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In der Ferne, im Nebel rechts von ihr, entdeckte Kahlan eine Reihe angebundener Pferde. Sie sah, wie Brin und Peter die Kette erneut spannten und Daisy und Pip zum Galopp antrieben. Sie überlegte, den beiden zuzubrüllen, sie sollten bei den anderen bleiben, weil sie keine Chance hätten, sie alle zu erwischen, weil sie genug erreicht hätten und jetzt verschwinden müßten, weil es zu spät wäre. Aber sie wußte, sie würden sie nicht hören.

Brin ließ die Kettenschlingen fallen. Sie trieben die Pferde auseinander, um den Stahl zu spannen, scherten aus und hielten auf die angepflockten Pferde zu. Überzeugt, Brin und Peter zum letzten Mal in dieser Welt zu Gesicht zu bekommen, warf sie einen letzten Blick auf die beiden und richtete dann ihr Augenmerk nach vorn.

Sie zeigte mit dem Schwert nach vorne. »Dort stehen die übrigen Versorgungskarren!«

Die Männer wußten, was zu tun war. Während sie die Kolonne vorbeihetzte, wurden die Karren mit Lampenöl übergössen. Räder wurden eingeschlagen, Fackeln geschleudert. Die Karren gingen in Flammen auf. Mit weiteren Fackeln wurden Zelte in Brand gesetzt. Die vom Lärm und Feuer aus dem Schlaf gerissenen Männer liefen in gezückte Schwerter. Die Feuer verblaßten hinter den weißen Männern zu einer orangefarbenen Glut im Dunst, während sie sich weiter vorwärts in den Nebel stürzten.

Plötzlich lag das Lager hinter ihnen, und sie befanden sich in offenem, schneebedecktem Gelände. Jetzt, da sie das Lager und seine Feuerstellen hinter sich gelassen hatten, war die Dunkelheit ringsum bedrückend. Die Männer vorn zögerten, sahen sich im Laufen um.

»Späher vor!« schrie sie. »Wo sind die Späher?«

Zwei Männer schoben sich durch die Reihen nach vorn, und zeigten in die Richtung des Passes, zu dem sie wollten. Sie hielt nach den anderen Ausschau, drehte sich von einer Seite zur anderen. Niemand kam. Sie trieb Nick im Galopp zur Vorhut, hinter den beiden Spähern her.

»Wo sind die anderen? Sie hatten Befehl, die Führung zu übernehmen!«

Die runden, feuchten Augen, die zu ihr hochblickten, beantworteten wortlos ihre Frage.

»Also schön«, sagte sie, »ihr beide kennt den Weg. Bringt uns hier raus.«

Fünfzig Mann hatten den Paß ausgekundschaftet, den sie nehmen wollten. Fünfzig, um sicherzugehen, daß genügend übrig waren, um ihnen den Weg zu zeigen. Geblieben waren zwei.

Leise knurrend verfluchte sie die Seelen. Verschämt zog sie den Fluch zurück. Wenigstens hatten sie ihr diese beiden gelassen. Ohne die zwei würden sie durch den Nebel irren und wären frierend den Soldaten der Imperialen Ordnung ausgeliefert, die ihnen auf den Fersen waren.

Sie zügelte Nick und brachte ihn neben einer Kolonne nackter Männer zum Stehen. Verzweifelt winkte sie heftig mit den Armen.

»Los, los, los! Lauft, verdammt noch mal, flieht! Sie haben uns gleich eingeholt!« Die Männer auf den Zugpferden — Brin und Peter waren nicht unter ihnen — holten sie ein und ritten neben ihr. »Kutscher! Achtet auf den Späher vorn! Er zeigt euch, welchen Markierungen ihr folgen sollt.« Sie nickten zum Zeichen, daß sie es nicht vergessen hatten.

Männer in d’haranischen Uniformen, mit weißen, auf die Schulterstücke aufgenähten Flicken, um sie als Galeaner zu kennzeichnen, die in den Uniformen der Posten in das feindliche Lager eingedrungen waren, rannten vorüber. »Vergeßt nicht, die Markierungen herauszuziehen, bevor ihr auf die Pferde steigt.«

Zu zweit oder zu dritt sollten sie auf den Zugpferden zu einem der anderen kleinen Lager reiten, die man rings um den Feind eingerichtet hatte. Sie hatten zuvor im ganzen Tal falsche Fährten gelegt, so daß ohne die in den Schnee gesteckten Stöcke, die den richtigen Weg markierten, niemand den Weg in diese Lager finden konnte.

Die Spur all der Fußsoldaten war für den Feind im Schnee leicht zu verfolgen. Doch was das betraf, hatte sie ihre Pläne.

Hinter sich in der Ferne sah sie, wie die Nachhut in ein Gefecht mit der Imperialen Ordnung verwickelt war. Leutnant Sloan hatte eben das verhindern und die Nachhut in Bewegung halten sollen. Einen neuerlichen Fluch ausstoßend, galoppierte sie zurück. Ohne zu zögern, stürmte sie zwischen den beiden Streitmächten hindurch, wirbelte herum und preschte erneut dazwischen und trieb so die beiden Seiten auseinander. Die lederbekleideten D’Haraner zogen sich angesichts der weißen Geisterfrau auf einem weißen Roß zurück.

Sie sprengte mitten unter die Galeaner. »Was ist los mit euch! Ihr kennt die Befehle! Lauft, sonst kommt ihr zu spät!«

Die Männer setzten sich in Bewegung und versuchten, einen leblosen Körper mitzuschleifen.

»Wo steckt Leutnant Sloan? Er sollte hier hinten bleiben!«

Die Männer deuteten mit einem Nicken auf die Leiche, die sie mit sich schleppten. Die eine Seite seines Kopfes fehlte, und sie konnte das freiliegende Gehirn erkennen. Es war Leutnant Sloan. Die D’Haraner griffen erneut an. Sie riß an den Zügeln, und Nick bäumte sich auf. Die D’Haraner wichen erneut zurück.

»Er ist tot! Laßt ihn liegen! Lauft! Lauft, ihr Idioten! Wenn einer von euch noch einmal stehenbleibt, aus welchem Grund auch immer, dann sorge ich dafür, daß ihr den Rest des Krieges nackt kämpft! Und jetzt lauft!«

Diesmal machten sie Ernst, gaben Fersengeld, rannten um ihr Leben. Erneut fegte sie an der Front der betrunkenen D’Haraner vorbei, wobei sie bewirkte, daß die Männer rückwärts stolperten und in Panik übereinander fielen. Sie mußte diese Männer aufhalten, um ihren eigenen Leuten einen Vorsprung zu verschaffen.

Sie trieb Nick mitten durch die D’Haraner, trampelte jene nieder, die ihr in den Weg gerieten. Die Männer stoben für einen kurzen Augenblick vor der weißen Geisterfrau auseinander, einige riefen die Seelen um Schutz an. Andere jedoch kamen Waffen schwingend zurück. Wenn sie Nicks Beine erwischten…

Sie setzte Schwert und Schlachtroß zur Verteidigung ein, während sie von allen Seiten bedrängt wurde. Ihre Leute verschwanden im Nebel. Lauft, flehte sie, lauft. Sie schlug mit dem Schwert auf Soldaten ein, die nach ihr griffen. Beim nächsten Umdrehen sah sie nichts als düsteren Nebel und Dunst. Indes sie Nick sich um seine eigene Achse drehen ließ, verlor sie die Orientierung. Sie griff weiter die D’Haraner an und versuchte ihren Soldaten eben jenen Vorsprung zu verschaffen, den sie brauchten, um zu entkommen.

Sie versuchte auszubrechen, doch auf allen Seiten wimmelte es von Feinden, und es wurden ständig mehr. Einige brüllten den anderen zu, sie sei bloß eine Frau und kein Gespenst, und eine Frau würden sie nicht entkommen lassen. Sie fühlte sich so nackt wie noch nie während der gesamten Nacht.

Männer warfen sich um Nicks Beine, und obwohl sich der Hengst aufbäumte und sie mit den Hufen zurückdrängte, nahmen andere ihren Platz ein und brachten das große Tier zum Taumeln. Kahlan hackte wie von Sinnen auf die Männer ein, trennte Arme ab, spaltete Schädel, durchbohrte Körper.

Inmitten dieser Flut von Männern erkannte sie plötzlich, wie unhaltbar ihre Situation war. Sie wußte, wenn die Feinde sie vom Pferd herunterholten, wäre sie erledigt. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte sich von den Soldaten nicht befreien.

Zum ersten Mal in dieser Nacht hatte sie wirklich Angst, es nicht zu schaffen. Sie würde sterben, hier, im Schnee, in diesem nebelverhangenen Tal. Sie würde Richard nie wiedersehen.

Plötzlich spürte sie unvermittelt einen eisigen Schmerz in der Bißwunde auf ihrem Hals. Der Bißwunde von Darken Rahl. Sie glaubte ein leises Lachen in der Luft zu hören.

Sie schlug um sich, drosch auf die Männer ein, die nach ihr griffen. Kräftige Finger umklammerten ihre Beine. Der durch diese Finger hervorgerufene Schmerz ließ sie verzweifelt zustechen und zustechen. Nick gelang es, sich im Kreis zu drehen, und die Männer verloren den Boden unter den Füßen, ließen ihre Beine jedoch nicht los. Sie drosch und hackte auf die Arme ein. Immer mehr Soldaten bekamen die Trense des Pferdes zu fassen, nahmen ihr die Kontrolle aus der Hand. Ein Pferd war wertvolles Beutegut, und sie wollten nicht, daß es getötet wurde, solange sie sich als Herr der Lage wähnten.