Dennoch, wegen ihm war sie gekommen. Der Zauberer war das Auge dieser Armee. Er sah Dinge, bevor sie sie sehen konnten, und er sah Dinge, die sie nicht sehen konnten — genau wie Kahlan. Und D’Haraner hatten Angst vor magischen Dingen und vor Geistern. Ein Zauberer war ihr Schutz gegen Magie und gegen diese Geister.
Ihr Blick wanderte von den tiefliegenden Augen und dem betrunkenen, lüsternen Grinsen des Zauberers zu seinen Händen. Er schnitzte. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Häufchen Späne. Sie mußte an die Häufchen mit Spänen im Palast zu Ebinissia denken, draußen vor den Zimmern der Mädchen.
Der Zauberer schwenkte den Stock, den er geschnitzt hatte. Zum erstenmal erkannte sie, was es war: ein überlebensgroßer Phallus. Das fiese Grinsen des Kerls wurde noch breiter.
Der Mann mit dem Messer zeigte auf den Zauberer. »Slagle hat etwas für dich, Konfessor. Hat zwei Stunden daran gearbeitet, seit ihm klar war, daß du auf einen Besuch vorbeikommen würdest.« Er unternahm einen lahmen Versuch, sein Lachen zurückzuhalten, doch anfallartig durchbrach es immer wieder seine Beherrschung, und schließlich ließ er ihm freien Lauf.
Zwei Stunden. Damit hatten sie ihr die Grenzen seiner Zauberkraft verraten. Sie hatte die Galeaner vor vier Stunden verlassen, doch davon war fast eine Stunde für ihre Strafpredigt auf dem Gebirgskamm draufgegangen. Also befanden sich die jungen galeanischen Krieger noch nicht in Reichweite seiner Kräfte, sie waren jedoch nur durch eine gefährlich knappe Spanne vor Entdeckung geschützt. Ein Stückchen näher, und der Zauberer würde über sie Bescheid wissen. Lange bevor sie mit ihrer Überraschung zum Zuge kommen konnten.
Sie wartete, bis das Gelächter der d’haranischen Soldaten abflaute, bevor sie sprach. »Ihr nutzt meine mißliche Lage aus.«
»Noch nicht! Aber das kommt noch!« Die Männer grölten und johlten erneut.
Sie wurde mit jedem Herzschlag ruhiger. Sie schob ihre Kapuze zurück und hatte ihre Konfessorenmiene aufgesetzt. »Wie lautet Euer Name, Soldat?«
»Soldat!« Er kam mit einem Ruck nach vorn und bohrte das Messer in den Tisch. »Ich bin kein Soldat, ich bin General Riggs. Ich bin der Oberbefehlshaber unserer sämtlichen Truppen. Alle unsere Soldaten, alte sowie neu hinzugekommene, haben sich vor mir zu verantworten.«
»Und in wessen Namen kämpft Ihr, General Riggs?«
Er machte eine ausladende Handbewegung. »Nun, die Imperiale Ordnung kämpft einen Krieg zugunsten derer, die sich uns anschließen. Einen Krieg gegen alle Unterdrücker. Gegen alle, die sich uns widersetzen. Wer sich uns nicht anschließt, ist gegen uns und wird zerschmettert. Wir kämpfen, um Ordnung zu schaffen.
Unter der Imperialen Ordnung werden alle Schutz finden, die sich uns anschließen, und diese wiederum werden dabei helfen, alle zu beschützen. Sämtliche Länder werden sich uns anschließen, oder sie werden hinweggefegt. Wir kämpfen für eine neue Ordnung. Die Herrschaft der Imperialen Ordnung. Sie wird alle Länder beherrschen, und ich befehlige sie.«
Kahlan runzelte die Stirn, und versuchte sich einen Reim auf das zu machen, was der Kerl faselte. »Ich bin die Mutter Konfessor, und ich herrsche über die Midlands, nicht Ihr.«
»Die Mutter Konfessor!« Er schlug dem Zauberer auf den Rücken. »Du hast mir nicht erzählt, daß sie die Mutter Konfessor ist! Also, du siehst nicht gerade aus wie die Mütter, die ich kenne. Aber nach dem heutigen Abend wirst du ganz sicher eine sein! Darauf hast du mein Wort!« Er brüllte vor Lachen.
»Darken Rahl ist tot.« Das machte dem Gegröle ein Ende. »Der neue Lord Rahl hat den Krieg für beendet erklärt und alle d’haranischen Truppen nach Hause zurückbeordert.«
General Riggs kam auf die Beine. »Darken Rahl war ein Mann mit begrenzter Voraussicht, ein Mann, der sich zu sehr mit uralter Magie und zu wenig mit Ordnung beschäftigt hat. Er war zu vertieft in seine eigenen Forschungen, in seine alten Religionen. Solange sie nicht ausgemerzt ist, ist Magie ein Werkzeug der Menschen, nicht ihr Herr.
Darken Rahl hat die Chance nicht genützt, die sich ihm bot. Wir dagegen werden sie nützen. Das weiß Darken Rahl sogar in seiner Unterwelt, und er bereut. Er ist jetzt mit uns im Kampf verbunden. Das haben die Guten Seelen verkündet! Wir unterwerfen uns nicht mehr dem Hause Rahl, sondern dieses uns, wie alle anderen Häuser, Grafschaften und Königreiche auch. Der neue Lord Rahl wird sich uns ebenfalls anschließen, oder wir zertreten ihn wie all die heidnischen Hunde, die ihm folgen. Wir werden alle heidnischen Hunde zertreten!«
»Mit anderen Worten, General, Ihr kämpft für niemand anderes als für Euch selbst. Euer Ziel ist es schlicht, andere Menschen umzubringen.«
»Ich kämpfe nicht für mich! Hier geht es um Größeres als einen einzelnen Menschen. Wir geben allen Gelegenheit, sich uns anzuschließen. Tun sie das nicht, dann allem deswegen, weil sie sich mit unseren Feinden verbündet haben — und wir müssen sie töten!« Er warf die Hände in die Höhe. »Es hat keinen Sinn, einer Frau diese Staats- und Ordnungsangelegenheiten zu erklären. Frauen haben keinen Sinn für Herrschaft.«
»Auch Männer haben die Herrschaft nicht für sich gepachtet, General.«
»Es ist ruchlos, wenn Männer sich einer Frau um ihres Schutzes willen unterwerfen! Richtige Männer beschäftigen sich nur damit, wie sie einer Frau unter den Rock gelangen, und nicht damit, wie sie sich hinter ihnen verkriechen können! Frauen herrschen kraft ihres Körpers und haben nichts zu bieten als mitleidvolles Gefasel. Männer herrschen kraft ihrer Fäuste. Sie machen das Gesetz und setzen es durch. Sie versorgen und beschützen.
Jeder König und jeder Patriarch wird die Chance bekommen, sich uns anzuschließen, sein Land und sein Volk unter unseren Schutz zu stellen. Alle Königinnen werden die Chance erhalten, ihrem Gewerbe in einem Bordell nachzugehen oder vielleicht das bescheidene Weib eines verdungenen Farmers zu werden, aber wie auch immer, sie werden sich nützlich machen.«
Er hob seinen Krug vom Tisch und nahm ein paar tiefe Schlucke. »Begreifst du nicht, Frau? Bist du so dämlich, selbst für eine Frau? Was hat der Bund der Midlands unter der Führung einer Frau zustande gebracht?«
»Zustande gebracht? Der Bund braucht nichts weiter zustande zu bringen, als daß alle Länder in Frieden leben können, damit das Land des Nachbarn diesem gelassen wird, und jeder weiß, daß sein Land vor raffgierigen Händen sicher ist. Alle treten für den Schutz aller ein, auch zum Schutz der Schwachen und Wehrlosen, damit niemand allein und nackt dasteht.«
Er sah seine Kameraden mit triumphierendem Grinsen an. »Die wahre Milch der frommen Denkungsart!«
Er machte eine angewiderte Geste. »Ihr stellt keine Führungskraft, macht kein Gesetz. Jedes Land schreibt vor und verkündet, was ihm gerade paßt. Was an einem Ort ein Verbrechen, gilt woanders als Tugend. Dein Bund scheut sich davor, allen eine Ordnung vorzuschreiben. Ihr seid nichts weiter als ein Haufen versprengter Stämme, die alle eifersüchtig über ihren Besitzstand wachen. Ihr vergeudet nicht einen Gedanken an die Union, außer dem, der eurer eigenen Gier gelegen kommt — wodurch alle besiegbar werden.«
»Ihr täuscht Euch, das ist genau der Zweck, dem der Zentralrat in Aydindril dient: alle Länder für eine gemeinsame Verteidigung zu vereinen. Für eine gemeinsame Verteidigung gegen Mörder wie Euch. Das ist kein schwacher Bund, wie Ihr zu glauben scheint, sondern einer mit Macht.«
»Ein hehres Ideal. Eins, das ich sogar teile, das in deinem Mund jedoch zu leerem Gefasel wird. Du führst sie nur halbherzig zusammen, nicht unter einem allgemeinverbindlichen Gesetz.« Er streckte die Hand aus und schloß sie zu einer Faust, während er sie höhnisch angrinste. »Dadurch hinterläßt du alle Länder reif dafür, ausgepreßt zu werden. Ihr seid verlorene Seelen auf der Suche nach wahrer Führung, die verzweifelt Schutz benötigen.
Gleich nach dem Fall der Grenzen hat euch Darken Rahl verwüstet, und der war nur mit halbem Herz bei der Sache, weil er nur auf seine Magie aus war! Hätte er den Generälen freie Hand gelassen, wäre der Bund längst weggefegt.«