»Warum seid Ihr dann aufgebrochen, um nach mir zu suchen, noch bevor jemand von Euch spürte, daß einer mit der Gabe geboren war?«
Sie wählte ihre Worte mit Bedacht. »Wir wußten nicht genau, wann du geboren werden würdest, aber wir wußten, daß du geboren werden würdest, deshalb hat man uns auf die Suche geschickt.«
»Woher wußtet Ihr, daß ich geboren werde?«
»In einer Prophezeiung ist von dir die Rede.«
Richard nickte. Er hätte gern etwas über diese Prophezeiung in Betracht gebracht, hätte gern gewußt, warum man ihn für so wichtig hielt, doch wollte er nicht von dem einmal eingeschlagenen Pfad abweichen. »Ihr wußtet also, daß es noch viele Jahre dauern konnte, bevor Ihr mich findet?«
»Ja. Wir wußten nicht, wann du geboren würdest. Wir konnten dies nur bis auf einige Jahrzehnte eingrenzen.«
»Wie wählt man die Schwestern aus, die ausgesandt werden?«
»Wir wurden von der Prälatin ausgesucht.«
»Ihr habt in der Angelegenheit kein Wort mitzureden?«
Ihre Anspannung wuchs, so als befürchtete sie, aus Versehen den Kopf in eine Schlinge zu stecken, trotzdem brachte sie es nicht fertig, ihren Glauben zu verschweigen. »Wir arbeiten im Dienst des Schöpfers. Wir hätten keinen Grund gehabt, einen Einwand vorzubringen. Der alleinige Zweck des Palastes besteht darin, denen zu helfen, die die Gabe besitzen. Dafür auserwählt zu werden, jemanden mit der Gabe zu retten, ist eine der größten Ehren, die einer Schwester zuteil werden können.«
»Keine der anderen, die ausgesandt wurden, hat also jemals so viele Jahre ihres Lebens opfern müssen, um einen zu retten, der die Gabe hat?«
»Nein. Meines Wissens hat es nie länger als ein Jahr gedauert. Ich wußte aber, daß dieser Auf trag Jahrzehnte dauern konnte.«
Richard lächelte triumphierend in sich hinein. Er lehnte sich zurück und reckte sich. Er atmete tief durch. »Jetzt verstehe ich.«
Ihre Augen wurden schmal. »Was verstehst du?«
»Ich verstehe, Schwester Verna, wieso Ihr mich so behandelt. Ich verstehe, warum wir laufend miteinander kämpfen, warum wir uns ständig gegenseitig an die Kehle gehen. Ich verstehe, warum ihr mich nicht leiden könnt. Warum Ihr mich haßt.«
Sie sah aus wie jemand, der erwartet, daß sich unter ihm eine Falltür öffnet. »Ich hasse dich nicht, Richard.«
Er nickte, dann zog er den Bolzen aus der Falltür. »Doch, das tut Ihr. Ihr haßt mich. Und ich verüble Euch das nicht einmal. Ich verstehe das. Wegen mir mußtet Ihr Jedidiah aufgeben.«
Sie fuhr zusammen, als hätte sich gerade eine Schlinge um ihren Hals zusammengezogen. »Richard! Rede gefälligst nicht in diesem Ton –«
»Deswegen seid Ihr wütend auf mich. Nicht wegen des Schicksals der beiden anderen Schwestern. Jedidiah ist der Grund. Wäre ich nicht gewesen, dann wärt Ihr jetzt bei ihm. Ihr wärt die letzten zwanzig Jahre bei ihm gewesen. Ihr habt die Liebe Eures Lebens aufgeben müssen, um auf diese verfluchte Suche zu gehen und mich zu finden. Man hat Euch geschickt. Ihr hattet keine Wahl, Ihr mußtet gehen. Es ist Eure Pflicht, und es hat Euch Eure Liebe gekostet und die Kinder, die Ihr vielleicht bekommen hättet. Das ist der Preis, den Ihr für mich bezahlt, und deshalb haßt Ihr mich.«
Schwester Verna saß da und starrte in die Luft. Weder sprach sie, noch rührte sie sich. Schließlich meinte sie: »Der Sucher, fürwahr.«
»Tut mir leid, Schwester Verna.«
»Du hast keinen Grund, Richard, dich entschuldigen zu müssen. Du weißt nicht, worüber du sprichst.« Langsam nahm sie das Kaninchen vom Feuer und legte es neben die Gerstenfladen auf den Blechteller. Einen Augenblick lang starrte sie hinaus ins Leere. »Wir sollten jetzt essen. Wir müssen aufbrechen.«
»Also schön. Aber Ihr solltet bedenken, daß ich dies nicht aus eigenem Entschluß getan habe. Ich habe Euch das nicht angetan. Sondern die Prälatin. Ihr solltet entweder auf sie wütend sein, oder, wenn Ihr Euch Eurer Pflicht, Eurem Schöpfer so verbunden fühlt, wie Ihr behauptet, dann solltet Ihr ihm mit Freuden dienen. Wie auch immer, aber hört auf, mir die Schuld zu geben.«
Sie öffnete den Mund und wollte etwas erwidern, machte sich dann jedoch am Stöpsel des Wasserschlauchs zu schaffen, bekam ihn schließlich heraus und nahm einen langen Schluck. Als sie fertig war, atmete sie mehrmals tief durch.
Ihr unerschütterlicher Blick traf den seinen. »Bald werden wir im Palast sein, Richard, doch zuerst müssen wir ein Land mit sehr gefährlichen Bewohnern durchqueren. Die Schwestern haben eine Übereinkunft mit ihnen getroffen, um es passieren zu können. Du wirst etwas für sie tun müssen. Du wirst es tun, oder es wird große Schwierigkeiten geben.«
»Was muß ich tun?«
»Du wirst jemanden für sie töten müssen.«
»Schwester Verna, ich versichere Euch eins, ich werde nicht…«
Ihr Zeigefinger schnellte aus ihrer geballten Faust, und sie bat sich Ruhe aus. »Wage es nicht, diesmal die Axt zu schwingen, Richard«, zischte sie. »Du hast keine Ahnung, welche Folgen das hätte.«
Sie erhob sich. »Mach die Pferde fertig. Wir müssen aufbrechen.«
Richard stand auf. »Wollt Ihr Euer Frühstück nicht?«
Sie überging seine Frage und trat dicht an ihn heran.
»Zum Streiten gehören zwei, Richard. Du bist ständig wütend auf mich, egal, was ich zu dir sage. Du ärgerst dich über mich. Du haßt mich, weil du glaubst, ich hätte dich gezwungen, den Halsring anzulegen. Aber das war ich nicht, und das weißt du. Kahlan hat dich dazu gezwungen. Ihretwegen trägst du den Rada’Han. Wäre sie nicht gewesen, wärst du nicht hier bei mir. Das ist der Preis, den du bezahlt hast, und deswegen haßt du mich.
Aber du solltest bedenken, daß ich dies nicht aus eigenem Entschluß getan habe. Ich habe dir dies nicht angetan. Sondern Kahlan. Du solltest entweder auf sie wütend sein, oder du solltest, wenn du ihr so ergeben bist, wie du behauptest, ihr den Wunsch mit Freuden erfüllen. Vielleicht hatte sie einen gewichtigen Grund dafür. Vielleicht hatte sie dein Wohl im Sinn. Wie auch immer, hör auf, mir die Schuld zu geben.«
Richard versuchte zu schlucken, aber es wollte ihm nicht gelingen.
37
Das blutrote Licht des sterbenden Tages fiel durch das Gerippe der Bäume, die den Grat des nächsten Kammes säumten. Der Blick ihrer grünen Augen löste sich von den verborgenen Stellen, an denen man vorgeschobene Posten aufgestellt hatte. Sie standen zu weit auseinander, sonst wäre sie hier, wo sie sich im Augenblick befand, nicht unbemerkt geblieben. Sie zählte die Männer Zeltreihe auf Zeltreihe durch, die sich auf dem Talboden unten entlangzogen. Fünftausend wäre großzügig geschätzt, entschied sie.
Links von ihr hatte man Pferde angepflockt, in der Nähe von Versorgungswagen, die alle sauber aufgereiht dastanden. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tales hatte man Latrinen in den Schnee gegraben. Zwischen den Männern und den Versorgungswagen waren die Küchenwagen, wo schon für die Nacht zusammengepackt wurde. Über den Kommandozelten flatterten bunte Schlachtwimpel. Es war wahrscheinlich die ordentlichste Armee, die sie je im Feld gesehen hatte. Galeaner hatten einen Hang zur Ordnung.
»Sie sehen sehr freundlich aus«, meinte Chandalen mit ruhiger Stimme, »für Männer, die bald den Tod in der Schlacht finden werden.« Seine beiden Brüder gaben ihm mit nervösem Kichern recht.
Kahlan nickte geistesabwesend. Am Morgen hatten sie die Armee gesehen, die diese Männer verfolgten. Dort war nichts ordentlich gewesen. Sie hatten nicht freundlich ausgesehen. Und deren Wachen waren nicht zu weit auseinander postiert gewesen. Trotzdem war es Chandalen und den beiden Brüdern gelungen, sie nahe genug heranzuführen, so daß sie sehen konnte, was sie hatte sehen wollen, und um eine Schätzung vorzunehmen.
Sie hatte ihre Zahl auf fünfzigtausend geschätzt. Und das war keine großzügige Schätzung.
Sie stieß einen langen Seufzer aus, der als dünne, weiße Dunstwolke in der kalten Luft hing. »Ich muß es verhindern.« Sie schob sich ihren Rucksack und den Bogen auf den Rücken. »Gehen wir hinunter.«