Schwester Verna sah, wie die Brust der anderen Frau vor Wut bebte. »Ich kann dir nicht zeigen, Du Chaillu, wie sehr ich verabscheue, was sie dir angetan haben, und was sie noch mit dir vorhatten. Es gibt vieles in dieser Welt, das ich verabscheue, gegen das ich aber nichts machen kann, und das ich in manchen Fällen sogar dulden muß, um so einem größeren guten Zweck zu dienen.«
Du Chaillu zeigte auf ihren Bauch. »Ich habe mein Mondblut verloren. Diese Hunde haben mir ein Kind gemacht! Jetzt muß ich zu den Hebammen gehen und sie um Kräuter bitten, damit ich das Kind eines Hundes abstoßen kann.«
Schwester Verna umklammerte Du Chaillus Hand. »Bitte, Du Chaillu, tu das nicht. Ein Kind ist ein Geschenk des Schöpfers. Bitte weise dieses Geschenk nicht zurück.«
»Geschenk! Dieser Schöpfer hat eine gemeine Art, Geschenke zu machen!«
»Du Chaillu«, sagte Richard, »bis jetzt haben die Majendie jeden Baka Ban Mana getötet, den sie gefangen haben. Du bist die erste, die befreit wurde. Sie werden keine weiteren töten. Sieh dieses Kind als Symbol des neuen Lebens zwischen euren Völkern. Damit dieses Leben, damit alle eure Kinder gedeihen können, muß das Töten ein Ende haben. Laß das Kind leben. Es hat nichts Schlechtes getan.«
»Sein Vater hat etwas Schlechtes getan!«
Richard mußte schlucken. »Kinder sind nicht schon deswegen schlecht, weil ihre Väter schlecht waren.«
»Wenn der Vater schlecht war, dann wird das Kind so sein wie er!«
»Das ist nicht wahr«, warf Schwester Verna ein. »Richards Vater war ein schlechter Mann, der viele Menschen umgebracht hat, Richard dagegen versucht, Leben zu bewahren. Seine Mutter wußte, daß die Schuld an einem Verbrechen nicht über den hinausgeht, der es begangen hat. Sie hat mit ihrer Liebe nicht gespart, obwohl sie von Richards Vater vergewaltigt wurde. Richard ist von guten Menschen erzogen worden, die ihm beigebracht haben, was Recht ist. Deshalb lebst du heute noch. Du kannst dem Kind ebenfalls zeigen, was Recht ist.«
Du Chaillus Zorn geriet ins Wanken, als sie Richard ansah. »Ist das wahr? Deine Mutter wurde ebenso behandelt wie ich?«
Richard brachte nur ein Nicken zustande.
Sie strich sich über den Bauch. »Ich werde über deine Worte nachdenken, bevor ich mich entscheide. Du hast mir mein Leben wiedergegeben, und ich werde mir deine Worte durch den Kopf gehen lassen.«
Richard drückte ihre Schulter. »Wie immer du dich entscheidest, ich bin sicher, es wird zum Besten sein.«
»Wenn sie überhaupt lange genug lebt, um sich zu entscheiden«, meinte Schwester Verna. »Du hast Versprechungen und Drohungen ausgesprochen, die du nicht halten kannst. Wenn die Majendie ihre Saat aussäen und nichts geschieht, werden sie ihre Furcht vor deinen Drohungen heute verlieren. Was du getan hast, wird nichts mehr zählen, und sie werden erneut Krieg gegen Du Chaillus Volk führen. Von meinem ganz zu schweigen.«
Richard zog das Lederband mit der Pfeife des Vogelmannes über seinen Kopf. »Ich würde nicht gerade sagen, daß nichts geschieht, Schwester Verna. Es wird ganz bestimmt etwas geschehen.« Er hängte Du Chaillu die Pfeife um den Hals. »Dies hat man mir geschenkt, und jetzt schenke ich es dir, damit du dem Töten ein Ende machen kannst.« Er hielt den geschnitzten Knochen in die Höhe. »Dies ist eine magische Pfeife. Damit kann man Vögel herbeirufen. Mehr Vögel, als du je auf einmal gesehen hast. Ich zähle auf dich, daß du mein Versprechen erfüllst.
Geh auf ihre Felder. Halt dich versteckt. Dann, bei Sonnenuntergang, blase auf dieser Pfeife. Du wirst nichts hören, die Vögel aber werden von der Magie herbeigerufen werden. Stell dir in Gedanken Vögel vor. Stell dir alle Vögel vor, die du kennst, wenn du auf der Pfeife bläst, und blase immer weiter, bis sie kommen.«
Sie berührte die geschnitzte Knochenpfeife. »Magie? Und die Vögel werden ganz bestimmt kommen?«
Er lächelte sie schief an. »O ja, sie werden kommen. Daran besteht kein Zweifel. Die Magie wird sie rufen. Kein menschliches Wesen wird das Geräusch hören, aber die Vögel. Die Majendie werden nicht wissen, daß du es bist, der die Vögel ruft. Die Vögel werden hungrig sein und die ganze Saat auffressen. Jedesmal, wenn die Majendie ihre Saat in die Erde pflanzen, rufst du die Vögel und nimmst sie ihnen fort.«
Sie grinste. »Die Majendie werden verhungern!«
Richard schob sein Gesicht ganz dicht an ihres. »Nein. Ich habe dir dieses Geschenk gemacht, damit das Töten ein Ende findet, nicht um dir dabei zu helfen, die Majendie auszurotten. Du wirst die Vögel solange rufen, um ihnen die Saat zu stehlen, bis die Majendie bereit sind, mit euch in Frieden zu leben. Wenn sie ihren Teil der Abmachung erfüllt haben, mußt du deinen erfüllen und dich bereit erklären, mit ihnen in Frieden zu leben.«
Er hielt ihr den Finger drohend vor die Nase. »Mißbrauchst du mein Geschenk, werde ich wiederkommen und eine andere Magie gegen dein Volk einsetzen. Ich vertraue darauf, daß du das Richtige tust. Enttäusche mich nicht.«
Du Chaillu wendete ihren Blick ab. Sie schniefte leise. »Ich werde das Richtige tun. Ich werde dein Geschenk benutzen, wie du gesagt hast.« Sie verbarg die Pfeife unter ihrem Kleid. »Danke, daß du geholfen hast, meinem Volk Frieden zu bringen.«
»Frieden«, schnaubte Schwester Verna verächtlich. Sie funkelte Richard an. »Glaubst du, so einfach ist das? Glaubst du, nach dreitausend Jahren kannst du einfach bestimmen, daß das Töten aufzuhören hat? Du denkst, deine bloße Anwesenheit genügt, und das Verhalten ganzer Völker ändert sich? Du bist ein naiver, kleiner Junge. Zwar gehen die Verbrechen des Vaters nicht auf den Sohn über, aber deine simple Sichtweise richtet ebensoviel Unheil an.«
»Wenn Ihr glaubt, Schwester, ich nähme aus irgendeinem Grund an einem Menschenopfer teil, dann irrt Ihr Euch gewaltig.« Er wollte sich abwenden, drehte sich aber noch einmal um. »Welches Unheil habe ich denn angerichtet? An welchem Morden bin ich schuld?«
Sie beugte sich zu ihm. »Zum einen, wenn wir denen mit der Gabe, wie zum Beispiel dir, nicht helfen, dann bringt sie das um, genau wie dich. Wie sollen wir deiner Ansicht nach diese Jungen in den Palast schaffen? Durch das Land der Majendie können wir nicht mehr.« Sie sah zu Du Chaillu hinüber. »Sie hat nur dir Geleit durch ihr Land gewährt. Sie hat nicht gesagt, ob wir auch andere hindurchbringen dürfen.« Sie richtete sich auf. »Es ist deine Schuld, wenn diese Jungen sterben.«
Richard dachte einen Augenblick darüber nach. Er war erschöpft. Der Gebrauch der Magie des Schwertes hatte ihn entkräftet wie nie zuvor. Er wollte nichts lieber als schlafen. Ihm war nicht danach zumute, Probleme zu lösen oder sich zu streiten. Schließlich sah er Du Chaillu an.
»Wenn du Frieden mit den Majendie schließt, mußt du, bevor du ihnen die nächste Aussaat erlaubst, eine weitere Bedingung stellen. Du mußt ihnen klarmachen, daß sie den Schwestern gestatten müssen, ihr Land zu durchqueren — als Anerkennung des Friedens.« Einen Moment lang blickte sie ihm in die Augen, dann schließlich nickte sie. »Dein Volk wird das gleiche tun.«
Er sah die Schwester herausfordernd an. »Seid Ihr jetzt zufrieden?«
»Als du im Tal eine dieser Bestien niedergestreckt hast, sind plötzlich tausend Schlangen aus seinem Leib hervorgekrochen. Hier wird genau das gleiche passieren.
Ich kann mich unmöglich an all die Lügen erinnern«, meinte sie, »die du heute bereits erzählt hast. Ich habe dich schon zuvor deswegen gescholten und dich gewarnt, es nicht noch einmal zu tun. Ich habe dir erklärt, daß du heute die Axt nicht kreisen lassen darfst, und du hast es trotzdem getan, obwohl ich dich gewarnt habe. Ich kann all die Befehle kaum aufzählen, die zu mißachten dir an diesem einen Tag gelungen ist. Was du getan hast, hat das Töten nicht beendet, sondern gerade erst in Schwung gebracht.«
»In diesem Fall, Schwester, bin ich der Sucher und nicht Euer Schüler. Als Sucher kann ich Menschenopfer unmöglich dulden. Nicht ein einziges. Der Tod von anderen ist eine andere Angelegenheit. Ihr könnt ihn nicht dazu mißbrauchen, einen Mord zu rechtfertigen. Es wird in dieser Angelegenheit keine Kompromisse geben. Außerdem glaube ich nicht, daß Ihr mich für etwas bestrafen wollt, das, da würde ich wetten, Ihr schon vor langer Zeit beendet sehen wolltet.«