Richard machte dem Ringkampf ein Ende, indem er sich auf den Baumstumpf setzte. Gratch kauerte sich auf seinen Schoß, Arme, Beine und Flügel um ihn geschlungen. Er rieb sich die Schnauze an Richards Schulter. Gratch wußte, daß Richard mit der Dämmerung verschwinden würde.
Richard erspähte im Unterholz ein Kaninchen und überlegte, ob Schwester Verna ihm vielleicht für ein Stück Fleisch zum Frühstück dankbar wäre. »Gratch, ich brauche ein Kaninchen.«
Gratch kletterte von seinem Schoß herunter, als Richard nach seinem Bogen griff. Nachdem er geschossen hatte, erklärte er dem Gar, er solle ihm das Kaninchen bringen, es aber nicht fressen. Gratch hatte Apportieren gelernt und tat es gern. Er bekam immer, was vom Fell und von den Innereien übrigblieb.
Als Richard fertig war und sich von Gratch verabschiedet hatte, marschierte er zum Lager zurück. Seine Gedanken wanderten zurück zu der Vision von Kahlan, die er im Turm gehabt, und zu den Dingen, die sie ihm erzählt hatte. Das Bild ihrer Enthauptung ließ ihn nicht mehr los. Er erinnerte sich noch an ihre Worte:
»Sprich diese Worte, wenn du mußt, doch erwähne nichts von der Vision. ›Nur eine einzige von allen, die aus der Magie geboren sind, wird übrigbleiben, um die Wahrheit zu verkünden, wenn die Bedrohung des Schattens aufgehoben ist. Damit es eine Chance auf die Bande des Lebens gibt, muß diejenige in Weiß ihrem Volk geopfert werden, zu dessen Freude und unter seinem Jubel.‹«
Er wußte, wer ›diejenige in Weiß‹ war. Er wußte auch, was ›zu dessen Freude und unter seinem Jubel‹ bedeutete.
Er mußte auch an jene Prophezeiung denken, von der Schwester Verna ihm erzählt hatte, in der es hieß: ›Er ist der Bringer des Todes, und er wird sich diesen Namen selbst geben.‹ Sie behauptete, die Prophezeiung besage, der Besitzer des Schwertes sei in der Lage, den Tod auf den Plan zu rufen, die Vergangenheit in die Gegenwart zu zitieren. Besorgt fragte er sich, was das bedeuten mochte.
Im Lager hockte Schwester Verna bereits am Feuer und buk Gerstenfladen. Bei dem Duft begann ihm der Magen zu knurren. Das dünn bewaldete Land erwachte gerade unter den Geräuschen der Tiere zum Leben. Gruppen kleiner, dunkler Vögel zwitscherten in den hohen, lichten Bäumen, und graue Eichhörnchen jagten einander deren Stämme hinauf und hinab. Richard hängte den Spieß mit dem Kaninchen übers Feuer, während Schwester Verna sich weiter um die Fladen kümmerte.
»Ich habe etwas zum Frühstück mitgebracht. Ich dachte, vielleicht mögt Ihr etwas Fleisch.«
Ein Brummen war der einzige Hinweis darauf, daß sie ihn verstanden hatte.
»Seid Ihr noch immer wütend auf mich, weil ich Euch gestern das Leben gerettet habe?«
Mit Bedacht legte sie ein weiteres Stöckchen ins Feuer. »Ich bin nicht wütend auf dich, weil du mir das Leben gerettet hast, Richard.«
»Habt Ihr nicht gesagt, Euer Schöpfer haßt die Unwahrheit? Meint Ihr, ER glaubt Euch? Ich jedenfalls nicht.«
Sie bekam ein derart rotes Gesicht, daß Richard dachte, ihr lockiges Haar könnte Feuer fangen. »Du wirst keine Gotteslästerungen von dir geben.«
»Und Lügen ist etwas anderes?«
»Du begreifst nicht, wieso ich wütend bin, Richard.«
Richard setzte sich auf die Erde, umfaßte seine Knöchel und verschränkte die Beine. »Vielleicht doch. Ihr seid schließlich meine Beschützerin. Nicht umgekehrt. Vielleicht habt Ihr das Gefühl, versagt zu haben. Aber ich empfinde das nicht so. Wir haben beide getan, was wir tun mußten, um zu überleben.«
»Getan, was wir mußten?« Ein Strahlenkranz aus feinen Fältchen umgab ihre Augen, als ihr Blick enger wurde. »Wie ich mich aus dem Buch erinnere, sind einige der Menschen dabei umgekommen, als Bonnie, Geraldine und Jessup sie über den Giftfluß führten.«
Richard lächelte vor sich hin. »Ihr habt es also doch gelesen.«
»Das hab’ ich dir doch schon gesagt! Jedenfalls hast du dumm gehandelt. Wir hätten dabei sterben können.«
»Wir hatten keine andere Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl, Richard. Das versuche ich dir ja gerade beizubringen.« Sie setzte sich auf ihre Hacken. »Die Zauberer, die diesen Ort geschaffen haben, dachten auch, sie hätten keine andere Wahl, doch haben sie alles nur noch schlimmer gemacht. Du hast dort unten von deinem Han Gebrauch gemacht, und du hast es getan, ohne zu begreifen, welche Folgen es haben kann.«
»Welche Wahl hatten wir denn?«
Die Hände auf den Knien beugte sie sich vor. »Wir haben immer eine Wahl, Richard. Diesmal hast du Glück gehabt, weil dich der Einsatz deiner Magie nicht umgebracht hat.«
»Wovon sprecht Ihr?«
Schwester Verna zog eine Satteltasche heran und begann darin zu kramen. Schließlich zog sie einen grünen Stoffbeutel hervor. »Du hast ein wenig Blut von dieser Bestie auf dem Arm. Haben dich die Käfer gebissen?«
»An den Beinen.«
»Zeig her.«
Richard zog sein Hosenbein hoch und zeigte ihr die geschwollenen, roten Stiche. Sie schüttelte den Kopf und zog, vor sich hm murmelnd, erst eine, dann eine zweite Flasche aus dem Beutel.
Sie tauchte ein Stöckchen, das sie in der Nähe auf der Erde gefunden hatte, in die weiße Paste aus dem einen Fläschchen und strich sie auf die flache Seite einer Messerklinge. Dann warf sie das Stöckchen ins Feuer. Sie nahm ein zweites, tauchte es in die dunkle Paste aus einer anderen Flasche und vermengte diese mit der hellen auf der Klinge, dann strich sie damit über die Schneide. Schließlich warf sie den zweiten Stock mit Resten der Mischung ins Feuer. Richard fuhr zusammen, als diese in einem weißglühenden Feuerball explodierten, der zum Himmel aufstieg, sich dabei zerteilte und in eine brodelnde Wolke schwarzen Rauchs verwandelte.
Sie hielt das Messer hoch, damit er die graue, auf die Klinge gestrichene Paste sehen konnte. »Licht und Dunkel, Erde und Himmel. Magie, die das heilen soll, was dich andernfalls bis heute abend töten würde. Du hast es raus, dich in gefährliche Lagen hineinzumanövrieren, Richard. Mit jedem Schritt machst du es nur noch schlimmer. Jetzt komm her, näher zu mir.«
Richard stemmte seine Fersen in die Erde und rutschte um das Feuer herum. »Habt Ihr Euch etwa bis jetzt überlegt, ob Ihr mir helfen wollt oder nicht?«
»Natürlich nicht. Dies ist aus mächtiger Magie gemacht, die das Gift unschädlich machen wird, welches dir diese verhexten Kreaturen eingeimpft haben. Zu früh, und die Behandlung würde dich töten. Zu spät, und die Stiche würden dich umbringen. Es muß unbedingt die richtige Art von Magie sein, zur richtigen Zeit. Ich habe lediglich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet.«
Richard wollte ihr widersprechen, doch statt dessen sagte er: »Danke, daß Ihr mir geholfen habt.« Sie sah ihn stirnrunzelnd an, bevor sie sich über seine Stiche beugte. »Schwester, inwiefern habe ich alles noch schlimmer gemacht?«
»Du warst leichtsinnig. Die Anwendung von Magie birgt Gefahren. Nicht nur für andere, sondern auch für den, der sie auf den Plan ruft.«
Richard zuckte zusammen, als sie mit der Messerschneide einen der Einstiche aufschnitt, erst in der einen, dann in der anderen Richtung, so daß sich ein Kreuzschnitt ergab. Das Brennen trieb ihm die Tränen in die Augen.
»Wie kann das für mich gefährlich sein?«
Konzentriert beugte sie sich über sein Bein und sprach leise eine Zauberformel, während sie mit dem Messer über sein geschwollenes Fleisch strich. Sie nahm nur leichte Einschnitte vor, doch brannten diese widerlich.
»Es ist, als wollte man ein Feuer inmitten von zundertrockenem Holz entfachen. Plötzlich findet man sich im Zentrum des Feuers wieder, im Zentrum dessen, was man ausgelöst hat. Was du getan hast, war töricht und gefährlich.«
»Ich habe versucht zu überleben, Schwester Verna.«
Sie zeigte mit dem Finger auf einen der schmerzhaften Stiche. »Sieh doch, was passiert ist! Wenn ich dich nicht behandeln würde, müßtest du sterben.« Sie war mit den Beinen fertig und richtete ihr Augenmerk auf seinen Arm. »Als wir von diesen Bestien angegriffen wurden, hast du geglaubt, du würdest uns retten, dabei hat alles, was du getan hast, die Gefahr nur noch vergrößert.«