Ihre Beine fühlten sich schlapp und kraftlos an, wie Bogensehnen, die man die ganze Nacht draußen im Regen hatte stehen lassen. Wenn ein Konfessor seine Kraft im ausgeruhten und wachen Zustand einsetzte, war dies strapaziös. Sie einzusetzen, wenn er ohnehin schon erschöpft war, kostete gefährlich viel Kraft. Sie konnte sich kaum noch aufrechthalten.
Sie war bereits todmüde gewesen, nachdem sie die Nacht hindurch ins Feindeslager und zurück geritten war, gar nicht erst zu reden von dem Kampf mit ihnen. Sie brauchte mehr Schlaf, als sie bekommen hatte. Der Einsatz ihrer Kraft hatte ihr die Erholung durch das kleine Nickerchen genommen und mehr als das. Sie hatte einen Teil der ihr verbliebenen Kraft dazu benutzt, etwas zu tun, das eigentlich ohne sie hätte erledigt werden sollen.
Vielleicht lag es an der Kälte, vielleicht am Reisen unter solch strapaziösen Umständen, aber sie schien in der letzten Zeit müder zu sein als gewöhnlich. Vielleicht konnte sie Prindin bitten, ihr noch etwas Tee zu machen.
»Könnte ich Euch einen Augenblick sprechen, Mutter Konfessor?« fragte Hauptmann Ryan.
Kahlan nickte. »Was gibt’s, Hauptmann?«
Er schob seine aufgeknöpfte Wolljacke nach hinten und stopfte seine Hände in die hinteren Taschen. Er blickte fort und sah zu, wie ein paar Soldaten Wasserschläuche füllten. »Ich wollte nur sagen, es tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht.«
»Schon gut, Bradley Er war Euer Freund. Es fällt schwer, etwas Schlechtes über einen Freund zu denken. Ich verstehe das.«
»Nein, das ist es nicht. Mein Vater hat immer gesagt, daß ein Mann seine Fehler eingestehen muß, bevor er etwas Rechtes in dieser Welt zustande bringen kann.«
Er scharrte mit den Füßen im Boden und blickte sich um, schließlich sah er sie aus seinen blauen Augen an. »Mein Fehler war zu glauben, Ihr wolltet Mosles Tod, weil er sich Euch nicht untergeordnet hat. Ich dachte, Ihr hättet es aus Gehässigkeit getan. Ich habe einen Fehler gemacht, und es tut mir leid. Entschuldigt, daß ich so von Euch gedacht habe. Ihr wolltet uns beschützen, obwohl Ihr wußtet, daß wir Euch dafür hassen würden. Nun, ich hasse Euch nicht. Hoffentlich haßt Ihr mich nicht. Es ist mir eine Ehre, Euch in diesen Kampf zu folgen. Hoffentlich bin ich eines Tages so weise wie Ihr und habe wie Ihr den Mut, diese Weisheit auch zu nutzen.«
Sie stieß einen leisen Seufzer aus. »Ich bin kaum älter als Ihr, und doch gebt Ihr mir das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Ich bin erleichtert, versteht Ihr das? Das ist ein kleiner Trost bei all der Quälerei. Ihr seid ein guter Offizier und werdet es in dieser Welt weit bringen.«
Er lächelte. »Ich bin froh, daß wir uns wieder vertragen.«
Ein Mann näherte sich und wurde vom Hauptmann herangewinkt. »Was gibt’s, Sergeant?«
Sergeant Frost schlug sich zum Salut die Faust aufs Herz. »Wir haben ein paar Männer ausgesandt, und in einer verlassenen Scheune haben sie etwas zerstoßene Kreide und andere Dinge gefunden, die man zur Herstellung von Tünche braucht. Zudem haben wir ein paar Holzzuber, in denen wir sie anmischen können. Sie sind groß genug, um darin zu baden.«
»Wie viele Zuber habt ihr?« erkundigte sich Kahlan.
»Ein Dutzend, Mutter Konfessor.«
»Stellt die Zuber nebeneinander und schlagt ein Zelt um jeden auf. Nehmt die größten Zelte, die ihr habt, auch wenn es die Kommandozelte sind. Rührt die Tünche mit heißem Wasser an und legt die heißen Steine in die Zelte, damit es drinnen so warm wie möglich wird. Sagt mir Bescheid, wenn alles soweit ist.«
Seine offenkundige Frage für sich behaltend, salutierte der Sergeant und eilte davon, um sich der Angelegenheit zu widmen.
Hauptmann Ryan sah sie fragend an. »Was habt Ihr mit der Tünche vor?«
»Wir stehen gerade erst wieder auf freundschaftlichem Fuß miteinander; wir sollten uns das noch eine Weile nicht verderben. Ich werde es Euch verraten, sobald die Dinge vorbereitet sind. Sind die Karren bereit?«
»Ich denke schon.«
»Dann muß ich mich um sie kümmern. Habt Ihr die Posten und Beobachter ausgesandt?«
»Als allererstes.«
Auf dem Weg quer durch das Lager zu den Karren traten laufend Soldaten an sie heran. »Die Karrenräder, Mutter Konfessor. Wenn wir alles zerstören, sollten wir auch die Räder einschlagen« und »Ihre Kriegsstandarten, sollten wir sie nicht auch verbrennen, damit sie ihre Leute nicht um sie scharen können?« und »Könnten wir ihr Gepäck nicht in Brand stecken, damit die einfrieren, wenn es kälter wird?«
»Wenn wir Mist in ihr Trinkwasser schütten, müßten sie ihre Zeit damit verschwenden, Schnee zu schmelzen« und hundert andere Ideen, von absurden bis zu lohnenden. Sie hörte sich alle aufmerksam an, gab ehrlich ihre Meinung dazu kund und in einigen Fällen den Befehl, sie auszuführen.
Leutnant Hobson kam im Trab herbeigeeilt, eine Blechschale in der Hand. Das war das letzte, was sie brauchte.
»Mutter Konfessor! Ich habe etwas warmen Eintopf für Euch aufbewahrt!«
Strahlend überreichte er ihr im Gehen die Schale. Sie versuchte so zu tun, als sei sie dankbar. Er ging neben ihr her, beobachtete sie lächelnd. Sie zwang sich, einen Löffel voll zu kosten und ihm zu sagen, wie wunderbar es schmeckte. Sie konnte sich gerade weit genug beherrschen, den Löffel Eintopf bei sich zu behalten.
Nach dem Einsatz seiner Kraft brauchte ein Konfessor Ruhe. Manche brauchten Tage, sie ein paar Stunden. Ruhe, vorausgesetzt man fand sie, war für einen Konfessor das beste. Das bißchen Erholung durch die zwei Stunden Schlaf war jetzt dahin. Jetzt hatte sie keine Zeit mehr, und wahrscheinlich würde sie auch in dieser Nacht wenig Ruhe finden.
Was sie am wenigsten gebrauchen konnte, während sie ihre Kraft zurückgewann, war etwas zu essen. Es zog ihre Energie in den Magen, anstatt ihr ihre Kraft zurückzugeben. Sie mußte sich überlegen, wie sie sich um den Eintopf herumdrücken könnte, sonst würde das Essen zur Verlegenheit aller auf dem Boden enden.
Zum Glück erreichte sie die Karren, bevor sie einen weiteren Löffel zu sich nehmen mußte. Sie bat Leutnant Hobson, Chandalen und die beiden Brüder zu suchen und zu ihr zu bringen. Als er gegangen war, stellte sie die Schale auf dem Querholz des Wagens mit den Bierfässern ab und kletterte hinauf.
Sie winkte Hauptmann Ryan auf den Wagen, während sie zählte. »Holt ein paar Männer. Ladet die oberen Reihen ab, so daß wir an alle Fässer rankommen. Stellt die Fässer in der untersten Reihe auf und entfernt die Stopfen.« Als er Soldaten herbeiwinkte, die dabei helfen sollten, fragte sie: »Hat Chandalen Euch alle eine Troga machen lassen?«
Eine Troga war ein einfaches, festes Stück Kordel oder Draht mit Holzgriffen an beiden Enden und lang genug, daß man, wenn man es verdrehte, eine Schlaufe erhielt, die groß genug war, um sie einem Mann über den Kopf zu legen. Man setzte sie von hinten an, dann riß man die Griffe auseinander. War die Troga aus Draht, hatte man sie richtig zwischen den Halswirbeln plaziert, und hatte der Mann, der sie benutzte, genug Kraft in den Armen, konnte er mit seiner Troga jemanden enthaupten, ehe das Opfer noch Gelegenheit hatte, einen Laut von sich zu geben. Auch wenn sie nicht aus Draht war oder seine Arme nicht so kräftig, gab das Opfer keinen Mucks mehr von sich, bevor es starb.
Hauptmann Ryan griff hinten unter seine Jacke, holte eine Draht-Troga hervor und zeigte sie ihr. »Er hat sie uns vorgeführt, in aller Vorsicht, aber ich bin trotzdem froh, daß er sie nicht an mir demonstriert hat. Er meinte, er, Prindin und Tossidin würden sie dazu benutzen, die Posten und Beobachter auszuschalten. Er ist offenbar der Ansicht, wir könnten uns nicht so gut an sie heranschleichen wie er. Dabei haben viele von uns eine Menge Zeit mit Jagen zugebracht, außerdem sind wir geschickter…«
Hauptmann Ryan machte einen Satz und schrie auf. Chandalen hatten ihm einen Rippenstoß versetzt, nachdem er sich unbemerkt von hinten angeschlichen hatte. Der Hauptmann rieb sich die Rippen und warf dem feixenden Chandalen einen finsteren Blick zu. Prindin und sein Bruder kletterten auf den Karren, um beim Abladen der Fässer zu helfen.