»Mein Name ist Ruben.« Mit einer knappen Bewegung seines Fingers zeigte er auf den Tisch mit den lärmenden Kerlen. »Ich habe gesehen, was passiert ist. Mußt du das immer über dich ergehen lassen?«
»Ach, das ist bloß Oscar. Er ist harmlos, meistens. Manchmal, wenn er den Mund aufmacht, wünsche ich mir allerdings, daß er den Schluckauf kriegt, statt mich mit seinen schmutzigen Redensarten anzuspucken.« Sie strich sich verärgert eine Locke aus dem Gesicht.
»Und jetzt will er noch einen Krug. Entschuldigt. Ich rede zuviel. Ich werde Euren Tee holen, Meister Ryb –«
»Ruben.«
»Ruben.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, bevor sie davoneilte.
Während er wartete, aß Zedd weiter und beobachtete den Tisch mit den lärmenden Männern. Ein bescheidener Wunsch. Was konnte es schaden? Julie kehrte mit dem Tee und einer Tasse zurück. Als sie dies auf dem Tisch abstellte, machte Zedd seinen Finger krumm und bat sie, sich weiter vorzubeugen.
Sie beugte sich herüber und schnürte dabei ihre Schürzenbänder. fester. »Ja, Ruben?«
Der Zauberer legte ihr sachte einen Finger unters Kinn. »Du bist eine sehr hübsche Frau, Julie. Oscar soll dich nicht mehr auf unflätige Weise ansprechen und dich auch nicht mehr betatschen.« Er senkte die Stimme zu einem langsamen, kräftigen Flüsterton, der fast die Luft zum Knistern brachte. »Wenn du ihm sein Bier bringst, sprich seinen Namen und sieh ihm dabei in die Augen, so wie ich dir jetzt in die Augen schaue, und dein Wunsch soll in Erfüllung gehen. Doch du wirst dich weder daran erinnern, darum gebeten zu haben, noch daß ich ihn dir gewährt habe.«
Julie richtete sich blinzelnd auf. »Entschuldigt, Ruben, was habt Ihr gesagt?«
Zedd schmunzelte. »Ich sagte, ›Danke für den Tee‹, und wollte außerdem wissen, ob jemand hier ein Pferdegespann und vielleicht eine Kutsche besitzt, die man mieten kann.«
Sie blinzelte erneut. »Ach so. Nun…« Sie sah sich um und biß sich dabei auf die Unterlippe. »Jeder zweite hier ist Kutscher, zumindest jeder zweite, der nicht so elegant wie Ihr gekleidet ist. Manche verdingen sich. Manche transportieren Frachtgut und kommen regelmäßig her, andere sind nur auf der Durchreise.« Sie zeigte auf mehrere Tische. »Die dort … und die, verdingen sich vielleicht. Vorausgesetzt, Ihr schafft es, sie nüchtern zu machen.«
Zedd bedankte sich bei ihr, und sie ging davon, das Bier zu holen. Er sah zu, wie sie es quer durch den Raum trug und vor Oscar abstellte. Er feixte sie mit einem lüsternen Grinsen an. Sie sah ihm fest in die Augen. Zedd sah, wie ihre Lippen seinen Namen formten. Oscar öffnete den Mund und wollte etwas sagen, verschluckte sich aber statt dessen. Eine Blase schwebte aus seinem Mund in die Luft. Und zerplatzte. Alles am Tisch brach in Gelächter aus. Beim Zusehen zogen sich Zedds Brauen stirnrunzelnd zusammen. Eigenartig, dachte er.
Jedesmal, wenn Oscar den Mund aufmachte, um etwas zu Julie zu sagen, verschluckte er sich und Blasen stiegen auf. Die Männer brüllten vor Lachen, beschuldigten sie, Seife ins Bier geschüttet zu haben. Sollte es stimmen, darin waren sich alle einig, dann geschähe ihm dies durchaus zu recht. Sie überließ die Männer ihrem Gegröle, als der einsame Mann in der Nische sie auf sich aufmerksam machte. Er bat sie um etwas, woraufhin sie nickte und zur Küche eilte.
An Zedds Tisch blieb sie kurz stehen und deutete mit einem Nicken auf den allein sitzenden Mann. »Vielleicht hat er ein Gespann. Er riecht mehr nach Pferd als nach Mann.« Sie mußte kichern. »Das war nicht nett. Verzeiht. Aber ich kann ihn einfach nicht dazu überreden, sein Geld für Bier auszugeben. Er möchte, daß ich ihm Tee bringe.«
»Ich habe mehr, als ich trinken kann. Ich werde meinen mit ihm teilen.« Er zwinkerte ihr zu. »Das spart dir einen Weg.«
»Danke, Ruben. Hier ist noch eine Tasse.«
Zedd schob sich den letzten großen Brocken Braten in den Mund, während er den Blick durch den Raum schweifen ließ. Die Männer hatten sich wieder beruhigt, und Oscar war seinen Schluckauf wieder los. Sie saßen alle da und lauschten dem Barden, der ein Lied über einen Mann zum besten gab, der seine Liebste verloren hatte.
Zedd nahm Teekanne und Tassen und wollte sich von seinem Tisch entfernen, als ihm sein Hut einfiel. Leise fluchend nahm er ihn auf, dann sah er den Stock und schnappte sich auch den. Absichtlich ging er dicht an Oscar vorbei und betrachtete ihn aufmerksam. Er kam nicht dahinter, wieso er bei seinem Schluckauf Blasen ausgestoßen hatte. Zedd zuckte in Gedanken mit den Achseln. Der Mann wirkte jetzt ganz normal, wenn auch ein wenig zu betrunken.
Neben der Nische mit dem allein sitzenden Mann blieb der Zauberer stehen. Er hielt Kanne und Tassen in die Höhe.
»Ich habe mehr Tee, als ich trinken kann. Könnte ich ihn vielleicht mit dir teilen?«
Der Mann warf ihm unter seinen buschigen Brauen einen gefährlich finsteren Blick zu. Zedd lächelte. In der Tat roch er nach Pferd. Er faltete seine gewaltigen Arme auseinander, schob die zusammengerollte Peitsche zur Seite und gab Zedd, bevor er die Arme wieder verschränkte, ein Zeichen, er solle sich setzen.
»Sehr erfreut, danke. Ich … heiße Ruben.«
Zedd schmiß seinen Hut auf den Tisch und hob in Erwartung einer Antwort die Brauen.
»Ahern«, meinte er mit tiefer, volltönender Stimme. »Was willst du?«
Zedd stellte den Stock mit einer Hand zwischen die Knie und zerrte, als er auf der Bank Platz nahm, mit der anderen an seinem schweren Gewand, um eine dicke Falte unter seinem knochigen Gesäß hervorzuziehen. »Nun, ich wollte nur meinen Tee mit dir teilen, Ahern.«
»Was willst du wirklich?«
Zedd schenkte dem Mann Tee ein. »Ich dachte, vielleicht suchst du Arbeit.«
»Ich hab’ Arbeit.«
Zedd schenkte sich Tee ein. »Tatsächlich? Welcher Art?«
Ahern faltete seine Arme auseinander, lehnte sich in seiner Nische zurück und taxierte die Augen seines neuen Tischgefährten — und sonst nichts. Er trug eine lange Jacke, die er sich, über einem dicken, grünen Flanellhemd, auf die Schultern gelegt hatte. Sein dichtes, größtenteils graues Haar bedeckte fast die Ohren und sah aus, als würde es nur selten von einem Kamm behelligt. Sein tief zerfurchtes, wettergegerbtes Gesicht war mit rosigen, vom Wind geröteten Flecken übersät.
»Warum willst du das wissen?«
Zedd zuckte mit den Achseln und nippte an seinem Tee. »Um abschätzen zu können, ob ich dir ein besseres Angebot machen kann.«
Natürlich konnte Zedd jeden Beitrag in Gold auf den Tisch legen, den der Mann forderte, dies jedoch hielt er nicht für die beste Vorgehensweise. Er nahm einen Schluck Tee und wartete.
»Ich fahre Eisen aus Tristen hier hinunter zu den Schmieden in Penverro. Manchmal auch weiter bis nach Winstead. Wir Keltonier stellen die besten Waffen in den Midlands her, mußt du wissen.«
»Da habe ich aber was anderes gehört.« Aherns Blick verfinsterte sich noch mehr. Zedd faltete die Hände über dem silbernen Knauf seines Stocks. »Ich habe gehört, es seien die besten Schwerter in allen drei Ländern, nicht bloß in den Midlands.« Der Barde hob zu einem neuen Lied an über einen König, der seine Stimme verloren hatte und mittels geschriebener Anweisungen regieren mußte, jedoch keinem seiner Untertanen je das Lesenlernen erlaubt hatte und so sein Königreich verlor. »Das sind schwere Fahrten in dieser Jahreszeit.«
Ahern ließ die vorsichtige Andeutung eines Lächelns erkennen. »Im Frühjahr ist es schlimmer. Im Schlamm. Dann stellt sich raus, wer fahren kann und wer bloß reden.«
Zedd schob die gefüllte Tasse ein paar Zentimeter näher vor den Mann. »Feste Arbeit?«
Endlich ergriff Ahern die Tasse. »Fürs Essen reicht’s.«
Zedd hob eine Schlinge des geflochtenen Leders hoch. »Ich dachte, du siehst aus wie jemand, der hiermit umgehen kann.«
»Es gibt andere Wege, ein Gespann zu harter Arbeit anzutreiben.« Er deutete mit dem Kinn nachlässig in den Raum. »Diese Narren glauben, sie brauchen bloß mit der Peitsche auf die Tiere einzuschlagen und schon kriegen sie, was sie wollen.«