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Richard rief Scarlet vorn zu, sie solle auf dem freien Feld mitten im Dorf landen. Die Sonne ging gerade unter, so daß die hellbraun getünchten Lehmgebäude deutlich im schräg einfallenden Licht hervortraten. Kahlan konnte den süßlichen Rauch der Feuerstellen riechen. Lange Schatten jagten den Menschen hinterher, die sich rennend in Sicherheit brachten. Frauen ließen ihre Kochstellen im Stich und Männer ihre Waffenschmieden. Alles rief und brüllte durcheinander.

Hoffentlich fürchteten sie sich nicht allzusehr. Als Scarlet das letzte Mal hierhergekommen war, hatte sie Darken Rahl getragen, der Richard hier gesucht, nicht gefunden und daraufhin mehrere Menschen getötet hatte. Diese Menschen wußten nicht, daß Rahl erst Scarlets Ei gestohlen und sie dann gezwungen hatte, ihn zu fliegen. Natürlich hielte hier jeder einen roten Drachen auch ohne Darken Rahl auf seinem Rücken für eine tödliche Bedrohung. Sie wäre selbst bei diesem Anblick um ihr Leben gerannt. Die roten Drachen waren die furchteinflößendsten ihrer Art, und beim Anblick eines Roten würde man ihn entweder zu töten versuchen oder um sein Leben rennen.

Das heißt, niemand außer Richard. Wer außer Richard käme auf die Idee, sich mit einem anzufreunden? Er hatte sein Leben riskiert, um Scarlets Ei Rahls Zugriff zu entreißen, damit sie ihm half, und hatte dabei eine Freundin fürs Leben gewonnen — auch wenn Scarlet immer noch die Absicht bekundete, ihn eines Tages aufzufressen. Kahlan nahm an, daß es sich um einen Scherz zwischen den beiden handelte, da Richard jedesmal lachte, wenn Scarlet dies erwähnte. Ganz sicher war sie nicht. Kahlan blickte nach unten ins Dorf und hoffte, die Jäger würden nicht auf die Idee kommen, Giftpfeile abzufeuern, bevor sie sahen, wer auf dem roten Drachen ritt.

Plötzlich entdeckte Siddin sein Zuhause. Er zeigte aufgeregt darauf und plapperte Richard in der Sprache der Schlammenschen die Ohren voll. Richard verstand kein einziges Wort, lächelte aber, nickte und strich Siddin durchs Haar. Die beiden klammerten sich an Scarlets Rückendornen, als sie den steilen Sinkflug abbremste. Staub stieg ringsum in die Höhe, aufgewirbelt von Scarlets riesigen, ledrigen Flügeln, als sie auf dem Boden niederging.

Richard schnappte sich Siddin und hob sich den kleinen Jungen auf die breiten Schultern, dann richtete er sich auf. Die steife, kalte Brise verwehte den Staub, und man sah einen ungleichmäßigen Ring aus Jägern mit gezücktem Bogen, deren vergiftete Pfeile auf die drei gerichtet waren. Kahlan hielt den Atem an.

Siddin fuchtelte strahlend mit beiden Händen über seinem Kopf herum, wie Richard es ihm geraten hatte. Scarlet hielt den Kopf gesenkt, damit die Schlammenschen deutlich erkennen konnten, wer auf ihr ritt. Die erstaunten Jäger senkten langsam die Bögen. Kahlan atmete auf, als sie sah, wie die Spannung aus den Bogensehnen wich.

Eine Gestalt in Wildlederhose und ebensolcher Jacke trat durch den Ring der Jäger. Sein langes, silbriges Haar hing ihm breit auf die Schultern herab. Der Vogelmann. Der Schreck stand ihm ins sonnengegerbte Gesicht geschrieben.

»Ich bin es, Richard! Ich bin zurück! Dank eurer Hilfe haben wir Darken Rahl besiegt. Außerdem bringen wir Savidlins und Weselans Sohn zurück.«

Der Vogelmann sah Kahlan an, während sie übersetzte. Ein strahlendes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. »Wir heißen euch beide bei unserem Volk mit offenen Armen willkommen

Frauen und Kinder scharten sich jetzt hinter dem Ring der Jäger zusammen. Dunkles, mit Schlamm geglättetes Haar umrahmte die Gesichter. Scarlet ließ ihren massigen Körper auf den Boden herab. Richard glitt von ihrer Schulter und landete mit dumpfem Aufprall auf seinen Stiefeln. Er hielt Siddin mit einer Hand fest, während er Kahlan mit der anderen herunterhalf. Und diese war froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Weselan drängte sich durch die Menschenmenge und rannte, dicht gefolgt von Savidlin, auf sie zu. Sie rief den Namen ihres Sohnes. Siddin streckte ihr freudig die Hände entgegen und sprang ihr geradezu in die Arme. Weselan wußte nicht, ob sie weinen oder lachen sollte, während sie versuchte, ihren Sohn, Richard und Kahlan gleichzeitig zu umarmen. Savidlin strich seinem Jungen über den Rücken und sah sie und Richard mit feuchten Augen an.

»Er war tapfer wie ein Jäger«, erklärte Kahlan ihm.

Er nickte einmal entschlossen, voller Stolz. Dann musterte er sie einen Augenblick lang, trat näher und verpaßte ihr einen leichten Klaps. »Kraft dem Konfessor Kahlan

Kahlan erwiderte Klaps und Begrüßung, dann schlang er die Arme um sie und drückte sie lange und fest an sich. Als er damit fertig war, zog er das Kojotenfell des Ältesten auf seinen Schultern zurecht und sah Richard an. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Und dann verpaßte er Richard einen deftigen Schlag ans Kinn, zum Zeichen seines von ganzem Herzen kommenden Respekts vor Richards Kraft.

»Kraft dem Richard mit dem Zorn

Kahlan wäre es lieber gewesen, er hätte es nicht getan. Sie sah Richards Augen an, daß er Kopfschmerzen hatte. Seit gestern schon. Sie hatte gehofft, nach einer gut durchschlafenen Nacht in Scarlets Höhle würden sie besser werden. Siddin hatte mit den kleinen roten Drachen gespielt, bis er todmüde war, dann hatte er sich zwischen sie gekuschelt und war eingeschlafen.

Sie hatte seit Tagen keine Ruhe gefunden und hatte geglaubt, ohne Mühe einschlafen zu können. Doch dann hatte sie die Augen nicht von Richard wenden können. Schließlich hatte sie den Kopf an seine Schulter gelegt, mit beiden Händen die seine ergriffen und war lächelnd eingeschlafen. Sie alle hatten die Ruhepause nötig gehabt. Böse Träume hatten Richard mehrmals in kalten Schweiß gebadet aus dem Schlaf gerissen, und obwohl er nichts davon erwähnte, hatte sie seinen Augen angesehen, daß ihn die Kopfschmerzen noch immer quälten. Richard ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken und erwiderte Savidlins Schlag mit gleicher Wucht.

»Kraft dem Savidlin, meinem Freund.«

Nach der offiziellen Begrüßung und dem Schutz für alle Seelen lief Savidlin grinsend umher und schlug jedem auf den Rücken. Nachdem sie auch den Vogelmann begrüßt hatten, wandte Richard sich an die Menschenmenge.

»Diese tapfere und edle Drachendame, Scarlet«, rief er mit lauter Stimme, damit ihn alle hören konnten, auch wenn sie die Worte nicht verstanden, »hat mir geholfen, Darken Rahl zu töten und unsere Ermordeten zu rächen. Sie hat uns hergebracht, und so konnte Siddin zurückkehren, und seine Eltern müssen nicht noch eine weitere Nacht um ihn fürchten. Sie ist meine Freundin und eine Freundin der Schlammenschen.«

Alles reagierte verblüfft, als Kahlan übersetzte. Schließlich warfen sich auch die Jäger stolz in die Brust, als sie hörten, daß ein Feind der Schlammenschen von einem der ihren getötet worden war — wenn dieser auch nur zu einem der ihren erklärt und nicht als solcher geboren worden war. Die Schlammenschen respektierten Stärke, und ein Zeichen von Stärke war es für sie, wenn man jemanden tötete, der ihrem Volk Schaden zugefügt hatte.

Scarlet senkte den Kopf und zuckte mit den Ohren. Sie sah Richard aus einem ihrer gelben Augen finster an. »Von wegen Freund! Kein roter Drache ist der Freund von Menschen! Wir werden von allen gefürchtet!«

»Du bist meine Freundin.« Richard grinste. »Und ich bin ein Mensch.«

Scarlet schnaubte und hüllte ihn in eine Rauchwolke. »Pah! Irgendwann werde ich dich fressen.«

Richards Grinsen wurde breiter. Er zeigte auf den Vogelmann. »Siehst du diesen Mann dort? Er hat mir die Pfeife geschenkt, mit der ich dein Ei gerettet habe. Ohne diese Pfeife hätten die Gars dein Junges vielleicht aufgefressen.« Er strich ihr mit der Hand über ihre leuchtend rote Schnauze. »Und das wäre doch jammerschade gewesen.«