Ein dicker Soldat bekam ihren Sattelknauf zu fassen und zog sich daran hoch. »Bringt sie nicht um! Es ist die Mutter Konfessor! Sie soll lebend aufs Schafott gebracht werden!«
Sie schlitzte ihm die Seite seines Halses auf. Eine Fontäne heißen Bluts sprudelte über ihren Schenkel. Ein anderer brüllte: »Tötet sie nicht! Holt das Weibstück vom Pferd!« Unter den Kerlen brach Jubel aus.
Sie drosch auf die nach ihr greifenden Hände ein. Finger zerkratzten ihr die Beine. Lüsterne Blicke taxierten ihre Weiblichkeit. Sie schlug wild um sich, während Nick beim Versuch, seinen Kopf loszureißen, zur Seite taumelte. Doch die Männer hatten seine Trense fest im Griff.
Ein Soldat sprang von hinten auf und packte sie bei den Haaren. Sie stieß einen Schrei aus, als er sie mit einem Ruck nach hinten aus dem Sattel riß. Hände grapschten nach ihr, derweil sie Hals über Kopf zu Boden trudelte. Alles ging in einem Haufen unter ihr zu Boden. Große Hände packten sie an den Beinen, ihrer Hüfte, ihren Knöcheln, ihren Brüsten.
Finger schlossen sich um ihre Klinge, versuchten, sie ihr zu entwinden. Sie drehte das Heft und trennte die Finger damit ab. Sie schlug und stocherte wild um sich. Körper drückten sie zu Boden, preßten ihr den Atem aus den Lungen. Sie biß die Finger, die ihren Mund bedeckten. Eine riesige Faust traf sie am Kinn.
Schließlich bekamen sie ihre Arme zu fassen.
Es waren zu viele.
Geliebter Richard, ich liebe dich.
45
Kahlan rang nach Atem, doch das Gewicht der Männer preßte ihr die Luft aus den Lungen. Tränen brannten ihr in den Augen. Mehr und mehr Männer warfen sich auf sie. Ein harter Ellenbogen bohrte sich in ihren Leib und schien sie in zwei Teile zu zerquetschen. Betrunkener Atem stieg ihr in die Nase.
Ihr Blickfeld schrumpfte zu einem winzigen Punkt. Um das Zentrum herum wurde alles schwarz, und das Zentrum wurde immer kleiner. Sie schluckte Blut. Ihr eigenes.
Sie hörte etwas, das wie fernes Donnergrollen klang. Anfangs spürte sie nur die Vibrationen unter ihrem Rücken im Boden, doch dann schwoll das Geräusch an, wurde lauter, deutlicher. Die Schreie der Männer erreichten ihre Ohren.
Ein paar der Männer über ihr hoben den Kopf. Das Gewicht auf ihrer Brust ließ ein wenig nach, und sie sog Luft in ihre Lungen. Es war die süßeste Luft, die sie je geatmet hatte.
Als der Riese von einem Kerl direkt über ihr, der, der sie ins Gesicht geschlagen hatte, sich nach dem donnernden Geräusch umdrehte und den wilden Blick von ihr abwandte, erkannte sie, daß sein eines Auge von einer Narbe überdeckt war, die bis über seine Wange reichte. Die leere Augenhöhle war vernäht. Irgendwie gelang es ihr, die linke Hand freizuwinden. Sie packte ihn an der Kehle.
Und hörte ein metallisches Klirren. Der Donner, wurde ihr plötzlich bewußt, das waren Pferdehufe. Brin und Peter brachen auf Daisy und Pip in vollem Galopp aus dem Nebel hervor und rasten durch die Reihen der D’Haraner, mähten sie mit der Kette nieder. Wie ein Bäume umlegender Erdrutsch kamen sie auf sie zugerast. Die Männer konnten den Blick nicht abwenden, waren vor Schreck wie erstarrt. Kahlans Finger schlossen sich um die Kehle des Einäugigen.
Und dann entlud sie ihre Kraft in ihn.
Die Magie fuhr mit voller Wucht in seinen Körper.
Donner ohne Hall brachte seinen Kettenpanzer zum Klirren.
Der überwältigende Schock ließ die Männer zurückschrecken. Sie schrien gequält auf, weil sie so nah waren, als die Magie freigesetzt wurde. Eine ringförmige Schneewehe wurde aufgeworfen und breitete sich kreisförmig aus.
Nick stand über ihr, und auch er zuckte vor Schmerz zusammen. Sein Hinterbein senkte sich trampelnd auf den Kopf eines Mannes dicht neben ihrem rechten Ohr. Der Knochen barst knirschend unter dem Gewicht.
Der Mann über ihr glotzte sie aus seinem einen Auge an. »Herrin!« flüsterte er. »Bitte, befehlt mir.«
»Beschütze mich!« kreischte sie.
Er setzte sich unvermittelt auf, spannte die mächtigen Muskeln. In jeder Hand hielt er einen Mann bei den Haaren. Er schleuderte sie nach hinten, als wären es kleine Kinder.
Ihr Schwertarm war frei. Sie schlug nach einem Kerl auf der anderen Seite. Die Klinge zerschmetterte ihm das Gesicht. Grölend schleuderte der Einäugige Männer auf die Seite. Die Zugpferde kamen in vollem Galopp angerast.
Sie hatte sich aus den Händen befreit. Sie sprang auf die Füße. Die Kette würde sie bald erreicht haben.
»Hilf mir auf mein Pferd!«
Der Einäugige packte ihren Knöchel mit seiner großen Faust und schob sie mit einem Arm hinauf in den Sattel. Aus irgendeinem Grund hielt sie das Schwert noch immer in der Hand. Sie beugte sich nach vorn und schlug damit auf den Soldaten ein, der die Trense und damit seine Beute hielt. Die Schwertspitze schlitzte ihm das Gesicht und den Arm zur Hälfte auf. Er taumelte mit einem schrillen Schrei zurück. Sie schnappte sich die Zügel. Brüllend hackte der Einäugige mit seiner riesigen Streitaxt Köpfe ab und Brustkörbe auf.
»Geht, Herrin! Flieht! Orsk wird Euch beschützen!«
»Bin schon unterwegs! Lauf, Orsk! Laß dich nicht erwischen!«
Die D’Haraner ließen von ihr und ihrem Pferd ab und wandten sich den neuen Bedrohungen zu — Orsk und der Kette. Sie trat Nick die Hacken in die Flanken und trieb ihn zu einem Galopp, gerade als Brin und Peter sie einholten. Sie schob ihre nackten Füße in die Steigbügel, und die drei rasten davon.
Sie fand die Spur, die Hunderte von Füßen im Schnee hinterlassen hatten, folgte ihr durchs Tal in den Nebel hinein. Doch die Armee der Imperialen Ordnung kam bald wieder zur Besinnung. Es dauerte nur Sekunden. Dann stürzten sie ihr hinterher. Mehr als genug hatten überlebt. Tausende.
Peter hakte die Kette aus, die Hunderten die Knochen und das Genick gebrochen haben mußte. Das Ende der Kette tanzte hinter ihnen her. Brin zog es ein und wand es um das Kummet.
Während sie in die Nacht hineingaloppierten, glaubte sie zu hören, wie das Lachen hinter ihr leiser wurde. Die Erinnerung an den Kuß von Darken Rahl ließ sie frösteln. Plötzlich fühlte sie sich wieder sehr nackt.
Sie schwitzte, obwohl der Nebel eiskalt war und ihren Körper mit einem brennenden Kribbeln überzog. Blut rann aus ihrer geschwollenen Lippe.
»Ich hätte nie gedacht, euch zwei wiederzusehen«, schrie sie über das Donnern der Hufe hinweg.
Brin und Peter grinsten in ihren zu großen Jacken in die Dunkelheit. »Wir haben Euch doch gesagt, daß wir es schaffen können«, meinte Brin.
Zum ersten Mal in jener Nacht lächelte sie. »Ihr zwei seid mir ein Rätsel.«
Sie konnte so gerade die Hinterteile der anderen Zugpferde erkennen, die im Nebel verschwanden. Sie zeigte nach vorn. »Dort sind eure Leute. Viel Glück.« Ein Wink, und sie schwenkten von ihr fort.
Sie galoppierte allein weiter und holte ein kurzes Stück später die Fußsoldaten ein. Zuerst sah sie nur einen. Er hatte eine gräßlich, klaffende Wunde an seinem Bein und war weit zurückgefallen. Ihr war klar, sie mußte ihn zurücklassen. Die D’Haraner waren ihr dicht auf den Fersen.
Als sie auf ihn zuritt, drehte er den Kopf nach oben, während er sich weiter durch den Schnee schleppte. Er wußte selbst, daß sie ihn zurücklassen mußte. So lautete der Befehl. Ihr Befehl. Man blieb auf den Beinen, oder man wurde zurückgelassen. Ohne Ausnahme.
Im Vorbeireiten beugte sie sich vor und streckte einen Arm aus. Sie faßten sich an den Handgelenken, und sie zog ihn hinter sich hinauf.
»Halt dich fest, Soldat.«
Er breitete die Arme aus, versucht das Gleichgewicht zu halten, während das Pferd rannte, hatte Angst, sie zu berühren. »Aber wo?«
»An meiner Hüfte! Leg deine Arme um meine Hüfte!«