Die Muskeln in ihrem Gesicht entspannten sich. »Als Schwester des Lichts steht es nicht in meiner Macht, die Dinge zu verändern. Es war meine Pflicht, weitere Leben zu retten, daher mußte ich die dreitausend Jahre bestehende Abmachung aufrechterhalten. Aber ich gebe zu, ich habe es gehaßt, und in gewisser Weise bin ich froh über das, was du mir abgenommen hast. Aber das ändert nichts an den Schwierigkeiten, die deine Handlung mit sich bringt — oder an den Toten. Als du den Rada’Han angelegt hast, hast du gesagt, die Leine dieses Rings zu halten wäre schlimmer, als ihn selbst zu tragen. Deine Worte beginnen sich zu bewahrheiten.«
Ihre Augen begannen feucht zu glitzern. »Du hast meine allergrößte Liebe, meine Berufung, in ein Elend verwandelt.
Ich bin zu alt, um dich für deinen Ungehorsam zu bestrafen. In ein paar Tagen werden wir im Palast sein, dann bin ich endlich mit dir fertig. Dann werden sich andere um dich kümmern müssen.
Wir werden ja sehen, wie sie dich behandeln, wenn du ihr Mißfallen erregst. Du wirst vermutlich feststellen, daß sie nicht bereit sind, soviel Toleranz aufzubringen wie ich. Sie werden diesen Ring benutzen. Und dabei werden sie wahrscheinlich noch mehr als ich bedauern, deine Leine in der Hand zu halten. Es wird ihnen leid tun, daß sie versuchen, dir zu helfen — genau wie mir.«
Richard stopfte seine Hände in die Gesäßtaschen seiner Hose und starrte in den dichten Wald aus Eichen und Lederblatt. »Tut mir leid, daß Ihr so empfindet, Schwester, und vermutlich kann ich es sogar verstehen. Ich gebe zu, ich habe mich dagegen gewehrt, ein Gefangener zu sein, aber das hier heute hatte nichts mit Euch und mir zu tun.
Hier ging es darum, was recht ist. Als jemand, der mich ausbilden will, versteht Ihr hoffentlich diese moralische Einstellung. Ich kann nur hoffen, daß die Schwestern des Lichts niemandem die Beherrschung der Gabe beibringen wollen, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt.
Schwester Verna, ich hatte nicht die Absicht, Euer Mißfallen zu erregen. Ich hätte nur alle Achtung vor mir selbst verloren, wenn ich diesen Mord zugelassen, geschweige denn mich daran beteiligt hätte.«
»Das weiß ich, Richard. Aber das macht es nur noch schlimmer, weil es alles ein und dasselbe ist.« Sie faltete ihre Hände auseinander, betrachtete das Feuer und ihre Vorräte und zog schließlich ein Stück Seife aus der Satteltasche. »Ich werde einen Eintopf kochen und Bannock.« Sie warf ihm das Stück Seife zu. »Du Chaillu braucht ein Bad.«
Du Chaillu verschränkte empört die Arme. »Als ich an die Wand gekettet war, haben die Hunde, die mich bestiegen haben, vergessen, mir Wasser anzubieten, damit ich gut für euch rieche.«
Schwester Verna ging in die Hocke und kramte Vorräte hervor. »Ich wollte dich nicht kränken, Du Chaillu. Ich dachte nur, du wolltest dir vielleicht den Schmutz dieser Männer vom Leib waschen. Ich an deiner Stelle täte nichts lieber, als mir das Gefühl ihrer Hände von der Haut zu waschen.«
Du Chaillus Empörung geriet ins Wanken. »Natürlich will ich das!« Sie entriß Richard das Stück Seife. »Du stinkst nach dem Tier, auf dem du reitest. Du wirst dich auch waschen, oder ich will dich nicht mehr in der Nähe haben und werde dich wegschicken, damit du allein essen kannst.«
Richard mußte lachen. »Wenn das den Frieden mit dir wahrt, dann werde auch ich mich waschen.«
Während Du Chaillu zum Teich hinstapfte, rief Schwester Verna ihn zu sich. Er wartete neben ihr, derweil sie einen Topf aus der Satteltasche zog.
»Seit wenigstens dreitausend Jahren hat ihr Volk jeden ›magischen Mann‹ getötet, der ihm in die Hände fiel. Für langen Geschichtsunterricht ist keine Zeit.« Sie hob den Blick, sah ihm in die Augen. »Mit alten Gewohnheiten ist man ebensoschnell zur Hand wie mit einem Messer. Dreh ihr nicht den Rücken zu. Früher oder später wird sie versuchen, dich umzubringen.«
Ihr ruhiger Tonfall ließ ihm unerwartet eine Gänsehaut über den Rücken laufen. »Ich werde versuchen, am Leben zu bleiben, Schwester, damit Ihr mich im Palast abliefern könnt und endlich von Eurer lästigen Bürde befreit seid.«
Richard eilte zum Teich und holte Du Chaillu ein, als sie gerade durch das Schilf watete. »Wieso hast du dieses Kleid Gebetskleid genannt?«
Du Chaillu breitete die Arme aus, so daß die Brise die Stoffstreifen an ihrem Kleid durcheinanderwirbelte. »Das sind die Gebete.«
»Was sind die Gebete? Meinst du diese Stoffstreifen?«
Sie nickte. »Jeder Streifen ist ein Gebet. Wenn der Wind weht und sie fliegen, schickt jeder Streifen ein Gebet an die Seelen.«
»Und wofür betest du?«
»Jedes einzelne dieser Gebete ist dasselbe — es stammt aus dem Herzen dessen, der mir sein Gebet gegeben hat. Es sind alles Gebete, damit man uns unser Land zurückgibt.«
»Euer Land? Aber du bist doch in deinem Land.«
»Nein. Hier leben wir, aber es ist nicht unser Land. Vor langer Zeit wurde unser Land von den magischen Männern geraubt. Sie haben uns hierher verbannt.«
Sie erreichten das Ufer des Teiches. Eine Bö kräuselte das dunkle Wasser. Das Ufer war mit Gras bewachsen, mit dichten Büscheln Binsen, welche auch noch im niedrigen Wasser standen.
»Die magischen Männer haben euch das Land geraubt? Welches Land?«
»Sie haben unser Land von unseren Vorfahren geraubt.« Sie zeigte in die Richtung des Tales der Verlorenen. »Das Land auf der anderen Seite der Majendie. Ich war mit unseren Gebeten auf dem Weg in unser Land, um die Seelen zu fragen, ob sie dabei helfen, uns das Land zurückzugeben. Aber die Majendie nahmen mich gefangen, und ich konnte unsere Gebete nicht zu den Seelen bringen.«
»Wie werden die Seelen euch das Land zurückgeben?«
Sie zuckte mit den Achseln. »In den alten Worten heißt es nur, daß wir jedes Jahr jemanden in unser Land schicken müssen, um zu den Seelen zu beten, und wenn wir das tun, wird uns das Land zurückgegeben werden.«
Sie löste den Gürtel und ließ ihn zu Boden gleiten. Mit verwirrender Anmut schleuderte sie das Messer mit dem grünen Griff zur Seite, wo es im runden Ende eines Astes auf einem umgestürzten Stamm steckenblieb.
»Aber wie?«
Sie sah ihn verständnislos an. »Indem sie uns unseren Herrscher wiedergeben.«
»Ich dachte, ihr wärt die Baka Ban Mana, die ohne Herrscher.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Weil uns die Seelen noch keinen geschickt haben.«
Während Richard noch darüber nachdachte, bückte sie sich, faßte ihren Rocksaum und zog ihn sich über den Kopf.
»Was denkst du eigentlich, was du da tust?«
Sie runzelte die Stirn. »Mich muß ich waschen, nicht mein Kleid.«
»Aber doch nicht vor mir!«
Sie sah an sich herab. »Du hast mich doch schon gesehen. Ich habe mich seit heute morgen nicht verändert.« Sie hob den Kopf und sah ihn an. »Dein Gesicht ist wieder rot.«
»Da hinüber.« Er zeigte in die angegebene Richtung. »Geh auf die andere Seite der Binsen. Du auf der einen Seite, ich auf der anderen.«
Er drehte ihr den Rücken zu.
»Aber wir haben nur eine Seife.«
»Du kannst sie mir zuwerfen, wenn du fertig bist.«
Sie ging um ihn herum und stellte sich vor ihn hin. Er versuchte sich erneut umzudrehen, doch sie folgte ihm und zerrte an seinen Knöpfen.
»Ich kann mir nicht selbst den Rücken schrubben. Außerdem ist das nicht fair. Du hast mich gesehen, also sollte ich dich auch sehen. Deswegen wirst du auch rot, weil du nicht fair gewesen bist. Danach wirst du dich besser fühlen.«
Er schob ihre Hände fort. »Laß das, Du Chaillu. Wo ich herkomme, gehört sich das nicht. Männer und Frauen baden nicht zusammen. Man tut es einfach nicht.« Er drehte ihr wieder den Rücken zu.
»Komm schon, nicht einmal mein dritter Ehemann ist so schüchtern wie du.«
»Dein dritter! Du hattest drei Ehemänner?«
»Nein. Ich habe fünf.«