In der Stille, in der Ruhe, im Frieden ihres Geistes, entlud sie ihre Kraft in den Mann vor ihr, wie sie es schon unzählige Male getan hatte.
Ein Ruck ging durch die Luft, als sie mit voller Wucht in seinen Körper fuhr. Donner ohne Hall. Der Schnee um sie und Mosle wogte ringförmig von ihnen fort, hob und wälzte sich, bis seine Kraft sich verlor und er sich wieder legte.
Mosle, nicht mehr derselbe wie zuvor, fiel im feuchten Schnee vor ihr auf die Knie. Seine Stirn legte sich in Falten, aus panischer Angst, er könnte sie wegen des Knebels nicht bitten, ihn zu befehligen. Er sog Luft durch seine Nase, versuchte, von der panischen Angst ergriffen, ihr vielleicht zu mißfallen, Luft zu holen. Das Lager rings um sie verfiel in gelähmtes Schweigen, während sie zum Zentrum aller Aufmerksamkeit wurde. Kahlan entfernte den Knebel aus seinem Mund. »Bitte, Herrin, befehligt mich. Bitte sagt mir, was ich tun kann, um Euch zu dienen.«
Hunderte beklommener Gesichter ringsum verfolgten die Szene wie gelähmt. Kahlan blickte auf den Mann hinab, der vor ihr auf den Knien lag. Sie hatte ihre Konfessorenmiene aufgesetzt. »Ich wäre hocherfreut, William, wenn du mir die Wahrheit darüber verraten würdest, was du nach Verlassen dieses Lagers vorhattest.«
Er strahlte vor Glück. Immer mehr Tränen rannen über sein Gesicht, und er hätte vor Dankbarkeit ihre Beine umklammert, wären ihm nicht die Arme auf den Rücken gebunden gewesen.
»O ja, Herrin, bitte, laßt mich erklären.«
»Dann erklärt es mir, bitte.«
Es kam in einem einzigen sprudelnden Schwall heraus. »Ich wollte in das Lager dieser anderen Männer ziehen, der Imperialen Ordnung, wie Ihr sie nennt, und wollte sie fragen, ob ich mich ihnen anschließen könnte. Ich wollte alle meine Leute mitnehmen, damit auch sie sich ihnen anschließen konnten. Ich wollte ihnen von den galeanischen Rekruten berichten und von Euren Plänen, damit sie zufrieden mit uns wären und wir zu ihnen überlaufen dürften. Ich dachte, ihre Chancen stünden besser als Eure. Ich wollte nicht sterben, deshalb. Ich dachte, sie wären zufrieden mit uns, wenn ich ihnen Soldaten brächte, um ihre Reihen aufzufüllen. Ich dachte, wenn wir ihnen helfen, Euch zu vernichten, wären sie mit uns zufrieden.«
Plötzlich brach er in Schluchzen aus. »Oh, bitte, Herrin, es tut mir so leid, daß ich daran dachte, Euch ein Leid zuzufügen. Ich wollte, daß sie Euch töten. Oh, bitte, Herrin, sagt mir, wie ich Eure Vergebung erlangen kann. Ich werde alles tun. Bitte befehlt mir, und es wird getan. Bitte, Herrin, was verlangt Ihr von mir?«
»Ich möchte, daß du stirbst«, sagte sie leise in die eisige Stille hinein. »Auf der Stelle.«
William Mosle brach zusammen und kippte nach vorn, gegen ihre Stiefel, und schlug in quälenden Zuckungen um sich. Nach wenigen langen, qualvollen Sekunden lag er still, während ihm der letzte Atemzug rasselnd aus den Lungen wich.
Kahlans Blick glitt über Hauptmann Ryan hinweg zu Prindin, der hinter dem noch immer aschfahlen Leutnant Hobson stand. Auch Chandalen funkelte ihn wütend an. Sie sprach in seiner Sprache.
»Prindin, ich hatte dir aufgetragen, dafür zu sorgen, daß alle getötet werden. Warum hast du nicht getan, was ich gesagt habe?«
Er zuckte verlegen mit den Achseln. »Sie hatten sich abgesprochen. Hauptmann Ryan gab ihnen den Auftrag, die anderen zu töten, diesen hier jedoch zu dir zu bringen. Ich wußte das bei unserem Aufbruch nicht, sonst hätte ich dir davon erzählt. Sie hatten zweihundert Fußsoldaten und weitere hundert zu Pferd. Wie ich dir sagte, sie hatten sich abgesprochen, und ich glaubte, es nicht verhindern zu können, es sei denn, ich hätte ihn eigenhändig getötet. Doch dann wurde mir klar, sie würden mich dafür vielleicht töten, und dann könnte ich nicht in deiner Nähe sein, um dich zu beschützen. Abgesehen davon wußte ich, wie gut es ihnen tun würde, eine Lektion erteilt zu bekommen.«
»Konnte jemand fliehen?«
»Nein. Ich war ein wenig überrascht, wie gut sie ihre Arbeit getan haben. Es sind gute Soldaten. Sie haben etwas Schwieriges getan, unter Tränen, aber sie haben es gut gemacht. Niemand ist ihnen entkommen.«
Kahlan stieß einen langen Seufzer aus. »Verstehe, Prindin. Du hast richtig gehandelt.« Sie warf einen Seitenblick auf Chandalen. »Chandalen wird auch zufrieden sein.« Es war ein Befehl.
Prindin lächelte sie verkniffen und erleichtert an. Ihr wütender Blick wanderte zu Hauptmann Ryan.
»Zufrieden?«
Er stand steif da, bleich und mit großen Augen. »Ja, Mutter Konfessor.«
Sie ließ den Blick über die versammelten Männer schweifen. »Sind alle jetzt zufrieden?«
Ein Chor unzusammenhängend murmelnder Stimmen erhob sich: »Ja, Mutter Konfessor.«
Hatte es zuvor noch einige gegeben, die keine Angst vor ihr gehabt hatten, jetzt gab es keine mehr. Sie alle sahen aus, als würden sie schon auf das unerwartete Knacken eines Ästchens hin wie die erschrockenen Kaninchen in die Berge Reißaus nehmen. Für die meisten war dies das erste Mal, daß sie Magie erlebt hatten, und diese Magie war nicht voller Wunder und Schönheit gewesen, sondern furchterregend und häßlich.
»Mutter Konfessor?« sagte Hauptmann Ryan leise. Er hielt den Arm noch immer ausgestreckt, wie erstarrt, das angebotene Messer noch immer in der Hand. »Was werdet Ihr mit mir anstellen, weil ich Eure Befehle mißachtet habe?«
Sie blickte in sein blutleeres Gesicht. »Nichts. Dies ist Euer erster Tag als Soldat im Krieg gegen die Imperiale Ordnung. Die meisten von Euch waren von der Richtigkeit dessen, was ich befohlen habe, nicht überzeugt. Ihr habt noch nicht im Krieg gekämpft und die Notwendigkeit nicht erkannt. Ich will es dabei belassen, wenn Ihr nur Eure Lehre daraus gezogen habt.«
Hauptmann Ryan schluckte. »Vielen Dank, Mutter Konfessor.« Mit zitternder Hand ließ er das Messer zurück in seine Scheide gleiten. »Ich bin zusammen mit ihm aufgewachsen.« Er deutete auf die Leiche zu ihren Füßen. »Wir haben vielleicht eine Meile voneinander entfernt gewohnt, an derselben Straße. Wir sind immer zusammen fischen und auf die Jagd gegangen. Wir haben uns gegenseitig im Haus geholfen. An Feiertagen sind wir immer in unseren besten Kleidern in der gleichen Farbe ausgegangen. Immer haben wir…«
»Tut mir leid, Bradley. Es gibt nichts, was den Schmerz durch Verrat oder Verlust lindern könnte, außer der Zeit. Wie ich dir schon sagte, Krieg ist nicht fair. Würden die Soldaten der Imperialen Ordnung keinen Krieg führen, vielleicht wärst du dann heute mit deinem Freund beim Fischen. Gib der Imperialen Ordnung die Schuld und räche ihn, zusammen mit all den anderen.«
Er nickte. »Mutter Konfessor? Was hättet Ihr getan, wenn Ihr Euch geirrt hättet? Was hättet Ihr getan, wenn Mosle nicht vorgehabt hätte, zum Feind überzulaufen?«
Sie sah ihn so lange an, bis er den Kopf hob und ihren Blick erwiderte. »Wahrscheinlich hätte ich das Messer genommen, daß Ihr mir geben wolltet, und Euch getötet.«
Sie ließ ihn mit seinem leeren Gesichtsausdruck stehen und legte dem Mann neben ihm eine Hand auf die Schulter. »Leutnant Hobson, ich weiß, Eure Aufgabe war schwierig. Prindin hat mir berichtet, Ihr hättet sie gut erledigt.«
Er schien den Tränen nahe, brachte es aber trotzdem noch fertig, sich stolz in die Brust zu werfen. Sein Bart war nicht viel mehr als Flausen, bemerkte sie. »Vielen Dank, Mutter Konfessor.«
Sie drehte sich zu den Hunderten von Soldaten um, die herumstanden und zusahen. »Ich nehme an, ihr habt doch alle etwas zu tun?«
Als wären sie gerade aufgewacht, gerieten sie wieder in Bewegung, erst langsam, dann mit wachsendem Eifer.
Hobson salutierte mit der Faust auf seinem Herzen und wandte sich anderen Aufgaben zu. Der Mann, der Mosle hergebracht hatte, hob seine Leiche auf und schleppte sie davon. Andere gingen zu Chandalen und den beiden Brüdern und baten sie um Anweisungen. Hauptmann Ryan blieb allein bei ihr zurück und verfolgte, wie alle an ihre Arbeit gingen.