Die Dämmerung verwandelte den Himmel in ein stählernes Grau. Es war wärmer als zuvor, jetzt, da die Wolken das Land wie eine wärmende Decke überzogen. Sie saß todmüde im Sattel, während Nick durch den Schnee ins Lager stapfte, doch als sie in Sichtweite der geschäftigen Männer kam, rüttelten sie die Gedanken an das, was es zu erledigen galt, wieder auf.
Chandalen, Prindin, Hauptmann Ryan und Leutnant Hobson unterhielten sich gerade mit einer Gruppe Soldaten, als sie sie aufs Lager zureiten sahen. Die vier kamen im Laufschritt angerannt, um sie am Rand des hektischen Treibens zu begrüßen. Männer bereiteten Speisen zu, aßen, verstauten Ausrüstungsgegenstände, präparierten Waffen und sahen nach Karren und Pferden. Ein Stück entfernt entdeckte sie Tossidin in einem Wolfsumhang zusammen mit Leutnant Sloan. Er fuchtelte mit seinen Armen und redete, etwas erklärend, auf Männer ein, die schweigend dastanden, während ihre Speere senkrecht im Schnee steckten und in ihrer Zusammenballung aussahen wie ein dunkles Stachelschwein, das sich vor dem weißen Hintergrund abhob.
Kahlan stieß ein müdes Stöhnen aus, als sie vor den vier Männern abstieg, die ihr entgegengekommen waren. Andere Männer ringsum setzten ihre Arbeiten fort, bewegten sich jedoch langsamer, während sie sie mit großem Interesse beobachteten. Die vier vor ihr starrten sie freimütig aus großen Augen an. Keiner sagte ein Wort.
»Was starrt ihr mich alle so an?« fragte sie ein wenig aufbrausend.
»Mutter Konfessor«, sagte Hauptmann Ryan, »Ihr seid völlig blutverschmiert. Seid Ihr verletzt?«
Kahlan blickte am weißen Wolfspelz ihres Umhangs hinab, nur war er nicht mehr weiß. Erst jetzt bemerkte sie, wie sich ihr Gesicht unter eingetrocknetem Blut spannte, ihr Haar steif davon war.
»Oh«, meinte sie in gemäßigterem Ton. »Alles in Ordnung. Mir geht es gut.«
Chandalen und Prindin seufzten erleichtert auf.
Leutnant Hobson, die Augen noch immer weit aufgerissen, schluckte. »Was ist mit dem Zauberer? Habt Ihr ihn gesehen?«
Sie zog eine Braue hoch und sah ihn an. »Was Ihr an mir seht, ist das, was von ihm übrig ist.«
Chandalen taxierte sie mit einem stolzen Lächeln. »Und wieviel hast du außerdem noch umgebracht?«
Kahlan zuckte müde mit den Achseln. »Ich hatte alle Hände voll zu tun. Ich habe mir nicht die Zeit genommen, sie zu zählen, aber alles in allem, die Brände eingeschlossen, gut über hundert, denke ich. Der Zauberer ist tot, das allein zählt. Zwei ihrer Kommandanten ebenfalls, und wenigstens zwei weitere sind verwundet.«
Hauptmann Ryan und Leutnant Hobson wurden blaß.
Chandalens stolzes Lächeln wurde breiter. »Ich bin überrascht, daß du für die anderen noch welche übriggelassen hast, Mutter Konfessor.«
Sie erwiderte sein Lächeln nicht. »Es sind noch reichlich übrig.« Kahlan rieb ihrem Pferd die Nase. »Die meiste Arbeit hat Nick erledigt.«
»Ich hab’ Euch doch gesagt, er wird Euch nicht im Stich lassen, Mutter Konfessor«, meinte Hobson.
»Das hat er wirklich nicht getan. Er war mir eine größere Hilfe als die Guten Seelen selbst. Er hat mir heute das Leben gerettet.«
Kahlan kniete vor den beiden galeanischen Offizieren im Schnee nieder. Sie senkte den Kopf.
»Ich denke, ich muß Euch um Vergebung bitten.« Sie ergriff von jedem eine Hand. »Ihr wißt zwar nicht, wie man das erreicht, was notwendig ist, aber Ihr habt Eure Pflicht den Midlands gegenüber über meine Befehle gestellt. Das war Mut in seiner höchsten Form. Ich möchte, daß Ihr alle wißt, daß ich mich geirrt habe. Ihr habt in edler Absicht gehandelt.« Sie küßte beiden die Hand. »Ich preise Eure aufrechten Herzen. Ihr habt vor allem anderen an Eure Pflicht gedacht. Ich bitte Euch, mir zu vergeben.«
Alles schwieg, während sie auf einem Knie hockte. Schließlich flüsterte Hauptmann Ryan ihr leise etwas zu.
»Mutter Konfessor, bitte. Erhebt Euch. Alle sehen her.«
»Erst, wenn Ihr mir vergeben habt. Ich will, daß jeder weiß, daß Ihr recht gehandelt habt.«
»Aber Ihr wußtet doch gar nicht, was wir taten oder warum. Ihr habt nur an unsere Sicherheit gedacht.« Kahlan wartete, und er schwieg einen Augenblick lang verlegen. »Also gut. Ich vergebe Euch … Aber macht das bitte nicht noch einmal.«
Sie erhob sich, ließ die Hände der beiden los und lächelte sie dünn und freudlos an. »Seht zu, daß dies das letzte Mal war, daß Ihr mir nicht gehorcht.«
Hauptmann Ryan nickte ernst. »Bestimmt.« Er schüttelte den Kopf. »Ich meine, nein, ich werde … wir werden tun, was Ihr befehlt, Mutter Konfessor.«
»Ich weiß schon, was Ihr sagen wollt, Hauptmann.« Sie stieß einen erschöpften Seufzer aus. »Wir haben eine Menge zu erledigen, bevor wir diese Männer angreifen.«
»Wir!« fuhr Chandalen dazwischen. »Wir sollten ihnen doch nur ein paar Dinge zeigen, und dann wollten ›wir‹ nach Aydindril aufbrechen! Wir dürfen uns auf keinen Fall in diesen Kampf hineinziehen lassen. Du hast bereits jetzt zuviel riskiert! Wir müssen…«
Kahlan unterbrach ihn. »Ich muß mit euch dreien sprechen. Holt Tossidin. Hauptmann, bitte laßt alle Männer antreten, auch die Posten. Ich will zu euch allen sprechen. Bitte wartet bei Euren Leuten. Ich werde gleich bei Euch sein. Und laßt ein Zelt für mich stehen. Ich brauche ein paar Stunden Schlaf, während alles vorbereitet wird.«
Sie entfernte sich ein Stück mit Chandalen im Schlepptau außer Hörweite des Lagers, während Prindin Tossidin holen ging. Als sie alle zusammen waren, richtete sie das Wort an die drei. Chandalen hatte eine finstere Miene aufgesetzt, die anderen beiden warteten regungslos ab.
»Die Schlammenschen«, begann sie mit gedämpfter Stimme, »besitzen Magie.«
»Wir besitzen keine Magie«, widersprach Chandalen.
»Doch, das tut ihr. Ihr haltet es nur nicht für Magie, weil ihr damit geboren werdet und es nicht anders kennt. Ihr wißt nichts von anderen Völkern, wißt nichts von ihrer Denkweise. Die Schlammmenschen können mit den Seelen ihrer Vorfahren sprechen. Sie können es, weil sie Magie besitzen. Andere Völker, andere Menschen, besitzen diese Fähigkeit, diese Magie nicht. Magie ist keine seltsame und mächtige Kraft, sie liegt einfach im Wesen mancher Menschen und Geschöpfe.«
»Andere können auch mit ihren Ahnen sprechen, wenn sie es wollen«, sagte Chandalen.
»Ein paar, ja, die meisten aber nicht. Für die ist es ein Sprechen mit den Toten, und das gilt als Magie. Beängstigende Magie. Du und ich, wir wissen, daß man vor ihr keine Angst zu haben braucht, aber andere wirst du nie davon überzeugen können, daß das gut ist, was du tust. Sie werden es immer für etwas Böses halten. Die Menschen glauben das, wonach sie erzogen wurden, und sie wurden erzogen zu glauben, daß das Reden mit den Toten etwas Böses ist.«
»Aber die Seelen unserer Vorfahren helfen uns«, wandte Prindin ein. »Sie schaden uns nie. Sie bringen uns immer nur Hilfe.«
Kahlan legte ihm eine Hand auf die Schulter und blickte in seine sorgenvollen Augen. »Ich weiß. Deswegen helfe ich dabei, andere von euch fernzuhalten, damit ihr so leben könnt, wie es euch gefällt. Es gibt ein paar andere Völker, die mit ihren Ahnen sprechen, so wie ihr, und auch sie besitzen diese Magie. Es gibt andere Völker und andere Geschöpfe, die über eine andere Art von Magie verfügen als ihr, die für sie aber ebenso wichtig ist, wie eure für euch.« Sie sah jeden einzeln an. »Versteht ihr das?«
»Ja, Mutter Konfessor«, meinte Tossidin.
Prindin nickte zum Zeichen, daß er derselben Meinung war. Chandalen murrte und verschränkte die Arme.
»Wichtig ist allerdings nicht, ob das, was ihr besitzt, als Magie bezeichnet werden kann. Ihr sollt nur begreifen, wie wichtig es ist, ob andere euer Tun als Magie ansehen. Viele fürchten sich vor Magie. Sie halten euch für böse, weil ihr diese Magie praktiziert.«
Kahlan zeigte in die Richtung der Armee der Imperialen Ordnung. »Diese Männer, die wir jagen, die all die Menschen in der Stadt getötet haben, sie haben sich für ein bestimmtes Ziel zusammengetan. Sie wollen über alle Völker der Midlands herrschen. Sie wollen nicht, daß auch nur eins von ihnen so lebt, wie es möchte, sondern alle sollen sich ihrer Herrschaft beugen.«