»Und ich«, sagte Kahlan, »wurde von seinem Vater, König Wyborn, ausgebildet. König Wyborn war auch mein Vater. Ich bin eine Halbschwester von Königin Cyrilla und Prinz Harold.«
Überall in der Menge war erstauntes Zischeln zu hören. Ohne den Blick von Mosle zu wenden, hob Kahlan die Hand und brachte das Getuschel dadurch zum Verstummen. »Doch das ist im Augenblick nicht von Belang. Ihr seid Soldaten. Es ist eure Pflicht, die Befehle eurer Kommandeure zu befolgen, die wiederum der Königin dienen, welche sich an die Befehle des Zentralrats der Midlands zu halten hat. Der Zentralrat der Midlands folgt den Befehlen der Mutter Konfessor.
Im Augenblick bekleide ich dieses Amt. Mein Familienname lautet Amnell, wie der eurer Königin, doch zuallererst entstamme ich einem Geschlecht von Konfessoren. Ich bin die Mutter Konfessor der Midlands, und wenn ich in dieser Funktion befehle, ihr sollt in einen See hineinmarschieren, dann ist es eure Pflicht, solange zu marschieren, bis ihr Wasser atmet und Fische vor den Augen habt. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Soldat?«
Ein paar andere stießen Mosle an und bedrängten ihn, ihre weiteren Zweifel auszusprechen. »Das bedeutet, daß Ihr uns befehligen könnt, aber das bedeutet nicht, daß Ihr auch wißt, was Ihr tut.«
Kahlan stieß einen Seufzer aus, strich ein paar blutverkrustete Strähnen nach hinten und hakte sie hinters Ohr. »Ich habe heute nicht Zeit, euch von meiner gesamten Ausbildung zu erzählen oder von all den aussichtslosen Kämpfen, die ich durchgestanden, oder den Männern, die ich dabei habe töten müssen.
Ich will euch nur erzählen, daß ich gestern abend allein in das Lager der Imperialen Ordnung geritten bin, um euch das Leben zu retten. Die Männer der Imperialen Ordnung, die D’Haraner, fürchten die Dinge der Nacht, die Geier, und als Schutz vor ihnen als Unterstützung hatten sie einen Zauberer in ihrem Gefolge. Hättet ihr im Vertrauen auf eure Strategiekenntnisse versucht, diese Männer anzugreifen, wäre dieser Zauberer lange zuvor über euer Vorgehen im Bilde gewesen und hätte vermutlich Magie eingesetzt, um euch alle zu töten.«
Mosles Gesichtsausdruck verlor nichts von seinem Trotz, doch einige der anderen fingen an, besorgt zu tuscheln. Gegen Stahl zu kämpfen war eine Sache, ein Kampf gegen Magie etwas völlig anderes.
Hauptmann Ryan trat einen Schritt nach vorn. »Die Mutter Konfessor hat den Zauberer getötet«, erklärte er voller Stolz. Aus den Reihen der Männer waren erleichterte Seufzer zu hören. »Ohne ihre Erfahrung wären wir in den Tod marschiert, ohne auch nur die Gelegenheit zu haben, die Klingen zu kreuzen. Ich für meinen Teil habe die Absicht, denen zu folgen, denen ich lebenslange Treue geschworen habe: meinem Land, meiner Königin, den Midlands und der Mutter Konfessor.
Wir werden dieser Bedrohung der Midlands ein Ende setzen, und wir werden es tun, indem wir denen folgen, denen wir Gefolgschaft geschworen haben. Wir ziehen unter dem Befehl der Mutter Konfessor in den Kampf.«
»Ich bin Soldat der galeanischen Armee!« Mosle schien eher noch trotziger zu werden. »Kein Soldat der Armee der Midlands! Ich kämpfe für Galea, aber ich beschütze keine Länder wie Kelton!« Kahlan mußte mitansehen, wie andere Männer ihr Zustimmung hinausbrüllten. »Diese Armee, die Imperiale Ordnung oder wie immer sie sich nennen, marschiert auf die Grenze zu. Cellion ist eine Grenzstadt, die größtenteils auf der anderen Seite des Flusses liegt, in Kelton! Die meisten Einwohner sind Keltonier! Wieso sollte ich für die Keltonier sterben?«
In der Menge kam es zu Streitereien. Hauptmann Ryan bekam einen roten Kopf. »Mosle, du bist eine Schande für …!«
Kahlan hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen. »Nein, Soldat Mosle sagt nur, was er denkt, und darum habe ich ihn gebeten. Ihr müßt mich verstehen, Männer. Ich befehle euch dies nicht. Ich bitte euch, für das Leben unschuldiger Menschen in den Midlands zu kämpfen. Zehntausende eurer Kameraden sind bereits in diesem Kampf gefallen. Ich würde nicht von euch verlangen, euer Leben für etwas zu opfern, an das ihr nicht glaubt. Die meisten, die in diesen Kampf ziehen, werden sterben.
Die Entscheidung liegt ganz bei euch. Niemand befiehlt euch zu bleiben. Wenn ihr euch aber entscheidet zu bleiben, dann nur unter meinem Kommando. Ich will niemanden bei uns, der nicht an das glaubt, was wir tun.
Entscheidet jetzt, ob ihr bei uns bleiben wollt oder nicht. Wenn nicht, dann seid ihr frei zu gehen, denn dann seid ihr euren Kameraden keine Hilfe.«
Ihre Stimme wurde kalt wie die Morgenluft. »Wenn ihr euch entscheidet, mit mir in diesen Krieg zu ziehen, dann werdet ihr die Befehle eurer Vorgesetzten befolgen. In den Midlands steht niemand rangmäßig höher als ich. Ihr werdet meinen Befehlen ohne Fragen Folge leisten, oder ihr werdet bestraft. Es steht zuviel auf dem Spiel, um Soldaten zu verschonen, die den Gehorsam verweigern.
Wenn ich etwas anordne, dann werdet ihr es tun, auch wenn ihr wißt, daß es euch das Leben kosten wird — denn dadurch werden sehr viel mehr Leben gerettet werden. Ich erteile keinen Befehl ohne triftigen Grund, ich werde allerdings nicht immer Zeit haben, sie zu erklären. Es ist eure Pflicht, auf eure Vorgesetzten zu vertrauen und zu tun, was sie befehlen.«
Sie streckte die Hand aus und umfaßte die jungen Männer mit einer ausladenden Geste. »Entscheidet euch also. Mit uns — oder nicht mit uns. Aber entscheidet euch heute für alle Zeit.«
Kahlan steckte ihre Hände zurück unter den warmen Pelzumhang und wartete schweigend, während die Männer miteinander debattierten und stritten. Gemüter erhitzten sich, und man leistete zornige Schwüre. Männer scharten sich um Mosle, andere entfernten sich von ihm.
»Also ich verschwinde!« rief Mosle den anderen zu. Er reckte die Faust in die Höhe. »Ich folge keiner Frau in den Kampf, ganz gleich, wer sie auch sein mag! Wer geht mit mir?«
Ungefähr sechzig oder siebzig Männer, die sich um ihn versammelt hatten, bekundeten jubelnd, daß sie zu ihm hielten.
»Dann geht«, befahl Kahlan. »Bevor ihr in einen Kampf verstrickt werdet, an den ihr nicht glaubt.«
Nachdem sie ihre Wahl getroffen hatten, warfen ihr Mosle und die Männer bei ihm wütende, verächtliche Blicke zu. Er trat großspurig vor. »Wir brechen auf, sobald wir unsere Sachen gepackt haben. Wir lassen uns nicht auf Euer Wort hin vertreiben.«
Die Männer aus der Menge drängten sich dazwischen. Bevor die ersten Schläge fielen, hob Kahlan die Hand. »Halt! Laßt sie in Frieden. Sie haben ihre Wahl getroffen. Laßt sie ihre Sachen zusammensuchen und dann gehen.«
Mosle machte kehrt und bahnte sich seinen Weg durch das Gedränge, seine neuen Gefolgsleute im Schlepptau. Kahlan zählte sie genau durch, als sie die Menge der angetretenen Soldaten verließen. Siebenundsechzig. Siebenundsechzig würden gehen.
Sie blickte hinaus in die Gesichter. »Noch jemand? Will noch jemand uns verlassen?« Niemand rührte sich. »Dann wollt ihr euch also alle an diesem Kampf beteiligen?« Ein gemeinsamer Jubelschrei erschallte. »So sei es denn. Ich wünschte, ich brauchte euch Männer nicht hierzu aufzufordern, aber es gibt sonst niemanden, den ich um Hilfe bitten könnte. Mein Herz trauert um die, die sterben werden. Ihr sollt wissen, daß niemand je das Opfer vergessen wird, daß ihr für sie und die Völker der Midlands erbracht habt.«
Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie die siebenundsechzig Männer zwischen den Karren hin und her liefen und sich von den Vorräten nahmen, was sie zu brauchen glaubten. »Und nun zu dem, was getan werden muß.«
Langsam schüttelte sie den Kopf. »Ihr Soldaten müßt uns begreifen: Es handelt sich nicht um eine ruhmvolle Schlacht, wie ihr vielleicht glaubt, wo ihr euch wie Figuren auf einem Spielbrett bewegt. Nicht um eine Taktik, mit der man den Gegner in einem grandiosen Gefecht überlistet. Sondern wir werden ihnen auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen, um sie auf jede nur erdenkliche Weise zu töten.«
»Aber Mutter Konfessor«, rief einer aus den vorderen Reihen, »es ist der Ehrenkodex der Soldaten, sich im Kampf gegenüberzustehen, den Gegner im fairen Kampf zu besiegen.«