Er beugte sich vor und legte seinen Zeigefinger seitlich an ihre Schulter. »Ich habe Euch mit dem Schwert in der Mitte durchgeteilt. Genau hier.«
Ihre Hände hielten inne, sie war zu Stein erstarrt. Die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Schließlich fand sie ihre Haltung wieder.
Richard zupfte wieder an dem Grasbüschel zu seinen Füßen. »Ich wollte es nicht tun, aber ich war absolut überzeugt, daß Ihr mich töten wolltet.«
Sie warf das Grasbüschel fort. »Bestimmt, Richard. Aber das war nur eine Vision. Wäre es die Wirklichkeit gewesen, wäre die Sache nicht so ausgegangen. Du hättest nicht tun können, was du getan hast.«
»Wen wollt Ihr überzeugen, Schwester? Mich oder Euch selbst?«
Sie hielt seinem wütenden Blick stand. »Was du gesehen hast, war nicht die Wirklichkeit. Es war schlicht ein Trugbild.«
Richard ließ das Thema fallen. Er drehte den Stock mit dem Kaninchen, um die andere Seite zu garen, und schob den Blechteller mit den Gerstenfladen neben das Feuer, damit er abkühlen konnte.
»Wie auch immer, als ich Euch wiedersah, wußte ich nicht, ob Ihr eine Vision wart oder Wirklichkeit. Aber ich habe ehrlich gehofft, daß Ihr lebt. Ich habe Euch nicht töten wollen.« Er hob den Kopf und lächelte. »Außerdem habe ich Euch versprochen, Euch durch das Tal der Verlorenen zu bringen.«
Sie nickte. »Ja, in der Tat. Mehr Wunschdenken als Weisheit.«
»Schwester, ich habe bloß getan, was mir einfiel, um zu überleben. Und auch um Euch zu helfen, damit Ihr überlebt.«
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Richard, ich weiß, du willst nur dein Bestes tun, aber du mußt begreifen, daß das, was du für das Beste hältst, nicht notwendigerweise auch richtig ist. Du rufst dein Han, ohne zu wissen, was du tust, oder auch nur zu merken, daß du es tust. Dadurch beschwörst du eine Gefahr herauf, die du nicht ermessen kannst.«
»Wie habe ich denn mein Han benutzt?«
»Zauberer machen Versprechungen, die ihr Han zu halten bestrebt ist. Du hast mir versprochen, mich durch das Tal zu bringen — mich zu retten. Indem du das getan hast, hast du dich auf eine Prophezeiung berufen.«
Richard legte die Stirn in Falten. »Ich habe keine Prophezeiung ausgesprochen.«
»Du hast sie nicht nur ausgesprochen, sondern dabei dein Han benutzt, ohne es zu merken. Du hast eine Prophezeiung benutzt, ohne ihre Form zu kennen, um etwas in der Vergangenheit zu tun, daß dir in der Zukunft hilft.«
»Wovon redet Ihr?«
»Du hast die Kandaren der Pferde zerstört.«
»Ich habe Euch damals doch erklärt, warum. Sie sind brutal.«
Sie schüttelte den Kopf. »Genau das meine ich. Du warst in dem Glauben, es aus einem bestimmten Grund zu tun, und doch diente es einem ganz anderen Zweck. Mit deinem Verstand suchst du eine vernünftige Erklärung für das, was dein Han tut. Auf unserer Flucht aus dem Tal habe ich nicht an das geglaubt, was du tust, und versucht, mein Pferd herumzureißen. Ich konnte es nicht, weil es keine Kandare hatte.«
»Na und?«
Sie beugte sich weiter vor. »Das Zerstören der Kandaren war eine Notwendigkeit, damit du ein Versprechen, das du in der Zukunft geben würdest, halten konntest. Damit hast du dich einer Prophezeiung bedient. Du hast die Axt blind kreisen lassen.«
Richard sah sie skeptisch an. »Das klingt weit hergeholt, Schwester. Selbst für Euch.«
»Ich weiß, wie die Gabe funktioniert, Richard.«
Richard dachte darüber nach und entschied schließlich, ihr nicht zu glauben. Er entschied jedoch auch, nicht mit ihr darüber zu streiten. Es gab andere Dinge, die er noch erfahren wollte.
»Ist Euer Buch voll? Ich habe Euch nicht mehr darin schreiben sehen.«
»Ich habe gestern eine Nachricht abgeschickt, daß wir das Tal durchquert haben. Sonst gibt es nichts zu berichten, das ist alles. Das Buch ist Magie. Mit Magie löschen wir alte Nachrichten. Bis auf zwei Seiten habe ich alles gelöscht. Mit dem, was ich gestern geschrieben habe, sind jetzt drei Seiten beschrieben.«
Richard riß eine Ecke des heißen Gerstenfladens ab. »Wer ist die Prälatin?«
»Von ihr erhalten die Schwestern des Lichts ihre Weisungen. Sie ist…« Sie kniff die Augen zusammen. »Ich habe nie über sie gesprochen. Woher weißt du von ihr?«
Richard leckte sich die Krümel von den Fingern. »Ich habe es in Eurem Buch gelesen.«
Ihre Hand zuckte zum Gürtel und tastete nach dem Buch. Es war da, wo es immer war. »Du hast meine privaten Aufzeichnungen gelesen! Dazu hattest du kein Recht! Ich werde…«
»Zu der Zeit wart Ihr tot.« Sie klappte den Mund zu, und er fuhr fort. »Als ich Euch oder Euer Trugbild getötet hatte, fiel das Buch herunter. Ich habe darin gelesen.«
Die Spannung wich aus ihrem Körper. »Oh. Nun, das ist einfach ein Teil des Trugbildes. Wie gesagt, darin ist nichts wie in Wirklichkeit.«
Richard riß ein weiteres Stück vom Fladen ab. »Es waren nur zwei Seiten beschrieben, genau wie in dem echten Buch. Die dritte habt Ihr erst hinzugefügt, als wir das Tal hinter uns hatten. Damals waren es nur zwei.«
Sie beobachtete, wie er den Fladen verspeiste. »Ein Trugbild, Richard.«
Er hob den Kopf. »Auf einer Seite stand: ›Ich bin die Schwester, die für diesen Jungen verantwortlich ist. Diese Anweisungen sind ungerechtfertigt, wenn nicht gar absurd. Ich verlange, daß man mir den Sinn dieser Anweisungen erklärt. Ich verlange zu wissen, auf wessen Geheiß sie gegeben wurden. — Im Dienste des Lichts, Eure Schwester Verna Sauventreen.‹ Auf der zweiten Seite stand: ›Du wirst tun, was man dir aufgetragen hat, oder du mußt die Konsequenzen tragen. Wage es nicht noch einmal, die Befehle des Palastes in Frage zu stellen. — Höchstselbst, Die Prälatin.‹«
Die Farbe war aus dem Gesicht der Schwester gewichen. »Du hattest kein Recht, etwas zu lesen, was einem anderen gehört.«
»Wie gesagt, zu dem Zeitpunkt wart Ihr tot. Welche Weisungen hat man Euch für mich gegeben, daß Ihr so wütend wart?«
Die Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück. »Es geht um eine formale Spitzfindigkeit. Du würdest es ohnehin nicht verstehen, und außerdem geht es dich nichts an.«
Richard zog eine Augenbraue hoch. »Es geht mich nichts an? Ihr behauptet, mir nur helfen zu wollen, und doch nehmt Ihr mich gefangen, und dann sagt Ihr, es ginge mich nichts an? Ich trage diesen Ring um meinen Hals, mit dem Ihr mir Schmerz zufügen, mich vielleicht töten könnt, und dann sagt Ihr, es ginge mich nichts an? Ihr erklärt, ich müßte tun, was Ihr verlangt, und das auf guten Glauben hin, obwohl dieser Glaube mit jeder neuen Entdeckung erschüttert wird, und doch geht mich das nichts an? Ihr sagt, die Trugbilder, die ich gesehen habe, entsprächen nicht der Wirklichkeit, doch als ich herausfinde, daß dies nicht stimmt, behauptet Ihr, das ginge mich nichts an?«
Schwester Verna schwieg. Sie betrachtete ihn kalt. Betrachtete ihn, fand er, wie einen Käfer in der Schachtel.
»Schwester Verna, werdet Ihr mir etwas erklären, über das ich schon lange nachdenke?«
»Wenn ich kann.«
Er zog die Beine dichter unter seinen Körper und versuchte, jegliche Feindseligkeit in seinem Ton zu vermeiden. »Als Ihr mich das erste Mal gesehen habt, da wart Ihr überrascht, daß ich erwachsen war. Ihr dachtet, ich sei noch klein.«
»Das ist richtig. Wir haben Leute im Palast, die spüren, wenn jemand mit der Gabe geboren wird. Du warst jedoch vor uns verborgen, daher hat es sehr lange gedauert, bis wir dich gefunden haben.«
»Aber gerade erst vor ein paar Tagen habt Ihr mir erzählt, Ihr hättet mehr als die Hälfte Eures Lebens außerhalb des Palastes mit der Suche nach mir verbracht. Wenn Ihr mehr als zwanzig Jahre nach mir gesucht habt, wie konntet Ihr dann erwarten, ich sei noch klein? Ihr hättet davon ausgehen müssen, daß ich erwachsen bin, es sei denn, Ihr hättet nicht gewußt, daß ich schon geboren bin, und wärt lange bevor jemand im Palast mich erspürt hatte, aufgebrochen, um mich zu suchen.«
Sie antwortete vorsichtig, mit ruhiger Stimme. »Du hast recht. So war es zuvor noch nie.«