Schwester Verna machte einen Schritt zur Seite und stellte sich neben ihn, als die Frauen in Schwarz sich in einer dunklen Traube vor den beiden zusammendrängten. Sie waren alle älter, vielleicht im Alter von Großmüttern. Und alle waren stattlich, und ihre schwarze Kleidung bedeckte ihr Haar und alles andere bis auf ihre runzligen Hände und Gesichter.
Eine von ihnen zurrte den derben, schwarzen Stoff mit schwieligen Fingern am Kinn fest. Sie verneigte sich vor Schwester Verna. »Willkommen, weise Frau. Seit jetzt schon fast einem ganzen Tag wissen wir durch unsere Posten von Eurem Kommen. Es freut uns, Euch bei uns zu wissen, denn es ist Zeit für das Saatopfer. Wir hatten zwar nicht mit Eurer Anwesenheit gerechnet, doch wird es eine große Huldigung an die Seelen sein, wenn wir das Opfer segnen lassen.«
Die alte Frau, die ihm gerade bis ans Brustbein reichte, betrachtete Richard von Kopf bis Fuß, dann richtete sie erneut das Wort an Schwester Verna.
»Ist dies ein magischer Mann? Er ist kein Junge mehr.«
»Wir haben noch nie zuvor jemanden in den Palast der weisen Frauen gebracht, der so alt war«, sagte Schwester Verna. »Aber er ist ein magischer Mann, genau wie die anderen.«
Die Alte in Schwarz blickte Richard in die Augen, während er sie ausdruckslos betrachtete. »Er ist zu alt, um den Segen zu geben.«
Schwester Verna drückte den Rücken durch. »Trotzdem, er ist ein magischer Mann.«
Die Frau nickte der Schwester zu. »Aber er ist zu alt, als daß die anderen das Opfer für ihn durchführen könnten. Er muß es selbst tun. Er muß unser Opfer mit eigener Hand den Seelen darbringen.« Sie winkte eine Frau hinter sich vor. »Führe ihn zu der Stelle, wo die Opfergabe wartet.«
Die Frau trat mit einem Nicken nach vorn und bedeutete Richard, ihr zu folgen. Schwester Verna zupfte ihn am Ärmel seines Hemdes. Richard spürte die Glut der Magie, die von ihren Fingern ausging, seinen Arm hinaufkroch und in einem unangenehmen Kribbeln am Hals unter dem Rada’Han endete.
»Richard«, flüsterte sie, »wage es nicht, diesmal die Axt zu schwingen. Du hast keine Ahnung, was du damit zerstören würdest.«
Richard sah ihr in die Augen, dann wandte er sich ohne ein Wort ab.
Die rundliche Alte führte ihn durch eine verschlammte Straße, vorbei an alten Männern, die in Eingängen hockten und sie beobachteten, dann bog sie ab und bog in eine enge Gasse ein. An deren Ende ging sie gebückt durch einen niedrigen Türeingang. Richard mußte sich fast um die Hälfte kleiner machen, um ihr zu folgen.
Drinnen bedeckten Teppiche mit kunstvollen Mustern, aber matten Farben den Boden. Möbel gab es keine, bis auf mehrere niedrige, lederbezogene Truhen, auf denen Öllampen standen. Vier Männer mit rasierten Köpfen hockten mehr als daß sie saßen auf den Teppichen, zwei auf jeder Seite eines Durchgangs, der mit einem schweren Teppich verhängt war. Kurze Speere mit spitzen, blattförmigen Eisenköpfen ruhten quer über ihren Knien. Unter der unerwartet hohen Decke hing eine Wolke Pfeifenrauchs.
Die Männer erhoben sich und verneigten sich vor der Alten. Sie nickte ihnen zu und zerrte Richard dabei nach vorn.
»Dies ist der magische Mann. Da er bereits das Mannesalter erreicht hat, verfügt die Königin-Mutter, daß die Seelen das Opfer aus seiner Hand entgegennehmen sollen.«
Alle nickten, bekundeten mit harter Unerbittlichkeit die Weisheit dieser Entscheidung und baten sie, der Königin-Mutter auszurichten, daß alles wie verfügt erledigt werde. Die Frau in Schwarz wünschte ihnen allen Glück. Sie schloß die derbe Fichtenholztür hinter sich, nachdem sie sich unter der niedrigen Öffnung hindurchgebückt hatte.
Als sie gegangen war, begannen die Männer zu feixen. Sie klopften Richard auf den Rücken, als wollten sie ihn ins Vertrauen schließen. Der ausrasierte Nacken eines der Männer legte sich in eine Reihe von Falten, als er sich umdrehte und einen kurzen Blick auf den teppichverhangenen Durchgang warf. Er legte Richard einen Arm um die Schultern und drückte mit seinen kräftigen Fingern zu.
»Du hast allerdings Glück, Junge. Es wird dir gefallen, was wir für dich haben.« Sein verschlagenes Feixen ließ eine Zahnlücke in der unteren Reihe erkennen. »Komm mit. Es wird dir gefallen, Junge. Das können wir dir versprechen, bestimmt.« Er gluckste dreist in sich hinein. »Heute wirst du zum Mann werden, wenn du nicht schon einer bist.« Die anderen drei fielen in sein Lachen ein.
Die drei schoben den Wandteppich zur Seite und nahmen eine der Öllampen mit. Der letzte gab Richard einen Klaps auf den Rücken und schob ihn hindurch. Sie alle glucksten in freudiger Erwartung.
Abgesehen vom Pfeifenrauch, glich der nächste Raum dem ersten fast aufs Haar. Sie führten ihn weiter durch eine Reihe von Räumen, die alle, abgesehen von ein paar vereinzelten Teppichen, bar jeglichen Schmucks waren. Schließlich hockten sich die Männer neben einen letzten verhangenen Durchgang, pflanzten die Schäfte ihrer Speere in den Boden und beugten sich, mit einer Hand auf ihren Schaft gestützt, zu ihm. Sie alle trugen das gleiche schlaue Grinsen im Gesicht.
»Vorsicht jetzt, Junge. Sei nicht zu übereifrig. Behalte einen kühlen Kopf und denk an dich selbst, dann wirst du Spaß mit dieser Wilden haben.«
Sie kicherten über diesen Scherz, schoben den Vorhang zur Seite und gingen hindurch. Der kleine, quadratische Raum dahinter hatte einen nackten Lehmboden. Die Decke war wenigstens drei Stockwerke hoch. Ein Fenster in der Nähe des oberen Rands der Wand tauchte den Raum in trübes Licht. Es stank nach dem Nachttopf, der ein Stück entfernt an der Seite stand.
Links auf der anderen Seite hockte eine nackte Frau. Sie versuchte sich tiefer in die Ecke zu drücken, als sie die Männer sah. Sie schlang die Arme um die Knie und zog sie fest an ihren Körper.
Sie war übersät mit Schmutz, Schnittwunden und blauen Flecken. Ihr langes, verfilztes schwarzes Haar umrahmte kraus ihr verdrecktes Gesicht. Der Blick in ihren dunklen Augen verengte sich vor Ekel, während sie die vier Männer beobachtete. Nach deren lüsternen Grinsen zu urteilen, wußte sie offenbar, was sie von ihnen zu erwarten hatte.
Um ihren Hals lag ein mächtiger Eisenring, der mittels einer schweren Kette an einem massiven Stift in der Wand befestigt war.
Die Männer verteilten sich ringsum im Raum, hockten sich hin und lehnten sich mit dem Rücken an die Wand. Ihre Speere hielten sie senkrecht zwischen den Knien. Richard tat es ihnen nach, setzte sich auf den Boden und lehnte sich an die Wand rechts von der Frau.
»Ich möchte mit den Seelen sprechen«, erklärte Richard. Die vier Männer sahen ihn verständnislos an. »Ich muß sie fragen, wie sie es haben möchten.«
»Es gibt nur eine Möglichkeit, es zu tun«, meinte der, dem ein Zahn fehlte. »Du mußt ihr den Kopf abschneiden. Jetzt, da sie den Eisenring um den Hals hat, ist es die einzige Möglichkeit, sie herauszubekommen. Ihr Kopf muß vom Körper getrennt werden.«
»Trotzdem, es muß so gemacht werden, wie die Seelen es wünschen. Ich muß mit ihnen sprechen. Ich muß ganz genau wissen, wie ich es machen soll … um sie nicht zu verärgern.«
Sie dachten darüber nach. Der Kerl mit dem fehlenden Zahn schob die Wange mit der Zunge nach außen, während er grübelte. Schließlich hellte sich seine Miene auf. »Die Königin-Mutter und ihre Frauen trinken juka, um mit den Seelen zu sprechen. Ich könnte dir etwas juka bringen, dann kannst du auch mit den Seelen sprechen.«
»Dann hol mir dieses juka, damit ich mit den Seelen sprechen und tun kann, was sie verlangen. Ich möchte nichts tun, womit ich euer Saatopfer verderben könnte.«
Die Männer hielten dies für ein weises Ansinnen, wenn man bedachte, daß Richard das Opfer persönlich durchführen und nicht einfach nur segnen sollte. Einer der Männer eilte davon.
Die anderen drei warteten schweigend und musterten dabei erneut lüstern die Frau. Sie schob ihre Füße enger zusammen, um sich zu bedecken, während sie in der Ecke hockte und ihren Blick finster erwiderte.
Einer der Männer zog eine Pfeife mit dünnem Stiel und einen Fidibus aus irgendeiner Tasche. Er entzündete den Fidibus an der Flamme der Lampe und steckte damit seine Pfeife an. Paffend betrachtete er die Frau, beäugte sie auf obszöne Weise. Die Frau funkelte ihn wütend an, das Kinn trotzig hochgereckt. Der Rauch stieg im trüben Licht nach oben, während der Mann schneller paffte.