»Warum sollten sie die Schlammenschen beherrschen wollen?« fragte Prindin. »Wir haben nichts, das sie wollen könnten. Wir bleiben auf unserem Land.«
Chandalen faltete seine Arme auseinander und sprach mit gedämpfter Stimme. »Sie fürchten sich vor Magie, und sie wollen uns daran hindern, mit unseren Vorfahren zu sprechen.«
Kahlan drückte ihm die Schulter. »Genau. Aber mehr noch, sie glauben, sie seien den Seelen, an die sie glauben, verpflichtet, euch alle umzubringen. Sie wollen alle, die Magie anwenden, töten, weil sie glauben, Magie sei etwas Böses. Sie glauben, ein Volk wie ihr besitzt Magie.« Ihr Blick fand Chandalens Augen. »Wenn sie nicht bis auf den letzten Mann getötet werden, wie die Jocopo, werden sie früher oder später kommen und die Schlammenschen vernichten — genau wie sie die Stadt Ebinissia zerstört haben.«
Die drei Männer blickten nachdenklich zu Boden. Sie wartete, bis sie sich überlegt hatten, was sie sagen wollten. Schließlich ergriff Chandalen das Wort.
»Und sie würden andere Völker töten, die wie die Schlammenschen für sich leben wollen?«
»So ist es. Ich habe mit Männern aus dieser Armee gesprochen. Sie sind wie Wahnsinnige. Sie klingen, als wären sie von bösen Seelen heimgesucht worden, wie die Bantak. Wie die Jocopo. Sie hören nicht auf die Stimme der Vernunft. Sie glauben, wir sind es, die auf die bösen Seelen hören. Sie werden ihre Drohung wahrmachen. Du hast die Stadt gesehen, die sie zerstört haben, und du hast gesehen, wie groß die Armee war, die sie verteidigt hat. Das ist keine leere Drohung.
Ich muß nach Aydindril, damit ich eine Armee für den Kampf gegen diese Männer aufstellen kann. Die Ratsmitglieder müßten bereits damit begonnen haben, trotzdem muß ich dorthin, um mich zu vergewissern, ob man das Ausmaß der Bedrohung erkannt hat und ob sich alle Völker der Midlands in dieser Notlage zusammentun.
Doch im Augenblick stehen außer diesen jungen Männern keine Streitkräfte für den Kampf gegen diese Männer bereit. Städte werden zerstört werden, bevor Hilfe eintreffen kann. Schlimmer noch, die Bedrohung, die diese Männer darstellen, wird manchen dazu bringen, sich ihnen anzuschließen. Einige betrachten Ehre als etwas Lästiges und werden sich auf die Seite jener Armee schlagen, die ihrer Ansicht nach gewinnen wird. Das wird ihre Truppen zusätzlich verstärken.
Es werden noch viele sterben, bevor Aydindril Truppen aussenden kann, um diese Männer aufzuspüren und zu besiegen. Wir müssen diese jungen Männern auffordern, sich jetzt dem Kampf anzuschließen, bevor noch mehr Unschuldige niedergemetzelt werden. Diese jungen Männer haben sich freiwillig zu Kriegern ausbilden lassen — so wie ihr — um ihr Volk sowie alle anderen Völker der Midlands zu beschützen. Wir müssen ihnen dabei helfen. Wir dürfen nicht zulassen, daß diese Armee des Bösen mordend und zerstörend durch die Midlands zieht und dabei immer mehr Menschen auf ihre Seite bringt.
Wir müssen diesen Kampf mit diesen jungen Männern beginnen, ihnen helfen, ihnen zeigen, wie man kämpft. Wir müssen sicher sein, daß sie auch ohne unsere Anleitung weiterkämpfen. Bevor wir nach Aydindril aufbrechen, müssen wir sie in die allererste Schlacht führen, damit sie Vertrauen in die Kampfmethode gewinnen, die wir ihnen beibringen.«
Chandalen sah sie fest an. »Und du wirst den Blitz herbeirufen, um uns zu helfen?«
»Nein«, sagte Kahlan leise. »Ich habe es gestern abend versucht, aber es hat nicht funktioniert. Es ist schwer zu erklären, aber ich glaube, weil ich diese ganz besondere Art der Magie für Richard eingesetzt habe, funktioniert sie nur noch, wenn ich ihn beschützen will. Tut mir leid.«
Chandalen faltete seine Arme auseinander. »Wie hast du dann so viele getötet?«
Kahlan berührte seinen Arm, dort, wo sich das Knochenmesser befand. »Auf dieselbe Art, die dein Großvater deinem Vater beigebracht hat und er dir. Ich habe das getan, was sie nicht erwartet haben. Ich habe nicht auf ihre Art gekämpft.« Die beiden Brüder beugten sich aufmerksam vor, während sie sprach. »Sie trinken gern, und wenn sie betrunken sind, können sie nicht klar denken und werden langsam.«
Tossidin zeigte mit dem Daumen nach hinten. »Diese Männer trinken abends auch gern. Sie haben einen ganzen Karren voll Alkohol bei ihren Vorräten. Wir haben ihnen nicht erlaubt, etwas zu trinken. Ein paar waren deshalb böse. Sie meinten, es sei ihr Recht.«
Kahlan schüttelte den Kopf. »Diese jungen Soldaten glaubten auch, es sei ihr Recht, geradewegs auf einen Feind loszumarschieren, der ihnen zehnfach überlegen ist, und sich mit ihm am hellichten Tag eine Schlacht zu liefern. Wir müssen ihnen hierbei helfen. Wir müssen ihnen beibringen, was zu tun ist.«
»Sie hören nicht gern zu.« Prindin blickte kurz über die Schulter nach hinten, zu den Männern, die er zu unterrichten versucht hatte. »Immer wollen sie widersprechen. Sie sagen: ›Das wird aber so gemacht‹ und ›Wir müssen das aber so machen‹. Sie kennen nur die Art, die man ihnen beigebracht hat, und lassen sich nichts anderes sagen.«
»Und doch müssen wir genau das tun«, sagte Kahlan. »Wir müssen sie auf den Weg führen, der zum Erfolg führt. Deswegen brauche ich euch drei. Ich brauche euch, damit ihr mir hierbei helft, sonst werden viele Menschen, darunter schließlich auch die Schlammenschen, sterben. Ich brauche eure Hilfe. Ich muß sie in den Kampf führen.«
Chandalen schwieg und rührte sich nicht von der Stelle. Die beiden Brüder scharrten mit den Füßen im Schnee und dachten nach. Schließlich hob Prindin den Kopf.
»Wir werden helfen. Mein Bruder und ich, wir werden tun, was du verlangst.«
»Danke, Prindin, aber du bist es nicht, der die Entscheidung fällen muß. Chandalen muß seine Zustimmung geben. Die Entscheidung liegt bei ihm.«
Die beiden sahen ihn von der Seite an, während er Kahlan wütend anfunkelte. Schließlich schnaubte er voller Wut.
»Du bist eine halsstarrige Frau. Du bist so halsstarrig, und man wird dich töten, wenn wir drei dir nicht ein wenig Vernunft beibringen. Wir werden mit dir gehen, um diese bösen Männer zu töten.«
Kahlan stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Ich danke dir, Chandalen.« Sie bückte sich, hob eine Handvoll Schnee auf und wischte sich damit das getrocknete Blut aus dem Gesicht. »Und jetzt muß ich gehen und diesen jungen Männern erklären, was sie zu tun haben.« Sie schüttelte den Schnee von ihren Händen, als sie mit ihrem Gesicht fertig war. »Habt ihr drei letzte Nacht ein wenig Schlaf gefunden?«
»Ein wenig«, sagte Chandalen.
»Gut. Sobald ich mit ihnen gesprochen habe, brauche ich ein paar Stunden Schlaf. Ihr könnt beginnen, indem ihr ihnen zeigt, wie man ohne Karren reist. Sie müssen so stark werden wie ihr. Wir werden heute nacht mit dem Töten beginnen.«
Chandalen nickte entschlossen. »Heute nacht.«
40
Kahlan kletterte vor den versammelten Männern auf einen Karren. Sie standen dicht zusammengedrängt in braune Wolljacken gehüllt vor ihr im fahlen Morgenlicht. Hauptmann Ryan stand zusammen mit den beiden Leutnants an seiner Seite in der vordersten Reihe der Männer. Er hatte den Arm auf ein Karrenrad gestützt und wartete.
Kahlan blickte in all die jungen Gesichter. Jungen. Sie stand im Begriff, Kinder in den Tod zu bitten. Aber was hatte sie für eine Wahl?
Geliebte Mutter, fragte sie sich, ist dies der Grund, weshalb du Wyborn als meinen Vater ausgesucht hast? Damit er mir beibringen sollte, was ich jetzt im Begriff stehe zu tun?
»Ich fürchte, ich habe nur eine einzige gute Nachricht für euch«, begann sie mit ruhiger Stimme, die durch die kalte Luft getragen wurde, über all die Gesichter hinweg, die sie ansahen, »daher werde ich euch die zuerst mitteilen, um euch Mut zu machen für die anderen Dinge, die ich euch zu sagen habe.«