»Hast du einen Wunsch, Mutter Konfessor?« fragte Chandalen.
Kahlan streckte die Hand aus. »Gib mir dein Bandu. Dein Zehnschrittgift.«
Er legte die Stirn in Falten und zog eine finstere Miene, griff jedoch in den Beutel an seiner Hüfte, holte das Knochenkästchen hervor und gab es ihr. Die Brüder holten ihre Kästchen ebenfalls hervor und reichten sie ihr.
»Wie viele kann ich damit vergiften? Wie viele Fässer kann ich in Gift verwandeln?«
Chandalen kletterte, auf dem Rand der runden Fässer balancierend, um Hauptmann Ryan herum. »Ihr wollt es in diese Getränke schütten?« Kahlan nickte. »Aber dann haben wir nichts mehr. Wir müssen es bei uns tragen. Vielleicht brauchen wir es noch.«
»Ich werde etwas für Notfälle übriglassen. Jeder, den wir auf diese Weise töten können, ist einer weniger, den wir bekämpfen müssen.«
»Aber vielleicht kommen sie dahinter, daß es Gift ist«, meinte Hauptmann Ryan. »Dann kriegen wir sie nicht einmal dazu, sich zu betrinken.«
»Sie haben Hunde«, sagte Kahlan. »Deswegen will ich ihnen auch etwas zu essen schicken. Sie werden den Hunden etwas von dem Fleisch vorwerfen, um zu überprüfen, ob es verdorben ist. Ich hoffe, sie sind beruhigt, nachdem sie das Essen an den Hunden ausprobiert haben, und so versessen auf das Bier, daß ihnen der Gedanke, sie könnten vergiftet werden, gar nicht erst in den Sinn kommt.«
Chandalen zählte im stillen die Fässer durch, dann richtete er sich auf. »Es sind sechsunddreißig. Zwölf für jedes unserer Bandu.« Er kratzte sich den schwarzen Haarschopf und dachte nach. »Es wird sie nicht töten, es sei denn, sie trinken viel, aber ihnen wird schlecht werden.«
»Wie schlecht? Was wird es bewirken?«
»Es wird sie schwächen. Ihnen wird übel werden. In ihren Köpfen wird es sich drehen. Vielleicht werden manche nach einigen Tagen an der Vergiftung sterben.«
Kahlan nickte. »Das wäre eine große Hilfe.«
»Aber das hier reicht längst nicht für alle ihre Soldaten«, wandte Hauptmann Ryan ein. »Nur einige werden davon trinken.«
»Ein Teil wird an die Einheit gehen, die es erobert hat. Der Rest wird zuerst unter den Offizieren aufgeteilt, und was übrigbleibt, geht an die Soldaten. Die Offiziere sind es, auf die ich es abgesehen habe.«
Sämtliche oberen Reihen waren abgeladen, so daß nur die untere Reihe übrigblieb, die die Männer so aufrichteten, daß die Stopfen entfernt werden konnten.
»Wieso sind sechs der Fässer kleiner?«
»Da ist Rum drin«, antwortete der Hauptmann.
»Rum? Das Getränk des Adels?« Kahlan mußte lächeln. »Die Kommandeure werden zuerst den Rum trinken.« Sie richtete sich wieder auf, nachdem sie in eines der Fässer hineingelinst hatte. »Werden sie es herausschmecken, Chandalen? Wird der Geschmack sie warnen, wenn ich in einige etwas mehr hineinfülle?«
Er steckte den Finger in eines der Rumfässer und leckte ihn ab. »Nein. Er ist stark genug. Er überdeckt den Geschmack von Bandu.«
Mit der Messerspitze teilte Kahlan das Gift aus Chandalens Kästchen in sechs Teile auf. Jedes Sechstel tat sie dann in eines der kleineren Fässer — in die mit dem Rum.
Chandalen sah ihr dabei zu. »In den kleineren Fässern wird sie diese Menge vermutlich bis zum Morgen töten, ganz sicher aber am nächsten Tag. Aber jetzt hast du nichts mehr für die anderen sechs.«
Kahlan gab Chandalen sein Knochenkästchen mit einem Rest des Bandu in den Ecken zurück und kletterte vom Rollwagen herunter. »Sechs der Bierfässer werden kein Gift enthalten, damit wir sicher sein können, daß der Rum diejenigen tötet, die ihn trinken.« Sie gab eine Messerspitze mit dem Gift aus Tossidins Kästchen in jedes der nächsten zwölf Fässer. »Mischt die Fässer durcheinander. Der Rum soll nicht ganz unten liegen. Womöglich sehen die Kommandeure ihn sonst nicht und greifen statt dessen zum Bier.«
Kahlan ging zu den letzten zwölf und öffnete Prindins Kästchen. Sie sah auf. »Viel hast du nicht. Was hast du mit deinem Bandu gemacht?«
Prindin sah aus, als wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte die Frage nicht gestellt. Er machte eine vage Handbewegung. »Als wir aufbrachen, habe ich nicht recht überlegt. Du hattest es eilig, daher habe ich vergessen nachzuschauen, ob mein Bandukästchen voll ist.«
Chandalen stemmte die Fäuste in die Hüften und funkelte ihn wütend vom Karren herab an. »Prindin, wie oft habe ich dir gesagt, du würdest deine Füße vergessen, wenn du ohne sie fortgehen könntest?«
»Macht nichts«, sagte Kahlan. Prindin wirkte erleichtert, als er sah, wie sie Chandalens Litanei ein Ende machte. »Dies wird sie krank machen. Das allein zählt.«
Während sie es in die Fässer füllte, hörte sie, wie Soldaten aus einiger Entfernung nach ihr riefen. Als sie das Pulver in das letzte Faß gerührt hatte, hob sie den Kopf und sah zwei riesige Zugpferde auf sich zugetrottet kommen. Stirnrunzelnd beobachtete sie, wie zwei Männer auf ihrem bloßen Rücken ritten und ihr etwas zuriefen.
Die beiden kräftigen Zugpferde wirkten in ihrem dicken, graubraunen Winterfell und dem dichten Flaum auf den Beinen schäbig. Sie trugen ihr Geschirr und ihre Kummete, nicht aber ihre Schwanzriemen. Mehrere Kettenschlaufen waren um die inneren Querhölzer jedes Kummets geschlungen. Die Männer ringsum betrachteten gebannt das eigenartige Bild.
Als die Pferde vor ihr zum Halt kamen, hakten die Reiter die Kettenschlaufen los und ließen sie zu Boden fallen. Dann erkannte Kahlan, daß die Pferde mit dieser Kette zusammengebunden waren, die man an den jeweils gleichen Haken an den Kummeten befestigt hatte. So etwas hatte sie noch nicht gesehen. Die beiden Reiter ließen sich zu Boden gleiten.
»Mutter Konfessor!« Ihr Grinsen ließ ihren Salut ein wenig albern erscheinen. Die beiden waren schlaksig, hatten kurzgeschorenes, braunes Haar. Keiner der beiden sah aus, als wäre er schon fünfzehn. Ihre Wolljakken hatten sie des wärmer werdenden Tages wegen aufgeknöpft; die Umformteile sahen an ihnen aus wie Jutesäcke an Schoßhündchen. Die beiden schienen vor Aufregung fast zu platzen. Sie blieben stehen, bevor sie zu nahe kamen, doch selbst ihre Angst vor Kahlan konnte ihre atemlose Erregung kaum dämpfen.
»Wie lauten eure Namen?«
»Ich bin Brin Jackson, und das hier ist Peter Chapman, Mutter Konfessor. Wir hatten eine Idee und wollten sie Euch vorführen. Wir glauben, daß es funktioniert. Wir sind sogar sicher. Es wird richtig gut klappen, ganz bestimmt.«
Kahlan sah von einem strahlenden Gesicht ins andere. »Was wird wie funktionieren?«
Brin hätte vor Freude, daß er gefragt wurde, fast einen Luftsprung gemacht. In der Hand wog er die Kette, die zwischen den beiden stämmigen Pferden im Schnee lag. »Das hier!« Er zerrte ein Stück Kette zu ihr und hielt es ihr hin. »Das wird funktionieren, Mutter Konfessor. Wir haben es uns selbst ausgedacht! Peter und ich.« Er ließ die schwere Kette zu Boden sinken. »Zeig es ihr, Peter. Zieh sie auseinander.«
Peter nickte grinsend. Er ließ die Pferde seitlich gehen, bis sich die schwere Kette aus dem Schnee hob. Das durchhängende Kettenstück pendelte zwischen den Kummethaken hin und her. Kahlan und sämtliche Soldaten in ihrer Nähe versuchten stirnrunzelnd zu begreifen, wozu diese spezielle Vorrichtung dienen mochte.
Brin zeigte auf die Kette. »Ihr habt gesagt, wir würden die Karren zurücklassen, aber Daisy und Pip wollten wir ganz bestimmt nicht alleine lassen. Das sind unsere Pferde hier — Daisy und Pip. Wir sind Fuhrleute. Wir wollten helfen und Daisy und Pip sinnvoll einsetzen, also haben wir ein paar der dicksten Zugketten genommen und Morvan gefragt, er ist der Schmied hier. Wir haben Morvan gebeten, ein paar von ihnen für uns zusammenzuschweißen.« Er nickte erwartungsvoll, als würde das irgend etwas erklären.
Kahlan neigte den Kopf ganz leicht in seine Richtung. »Das hat er also getan, und weiter?«