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Richard trat bedrohlich einen Schritt auf den Mann zu. »Wer bist du, daß du es wagst, die Seelen in Frage zu stellen! Tu, was ich sage. Beschaff mir ihre Kleider!«

Die vier wichen zurück. Sie starrten ihn kurz an, dann gingen sie zu den niedrigen Truhen. Sie stellten die Lampen zur Seite und öffneten die Deckel, kramten in den Truhen und holten Kleidungsstücke heraus.

»Hier! Ich hab’ sie gefunden!« meinte einer von ihnen. Er hielt ein Kleidungsstück in die Höhe, das aus fein gewobenem Flachs zu sein schien. Von dem hellbraunen Stoff hingen Reihen verschiedenfarbiger Streifen herab. »Das gehört ihr.« Er hielt einen Wildledergürtel in die Höhe. »Und das hier auch.«

Richard riß sie dem Mann aus der Hand. »Ihr werdet hier warten.« Er schnappte sich einen Stoffetzen, den der Mann bei der Suche nach dem Kleid auf den Boden geworfen hatte.

Er war wieder durch die Tür verschwunden, bevor noch Zeit für irgendwelche Fragen war. Du Chaillu wartete, die Arme immer noch verschränkt. Als sie sah, was er den Händen hielt, stockte ihr der Atem. Sie preßte sich das Kleid vor die Brust. Tränen füllten ihre dunklen Augen.

»Mein Gebetskleid!«

Sie schlang ihm die Arme um den Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Richard drückte ihr Gewirr aus schwarzen Locken flach an den Kopf und schob sie von sich.

»Schon gut. Schon gut. Zieh es an. Beeil dich!«

Sie grinste ihn an und streifte das Kleid über den Kopf, steckte ihre Arme durch die langen Ärmel. An der Außennaht der Ärmel und der Schulter befand sich ein geflochtenes Band. Daran waren kleine Streifen Stoffs in verschiedenen Farben geknotet. Das Kleid reichte bis kurz unter die Knie. Als Du Chaillu den Gürtel um die Hüfte band, fiel Richard auf, daß ihr das Blut von der Stelle, wo die Männer sie in den Schenkel gestochen hatten, noch immer auf den Fuß rann.

Er kniete sich vor ihr hin und machte ihr mit den Händen ein Zeichen. »Heb es an. Heb dein Kleid hoch.«

Du Chaillu schaute zu ihm hinunter. Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe mich gerade bedeckt, und jetzt willst du, daß ich mich wieder ausziehe?«

Richard schürzte die Lippen. Er wedelte ihr mit dem Stoffetzen zu. »Du blutest. Ich muß die Wunde verbinden.«

Kichernd hob sie das Kleid an und hielt ihm ihr Bein hin, wobei sie es langsam von einer Seite zur anderen kreisen ließ und es auf neckische Weise zur Schau stellte. Richard band den Fetzen rasch um ihren Oberschenkel, um die klaffende Wunde, und zog den Knoten fest. Sie jaulte auf vor Schmerz. Geschieht dir recht, dachte er, entschuldigte sich aber trotzdem.

Er nahm sie bei der Hand und zog sie weiter. Im letzten Raum fauchte er die vier Männer an, sie sollten bleiben, wo sie waren. Du Chaillus Hand noch immer fest im Griff, führte er sie durch die Gassen und Straßen zum freien Platz. Er sah die Köpfte der drei Pferde, die aus der Menge der glänzenden, kahlen Schädel ragten. Durch das Gedränge bahnte er sich seinen Weg hin zu den Tieren.

43

Obwohl sein Schwert noch in der Scheide steckte, sog er dessen Magie bereits in sich hinein. Zorn erfüllte ihn. Er rief ihn immer weiter herbei, ließ alle Schranken vor seinem Ansturm fallen.

Er betrat eine ganz eigene, stumme Welt. Eine Welt voll grimmiger Entschlossenheit, der zu sein, der er war.

Der Bringer des Todes.

Schwester Verna erbleichte, als sie sah, wie er Du Chaillu hinter sich herzog, wurde noch bleicher, als sie sah, wie er sich aufführte.

Ohne ein Wort zu sagen schnappte sich Richard seinen Bogen vom Sattel. Vor Anstrengung ächzend, spannte er rasch die Sehne auf den Bogen. Dann riß er zwei Pfeile aus dem Köcher, der an Bonnies Sattel hing. Seine Brust bebte vor Zorn.

Die Menschenmenge hatte sich zu ihm umgedreht. Verwirrte Gesichter tauchten auf, als hinten stehende Männer in die Höhe sprangen, um etwas zu erkennen. Die Frauen in Schwarz blickten ausnahmslos in seine Richtung. Die Königin-Mutter lauerte.

Schwester Vernas Gesicht war mittlerweile leuchtend rot. Das Gemurmel verstummte.

Richard wandte sich an die Königin-Mutter. »Ich habe mit den Seelen gesprochen!«

Langsam schob die Königin-Mutter ihren Handrücken den Pfahl hinauf, zum Glockenseil. Das war das Zeichen, das er brauchte. Sie hatte ihre Chance bekommen. Es war unausweichlich.

Er ließ der Magie in seinem Innern freien Lauf.

Mit einer einzigen, schnellen Bewegung legte Richard einen Pfeil ein. Riß Sehne an Wange. Rief das Ziel herbei. Der Pfeil war fort.

Der Pfeil sirrte durch die Luft. Der Menge stockte der Atem. Bevor der Pfeil sein Ziel erreichte, noch während das Sirren in der Luft lag, hatte Richard bereits einen zweiten Pfeil aufgelegt und auf das Ziel gerichtet.

Mit einem dumpfen, schwirrenden Geräusch bohrte sich der Pfeil satt ins Ziel, genau dorthin, wo Richard ihn hinhaben wollte. Die Königin-Mutter stieß überrascht einen abgehackten Schmerzschrei aus. Der Pfeil durchbohrte die Lücke zwischen den beiden Knochen ihres Handgelenks, nagelte ihren Arm an den Pfahl und verhinderte so, daß sie das Glockenseil ergreifen konnte. Ihre andere Hand bewegte sich auf das Seil zu.

Der zweite Pfeil lag sicher in der unsichtbaren Rille durch die Luft und wartete. »Noch eine Bewegung Richtung Glocke, und der nächste Pfeil durchbohrt dein rechtes Auge!«

Die Schar der Frauen in Schwarz fiel jammernd auf die Knie. Die Königin-Mutter wurde still. Blut rann ihr den Arm hinab.

In seinem Innern toste die Wut wie ein Unwetter. Äußerlich war er aus Stein. »Hör zu, was die Seelen befohlen haben!«

Langsam ließ die Königin-Mutter ihre Hand an ihre Seite fallen. »Dann sprich!«

Richard hielt die Bogensehne nach wie vor an der Wange und hatte nicht die Absicht, den Bogen herunterzunehmen. Sein Pfeil war nur auf einen Menschen gerichtet, sein Zorn auf alle.

Magie brannte in seinem Innern mit ungezügelter Heftigkeit. Die Wucht des Zorns pulsierte durch seine Adern. In der Vergangenheit war sie immer auf einen Feind gerichtet gewesen, auf eine bestimmte Person. Diesmal war es anders. Der Zorn war uneingeschränkt, galt allen Anwesenden, allen, die mit dem Menschenopfer zu tun hatten.

Das machte es noch schlimmer. Es lockte zusätzliche Magie hervor.

Richard wußte nicht, ob es die allumfassende Bedrohung war, die die zusätzliche Magie hervorrief, oder ob es an den Übungen mit Schwester Verna lag. Doch was immer der Grund war, er zog mehr Magie aus dem Schwert als je zuvor, mehr, als er je für möglich gehalten hatte. Die Magie schäumte mit beängstigender Kraft über. Brachte sogar die Luft zum Zittern.

Die Männer ringsum wichen zurück. Die klagenden Frauen verstummten. Das Gesicht der Königin-Mutter hob sich weiß vom Schwarz ihres Kleides ab. Tausend Menschen erstarrten in stummem Entsetzen vor einem einzigen.

»Die Seelen wollen keine Opfer mehr! Damit beweist ihr ihnen keine Ergebenheit, sondern nur, daß ihr töten könnt! Von jetzt an müßt ihr euren Respekt vor den Seelen durch den Respekt vor dem Leben der Baka Ban Mana bekunden. Tut ihr das nicht, werden die Seelen ihrem Zorn Luft machen, indem sie euch vernichten! Nehmt euch ihre Drohung zu Herzen, oder sie werden die Majendie mit Hunger und Tod überziehen!«

Er richtete das Wort an die Männer, die jetzt nach vorn drängten. »Sollte einer gegen mich oder diese Frauen seine Hand erheben, stirbt die Königin-Mutter.« Die Männer sahen sich gegenseitig an, versuchten sich Mut zu machen. »Ihr denkt vielleicht, ihr könnt mich töten«, erklärte er ihnen, ohne sein Ziel auch nur im geringsten aus dem Blick zu lassen, »doch das schafft ihr nicht, bevor die Königin-Mutter stirbt. Ihr habt meinen ersten Schuß gesehen. Meine Hand wird von Magie geführt. Ich verfehle mein Ziel nie.«

Die Männer wichen zurück.

»Laßt ihn!« rief die Königin-Mutter. »Hört, was er zu sagen hat!«

»Ich habe euch bereits erklärt, was die Seelen gesprochen haben. Dem werdet ihr euch beugen!«

Sie war einen Augenblick lang still. »Wir werden die Seelen selbst befragen.«