Brin breitete aufgeregt die Hände auseinander. »Ihr habt gesagt, wir müssen ihre Pferde außer Gefecht setzen.« Er konnte sich nicht helfen, er mußte kichern. »Dazu dient das hier! Ihr habt gesagt, wir werden nachts angreifen. Die Pferde werden in Reihen angepflockt sein. Wir werden mit Daisy und Pip an diesen Reihen entlanggaloppieren, einer auf jeder Seite, und die Kette wird die Beine unter ihnen wegbrechen! Wir erwischen die ganze Reihe in einem einzigen Schwung!«
Kahlan lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Sie sah zu Peter hinüber. Er nickte, war von der Idee ebenfalls begeistert. »Brin, die Pferde auf diese Weise zusammengekettet im Galopp eine Kette schleppen zu lassen, die sich verfängt, an schweren Gegenständen verfängt, erscheint mir sehr gefährlich.«
Die Begeisterung der beiden war nur wenig gedämpft. »Aber damit könnten wir ihre Pferde ausschalten! Wir schaffen es! Wir können sie für Euch erledigen!«
Kahlan sah kurz zu Hauptmann Ryan hinüber. Er zuckte mit den Achseln, als wollte er sagen, er wisse nicht, ob es funktionieren könnte oder nicht. Die anderen umstehenden Männer rieben sich das Kinn, während sie über die Konstruktion nachdachten.
»Das klappt niemals«, meinte Kahlan schließlich. Brins Schultern sanken noch ein Stück tiefer. »Es sind zu viele für euch. Ihr werdet mehr derart zurechtgemachte Pferde brauchen.« Brin und Peter hoben den Kopf und machten große Augen. »Ihr beide wißt, wie es gemacht wird. Ich möchte, daß ihr alle Zugpferde und Kutscher zusammentrommelt. Auf diese Weise läßt sich ihr Können am besten nutzen.
Nehmt euch von den Karren alles an Ausrüstungsgegenständen und Geschirr, was ihr benötigt. Wir lassen es ohnehin zurück. Ketten sollen gefertigt werden, und dann will ich, daß ihr den Rest des Tages übt. Ich möchte, daß ihr irgend etwas aufstellt, durch das ihr die Ketten hindurchschleppen könnt. Irgend etwas Schweres, damit sich die Pferde an euren Plan gewöhnen können. Ihr müßt solange üben, bis jedes Gespann eingespielt ist.«
Peter trat nach vorn und stellte sich neben den strahlenden Brin. »Wird gemacht, Mutter Konfessor! Ihr werdet sehen! Wir schaffen es! Ihr könnt auf uns zählen!«
Sie warf den beiden einen ernüchternden Blick zu. »Was ihr vorhabt, ist gefährlich. Aber wenn ihr es schafft, wird es für uns von großem Nutzen sein. Es könnte vielen von uns das Leben retten. Ihre Kavallerie ist eine tödliche Waffe. Nehmt eure Ausrüstung und übt. Im Ernstfall wird man versuchen, euch zu hindern, indem man euch tötet.«
Sie legten ihre Faust aufs Herz, diesmal mit hocherhobenem Kinn. »Wir werden uns darum kümmern, Mutter Konfessor. Ihr könnt auf die Kutscher zählen. Wir werden Euch nicht enttäuschen. Wir gehen jetzt die Pferde holen.«
Die Köpfe zusammengesteckt und aufgeregt tuschelnd, machten sie sich an die Arbeit. Kahlan beobachtete einen einzelnen Reiter in der Ferne, der durch das Lager galoppiert kam. Er hielt an, um eine Gruppe Soldaten etwas zu fragen. Sie zeigten in ihre Richtung.
»Sie sind erst seit ein paar Monaten bei uns«, meinte Hauptmann Ryan. »Es sind noch Kinder.«
Kahlan zog eine Braue hoch und sah ihn an. »Es sind Soldaten, die für die Midlands kämpfen. Als ich Euch das erste Mal sah, dachte fast ebenso über Euch. Jetzt kommt Ihr mir ein wenig älter vor.«
Er seufzte. »Vermutlich habt Ihr recht. Wenn sie es wirklich schaffen, wäre es hervorragend.«
Der galoppierende Reiter hatte sie erreicht und war schon von seinem Pferd gesprungen, bevor es ganz zum Stehen kam. Er salutierte flüchtig. »Mutter Konfessor.« Er verschluckte sich. »Ich bin Cynric, von den Posten.«
»Was gibt’s, Cynric?«
»Ihr habt gesagt, Ihr wollt über alles Bescheid wissen, also dachte ich, ich erstatte besser Bericht. Wir waren gerade dabei, vor einer Stunde etwa, die Posten zwischen hier und der Armee der Imperialen Ordnung aufzustellen, in der Nähe einer Straße, die den Jarapaß kreuzt, als eine Kutsche den Kreuzweg hinaufkam, aus der Richtung von Kelton. Wir wußten, daß Ihr alles wissen wolltet, was irgendwie ungewöhnlich ist, also haben wir die Kutsche angehalten. Ich dachte, ich erkundige mich besser, was wir Eurer Ansicht nach tun sollen.«
»Wer befindet sich in der Kutsche?«
»Ein altes Ehepaar. Irgendwelche reichen Kaufleute, das behaupten sie zumindest. Irgendwas mit Obstgärten.«
»Was hast du ihnen erzählt? Du hast ihnen doch nichts von uns erzählt, oder? Du hast ihnen doch nicht erzählt, daß wir eine Armee hier draußen haben, oder?«
Er schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Mutter Konfessor. Wir haben ihnen erzählt, daß es Gesetzlose in der Gegend gibt, und daß wir eine kleine Patrouille sind, die nach ihnen sucht. Und sie dürften den Paß erst überqueren, wenn ich bei meinem Kommandanten rückgefragt hätte! Ich habe gesagt, sie müßten warten, bis ich wieder da bin.«
Kahlan nickte. »Das war schlagfertig, Cynric.«
»Der Kutscher heißt Ahern. Er wollte sich mit uns anlegen und hat mit dem Gedanken gespielt, seinem Gespann die Zügel zu geben, bis wir ihm ein paar Klingen gezeigt haben. Dann kam der alte Mann aus der Kutsche gesprungen und hat uns beschuldigt, wir wollten ihn berauben. Er fing an, vor uns mit seinem Stock herumzufuchteln, als glaubte er, uns damit verscheuchen zu können. Wie auch immer, wir haben Pfeile auf ihn gerichtet, und er beschloß, lieber wieder in die Kutsche zurück zuklettern.«
»Wie lautet sein Name?«
Cynric verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und kratzte sich die Brauen. »Robin oder Ruben oder so ähnlich. Munterer alter Knabe. Ruben, glaube ich. Ruben Rybnik, so war sein Name, glaube ich.«
Kahlan seufzte und schüttelte den Kopf. »Das klingt nicht nach Spionen. Aber wenn die Imperiale Ordnung sie aufgreift und sie irgend etwas wissen, werden sie alles verraten, bevor die D’Haraner mit ihnen fertig sind.« Sie hob den Kopf. »Was tun sie hier draußen?«
»Der Alte behauptet, seine Frau sei krank, und sie wollten sie zu Heilerinnen nach Nicobarese bringen. Sie sah mir nicht gesund aus. Ich glaube, sie hatte die Augen ganz nach hinten verdreht.«
»Nun, sie befinden sich auf der Straße nach Nordwesten, über den Jarapaß, und die dürfte sie nicht in die Nähe der Imperialen Ordnung führen.« Sie strich sich eine Strähne ihres langen Haars aus dem Gesicht. »Aber bevor ich es wagen kann, sie laufen zu lassen, sollte ich am besten mit ihnen sprechen.«
Sie hatte noch keine drei Schritte gemacht, als Sergeant Frost von hinten angerannt kam. »Mutter Konfessor! Die Zuber mit der Tünche sind fertig! Die Zelte sind beheizt.«
Kahlan seufzte. Sie blickte von Sergeant Frost zu dem Posten Cynric, dann zu den anderen Männern, die geduldig darauf warteten, sie zu sprechen oder Anweisungen zu erhalten. Sie atmete noch einmal hörbar aus. »Hör zu, Cynric, ich habe keine zwei Stunden Zeit, nach dort draußen zu reiten. Tut mir leid, mir fehlt einfach die Zeit.«
Er nickte. »Jawohl, Mutter Konfessor. Was soll ich tun?«
Sie wappnete sich, dann gab sie den Befehl. »Tötet sie.«
»Mutter Konfessor?«
»Tötet sie. Wir wissen nicht mit Sicherheit, wer sie in Wahrheit sind, und dies ist zu wichtig, um sich um frei herumlaufende Fremde sorgen zu müssen. Wir können das Risiko nicht eingehen. Mach es rasch, damit sie nicht leiden.«
Sie wandte sich ab und drehte sich um zu Sergeant Frost.
»Aber Mutter Konfessor…«
Sie sah über ihre Schulter.
Cynric raffte ein längeres Stück Zügel zusammen. »Der Kutscher, Ahern, er hat einen königlichen Paß.«
Kahlan drehte sich wieder um und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Einen was?«
»Ein königliches Paßmedaillon. Es handelt sich um ein Medaillon, daß ihm Königin Cyrilla persönlich überreicht hat. Es besagt, daß er ein Held des Volkes von Ebinissia bei der Belagerung war und daß man ihm als Ehrung für seine Dienste in ganz Galea freies Geleit gewähren soll.«
»Die Königin selbst hat ihm diesen Paß ausgestellt?«
Cynric nickte. »Ich werde tun, was Ihr befehlt, Mutter Konfessor, doch mit diesem Medaillon hat die Königin ihm ihren Schutz zugesichert.«