Die Vorstellung entlockte ihm ein Lächeln.
»Würdet Ihr nun bitte einen Posten vor dem Zelt aufstellen? Und Euch dann um die Schwertkämpfer kümmern?«
Mit einem zaghaften Schmunzeln schlug er sich die Faust vor die Brust. »Selbstverständlich, Mutter Konfessor.«
Als Kahlan das Innere des warmen Zelts betrat, kam er bereits mit drei Männern zurück. Er machte ein Gesicht, so ernst, wie sie es noch nie bei einem Offizier gesehen hatte. »Und während die Mutter Konfessor sich im Bad befindet, werdet ihr mit dem Rücken zum Zelt stehen und keinen in die Nähe lassen. Ist das klar?«
»Jawohl, Hauptmann«, antworteten die drei erstaunten Soldaten wie ein Mann.
Drinnen, im Warmen, lehnte Kahlan das Schwert an den Zuber, streifte erst den Pelzumhang ab, dann ihre Kleider.
Ihr war schlecht vor Müdigkeit. Ihr Magen schien sich in Wellen zu heben und zu senken. Ihr drehte sich der Kopf, und sie mußte sich gegen die Übelkeit wehren, die sie in Schüben immer wieder überkam.
Sie fuhr mit der Hand durch die weiße Tünche. Sie war heiß wie ein wundervolles Bad. Doch dies war kein Bad. Eines nach dem anderen hob sie die Beine über den Rand und ließ sich in das seidigsanfte weiße Wasser gleiten. Ihre Brüste wurden in der milchigen Flüssigkeit leicht. Ein paar Minuten lang ließ sie die Arme über die Seiten des Zubers baumeln, schloß die Augen und tat, als wäre es ein heißes Bad. Sie wünschte sich so sehr, daß es ein Bad wäre. Doch das war es nicht.
Kahlan nahm das Schwert ihres Vaters in die Hand und hielt das Heft zwischen ihre Brüste, so daß die lange Klinge an ihrem Körper lag, auf ihrem Bauch, zwischen ihren Beinen. Sie schlug die Knöchel übereinander und spreizte leicht die Beine, so daß die Klinge ihr nicht in die Schenkel schnitt. Mit der anderen Hand hielt sie sich die Nase zu, preßte ihre Augen fest zusammen, holte tief Luft und tauchte unter.
42
Richard und Schwester Verna ritten weiter durch einen dunklen und feuchten, dumpfigen und stickigen Tunnel aus Grün. Die Straße stieg sanft an, dem summenden, betörenden Geräusch ferner Flöten entgegen. Äste, die nicht nur ihre eigenen Blätter trugen, sondern auch Schlingpflanzen aller Art, sowie bleiches, in feinen Schleiern herabhängendes Moos füllten die Lücken zwischen den Stämmen zu den Seiten und sperrten das Licht aus.
Niedrige Mauern zu beiden Seiten, scheinbar errichtet, um das ineinander verschlungene Dickicht zurückzuhalten, waren diesem statt dessen zum Opfer gefallen und wurden von dem blattreichen Geflecht eingehüllt, welches sie hatten zurückhalten sollen. Aus den Fugen zwischen den Steinblöcken sprossen Schlingpflanzen hervor, die ganze Abschnitte der Mauer überwucherten und sie unter sich begruben, sie an anderen Stellen ausbauchten und gelegentlich einen Stein herausstießen, der dann im schiefen Winkel hing, wegen des Rankengewirrs jedoch niemals zu Boden fallen konnte. Die Mauern wirkten wie ein Beutestück, das von einem schwerfälligen Raubtier verschlungen wurde.
Ein einziger Teil war vom Leben des Waldes unberührt geblieben — die menschlichen Schädel. Man hatte sie oben auf der Mauer zu beiden Seiten im Abstand von nicht mehr als drei Fuß aufgereiht. Jeder einzelne saß auf seinem eigenen Geviert aus flechtenbewachsenem Stein, jeder einzelne war frei von Bewuchs und sah aus wie eine Kreuzblume mit Augenhöhlen und einem zahnreichen Grinsen. Richard hatte längst aufgegeben, die Schädel zu zählen.
Nicht einmal seine Neugier und seine Angst konnten sein hartnäckiges Schweigen bezwingen. Seit ihrem letzten Streit hatten er und die Schwester kein Wort mehr gewechselt. Er hatte nicht einmal bei ihr im Lager geschlafen, sondern es statt dessen vorgezogen, seine Wache sowie den Rest der Nacht mit Jagen zu verbringen oder bei Gratch zu schlafen. Endlich einmal war Schwester Vernas verärgertes Schweigen seinem nicht gewachsen. Diesmal wollte er auf keinen Fall derjenige sein, der nachgab. Die beiden waren damit zufrieden, alles mögliche anzuschauen, nur nicht einander.
Die Straße öffnete sich dem Sonnenlicht, wurde breiter und teilte sich in der Ferne vor einer mit Furchen durchsetzten Pyramide. Richard runzelte die Stirn und versuchte festzustellen, was ihr dieses Aussehen verlieh — fleckig hellbraun, dunklere, waagerechte Streifen in gleichmäßigen Abständen an den Seiten. Er schätzte, das Bauwerk war dreimal so hoch wie er auf Bonnie.
Im Näherkommen erkannte er, daß der Hügel ausschließlich aus Knochen errichtet war. Menschenknochen. Die fleckig-braunen Stellen waren Arm- und Beinknochen, die man mit dem schmalen Ende nach außen aufgeschichtet hatte. Seiner Schätzung nach mußten sich zehntausende von Schädeln in dem geordneten Haufen befinden. Er starrte im Vorüberreiten darauf. Schwester Verna schien keine Notiz davon zu nehmen.
Hinter dem Knochenstapel führte die breite Straße auf den Marktplatz einer düsteren, unwirklichen Stadt, die aus dem dichten Wald herausragte. Man hatte den flachen Hügel oben von jedem Baum gesäubert, genau wie die terrassenartigen Felder, die sie vor kaum einer Stunde passiert hatten.
Die Felder hatten ausgesehen, als bereitete man sie zur Aussaat vor. Der Erdboden war frisch umgegraben, und es gab Vogelscheuchen, die die Tiere vertreiben sollten, sobald mit der Aussaat begonnen wurde. Es war Winter, hier jedoch, an diesem Ort, säten die Menschen. Richard hielt es für ein Wunder.
Anstatt ein Gefühl von Offenheit zu vermitteln, wirkte diese ausgedehnte Stadt, die man von allem Grün befreit hatte, noch enger und düsterer als die übertunnelte Straße. Die Gebäude waren rechteckig, hatten flache Dächer und waren mit einem schmuddeligen, rindenfarbigen Bewurf verputzt. Gleich unterhalb der Dächer und auf der Höhe eines jeden Stockwerks ragten die Enden von Stützbalken aus dem Verputz. Die Fenster waren klein, und es gab nie mehr als eins in einer Wand. Die Gebäude variierten in der Höhe, waren aber meist zu unregelmäßigen Blocks zusammengefügt. Die größten hatten bestimmt vier Stockwerke. Keines wies, abgesehen von der Höhe, auch nur die geringste stilistische Abweichung auf.
Dunst und Rauch von Holzfeuern verdunkelten den Himmel und die Gebäude in der Ferne. Der Marktplatz schien nichts weiter zu sein als eine unbebaute Fläche rings um einen Brunnen in der Mitte und bildete die einzig freie Stelle von nennenswerter Größe. Er endete rasch in engen, dunklen Gassen mit glatten Wänden, die zu beiden Seiten aufragten und so von Menschenhand geschaffene Schluchten bildeten. Viele der blockartigen Gebäude überspannten die Straßen und verwandelten sie so in finstere Tunnel, und wo es über den Köpfen keine dieser Brückengebäude gab, hing zwischen gegenüberhegenden Fenstern Wäsche auf der Leine. Einige Straßen waren gepflastert, die meisten jedoch nicht, und durch sie rann stinkendes Wasser.
Menschen in freudloser, weiter Kleidung füllten die engen Straßen, liefen barfuß durch den Schlamm, standen mit verschränkten Armen da oder hockten in Türeingängen. Frauen mit tönernen Wasserkrügen auf dem Kopf, die sie mit der Hilfe einer Hand im Gleichgewicht hielten, drückten sich dicht an die Mauer, um Platz für die drei Pferde zu machen. Gleichgültig schweigend setzten sie ihren Weg zum Brunnen oder nach Hause fort, wenn Richard und Schwester Verna vorüberritten.
Ein paar ältere Männer kauerten in Türeingängen oder lehnten an den Mauern. Die Männer trugen krempenlose, steile, runde, dunkle, oben abgeflachte Hüte mit seltsamen Zeichen in einer hellen Farbe, die scheinbar mit Fingern aufgemalt worden waren. Viele der Männer rauchten kurzstielige Pfeifen. Gespräche verstummten, als Schwester Verna und Richard vorüberritten, und alle sahen zu, wie die beiden Fremden und die drei Pferde vorüberzogen. Einige zupften sich untätig an den langen, baumelnden Ohrringen, die sie in ihren linken Ohren trugen.