer Korb, der drei Stöcke enthielt. Zedd zog den am reichhaltigsten verzierten, einen geraden, schwarzen Stock mit einem feinen, in Silber gearbeiteten Kopf, aus dem Korb. Er klopfte mit dem auffallenden Stock leicht auf den hölzernen Treppenabsatz, um Länge und Gewicht zu prüfen. Ein Tick zu schwer, dachte er, doch als modisches Beiwerk würde er genügen.
Der Besitzer, Meister Hillman, ein rundlicher Mann mit bis über die Grübchen der Ellbogen hochgekrempelten Hemdsärmeln und blitzweißer Schürze, erspähte ihn, als er am Ende der Treppe anlangte, und kam, Männer zur Seite schiebend, sofort quer durch den Raum herbeigeeilt. Die runden, rosigen Wangen des Mannes wurden noch draller, als sein kleiner Mund sich zu einem vertraulichen Grinsen auseinanderzog.
»Meister Rybnik! Sehr erfreut, Euch zu sehen!«
Zedd hätte sich fast umgedreht, um festzustellen, wen der Mann meinte. Doch dann fiel ihm ein, daß dies der Name war, den er selbst angegeben hatte. Er hatte dem Gastwirt anvertraut, sein Name sei Ruben Rybnik; Adies Namen hat er mit Elda angegeben und behauptet, sie sei seine Frau. Der Name Ruben hatte Zedd immer schon gut gefallen. Ruben. Er ließ sich den Klang genußvoll in Gedanken auf der Zunge zergehen. Ruben.
»Bitte, Meister Hillman, nennt mich Ruben.«
Der Kopf des Mannes schnellte auf und ab. »Natürlich, Meister Rybnik. Selbstverständlich.«
Zedd hielt ihm den Stock hin. »Ich bin schon seit einiger Zeit der Ansicht, daß ich einen Stock benötige. Könnte ich Euch überreden, Euch von diesem hier zu trennen?«
Der Mann breitete die Arme zu einer weiten Geste aus. »Für Euch, Meister Rybnik, würde ich alles tun. Mein Neffe stellt sie her, und ich gestatte ihm, sie hier für meine anspruchsvollen Gäste auszustellen. Dieser allerdings ist etwas ganz Besonderes, und teuer.« Auf Zedds skeptischen Gesichtsausdruck hin trat er näher und nahm den Stock in die Hand. Er beugte sich vor und sprach mit vertraulicher Stimme. »Wenn ich demonstrieren darf, Meister Rybnik. Das zeige ich nicht jedem. Man könnte einen falschen Eindruck von meinem Haus bekommen, Ihr versteht. Hier. Seht Ihr? Ein Dreh, dann öffnet er sich hier am Silberband.«
Er zog die beiden Teile ein paar Zentimeter auseinander, so daß eine blinkende Klinge zum Vorschein kam. »Fast zwei Fuß keltonischen Stahls. Diskreter Schutz für einen Gentleman. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihr für Eure einfachen Zwecke ein derart kostspieliges…«
Zedd schob die dünne Klinge zurück und drehte sie. Der fein gearbeitete Mechanismus gab ein leises Klicken von sich, als die beiden Teile ineinander rasteten. »Er wird seinen Zweck erfüllen. Er gefällt mir. Nicht zu übertrieben. Schreibt ihn mit auf meine Zimmerrechnung.« Wohlhabende Gentlemen erkundigten sich nicht nach dem Preis.
Meister Hillman neigte mehrmals den Kopf. »Natürlich, Meister Rybnik. Natürlich. Eine gute Wahl, wie ich hinzufügen möchte. Recht fesch.« Er wischte seine sauberen, fleischigen Hände am Schürzenzipfel ab und deutete mit einem Arm auf den Saal. »Dürfte ich Euch einen Tisch anbieten, Meister Rybnik? Laßt mich einen Tisch für Euch freimachen. Ich werde jemanden umsetzen. Laßt mich nur machen…«