Sie beugte sich kaum merklich vor. »Ihr seid ein verräterischer Bastard und ein gesetzloser, gewissenloser Halsabschneider. Ich überlasse Prinz Fyren die Ehre, Euch zum Tode zu verurteilen. Eine Strafe, die posthum über Euch verhängt werden wird.«
Karsh schlug mit der Faust auf den Tisch. »Die Guten Seelen wissen, daß du die Völker der Midlands verraten hast! Und sie haben die Wahrheit gesprochen, dies ist der Beweis! Sie haben uns erklärt, wir könnten nicht frei sein, solange du lebst! Sie haben uns aufgefordert, dich und deinesgleichen umzubringen! Alle, die die Götter lästern! Die Guten Seelen werden uns bei unserem Kampf nicht im Stich lassen. Wir werden alle besiegen, die dem Hüter zu Gefallen sind.«
»Kein echter Offizier«, sagte sie voller Verachtung, »würde auf das Geschwätz des Lebensborns hören.«
Der Zauberer hatte einen gefährlich aussehenden Ball aus flüssigem Feuer geformt und warf ihn langsam von einer Hand in die andere, während er sie beobachtete. Die Flammen fauchten und zischten, ließen kleine Funken fallen. General Riggs rülpste, dann stützte er sich mit den Knöcheln auf den Tisch und beugte sich zu ihr vor.
»Genug geredet. Komm runter, du kleines Miststück, damit wir mit der Party anfangen können. Wir tapferen Friedenskämpfer brauchen ein wenig Spaß.«
Endlich lächelte sogar General Karsh. »Und morgen, oder vielleicht am Tag darauf, wirst du geköpft werden. Unsere Männer, unser Volk wird deinen Tod bejubeln. Frohlocken werden sie über unseren Triumph über die Mutter Konfessor, das Symbol der Unterdrückung durch Magie.« Sein Lächeln verschwand, als er erneut einen roten Kopf bekam. »Das Volk muß Zeuge deiner Bestrafung werden, damit es weiß, daß das Gute siegen kann! Damit es Hoffnung hat! Erst wenn wir deinen Kopf haben, kann unser Volk jubeln!«
»Jubeln darüber, daß ihr tapferen Freiheitskämpfer alle zusammen stark genug seid, eine einzelne Frau zu töten?«
»Nein«, meinte General Riggs. Als er jetzt zu ihr hinaufsah, wirkte er zum allerersten Mal nüchtern. »Dir ist die wahre Bedeutung dessen, was wir tun, entgangen.«
Er senkte die Stimme, sein Tonfall wurde sanfter. »Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Zeit, Konfessor. Einer Zeit, in der kein Platz ist für deine alten Religionen. Das Geschlecht von Konfessoren und Zauberern ist am Ende.
Es gab eine Zeit, vor dreitausend Jahren, als fast jeder mit der Gabe geboren wurde. Die Magie hatte über alle Dinge Macht. Man benutzte diese Magie dazu, sich um die Macht zu streiten. Zauberer haben ihre Macht mißbraucht. In ihrer Gier haben sie sich gegenseitig umgebracht. Sie haben andere umgebracht, die die Gabe besaßen, bis immer seltener jemand überlebte, der sie weitergeben konnte. Mit der Zeit wurden die mit der Gabe aus der Rasse der Menschen ausgesondert.
Doch wer übrigblieb, wetteiferte um die Herrschaft und lichtete weiter die Reihen derer, die mit der Gabe geboren wurden. Die Magischen, jene anderen Geschöpfe der Magie, die ihnen, so wie du, anvertraut waren, wurden zunehmend ihres Schutzes und ihrer Quelle der Magie beraubt. Heutzutage wird fast niemand mehr mit der Gabe geboren. Und mit ihnen stirbt die Magie selbst. Sie hatten ihre Chance, die Macht zu erobern, genau wie Darken Rahl mit seiner Magie, und sie haben versagt. Ihre Zeit, die Zeit der Zauberer, ist vorbei.
Ihr Schutz der Wesen aus der Zwischenwelt ist zu Ende, und damit auch das Zeitalter der Magie. Jetzt steht uns das Zeitalter des Menschen bevor, und in dieser Welt ist kein Platz für die uralte, sterbende Religion, die du als Magie bezeichnest. Für den Menschen ist es an der Zeit, seinen Platz als Erbe der Welt einzunehmen. Jetzt herrscht die Imperiale Ordnung über die Welt, und gäbe es sie nicht, dann würde der Mensch eben unter einem anderen Namen herrschen. Es ist an der Zeit, daß der Mensch die Herrschaft übernimmt, und daß die Magie stirbt.«
Kahlan verspürte plötzlich eine Leere in sich. Unerwartet lief ihr eine Träne über die Wange. Panik drückte ihr die Kehle zu.
»Hast du das gehört, Slagle?« sagte sie heiser, tonlos. »Du besitzt Magie. Die, denen du hilfst, werden auch dir ein Ende machen.«
Er warf den Feuerball in seine andere Hand. Der Schein des Feuers tanzte über sein grimmiges Gesicht. »Es ist, wie es sein muß. Magie, unschuldig oder verdorben, ist des Hüters Zugang zu dieser Welt. Wenn ich dabei geholfen habe, Magie in all ihren Erscheinungsformen auszulöschen, dann muß auch ich sterben. Auf diese Weise diene ich dem Volk.«
Riggs sah fast traurig zu ihr auf, als er fortfuhr.
»Unser Volk sollte mit eigenen Augen sehen, wie die letzte Verkörperung dieser Magie stirbt. Du bist ihr Symbol, das letzte Geschöpf der Magie, das von den Zauberern geschaffen wurde. Dein Tod wird sie mit Hoffnung für die Zukunft erfüllen und ermutigen, den verbliebenen Sumpf der Magie, die Verderbtheit und die Perversion trockenzulegen.
Wir sind die Pflugschar. Jene Länder, die zur Zeit von Magie heimgesucht sind, werden von ihrem Makel befreit und können dann von frommen Menschen neu besiedelt werden. Dann endlich werden wir alle frei von deinen Dogmen sein, die in der ruhmvollen Zukunft des Menschen keinen Platz haben.«
Er richtete sich auf und nahm einen Schluck aus seinem Krug. Die Barschheit kehrte in seine Stimme zurück. »Und wenn wir mit dir fertig sind, dann werden wir Galea bezwingen und die übrigen Länder.« Er schlug den Krug auf den Tisch. »Bis der völlig und totale Sieg unser ist, bestehen wir auf Krieg!«
Zorn schwoll in ihrem Innern an und verbannte das vorübergehende Gefühl des Verlorenseins und der Panik, schwoll an im Namen all jener Wesen, der Wesen aus der Zwischenwelt, die auf ihre Stimme und auf ihren Schutz angewiesen waren.
Sie nickte langsam und hielt dem Blick des Generals stand.
»In meiner Eigenschaft als Mutter Konfessor, der höchsten Autorität in den Midlands, deren Geheiß sich alle beugen müssen, gewähre ich Euch Euren Wunsch.« Sie beugte sich vor und zischte: »Soll es Krieg geben. Bei meinem Wort und Amt, nicht einem einzigen von Euch wird Gnade gewährt werden.«
Kahlan drohte dem Zauberer mit der Faust. Wegen ihm war sie gekommen.
Der Zorn ließ ihre Brust schwellen — und das Entsetzen angesichts des Irrsinns dieser Männer. Sie ließ sich von der Magie durchfluten, die danach verlangte, freigesetzt zu werden, die den Tod des Zauberers forderte.
Wegen ihm war sie gekommen. Sie durfte nicht versagen. Der Blutrausch schrie in ihrem Innern.
Sie rief den Blitz herbei.
Nichts geschah.
Sie erstarrte einen Augenblick lang aus Panik über das Versagen der Magie. Dann versuchte Riggs ihr Bein zu packen.
Kahlan riß die Zügel zurück. Das wilde Schlachtroß stürzte sich in den Kampf. Wiehernd bäumte es sich auf und trat mit seinen Vorderbeinen aus. Kahlan krallte sich in seiner Mähne fest. Mit einem Huf erwischte das Tier Riggs mitten im Gesicht und warf ihn nach hinten. Die dreschenden Hufe gingen krachend auf dem Tisch nieder und zerschlugen ihn zu Trümmern. Männer kippten mit ihren Stühlen nach hinten um. Mit einem Vorderhuf zerschmetterte Nick den Schädel eines der d’haranischen Offiziere sowie das Bein eines anderen.
Das Pferd wirbelte herum und trat nach den Männern. Kahlan gab ihm die Sporen, und es galoppierte mit einem Satz davon, als der Zauberer auf die Beine kam. Überraschte Soldaten sprangen aus dem Weg. Sie warf einen Blick über die Schulter und sah, wie der Zauberer seine Hände nach vorn warf. Ein Feuerball erwachte mit einer Explosion vor ihm zum Leben, drehte sich in der Luft und wartete auf sein Kommando. Er schleuderte die Arme erneut nach vorn und schickte das Feuer auf seinen Weg, hinter ihr her.
Das Schlachtroß setzte über Soldaten und Feuer hinweg, wirbelte Schnee und brennendes Feuerholz auf. Seine Beine verfingen sich in Zeltleinen, riß Zelte nieder. Kahlan entdeckte, was sie gesucht hatte, was ihr mehr als das Leben selbst bedeutete, und lenkte ihr Pferd darauf zu.
Sie hörte das Heulen des Zaubererfeuers, das auf sie zugeschossen kam. Sie hörte die Schreie der Männer, die sich überraschend darin verfingen. Sie warf erneut einen knappen Blick über die Schulter und sah den blaugelben Feuerball zwischen Soldaten und Zelten hindurchtaumeln, sah, wie er ständig größer wurde und einen Kurs einschlug, der ebenso schwankte wie der betrunkene Zauberer. Zaubererfeuer mußte gelenkt werden, und in seinem Zustand hatte der Zauberer Mühe, dieser Aufgabe nachzukommen. Wäre er nüchtern gewesen, hätte sie längst den Tod gefunden.