Ein Teil der Lebensmittel, die zurückgelassen werden, soll auf einige der kleineren Karren gepackt werden, die weder bewaffnet noch gepanzert sind. Wir brauchen Freiwillige, die sie dem Feind bringen.«
Unter den Männern machte sich überraschtes, verwirrtes Gemurmel breit.
»Vor uns teilt sich die Straße. Sobald wir die Gabelung hinter uns haben und uns auf dem Weg nach Cellion befinden, werden die Karren mit den Lebensmitteln und dem gesamten Bier die andere Straße nehmen, und schließlich die kleineren Wege, um den Feind zu überholen. Dort werdet ihr ihnen mit diesen Karren auflauern, bis sich ihre Vorhut zeigt, und schließlich deren Weg kreuzen, so daß sie euch sehen. Wenn ihre Vorhut euch erspäht und verfolgt, laßt ihr die Karren zurück und flieht. Überlaßt ihnen die Vorräte und das Bier.
Die Imperiale Ordnung hat fast kein Bier mehr, und heute abend wird sie ihr Glück feiern. Die Männer werden sich betrinken. Ich will, daß sie betrunken sind, wenn wir sie angreifen.«
Dieser Plan rief Jubel unter den Männern hervor.
»Eins sollt ihr wissen: Wir werden sein wie ein Rudel Wölfe, das versucht, einen Bullen zu reißen. Wir sind zwar nicht stark genug, dies mit einem einzigen, tödlichen Streich zu tun, aber wir werden ihm bis zur Erschöpfung zusetzen, ihn zu Boden zerren und ihn töten. Dies wird keine einzelne Schlacht werden, sondern ein stetes Nagen an seiner Flanke, bei dem wir ihm jedesmal einen kleinen Brocken herausreißen, ihn verwunden, schwächen und ausbluten lassen, bis wir schließlich die Oberhand gewinnen und die Bestie töten können.
Heute abend werden wir im Schutz der Dunkelheit in ihr Lager schleichen und blitzschnell zuschlagen. Es muß eine geordnete Aktion werden, kein blindwütiges Gemetzel. Wir werden über eine Liste von Zielen verfügen. Unsere Absicht ist es, den Bullen zu schwächen. Ich habe ihn bereits teilweise geblendet, indem ich den Zauberer getötet habe.
Die Posten und Beobachter werden zuerst überwältigt. Wir werden so viele Männer wie wir können in ihre Kleider stecken. Diese Männer werden in das Lager gehen und unsere Ziele auskundschaften.
Zuallererst müssen wir ihre Fähigkeit zum Gegenschlag mindern. Ich will nicht, daß wir von Kavallerie überrannt werden. Wir müssen also ihre Pferde unschädlich machen. Es hat keinen Sinn, Zeit darauf zu verschwenden, sie zu töten. Es genügt, ihnen die Beine zu brechen. Wir müssen ihre Lebensmittel vernichten. Unsere Armee ist klein genug, um sich von der Jagd, durch Beutezüge und durch Käufe von umliegenden Farmen und Dörfern zu ernähren, eine Armee ihrer Größe jedoch hat einen immensen Bedarf. Die Vernichtung ihrer Lebensmittel wird sie schwächen.
Wir müssen ihre Pfeil- und Federmacher, ihre Bogner und Schmiede töten und alle Handwerker, die Bogen, Pfeile und andere Waffen herstellen und reparieren können. Sie werden säckeweise Gänsefedern besitzen, mit denen sie ihre Pfeile befiedern. Diese müssen gestohlen oder verbrannt werden. Jeder Pfeil, der nicht gemacht wird, ist ein Pfeil, der uns nicht töten kann. Bogenhölzer müssen zerstört werden. Vernichtet ihre Trompeten, wo ihr sie findet, und obendrein die Trompeter. Das wird ihnen die Stimme und den Zusammenhalt nehmen.
Ihre Lanzen, Hellebarden und Argone werden ordentlich zusammengestellt sein. Fünf Sekunden und ein paar Hiebe mit der Axt werden eine große Zahl von ihnen zerstören. Schwere Äxte oder Hämmer werden die Argone zumindest verbiegen und unbrauchbar machen. Jede zerbrochene Lanze, jeder zerbrochene Speer ist ein Speer, der euch nicht töten kann. Wir wollen ihre Zelte verbrennen, um sie der Kälte auszusetzen, ihre Karren verbrennen, so daß sie Gerät jeder Art verlieren.
Von größter Wichtigkeit sind die Offiziere. Ich würde heute abend lieber einen Offizier töten als tausend Mann. Wenn wir ihre Offiziere töten können, wird das sie träge und langsam machen, und es wird leichter werden, den Bullen zu Boden zu zerren.
Wenn irgendeinem von euch noch etwa anderes einfällt, tragt die Ideen mir oder Hauptmann Ryan oder den anderen Offizieren vor. Heute abend ist es nicht in erster Linie unser Ziel, Soldaten zu töten, davon gibt es zu viele. Unser Ziel wird sein, sie zu behindern, sie zu schwächen, sie langsam zu machen, ihnen ihre Siegesgewißheit zu nehmen.
Vor allem jedoch wollen wir ihnen beibringen, was Angst ist. Diese Männer sind es nicht gewohnt, Angst zu haben. Wenn Männer Angst haben, machen sie Fehler. Diese Fehler werden es uns erlauben, sie zu töten. Ich habe vor, ihnen einen Schrecken einzujagen. Später werde ich euch sagen, wie.
Euch bleiben nur wenige Stunden, um alles vorzubereiten, dann werden wir uns in Bewegung setzen. Ich will Posten in doppelter Entfernung. Noch vor ihnen will ich Beobachter, außerdem will ich Kundschafter, die die Imperiale Ordnung nicht aus den Augen lassen. Ich will jederzeit wissen, wo sie sich befinden. Ich will fortlaufend Berichte. Ich will durch nichts überrascht werden. Ich will über alles, was ihr seht, was euch begegnet, informiert werden, ganz gleich, wie belanglos es erscheint. Springt ein Kaninchen zu hoch, ich will es wissen. Ich will nicht, daß sie uns überlisten, wie wir dies mit ihnen vorhaben. Nehmt nichts als selbstverständlich hin.
Mögen die Guten Seelen mit euch sein. Und jetzt fangt an.«
Die Männer setzten sich alle in Bewegung, die Luft war angefüllt von Schritten wie Unterhaltungen. Einer der Leutnants stand in der Nähe, knöpfte seine Jacke auf und gab einigen der Männer ringsum Befehle.
»Leutnant Sloan.« Er hob den Kopf, als die Männer, denen er einen Auftrag gegeben hatte, an die Arbeit gingen. »Kümmert Euch augenblicklich um die Posten und die Beobachter. Ich möchte, daß jeder Eurer Männer, der weiß, wie man weiße Farbe oder Tünche herstellt, die dazu notwendigen Dinge zusammensucht. Wir brauchen irgendwelche großen Bottiche. Ich will, daß Steine heiß gemacht werden, mit denen Zelte beheizt werden können.«
Er stellte ihre eigenartigen Anweisungen nicht in Frage. »Ja, Mutter Konfessor.«
»Kümmert Euch darum, daß die kleinen Karren mit dem Bier und den Lebensmitteln zurechtgemacht werden, aber haltet sie zurück, bis ich den Befehl zur Abfahrt gebe.«
Er schlug kommentarlos die Faust vor die Brust und marschierte von dannen, um seine Aufgaben zu erledigen.
Kahlans Beine fühlten sich an, als könnten sie jeden Augenblick nachgeben. Weil sie keinen Schlaf bekommen und den größten Teil der Nacht im Sattel zugebracht hatte — ganz zu schweigen von der Arbeit, die sie getan, und der Angst, die sie ausgestanden hatte — war sie so müde, daß sie kaum noch richtig sehen konnte. Ihre Schulter schmerzte dort, wo sie der Rückstoß der Lanze getroffen hatte. Die Muskeln ihres linken Beins zitterten von der Anstrengung des bloßen Stehens.
Auch geistig war sie erschöpft. Eine beklemmende Sorge, nicht nur wegen der Ungeheuerlichkeit ihrer Entscheidung, es allein auf sich zu nehmen, die Midlands in den Krieg zu schicken, sondern auch wegen ihrer leidenschaftlichen Bitte an diese Männer, ihr Leben auf ihr Wort hin zu riskieren, untergrub zusätzlich ihre Kraft. Trotz des ungewöhnlich warmen Tages zitterte sie unter ihrem Pelzumhang.
Hauptmann Ryan trat neben sie. Chandalen, Prindin und Tossidin standen am hinteren Ende des Karrens und sahen zu.
Hauptmann Ryan feixte ihr verschmitzt zu. »Gefällt mir.«
Er sprang hinunter und bot ihr die Hand. Sie ignorierte die Hand, sprang wie er hinunter und hielt sich, mehr durch Glück als alles andere, aufrecht auf den Beinen. Sie durfte sein Angebot nicht annehmen, nicht jetzt, nicht angesichts dessen, was sie vorhatte.
»Und nun, Hauptmann, werde ich Euch einen Befehl erteilen, der Euch nicht gefallen wird.« Sie sah ihm in seine blauen Augen. »Schickt Mosle und den Männern, die mit ihm gegangen sind, Soldaten hinterher. Schickt genug, damit Ihr sicher sein könnt, daß die Tat auch vollständig ausgeführt wird.«
»Die Tat?«
»Sie müssen getötet werden. Schickt einen Trupp los und sagt ihnen, sie sollen so tun, als wollten sie sich Mosles Leuten anschließen — damit sie nicht weglaufen, wenn Eure Leute sich nähern. Schickt Eure Kavallerie hinterher, aber nicht in Sichtweite, für den Fall, daß sie in die Wälder fliehen. Wenn sie umzingelt sind, tötet sie. Es sind sechsundsiebzig. Zählt die Leichen, um sicherzustellen, daß alle tot sind. Ich werde sehr ungehalten sein, sollte auch nur ein einziger entkommen.«