Sie ergriff seine Hand und tätschelte sie.
»Ich werde dir die Wahrheit sagen, Zedd. Ich stehe bei einigen von ihnen in der Schuld für das, was sie für mich getan haben, aber ich schwöre dir einen Eid auf die Seele meines toten Pelclass="underline" Ich bin keine Schwester des Lichts. Solange ich weiß, daß es einen Zauberer gibt, der ihn ausbilden kann, würde ich niemals zulassen, daß sie einen mit der Gabe von unserer Seite bekommen. Ich würde niemals zulassen, daß ein Junge verschleppt und ihrem Willen unterworfen wird, solange ich Einfluß darauf habe.«
Zedd strich die Fransen des Teppichs mit dem Fuß glatt. »Ich weiß, daß du keine von ihnen bist, meine Liebe. Ich finde die Vorstellung nur widerlich, daß diese Frauen denen mit der Gabe diese Dinge antun, während ich ihnen die Freuden ihrer Begabung zeigen könnte. Es handelt sich um eine Gabe. Sie behandeln es wie einen Fluch.«
Sie strich mit dem Daumen über seinen Handrücken. »Wie ich sehe, hast du einen feschen neuen Stock.«
Zedd brummte. »Ich denke nur höchst ungern daran, welchen Preis Meister Hillman sich dafür ausdenken und mir auf die Rechnung setzen wird.«
»Und hast du einen Wagen für uns gefunden?«
Zedd nickte. »Ein Mann namens Ahern. Wir sollten versuchen, ein wenig zu schlafen. Er wird drei Stunden vor Tagesanbruch mit seiner Kutsche hier sein.«
Er warf ihr einen verbitterten Blick zu. »Adie, bis wir in Nicobarese sind und uns von dieser Vergiftung befreit haben, sollten wir sehr sorgfältig die Folgen bedenken, bevor wir Magie benutzen.«
»Sind wir hier sicher?«
Aus dem Dunst des fahlen Lichtes wurde eine Hand hervorgestreckt, streifte ihre Wange und tröstete sie.
Du bist hier in Sicherheit, Rachel. Ihr beide seid hier sicher. Jetzt, und für immer. Du bist in Sicherheit.
Rachel lächelte. Sie fühlte sich tatsächlich geborgen. Geborgener als je zuvor. Nicht einfach nur geborgen, so wie sie sich in Chases Gegenwart fühlte, sondern geborgen wie in den Armen ihrer Mutter. Sie hatte sich vorher nie an ihre Mutter erinnern können, doch jetzt konnte sie es, sie erinnerte an die umschließenden Arme, die sie an eine Brust drückten.
Die fürchterliche Angst, die sie mit Chase geteilt hatte, als sie gerannt waren, um Richard einzuholen, verflog. Die schwer lastende Sorge, ob sie ihn rechtzeitig einholen würden oder nicht, verflog. Das Entsetzen der Menschen, die versuchten, sie aufzuhalten, die Kämpfe, die Chase hatte ausfechten müssen, das grauenvolle Blut, das sie gesehen hatte, all das Blut das sie gesehen hatte … all das verflog.
Sie stand vor dem schillernden Becken, als die Hände ein weiteres Mal nach ihr griffen. Und das mit einem sanften, beruhigenden Lächeln. Die Hände halfen ihr, die Knöpfe ihres schmutzigen, verschwitzten Kleides aufzuknöpfen und es auszuziehen. Sie zuckte zusammen, als das Kleid an der wunden Stelle auf ihrer Schulter hängenblieb, an jenem blauen Fleck, den sie sich eingehandelt hatte, als der Mann, der sie verfolgte, sie niedergeschlagen hatte.
Die lächelnden Gesichter bekamen wegen ihrer Schmerzen einen sorgenvollen Zug. Die sanften, freundlichen Stimmen flöteten ihr Trost zu. Die glühenden Hände strichen über ihre Schulter, und als sie wieder fortgenommen wurden, war der blaue Fleck verschwunden. Und die Schmerzen auch.
Besser?
Rachel nickte. »Ja, viel besser. Danke.«
Die Hände zogen ihr Schuhe und Strümpfe aus. Sie setzte sich auf einen warmen Stein und ließ ihre nackten Füße im wohltuenden Wasser baumeln. Wie schön wäre es, zu baden und Schmutz und Schweiß abzuwaschen.
Die Hände griffen nach dem Stein, der an der Kette um ihren Hals hing. Dann wichen die Hände zurück, als hätten sie plötzlich Angst.
Wir können diesen Gegenstand nicht entfernen. Das mußt du ohne unsere Hilfe tun.
Durch die wohltuende Wärme und die Sicherheit des Landes ringsum, durch den Trost und den Frieden, den sie gefunden hatte, durch ihren Wunsch hindurch, zu tun, was dieses sanfte Murmeln von ihr verlangte, meldete sich in ihrem Kopf eine Stimme. Es war die Stimme von Zedd, die ihr erklärte, daß sie den Stein niemandem geben dürfe, aus welchem Grund auch immer, ihr erklärte, wie wichtig es war, ihn stets zu behüten.
Sie blickte von den kreisförmigen Wellen auf, die ihre Füße im Wasser machten, und sah in die freundlichen Gesichter. »Ich möchte ihn nicht abnehmen. Kann ich ihn nicht umbehalten?«
Das Lächeln kehrte wieder und wurde breiter.
Natürlich kannst du das, Rachel, wenn dies dein Wunsch ist. Wenn dich das glücklich macht.
»Ich möchte ihn umbehalten. Das würde mich glücklich machen.«
Dann wird er dort bleiben. Jetzt und für immer, wenn du es so möchtest.
Friedlich und geborgen lächelnd, ließ sie sich in das wohltuende Wasser gleiten. Es fühlte sich so gut an. Sie schwamm an der Oberfläche und ließ sich treiben. Sie spürte, wie alle ihre Sorgen mit dem Schmutz von ihr abfielen. Eben noch kam es ihr so vor, als könnte sie sich nicht sicherer oder glücklicher fühlen, und im nächsten Moment fühlte sie sich noch glücklicher, noch sicherer.
Sie zog die Arme durch das heilende, reinigende, goldene Wasser, schwamm auf die andere Seite des Beckens, wo sie, wie sie sich erinnerte, Chase zurückgelassen hatte. Sie fand ihn fast bis zum Hals im Wasser stehend, den Kopf nach hinten gelegt, auf einer weichen Grasnarbe am Ufer ruhend. Er hatte die Augen geschlossen und ein wundervolles Lächeln im Gesicht.
»Vater?«
»Ja, meine Tochter«, antwortete er leise, ohne die Augen aufzumachen.
Sie schwamm neben ihn. Er hob einen Arm, und sie schlüpfte darunter. Es war so schön, wenn er ihr den Arm um die Schultern legte und sie tröstete.
»Vater, müssen wir jemals wieder fort von hier?«
»Nein. Sie haben gesagt, hier können wir für immer bleiben.«
Sie kuschelte sich an ihn. »Ich bin so froh.«
Sie schlief, schlief wirklich, so wie sie sich nicht erinnern konnte, je zuvor geschlafen zu haben, so sicher und beschützt, wenn sie auch nicht wußte, wie lange. Als sie sich anzog, waren ihre Kleider sauber und schienen zu strahlen, als wären sie neu. Auch Chases Kleider leuchteten und strahlten. Sie faßte sich an den Händen und tanzte mit anderen Kindern im Kreis, strahlenden Kindern, deren Stimmen und Lachen widerhallte. Das brachte sie zum Lachen, sie lachte vor Glück, wie sie es nie zuvor gespürt hatte.
Wenn sie hungrig waren, lagen sie und Chase im Gras, umgeben von einem warmen Dunst und lächelnden Gesichtern, und aßen Dinge, die süß und köstlich schmeckten. Wenn sie müde war, schlief sie, ohne sich je sorgen zu müssen, wo sie schlafen sollte, denn sie war geborgen, endlich. Und wenn sie spielen wollte, kamen die anderen Kinder, um mit ihr zu spielen. Sie liebten sie. Rachel liebte sie alle.
Manchmal ging sie allein spazieren. Zarte Strahlen des Sonnenlichts fluteten durch die Bäume. Leuchtende Wiesen standen voller Wildblumen, die sich in der sanften Brise wiegten und deren strahlende Farbtupfer aufleuchteten.
Manchmal ging sie auch mit Chase spazieren und hielt seine Hand. Sie war so glücklich, daß er jetzt ebenfalls zufrieden war. Er brauchte nie mehr gegen irgend jemanden zu kämpfen. Auch er war in Sicherheit. Er behauptete, seinen Frieden gefunden zu haben.
Manchmal nahm er sie auf Spaziergänge mit und zeigte ihr die Wälder, wo er, wie er erzählte, aufgewachsen war, wo er gespielt hatte, als er so klein war wie sie. Sie lächelte vor Wonne, wenn sie das Glück in seinen Augen sah. Sie liebte ihn und war erfüllt von dem Gedanken, daß auch er, wie sie, endlich seinen Frieden gefunden hatte.
Sie hob den Kopf, und ein dünnes Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie hatte kein Geräusch gehört und brauchte sich nicht umzudrehen, um in der fast völligen Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie wußte, daß er das war, auf der anderen Seite der Tür. Sie wußte, wie lange er dort gestanden hatte.
Die Beine noch immer übereinandergeschlagen, stieg sie leicht auf einem Kissen aus Luft in die Höhe und schwebte über dem strohbedeckten Boden. Die Arme des Jungen hingen schlaff herab und pendelten wie eine beschwerte Angelschnur. Bar allen Lebens und jeglicher Spannung bog sich sein Rücken nach hinten und hing über ihrem Arm. Mit ihrer anderen Hand hielt sie die Figur gepackt.