»Wollt Ihr sie beleidigen? Damit gäbt Ihr zu, daß Ihr nicht ihren Worten folgt, sondern Euren eigenen weltlichen Interessen!«
»Aber wir müssen…«
»Ich bin nicht hier, um in ihrem Namen zu verhandeln! Die Seelen haben mir befohlen, das Opfermesser dieser Frau zu übergeben, damit sie es zu ihrem Volk mitnehmen kann, als Beweis dafür, daß die Majendie sie nicht länger verfolgen.
Als Warnung vor ihrem Zorn werden die Seelen euch die Aussaat fortnehmen, und erst wenn ihr Abgesandte zu den Baka Ban Mana schickt und ihnen erklärt, daß ihr euch den Wünschen der Seelen beugt, werdet ihr eure Früchte pflanzen können. Folgt ihr den Wünschen der Seelen nicht, werdet ihr alle Hungers sterben!
Wir brechen jetzt auf. Entweder gewährt Ihr uns freies Geleit, oder Ihr sterbt auf der Stelle.«
»Wir müssen darüber nachdenken…«
»Ich lasse Euch Zeit bis drei, um mir Euren Entschluß mitzuteilen! Eins, zwei, drei!« Der Königin-Mutter entfuhr ein Laut des Schreckens. Den Frauen in Schwarz verschlug es den Atem. Ein erschrockenes Stöhnen ging durch die Menge. »Wie habt Ihr entschieden?«
Die Königin-Mutter hielt ihre freie Hand in die Höhe und beschwor ihn, seinen Pfeil zurückzuhalten. »Ihr könnt gehen! Ihr habt das Wort der Königin-Mutter, daß ihr unbehelligt unser Land verlassen könnt!«
»Ein weiser Entschluß.«
Ihre Hand schloß sich zur Faust, ein Finger zeigte auf die drei. »Doch dies ist eine Verletzung unserer Übereinkunft mit den weisen Frauen. Das Abkommen ist beendet. Ihr müßt unser Land augenblicklich verlassen. Ihr seid verbannt.«
»So sei es«, sagte Richard. »Aber haltet Euer Wort, sonst werdet Ihr die bitteren Früchte jeder unbedachten Handlung ernten.«
Er lockerte die Sehne. In den Steigbügeln stehend zog er das heilige Messer aus seinem Gürtel und hielt es in die Höhe, so daß alle es sehen konnten.
»Diese Frau wird dies zu ihrem Volk mitnehmen und dort von den Worten der Seelen berichten. Was die Bake Ban Mana anbelangt, so werden sie keinen Krieg mehr gegen die Majendie führen. Ihr werdet zwei Völker sein, die in Frieden miteinander leben! Keines darf dem anderen etwas tun! Beachtet die Worte der Seelen, oder ihr werdet die Konsequenzen tragen müssen!«
Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, der Zorn der Magie jedoch trug seine entschlossenen Worte bis in die fernsten Winkel des Platzes, und in der Stille konnte jeder sie verstehen. »Befolgt meine Befehle oder erleidet, was ich über euch bringen werde. Ich werde euch vernichten!«
Magie lag über dem Platz wie Nebel über einem Tal, erdentrückt und doch wirklich, ein greifbares Zeichen seiner Entrüstung, das keinen der Anwesenden unberührt ließ. Alles erzitterte unter der Berührung.
Richard sprang von seinem Pferd. Die Männer wichen erschrocken noch ein paar Schritte weiter zurück. Schwester Verna hatte es vor Wut die Sprache verschlagen. In einem solchen Zustand hatte er sie noch nie gesehen. Sie stand da wie gelähmt, die Hände zu Fäusten geballt.
Richard richtete seinen wütenden Blick, seinen Zorn auf sie. »Steigt auf Euer Pferd, Schwester. Wir brechen auf.«
Ihre Kiefer drohten zu brechen, so sehr preßte sie sie zusammen. »Du bist wahnsinnig! Wir werden nicht…«
»Wenn Ihr mit jemand streiten wollt, Schwester, dann bleibt und streitet mit den Leuten hier. Ich bin sicher, sie werden Euch den Gefallen tun. Ich reite zum Palast, um diesen Halsring loszuwerden. Wenn Ihr mit mir kommen wollt, dann steigt auf Euer Pferd.«
»Das ist unmöglich! Wir können die Sichel des Majendie-Landes nicht durchreiten. Man hat uns verbannt!«
Richard zeigte mit dem Daumen auf Du Chaillu. »Sie wird uns zum Palast der Propheten führen, durch das Land der Baka Ban Mana.«
Du Chaillu verschränkte die Arme und sah Schwester Verna mit einem selbstzufriedenen Grinsen an.
Schwester Verna sah von ihr zu Richard. »Du bist tatsächlich verrückt. Wir können unmöglich…«
Richard biß knurrend die Zähne aufeinander, die Wut des Schwertes tobte noch immer in ungezügelter Heftigkeit. »Wenn Ihr mich zum Palast begleiten wollt, dann steigt auf Euer Pferd. Ich breche auf!«
Du Chaillu sah zu, wie Richard ihr das Messer mit dem grünen Griff hinter den Wildledergürtel steckte. »Ich habe dir eine Verantwortung übertragen. Du wirst dich ihrer würdig erweisen. Und jetzt steig auf das Pferd!«
Plötzlich schien Du Chaillu beunruhigt. Sie nahm die Arme auseinander, blickte zum Pferd, dann zurück zu ihm. Sie verschränkte die Arme aufs neue und reckte die Nase in die Luft. »Ich werde auf diesem Tier nicht reiten. Es stinkt!«
»Du auch!« donnerte Richard. »Jetzt steig endlich auf das Pferd!«
Sie zuckte zurück, die Augen angesichts seines wütenden Blicks weit aufgerissen, und holte keuchend Luft. »Jetzt weiß ich, was ein Sucher ist.«
Sie kletterte umständlich auf Geraldine. Die Schwester saß bereits auf Jessup. Richard war mit einem Satz auf Bonnie.
Mit einem letzten warnenden Blick auf die versammelten Männer drückte er seinem Pferd die Knie in die Flanken. Das Tier verfiel daraufhin mit einem Satz in Galopp. Die beiden anderen Pferde folgten ihm. Die Männer stürzten rücklings aus dem Weg.
Die Magie gierte nach Blut, lechzte danach. Richard wünschte sich, jemand würde versuchen, ihn aufzuhalten. Niemand tat es.
»Bitte«, sagte Du Chaillu, »es ist fast dunkel. Können wir bitte anhalten, oder laß mich wenigstens zu Fuß gehen. Das Tier tut mir weh.«
Sie hielt sich mit letzter Kraft fest und hüpfte im Sattel auf und ab, während Geraldine dahintrabte. Die kleinen, bunten Stoffstreifen an ihrem Kleid flatterten wild durcheinander. Er hörte Schwester Vernas Pferd, das hinter ihnen trabte, drehte sich aber nicht zu ihr um.
Richard warf einen kurzen Blick hinauf zur Sonne, die hinter dem dichten Gewirr aus Ästen unterging. Zusammen mit dem Licht schwand endlich auch sein Zorn. Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als würde er überhaupt nicht mehr enden wollen.
Du Chaillu deutete mit dem Kinn an ihm vorbei nach rechts. Sie hatte Angst, auch nur eine Hand loszulassen. »Dort drüben hinter dem Schilf gibt es einen kleinen Teich, mit einem Stück Gras davor.«
»Bist du sicher, daß wir uns auf Baka-Ban-Mana-Land befinden?«
Sie nickte. »Schon seit ein paar Stunden. Ich weiß, wo wir sind.«
»Also gut. Wir machen Halt für die Nacht.«
Er hielt ihr Pferd, als sie hinunterglitt. Stöhnend rieb sie sich mit den Handflächen über ihr Hinterteil. »Wenn du mich zwingst, morgen wieder dieses Untier zu reiten, beiße ich dich!«
Zum ersten Mal, seit sie die Majendie verlassen hatten, konnte er lächeln. Richard ging daran, den Pferden die Sättel abzunehmen, und schickte Du Chaillu Wasser holen. Während sie zwischen Schilf und Binsen verschwand, sammelte Schwester Verna Holz und setzte es mit Magie in Brand. Als die Pferde versorgt waren, legte er sie an eine lange Leine, damit sie grasen konnten.
»Ich denke, es wird Zeit, euch bekannt zu machen«, meinte Richard, als Du Chaillu zurückkam. »Schwester Verna, dies ist Du Chaillu. Du Chaillu, das ist Schwester Verna.«
Schwester Verna schien sich beruhigt zu haben oder verbarg ihre Wut zumindest. »Ich freue mich für dich, Du Chaillu, daß du heute nicht sterben mußtest.«
Du Chaillu funkelte sie wütend an. Richard wußte, daß sie die Schwestern des Lichts als Hexen betrachtete.
»Du freust dich nicht für mich. Du willst, daß ich sterbe. Du willst, daß alle Baka Ban Mana sterben.«
»Das ist nicht wahr. Ich wünsche niemandem den Tod. Aber davon kann ich dich sowieso nicht überzeugen. Denk, was du willst.«
Du Chaillu nahm das Opfermesser aus ihrem Gürtel und hielt Schwester Verna den Griff vor die Augen. »Drei Monate lang haben sie mich angekettet.« Sie sah auf den grünen Handgriff und zeigte auf eine der obszönen Paarungsszenen, mit denen er verziert war. »Das haben diese Hunde mit mir gemacht.« Schwester Verna warf einen flüchtigen Blick auf das Messer, während Du Chaillu mit einem Finger auf eine andere Szene tippte. »Und das hier. Das hier auch.«