»Ich … ich … also…«
Ahern hatte die restlichen Goldmünzen in seine große Pranke geschüttet und ließ sie jetzt wieder in den Beutel zurückgleiten. »Außerdem sind das hier nur achtzehn. Zwei zu wenig. Ich nehme keine Münzen aus Holz.«
Zedd setzte ein nachsichtiges Lächeln auf und zog den hellbraunen Beutel aus seinem Gewand. »Ich muß mich entschuldigen, Ahern.« Er nahm die hölzerne Münze vom Tisch. »Sieht ganz so aus, als hätte ich dir den falschen Geldbeutel gegeben, den mit meiner Glücksmünze. Die würde ich natürlich niemals hergeben. Sie ist mir wertvoller als Gold.«
Er linste in seinen Beutel. Siebzehn. Auch von diesen waren zwei aus Holz. Insgesamt hätten es neunzehn sein müssen. Ihm drehte sich der Kopf, als er versuchte, sich einen Reim darauf zu machen. War es möglich, daß Meister Hillman versucht hatte, ihn übers Ohr zu hauen? Nein, das wäre ein zu plumper Diebstahl. Außerdem wäre es dumm, eine Münze aus Holz zu schnitzen, in der Hoffnung, sie würde für Gold durchgehen.
»Meine anderen zwei Goldstücke?«
»Oh, ja, natürlich.« Zedd zog zwei Goldmünzen aus den Beutel und schob sie über den Tisch.
Ahern steckte sie in seinen Beutel, zog die Schnur mit einem Ruck zusammen und stopfte den dunkelbraunen Beutel in eine Tasche. »Jetzt stehe ich zu deiner Verfügung. Wann willst du aufbrechen?«
Die Silbermünzen, die sich nicht in Gold verwandelt hatten, bereiteten dem Zauberer keine Sorge, das ließ sich erklären. Irgendwie. Aber drei Münzen fehlten. Waren verschwunden. Dafür gab es keine Erklärung. Das machte ihm Sorgen. Bis in die Zehenspitzen.
»Ich würde gern so bald wie möglich aufbrechen. Sofort.«
»Du meinst morgen?«
Zedd schnappte sich seinen Hut. »Nein, ich meine sofort.« Er betrachtete das verwirrte Gesicht des Mannes. »Meine Frau … wir haben keine Zeit zu verlieren. Sie muß zu ihren Heilerinnen.«
Ahern zuckte mit den Achseln. »Na ja, ich bin gerade aus Tristen zurück. Ich brauche dringend etwas Schlaf. Das wird eine lange, harte Fahrt.« Widerstrebend nickte Zedd zum Zeichen, daß er einverstanden war. »Zuerst werde ich die Kufen unter die Kutsche montieren. Das wird ein paar Stunden dauern. Es sei denn, ich kriege zwei der Kerle hier dazu, mir zu helfen.«
Zedd stampfte mit seinem Stock auf. »Auf keinen Fall! Sag niemandem, was du tust oder wohin du willst. Erzähl nicht einmal, daß du überhaupt abreist.« Er schloß sofort den Mund, als er Aherns mißtrauisches Gesicht sah, und hielt es für das beste, eine beschwichtigende Bemerkung hinzuzufügen. »Diese Schatten, von denen du gesprochen hast. Es bringt nichts, ihnen zu erzählen, wohin sie mit ihren Pfeilen zielen sollen.«
Ahern hatte argwöhnisch den Blick gesenkt, als er sich zu seiner vollen, alles überragenden Größe erhob und seine Jacke überstreifte. »Erst überredest du mich, dich in das verfluchte Land der Zauberer und Konfessoren zu bringen, und jetzt das. Ich glaube, ich habe zuwenig verlangt.« Er schlug die Enden seines Gürtels zu einem losen Knoten umeinander. »Aber abgemacht ist abgemacht. Ich werde die Kutsche fertigmachen gehen und ein wenig Proviant zusammentragen, dann hau’ ich mich kurz aufs Ohr. Drei Stunden vor Tagesanbruch treffen wir uns hier wieder. Morgen vormittag werden wir bereits die Grenze hinter uns haben und in Galea sein.«
»Ich habe ein Pferd im Stall stehen. Das können wir ebensogut mitnehmen. Geh kurz dort vorbei und bring es mit, bevor du uns abholen kommst.« Zedd entließ den Mann mit einem abwesenden Wink seines Stockes. »Drei Stunden vor Tagesanbruch.«
Seine Gedanken wandten sich etwas anderem zu. Die Angelegenheit war ernster, als er gedacht hatte. Sie brauchten unbedingt so bald als möglich Hilfe. Vielleicht hatte die Frau in Nicobarese mit den drei Töchtern noch irgendwo anders studiert, an einem näher gelegenen Ort. Vielleicht brauchten sie nicht den ganzen weiten Weg zu machen, um das zu finden, was sie suchten. Ausschlaggebend war die Zeit.
Nur das Licht weiß, hatte Adie gesagt, wo die Frau etwas über die Skrin gelernt hatte. Das ›Licht‹ war eine gebräuchliche Anspielung auf die Gabe. Gleichzeitig war es auch eine dunkle Anspielung auf etwas völlig anderes. Er stieß den Stock auf den Boden. Mußte Adie ständig in Magierinnenrätseln sprechen!
Ahern war bereits auf dem Weg zur Tür, als der Zauberer sich erhob und zur Treppe ging.
35
Zedd öffnete die Tür und sah sich einer nach Holzteer riechenden Rauchwolke gegenüber. Jemand hatte das Fenster aufgemacht, um die eisig kalte Luft hinein- und den Rauch hinauszulassen. Adie saß, fast bis zum Hals in eine Decke gehüllt, auf dem Bett und bürstete ihr glattes, schwarzgraues, kinnlanges Haar.
»Was gibt’s? Was ist passiert?«
Sie zeigte mit der Haarbürste auf den Kamin. »Mir war kalt. Ich habe versucht, ein Feuer anzuzünden.«
Zedd sah kurz zum Kamin. »Dafür braucht man Holz, Adie. Ohne Holz kein Feuer.«
Er erwartete ein Stirnrunzeln. Statt dessen setzte sie eine besorgte Miene auf. »Holz war da. Ich habe mit Magie versucht, das Feuer vom Bett aus zu entfachen. Doch es gab nur einen großen Knall und Funken. Dann habe ich das Fenster aufgemacht, um den Rauch hinauszulassen. Als ich wieder in den Kamin sah, waren die Scheite verschwunden.«
Zedd ging näher zu ihr hin. »Verschwunden?«
Sie nickte und bürstete weiter. »Irgend etwas stimmt nicht. Mit meiner Gabe.«
Zedd strich ihr mit der Hand übers Haar. »Ich weiß. Ich hatte ein ähnliches Problem. Es muß an der Vergiftung liegen.« Er setzte sich, nahm ihr die Bürste aus der Hand und legte sie zur Seite. »Adie, was kannst du mir über diese Vergiftung, über den Skrin erzählen? Wir brauchen dringend Antworten.«
»Ich habe dir bereits alles gesagt, was ich weiß. Der Skrin ist eine Kraft auf der Scheidelinie zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten.«
»Aber warum verheilt die Wunde nicht? Wieso funktioniert meine Magie nicht, um sie zu heilen? Was hat die Scheite verschwinden lassen, als du deine Magie angewandt hast?«
»Der Skrin entstammt beiden Welten. Begreifst du nicht?« Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. »Der Skrin ist Magie, Magie aus beiden Welten, daher kann sie in beiden Welten wirksam werden. Additiv und subtraktiv. Diese Kraft hat uns berührt. Die Vergiftung ist subtraktiv.«
»Soll das heißen, du glaubst, die Vergiftung durch subtraktive Magie zersetzt unsere magischen Kräfte? Unsere Gabe?«
Sie nickte. »Es ist, als hättest du gerade mit bloßen Händen den Kamin von der Asche gereinigt und wolltest, ohne dir die Hände zu säubern, frisch gewaschene Laken zum Trocknen aufhängen. Die Asche gelangt auf die sauberen, feuchten Laken. Bleibt daran kleben.«
Zedd dachte eine Weile schweigend über das Problem nach. »Adie«, meinte er leise, »irgendwie müssen wir unsere Hände reinigen. Die Vergiftung abwaschen.«
»Du hast ein Talent dafür, das Offensichtliche festzustellen, alter Mann.«
Zedd hielt seine Zunge im Zaum und versuchte es anders. »Adie, ich habe eine Kutsche für uns gemietet, die uns nach Nicobarese bringen wird. Aber du wirst schwächer, und bei mir wird es auch nicht lange dauern. Ich weiß nicht, ob wir noch so lange warten können. Wenn es einen anderen Weg gibt, vielleicht jemanden, der näher ist und der uns helfen kann, muß ich das wissen.«
»Es gibt keinen anderen Weg. Es gibt sonst niemanden.«
»Gut. Was ist mit der Frau, die diese drei Töchter hatte? Vielleicht hat sie irgendwo weniger weit entfernt studiert, um etwas über diese Dinge zu erfahren. Vielleicht könnten wir statt dessen dorthin fahren.«
»Das würde nichts nützen.«
»Warum nicht?«
Adie sah ihn einen Augenblick nachdenklich an, dann gab sie schließlich nach. »Sie hat bei den Schwestern des Lichts studiert.«
Zedd schoß hoch. »Was!« Er lief zwischen Bett und Feuerstelle hin und her. »Verdammt und noch einmal verdammt! Wußte ich’s doch. Ich wußte es!«
»Zedd, sie hat bei ihnen studiert, weil sie etwas lernen wollte. Dann ist sie nach Hause zurückgekehrt. Sie ist keine Schwester. Die Schwestern sind nicht so … unvernünftig … wie du denkst.«