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Richard versteifte sich. »Du ›hast‹ fünf?« Er drehte sich zu ihr um. »Was soll das heißen, du ›hast‹ fünf?«

Sie sah ihn an, als hätte er gefragt, ob im Wald Bäume wachsen. »Ich habe fünf Ehemänner. Fünf Ehemänner und meine Kinder.«

»Und wie viele Kinder hast du?«

»Drei. Zwei Mädchen und einen Jungen.« Ein versonnenes Lächeln zog über ihr Gesicht. »Es ist lange her, seit ich sie in den Armen gehalten habe.« Ihr Lächeln wurde traurig. »Meine armen Kleinen haben bestimmt jede Nacht geweint und gedacht, ich sei tot. Noch nie ist jemand von den Majendie zurückgekehrt.« Sie mußte grinsen. »Meine Ehemänner werden es bestimmt gar nicht abwarten können, Lose zu ziehen, wer als erster versuchen darf, mir ein weiteres Kind zu schenken.« Ihr Schmunzeln verblaßte, ihre Stimme verlor sich. »Aber wahrscheinlich hat das bereits ein Majendie-Hund getan.«

Richard gab ihr die Seife. »Es wird alles gut werden. Du wirst sehen. Geh und bade jetzt. Ich werde auf die andere Seite der Binsen gehen.«

Er entspannte sich im kühlen Wasser, lauschte auf ihr Planschen und wartete darauf, daß sie mit der Seife fertig wurde. Der Nebel über dem Teich wurde dichter und kroch langsam, geräuschlos in die umstehenden Bäume.

»Ich habe noch nie von einer Frau gehört, die mehr als einen Ehemann hat. Haben alle Frauen der Baka Ban Mana mehr als einen Mann?«

Sie mußte kichern. »Nein. Nur ich.«

»Warum du?«

Das Planschen hörte auf. »Weil ich das Gebetskleid trage«, antwortete sie, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.

Richard verdrehte die Augen. »Schön, aber was hat das…«

Sie kam durch die Binsen zu ihm geschwommen. »Bevor du die Seife haben kannst, mußt du mir den Rücken waschen.«

Richard stieß einen ärgerlichen Seufzer aus. »Also gut. Wenn ich dir den Rücken wasche, wirst du dann wieder zurück auf deine Seite gehen?«

Sie hielt ihm den Rücken hin. »Wenn du es richtig machst.«

Als sie zufrieden war, schwamm sie schließlich zurück, um sich anzuziehen, während er sich wusch. Über das Zirpen der Käfer und das Quaken der Frösche hinweg erklärte sie ihm, sie habe Hunger.

Er streifte sich gerade die Hosen über, als sie ihm zurief, er solle sich beeilen, damit sie essen könnten.

Er warf sich das Hemd über die Schulter und lief ihr nach, um sie einzuholen, während sie bereits auf den Duft des Essens zusteuerte. Sauber sah sie viel besser aus. Ihr Haar war jetzt wie das eines normalen Menschen und nicht mehr wie das eines wilden Tieres. Sie sah nicht mehr aus wie eine Wilde, sondern irgendwie edel.

Noch war es nicht dunkel, aber hell konnte man das Dämmerlicht auch nicht mehr nennen. Der Dunst, der sich über dem Teich gebildet hatte, zog heran und hüllte sie ein. Die Bäume versanken im dichter werdenden Nebel.

Als die beiden in den Kreis aus Licht rings um das Feuer traten, erhob sich Schwester Verna. Richard schob gerade den rechten Arm durch seinen Ärmel, als er Schwester Vernas entgeisterten Gesichtsausdruck sah und erstarrte. Sie blickte wie gebannt auf seine Brust, auf dieses Etwas, das er bislang vor ihr verborgen gehalten hatte.

Auf die Narbe. Auf den Handabdruck, der dort eingebrannt war. Auf jenen Handabdruck, der ihn immer daran erinnerte, wer ihn gezeugt hatte.

Schwester Verna war bleich wie ein Gespenst. Ihre Stimme war so leise, daß er Mühe hatte, sie zu verstehen. »Woher hast du das?«

Auch Du Chaillu starrte auf die Narbe.

Richard zog sein Hemd zusammen. »Das habe ich Euch bereits erklärt. Darken Rahl hat mich mit seiner Hand versengt. Ihr habt behauptet, ich hätte Halluzinationen.«

Langsam hob sie den Kopf und sah ihm in die Augen. In ihrem Blick lag etwas, das er dort noch nie gesehen hatte. Unbeherrschte Angst.

»Richard«, hauchte sie, »im Palast darfst du das niemandem zeigen. Außer der Prälatin. Vielleicht weiß sie, was zu tun ist. Ihr mußt du es zeigen. Aber niemandem sonst.« Sie trat näher. »Hast du verstanden? Niemandem!«

Richard knöpfte langsam sein Hemd zu. »Wieso?«

»Weil man dich sonst töten wird! Das ist das Mal des Namenlosen.« Sie befeuchtete sich die Lippen. »Die Sünden des Vaters.«

Aus der Ferne drang das klagende Geheul von Wölfen herüber. Du Chaillu fröstelte und schlang die Arme um sich, während sie in den Nebel blickte.

»Menschen werden sterben heute nacht«, verkündete Du Chaillu leise.

44

Sie tauchten aus dem Nebel auf und nahmen feste Gestalt an, die weißen Fänge des Todes. Das überraschte Opfer, anfangs wie gelähmt von markgefrierender Angst, sprang auf und wollte vor dem weißen Tod fliehen. Fänge aus weißem Stahl schlugen sich ohne Erbarmen in sie hinein, als sie um ihr Leben rannten. Todesschreie zerrissen die Nachtluft. Hysterie ließ sie alle Umsicht in den Wind schlagen und scheuchte sie geradewegs in den wartenden kalten weißen Stahl.

Furchtlose Männer erfuhren am eigenen Leibe, was Angst ist, bevor sie starben.

Ein Höllenlärm brach los. Das Klirren von Stahl, das Splittern von Holz, das Zerreißen von Zelttuch, der dumpfe Schlag, mit dem Fleisch und Knochen auf dem Boden landeten, die Schreie von Mensch und Tier, all dies vermengte sich zu einer endlosen Kakophonie des Terrors. Die Woge des weißen Todes trieb das Chaos vor sich her.

Der beißende Geruch von Blut füllte die Luft, überdeckte den süßlichen Duft lichterloh brennenden Waldes, den beißenden Geruch sich entzündenden Lampenöls, den stickigen Rauch brennenden Pechs und den Übelkeit erregenden Gestank verkohlenden Fleisches und Fells.

Was nicht vorn kalten Nebel feucht war, war verschmiert von heißem Blut.

Die weißen Fänge aus Stahl waren mittlerweile blutrot; weißer Schnee verwandelte sich in rote Pfützen. Feuerlohen züngelten in die Höhe, versengten die kalte Luft und verwandelten das Weiß des Nebels in ein leuchtendes Orange. Bedrohlich dunkle Rauchschwaden krochen über den Boden, während der Himmel hoch oben brannte.

Pfeile sirrten vorüber, Speere senkten sich in hohem Bogen durch die Luft, zersplitterte Lanzen verschwanden kreisend im Nebel, und abgetrennte Hellebardenspitzen wirbelten fort in die Dunkelheit. Überbleibsel zerfetzter Zelte schlugen und flatterten, als peitsche sie ein wütender Sturm. Schwerter hoben und senkten sich in einer Woge, die angetrieben schien vom Ächzen, das das hektisch-bedingungslose Wollen untermalte.

Männer stoben wie aufgescheuchte Ameisen in alle Richtungen davon. Einige gingen taumelnd zu Boden und verteilten ihr Gedärm im Schnee. Einer der Verwundeten stolperte, geblendet von Blut, ziellos umher, bis einer der weißen Schatten, ein Geist des Todes, vorbeistürmte und ihn niederstreckte. Das Rad eines Karrens rollte vorüber und verschwand sofort wieder hinter schwarzen Schleiern beißenden, vorüberziehenden Rauchs.

Alarm war nicht geschlagen worden, die Posten waren lange tot. Wenige im Lager hatten mitbekommen, was geschah, bevor das Unheil sie überkam.

Das Lager der Imperialen Ordnung war in letzter Zeit ein Ort voller Lärm und wilder Feiern gewesen, und vielen fiel es in ihrem betrunkenen Zustand schwer, zu erkennen, daß irgend etwas Folgenschweres geschah. Viele der Männer, die vom bandu im Bier vergiftet waren, lagen, sich erbrechend, um die Feuer. Viele waren so geschwächt, daß sie verbrannten, ohne auch nur den Versuch zu machen, aus den in Flammen stehenden Zelten zu entkommen. Andere befanden sich in einem Zustand trunkener Besinnungslosigkeit und lächelten den Männern, die ihnen Schwerter in die Eingeweide bohrten, tatsächlich zu.

Selbst jene, die nüchtern waren, wußten nicht recht einzuschätzen, was hier geschah. Ihr Lager war oft ein Ort voller derben Lärms und Chaos gewesen. Riesige Freudenfeuer brannten die ganze Nacht hindurch, als Wärmespender und um sich dort zu treffen. Im allgemeinen bildeten sie die einzigen Bezugspunkte in dieser ungeordneten Anlage, daher fielen die Feuer der Zerstörung außer in ihrer unmittelbaren Umgebung, gar nicht recht auf und riefen nur wenig Besorgnis hervor.

Unter den D’Haranern galten Raufereien im Lager schlicht als Teil der lärmenden Vergnügungen, und schreiende Männer, die während eines Streits abgestochen wurden, waren nichts Besonderes. Was man besaß, gehörte einem nur so lange, wie man toll genug war, es nicht anderen zu überlassen, die jederzeit bereit waren, es einem abzunehmen. Bündnisse unter D’Haranern waren wie Treibsand. Sie konnten ein Leben lang halten, oder, was üblicher war, gerade mal eine Stunde, sobald ein neuer Bund sich als abenteuerlicher oder einträglicher erwies.