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Sie entdeckte den langen Ast mit dem gegabelten Ende, den sie zu einem Stab geschnitzt hatte, mit dem man schieben konnte, sah ihn senkrecht im Schnee stecken, wo sie ihn neben der doppelstämmigen Fichte zurückgelassen hatte. Sie wuchtete ihn heraus und begann, gegen die schweren, schneebeladenen Äste zu stoßen. Ihre Schulter schmerzte unter der Achsel, dort, wo sie vorher die todbringende Lanze festgeklemmt hatte.

Während sie Nick rückwärts zwischen die Bäume gehen ließ, fort von ihrem Pfad, hielt sie den langen Stock über seinen Kopf und stieß gegen die Äste. Von ihrer Last befreit, schnellten sie nach oben und verdeckten zum Teil die Lücke zwischen den Bäumen. Wichtiger noch, der Schnee fiel zu Boden und legte sich über ihre Spuren. Sie stieß hier gegen einen, dort gegen einen anderen Ast und sprenkelte auf diese Weise Schnee über Nicks rückläufige Fährte, bedeckte sie, so daß es ganz natürlich aussah, so als hätte der Wind die Äste von ihrer Last befreit.

Stumm bedankte sie sich bei Richard, daß er sie im Fährtenlesen unterrichtet hatte. Er hatte eine Waldläuferin aus ihr machen wollen. Sie sehnte sich nach Richard. Bestimmt hieß er das enorme Risiko nicht gut, das sie mit Hilfe des von ihm Gelernten einging.

Aber sie durfte auf keinen Fall zulassen, daß diese Männer ihre Spur bis zu den jungen galeanischen Soldaten zurückverfolgten. Es bestand die Möglichkeit, daß einige von ihnen bei ihrer Rückkehr über das Gesehene berichteten, und dann würden die Galeaner abgeschlachtet werden. Wenn keiner dieser Männer zurückkehrte, würde es lange dauern, bis andere ausgesandt wurden. Wenn überhaupt.

Selbst wenn, bis dahin wäre es längst zu spät. Sie wäre längst die Pässe hinauf und darüber hinweg, über die sie gekommen war, wo der Wind heulte und den Schnee unablässig verwehte, und ihre Fährte war nicht mehr auffindbar. Niemand wüßte, wohin sie geritten war. Berge und Wälder zogen sich endlos hin, und die letzte Spur, die man von ihr gesehen hatte, deutete geradewegs in die entgegengesetzte Richtung ihres eigentlichen Zieles. Die im Lager Zurückgebliebenen würden darauf vertrauen, daß diese Soldaten sie früher oder später einholen würden, und in Anbetracht der Aussicht, in nur wenigen Tagen auf Beutezug gehen zu können, würden sie ihr Augenmerk darauf richten.

Durch Schnee gedämpfter Hufschlag holte ihre Gedanken in die Gegenwart zurück. Die Männer hatten das ebene Gelände erreicht und jagten wieder in vollem Tempo voran. Gleichmäßig schob Kahlan sich immer weiter rückwärts zwischen die Bäume, rüttelte Äste und bedeckte ihre Spur, und näherte sich jenem Pfad, den sie auf ihrem Weg zur Armee der Imperialen Ordnung eingeschlagen hatte. Der Lärm der Verfolgertruppe hatte sie fast erreicht.

Kahlan beugte sich weit vor und strich dem Pferd mit dem Arm über den Hals. Dann flüsterte sie ihm etwas in die Ohren, die sich beim Klang ihrer Stimme nach hinten drehten.

»Still jetzt, Nick. Bitte rühr dich nicht und mach auch kein Geräusch.« Sie strich ihm wieder über den verschwitzten Hals. »Guter Junge. Still jetzt.«

Ihr kam es vor, als müßte jeder deutlich ihr Herz schlagen hören.

Die Verfolger hatten sie erreicht. Sie jagten ihre Spur entlang, direkt vor ihr, durchbrachen in vollem Tempo den Schirm aus Bäumen zu ihrer Linken, keine zehn Meter entfernt. Kahlan hielt den Atem an. Sie hörte das helle Schlagen der Hufe, als sie auf das abschüssige Eis gerieten, das sich im Schatten des Mondes hinter jenen Bäumen verbarg, hinter ihrer falschen Fährte. Diese führte zwischen den Bäumen bis an den Rand eines steilen, felsigen Bachbettes, wo das Wasser, wäre es nicht gefroren, über einen Abhang in die Tiefe stürzen würde.

Es war ein kleiner Bach, doch beim Gefrieren war immer mehr Wasser über das bereits gefrorene geschäumt und gesprudelt und hatte die Stelle in einen Eispalast verwandelt. Schnee war gleich nach dem Fallen fortgespült worden, wodurch die runden, nach unten geneigten Eisbuckel rutschig geworden waren.

Nachdem die Männer zwischen den Bäumen hervorgebrochen waren, blieben ihnen kaum sechs Meter, ihren ungestümen Vorwärtsdrang vor dem Abgrund abzubremsen, bevor Eis und Felsen endeten und nur noch dünne Luft dahinter lag. Zudem mußten sie dies auf kaskadenartig aufgetürmten Eishügeln bewerkstelligen. Wäre das Eis glatt wie ein See, hätten die Pferde ihre Hufe hineinstemmen und versuchen können, schliddernd zum Stehen zu kommen. Doch diese Fläche war nicht eben, und sie hatten keine Chance, als sie in vollem Schwung ausglitten und rutschten, abglitten und stolperten.

Kahlan hörte das Knacken brechender Pferdebeine, als die in Spalten eingeklemmten Pferdehufe die Tausende von Pfunden Muskelfleisch, die in höchstem Tempo vorwärtsdrängten, nicht halten konnten. Die sattellosen Reiter waren hilflos.

Die Männer feuerten ihre Pferde aufmunternd an, und wer hinten ritt, erkannte in dem Gebrüll nicht rasch genug den Wechsel von Wut zu Entsetzen. Die Hinteren brachen krachend in die Vorderen hinein, stürzten übereinander und schossen aneinander vorbei. Sattellos, ohne Halfter und Schlachtkandaren, konnten die Reiter ihre Tiere nicht beherrschen und wurden hilflos nach vorn geschleudert.

Einige sprangen von ihren Pferden, als sie durch die Bäume brachen und erkannten, was vor ihnen lag, doch ihr Schwung war zu groß, die verbliebene Strecke zu kurz, ihr Schicksal unausweichlich. Die hinteren Pferde stürzten über die bereits gefallenen, die verzweifelt nach Halt suchten. Es gab keinen. Ein Wasserfall aus lebendigem Fleisch ergoß sich über den Rand des Abgrunds.

Kahlan saß still, hatte ihre Konfessorenmiene aufgesetzt und lauschte auf die Schreie von Mensch und Pferd, die sich zu einem langgezogenen Klagelaut vermengten, während diese hinter dem Berg verschwanden. Nach wenigen Sekunden war es vorbei. Mehr als fünfzig Mann mitsamt ihren Pferden waren in den Tod gestürzt.

Als die Nacht für eine Weile stillgeblieben war, stieg sie ab und ging zurück zum Rand der Eiskaskade, in weitem Bogen, um ihre falsche Fährte von allen abzweigenden Spuren frei zu halten. Im trüben Licht konnte sie die dunklen Blutflecken auf den Eiskuppen erkennen. Blut von gebrochenen Beinen, Blut aus aufgeplatzten Schädeln. Von den Feinden befand sich keiner mehr oberhalb des Abgrunds.

Sie wollte gerade kehrtmachen und zurückgehen, als sie ein verzweifeltes, tiefes Stöhnen hörte. Kahlan zog ihr Messer und schob sich vorsichtig zentimeterweise an die Quelle des Geräuschs heran, zum Abgrund. Sie klammerte sich an einen stämmigen Ast und beugte sich über die abschüssige Eiskaskade. Der Bodensatz des Waldes war im Eis festgefroren, Äste und Blätter hatten einen kleinen Damm am Rand gebildet, der mit den Anwachsen des Eises überfroren war. Ein paar Äste ragten aus dem eisigen Wall heraus.

Um einen dieser Äste hatten sich Finger gekrallt. Ein Mann klammerte sich mit letzter Kraft an den Ast, seine Beine baumelten über einem Abgrund von fast dreihundert Metern Tiefe. Ächzend vor Anstrengung versuchte er, seine Füße in das Eis zu stemmen, doch es war zu glatt, um ihm Halt zu bieten.

Kahlan stand an der Kante, den Ast als Halt umklammert, und beobachtete ihn fröstelnd. Wasser rann tröpfelnd über das Eis, über sein Gesicht, klebte ihm die Haare an den Kopf und durchtränkte seine keltonische Uniform. Ihm klapperten die Zähne.

Er hob den Kopf und sah sie über sich im Mondlicht. »Hilf mir! So hilf mir doch, bitte!« Er konnte kaum älter sein als sie.

Sie musterte ihn ohne Mitgefühl. Er hatte große Augen, die Art von Augen, bei denen junge Frauen mit Sicherheit ins Schwärmen gerieten. Die jungen Frauen in Ebinissia waren beim Anblick dieser Augen allerdings mit Sicherheit nicht ins Schwärmen geraten.

»Im Namen der Guten Seelen, so hilf mir doch!«

Kahlan ging in die Hocke, rutschte näher an ihn heran. »Wie ist dein Name?«

»Huon! Ich heiße Huon! Und jetzt hilf mir endlich!«

Kahlan legte sich flach auf das Eis, hakte einen Fuß in einen Wurzelknoten und klammerte sich mit einer Hand fest an den stämmigen Kiefernast. Die andere Hand streckte sie ein Stück weit vor, doch nicht weit genug, daß Huon sie ergreifen konnte.