Schwester Verna ritt durch die engen Straßen voraus und führte sich und Richard tiefer und tiefer in das Gewirr aus graubraunen Häusern hinein. Als sie endlich eine breitere Kopfsteinpflasterstraße erreichten, hielt sie an, drehte sich zu ihm um und sprach mit leiser, warnender Stimme.
»Diese Menschen hier sind Majendie. Ihr Land ist ein ausgedehntes, halbmondförmiges Waldgebiet. Wir müssen ihr Land der Länge nach durchqueren, bis hin zur Spitze der Sichel. Sie verehren Geister. Diese Schädel, die wir ein Stück weiter hinten gesehen haben, waren Opfer für diese Geister.
Sie hängen zwar törichten Vorstellungen an, die verwerflich sind, aber wir haben nicht die Macht, das zu ändern. Wir müssen jedoch unbedingt durch ihr Land hindurch. Deshalb wirst du tun, was sie verlangen, oder unsere Schädel enden bei all den anderen auf dem Stapel.«
Richard widersprach nicht, antwortete überhaupt nicht. Er saß regungslos da, die Hände über dem Sattelknauf verschränkt, und sah sie an, bis sie sich schließlich abwendete und weiterritt.
Nachdem sie unter einem niedrigen Brückengebäude durchgeritten waren, betraten sie einen zur Mitte hin leicht abfallenden, offenen Platz. Vielleicht tausend Männer liefen hier umher und standen in kleinen Gruppen beieinander. Wie die anderen Männer, die er gesehen hatte, trugen sie alle einen langen Ohrring, wenn auch auf der rechten statt der linken Seite. Zudem trugen sie kurze Schwerter und schwarze Schärpen. Anders als die anderen Männer hatte keiner von ihnen einen Hut auf seinem kahlgeschorenen Kopf.
Weiter vorn, auf einer erhöhten Plattform in der Mitte, hockte um einen dicken Pfahl ein Kreis von Männern, die Beine untergeschlagen, das Gesicht zur Mitte hin gekehrt. Hier war die Quelle der unheimlichen Melodie. Um den Ring aus Männern herum saß, mit dem Gesicht nach außen, ein Kreis schwarzgekleideter Frauen.
Mit dem Rücken zum Pfahl stehend, ließ eine dicke Frau in voluminöser Kleidung ihren Handrücken am Pfahl hinaufgleiten und ergriff den Knoten am Ende eines Seils, das an einer Glocke hing. Während sie beobachtete, wie Richard und die Schwester auf den Platz ritten, läutetet sie die Glocke einmal. Die Schwester ließ sofort Halt machen, als das durchdringende Läuten über den Platz wehte, die Männer verstummen ließ und die Flötenspieler veranlaßte, sich noch mehr anzustrengen.
»Das ist eine Warnung«, erklärte Schwester Verna. »Eine Warnung an die Seelen ihrer Feinde. Gleichzeitig ist die Glocke ein Aufruf an die anwesenden Krieger. Das sind die Männer hier auf dem Platz. Die Seelen wurden gewarnt, die Krieger gerufen. Läutet sie die Glocke noch einmal, sterben wir.« Schwester Verna sah kurz in sein gelassenes Gesicht. »Dies ist ein Opferritual, um die Seelen zu besänftigen.«
Sie verfolgte, wie Männer kamen und die Zügel ihrer Pferde ergriffen. Der Kreis der Frauen in Schwarz erhob sich und begann zu der betörenden Musik zu tanzen. Als Schwester Verna das nächste Mal zu Richard hinüberblickte, überprüfte dieser gerade sorgfältig und bedächtig, ob sein Schwert auch locker in der Scheide hing. Sie seufzte und stieg ab. Auf ihr genervtes Räuspern hm stieg auch er schließlich ab.
Schwester Verna raffte ihren hellen Umhang fest um ihren Körper und begann auf ihn einzureden, während sie die Frauen in Schwarz dabei beobachtete, wie sie den Pfahl und die Frau in der Mitte tanzend umkreisten.
»Die Majendie leben in einem halbmondförmigen Landstrich rings um ein sumpfiges Waldgebiet, in dem ihre Feinde leben. Die Menschen, die im Herzen dieses scheußlichen Landes leben, sind ein wilder, primitiver Haufen und werden keinen von uns durch ihr Land lassen, geschweige denn führen. Selbst wenn wir ihnen aus dem Weg gehen könnten, hätten wir uns innerhalb einer Stunde verlaufen und fänden niemals den Weg hinaus. Die einzige Möglichkeit für uns, den Palast der Propheten zu erreichen, der hinter diesen Wilden liegt, ist, sie zu umgehen und dieses halbmondförmige Land, das den Majendie gehört, der Länge nach zu durchqueren. Unser Ziel liegt genau zwischen den Spitzen des Halbmonds, der den Majendie gehört.«
Sie sah zu ihm hinüber, um sich zu vergewissern, daß er wenigstens zuhörte. »Die Majendie befinden sich ständig im Krieg mit den Wilden aus diesem sumpfigen Waldgebiet. Um durch das Land der Majendie gelassen zu werden, müssen wir beweisen, daß wir mit ihnen und ihren Seelen im Bund stehen und nicht mit ihren Feinden.
Die Schädel, die wir gesehen haben, sind Schädel der Feinde, die man den Seelen der Majendie geopfert hat. Um durchgelassen zu werden, müssen wir ihnen bei diesem Opfer helfen. Die Majendie glauben, daß Männer mit der Gabe wie alle Männer den Samen des Lebens und ihrer Seele in sich tragen, der ihnen von den Seelen gegeben wurde. Mehr noch, sie glauben, daß jemand mit der Gabe über eine besondere, direkte Verbindung zu den Seelen verfügt. Ein Opfer, welches mit Hilfe eines jungen Mannes, der die Gabe hat, vorgenommen wird, überträgt die heilige Barmherzigkeit ihrer Seelen auf das gesamte Volk. Sie glauben, es haucht ihrem Volk Leben ein, göttliches Leben.
Die Majendie verlangen diese Teilnahme am Opfer, wann immer wir junge Männer zum ersten Mal durch ihr Land bringen, denn sie glauben, dadurch würden deren Seelen mit jenen der Majendie verbunden. Die Zeremonie bewirkt darüber hinaus, daß das Volk, mit dem sie sich im Krieg befinden, einen Haß auf Zauberer hat, denn diese helfen immer nur den Majendie und würden niemals mit ihnen zusammenarbeiten. Dies, so glauben die Majendie, verwehrt ihren Feinden den geheiligten Zutritt in die Welt der Seelen.«
Die Männer auf dem Platz zückten allesamt ihre Kurzschwerter. Sie legten die Schwerter auf den Boden, die Spitze auf die Frau in der Mitte gerichtet, knieten nieder und senkten die blanken Schädel.
»Die Frau, die die Glocke geläutet hat, die in der Mitte, ist die Anführerin dieses Volkes. Die Königin-Mutter. Sie ist diejenige, die mit den weiblichen Seelen verbunden ist. Sie repräsentiert die Seelen der Fruchtbarkeit in dieser Welt. Sie ist die Verkörperung des Gefäßes für den göttlichen Samen aus der Welt der Seelen.«
Die tanzenden Frauen in Schwarz formierten sich zu einer Reihe, verließen die Plattform und kamen auf Richard und die Schwester zu.
»Die Königin-Mutter schickt ihre Abgesandten, um dich zu der Opfergabe zu bringen.« Schwester Verna blickte kurz zu ihm auf und spielte dann nervös mit dem Zipfel ihres Umhangs. »Wir haben Glück. Es bedeutet, daß sie jemanden zum Opfern haben. Wäre dies nicht der Fall, hätten wir warten müssen, bis sie einen ihrer Feinde gefangen hätten. Das kann manchmal Wochen, sogar Monate dauern.«
Richard sagte nichts.
Sie drehte den näher kommenden Frauen den Rücken zu und blickte ihm ms Gesicht. »Man wird dich an einen Ort führen, wo der Gefangene festgehalten wird. Dort wird man dir die Chance geben, ihm deinen Segen auszusprechen. Gibst du deinen Segen nicht, bedeutet das, daß du dem Gefangen beim Opfer vorangehen möchtest. Du würdest also ebenfalls sterben.
Du gibst deinen Segen, indem du das heilige Messer küßt, daß man dir darbieten wird. Du brauchst den Betreffenden nicht selbst zu töten. Du brauchst nur das Messer zu küssen, den Segen der Seelen zu erteilen, dann werden sie das Töten übernehmen. Aber du mußt ihnen dabei zusehen, damit die Seelen das Opfer mit deinen Augen verfolgen können.« Sie warf einen Blick über ihre Schulter auf die Frauen in Schwarz. »Der Glaube dieser Menschen ist obszön.«
Sie seufzte resigniert und drehte sich wieder zu ihm um. Richard verschränkte die Arme und funkelte sie zornig an.
»Ich weiß, das gefällt dir nicht, Richard, aber es hat dreitausend Jahre lang für Frieden zwischen uns und den Majendie gesorgt. Es klingt zwar paradox, aber dadurch werden mehr Menschenleben gerettet, als es kostet. Diese Wilden, ihre Feinde, führen nicht nur gegen sie, sondern auch gegen uns Krieg. Der Palast und die zivilisierten Menschen der Alten Welt werden immer wieder Opfer von Überfällen und wütenden Angriffen.«
Kein Wunder, dachte Richard, sagte aber nichts.