Chandalen, Prindin und Tossidin folgten ihr, als sie mühsam den locker verschneiten Hang hinunterstapfte. Es hatte länger als erhofft gedauert, diese Männer einzuholen. Ein Schneesturm auf dem Jara-Paß hatte die vier zwei Tage lang aufgehalten, während der sie unter einer Launenfichte Schutz gesucht hatten. Launenfichten erinnerten Kahlan stets an Richard, und als sie in ihren Fellumhang gehüllt dagelegen und auf das Heulen den Windes gelauscht hatte, da hatte sie von ihm geträumt — im Schlaf und auch im Wachen.
Sie war wütend, daß sie auf ihrem Weg nach Aydindril so viel wertvolle Zeit vergeuden mußte, um diese Armee von ihrer selbstmörderischen Verfolgung jener Streitmacht abzuhalten, die Ebinissia zerstört hatte, doch als Mutter Konfessor durfte sie nicht zulassen, daß beinahe fünftausend Mann sinnlos in den Tod gingen. Sie mußte sie aufhalten, bevor sie der anderen Armee zu nahe kamen, jener, die Ebinissia geplündert hatte. Sie waren bereits jetzt zu nah. Am nächsten Tag würden sie mit Sicherheit auf sie stoßen.
Die Armee kam augenblicklich in Alarmbereitschaft, als die vier Gestalten in den Wolfsfellumhängen auf sie zumarschierten. Rufe wurden laut und setzten sich durch die Reihen nach hinten fort. Zeltklappen wurden zurückgeschlagen, und Männer strömten heraus. Schwerter wurden gezückt, und das Klirren von Stahl erfüllte die kalte Luft der Dämmerung. Männer mit Speeren kamen durch den Schnee gerannt. Männer mit Bögen gingen in Stellung, legten Pfeile ein. Eine Wand aus mehreren hundert Mann nahm zwischen ihr und den Kommandozelten Aufstellung. Weitere kamen im Laufschritt angerannt, streiften sich Kleidungsstücke über, riefen anderen, die sich noch in den Zelten befanden, etwas zu.
Kahlan und die drei Männer in ihrer Begleitung blieben stehen. Sie stand aufrecht da, reglos. Hinter ihr stützten sich Chandalen, Prindin und Tossidin faul auf ihre Speere.
Ein Mann im Offiziersrang kam, eine schwere, braune Jacke überstreifend, aus dem größten Zelt gestolpert. Er bahnte sich einen Weg durch den Wall aus Männern und brüllte zu den Bogenschützen hinüber, sie sollten ihre Pfeile zurückhalten. Zwei weitere Offiziere gesellten sich zu ihm, während er durch die Reihen der Verteidiger stakste. Im Näherkommen erkannte sie seinen Dienstgrad. Er war Hauptmann. Die beiden Männer neben ihm, einer auf jeder Seite, waren Leutnants.
Als er schließlich keuchend vor ihr stehenblieb, ließ sie die Kapuze ihres Umhangs nach hinten fallen. Ihr langes Haar fiel über das weiße Fell.
»Was soll die…« Plötzlich bekam der Hauptmann große Augen. Er und die beiden Leutnants sanken auf ein Knie.
Jeder Mann, so weit sie sehen konnte, fiel auf die Knie. Alles senkte den Kopf. Das Rascheln von Wolle, das Knarzen von Leder und das Geklirr von Stahl verstummte. Die drei Männer in ihrer Begleitung sahen sich verwundert an. Sie hatten noch nie gesehen, wie die Mutter Konfessor von jemand anderem als dem Volk der Schlammenschen begrüßt wurde. Das einzige Geräusch war das leise Knarren der Äste im kalten Wind.
»Erhebt euch, meine Kinder.«
Durch die Bewegung, als alles auf die Beine kam, lebte der Lärm erneut auf. Der Hauptmann stand auf und machte eine zackige Verbeugung aus der Hüfte. Mit einem stolzen Lächeln richtete er sich wieder auf.
»Mutter Konfessor, was für eine Ehre!«
Ungläubig betrachtete Kahlan sein gleichmäßiges Kinn, sein welliges, hellbraunes Haar, seine klaren, blauen Augen, sein jugendliches, hübsches Gesicht.
»Ihr seid ja noch ein Kind«, sagte sie leise. Sie blickte sich um und sah die Hunderte, die Tausende strahlender Augen, die allesamt auf sie gerichtet waren. Sie war fassungslos. Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg.
Sie ballte die Fäuste und bebte vor Zorn. »Ihr seid Kinder! Ihr seid alle Kinder!«
Der Hauptmann drehte sich mit einem verlegenen Gesichtsausdruck, der an Verletztheit grenzte, zu seinen Männern um. »Mutter Konfessor, wir sind noch Rekruten, aber wir sind allesamt Soldaten der Galeanischen Armee.«
»Ihr seid alle Kinder«, sagte sie leise. »Kinder!«
Stille legte sich über die versammelten Rekruten. Die meisten sahen aus wie fünfzehn oder sechzehn. Der Hauptmann und seine beiden Leutnants traten von einem Fuß auf den anderen und senkten den Kopf. Einige der Männer konnten nicht anders, sie starrten Chandalen, Prindin und Tossidin unverhohlen an. Jemand wie sie war ihnen noch nicht zu Gesicht gekommen.
Kahlan packte den Hauptmann am Kragen und zerrte ihn davon. Den beiden Leutnants knurrte sie zu: »Ihr beide kommt mit.« Sie blickte wütend über ihre Köpfe hinweg. »Alle anderen machen da weiter, wo sie aufgehört haben!«
Es erhob sich ein Rasseln von Schwertern, die in ihre Scheiden, von Pfeilen, die in ihre Köcher zurückgesteckt wurden, während sie den Hauptmann außer Hörweite seiner Männer zerrte. Als sie die Bäume erreicht hatte, zog sie ihn zu einem umgestürzten Stamm und ließ ihn los, wobei sie ihn verärgert weiterstieß.
Kahlan ließ sich auf den schneebedeckten Stamm fallen, als wäre er ein Thron. Sie verschränkte die Arme. Chandalen stand zu ihrer Rechten, Prindin und Tossidin links von ihr. Sie bohrten die hinteren Enden ihrer Speere in den Boden und warteten schweigend.
»Wie heißt Ihr, Hauptmann?«
Der Angesprochene spielte mit einem Messingknopf an seiner offenen Jacke. »Ich heiße Bradley Ryan, Mutter Konfessor.« Dann sah er schnell zur Seite, zu dem Mann rechts von ihm. »Das ist Leutnant Nolan Sloan.« Er zeigte nach links. »Das ist Leutnant Flin Hobson.«
»Wie viele Kinder habt Ihr hier bei euch, Hauptmann Ryan?«
Er richtete sich ein wenig auf. »Mutter Konfessor, wir sind vielleicht jünger als Ihr, wenn auch nicht viel, und möglicherweise habt Ihr keine hohe Meinung von uns, aber wir sind Soldaten. Gute Soldaten.«
»Gute Soldaten.« Sie konnte sich kaum beherrschen, ihn nicht anzuschreien. »Wenn Ihr tatsächlich solch gute Soldaten seid, wieso konnte ich dann unbemerkt durch eure Postenkette spazieren?« Er wurde rot und hatte sichtlich Mühe, nichts zu erwidern. »Und gibt es einen einzigen unter diesen guten Soldaten, Euch eingeschlossen, der über achtzehn ist?«
Er preßte die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.
»Dann wiederhole ich, wie viele Kinder habt Ihr hier bei Euch?«
»Viereinhalbtausend stehen unter meinem Kommando.«
»Und wißt Ihr, Hauptmann Ryan, daß Ihr kurz davor steht, in eine Streitmacht hinein zustolpern, die zehnmal so groß ist wie die Eure?«
Hauptmann Ryan zog die Augenbrauen hoch, und über die eine Seite seines Gesichts spielte ein Kleinjungengrinsen. »Wir werden in niemanden ›hineinstolpern‹, Mutter Konfessor. Wir werden sie in Kürze einholen. Wir verfolgen sie schon seit einiger Zeit. Ich denke, morgen werden wir sie erreicht haben.«
Sie blickte ihn finster an. »Sie erreicht haben? Morgen, hätte ich Euch nicht eingeholt, junger Mann, würdet Ihr und alle Eure ›Männer‹ sterben. Ihr habt keine Ahnung, um was für eine Armee es sich handelt, die Ihr im Begriff steht zu ›erreichen‹?«
Er hob sein Kinn. »Wir wissen, wen wir verfolgen. Wir haben Späher, müßt Ihr wissen. Ich bekomme Berichte.«
Kahlan sprang auf die Beine, reckte ihren Arm vor und zeigte nach rechts. »Auf der anderen Seite dieses Berges warten fünfzigtausend Mann.«
»Zweiundfünfzigtausend und ein paar hundert.« Er zuckte mit den Achseln. »Wir sind nicht dumm. Wir wissen, was wir tun.«
Sie ließ ihren Arm sinken und funkelte ihn wütend an. »Ach, tatsächlich? Und was genau habt Ihr vor, wenn Ihr sie einholt?«
Hauptmann Ryan beugte sich lächelnd vor. Er war überzeugt, ihr beweisen zu können, daß er tatsächlich wußte, was er tat. »Nun, sie werden in Kürze auf eine Gabelung der Paßstraße stoßen. Dort hinauf werde ich einen Trupp schicken, der sie umgeht und sie aus beiden Gabelungen heraus angreift. Sie werden glauben, von einer großen Streitmacht angegriffen zu werden. Wir werden sie hierher zurückdrängen und sie erwarten. Hinter dem Engpaß, ein Stück weiter vorn.