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Er hatte die Arme noch immer ausgebreitet und hüpfte auf und ab. »Aber…«

»Hast du noch nie die Arme um eine Frau gelegt?«

»Doch … aber sie war angezogen«, greinte er.

»Mach schon, oder du fällst runter, und noch einmal lese ich dich nicht auf.«

Widerstrebend, vorsichtig, legte er ihr die Arme um die Schultern und versuchte steif, die delikatesten Stellen ihres Körpers nicht zu berühren. Kahlan tätschelte ihm beruhigend den Handrücken. »Wenn du später einmal damit angibst, mach nicht mehr daraus, als es war.« Er ächzte leise und bekümmert, und sie mußte unvermittelt grinsen.

Während sie weiterritten, spürte sie, wie sein warmes Blut hinten an ihrem Bein herunterlief und von ihren Zehen in den Steigbügel tropfte. Hinter sich hörte sie die Schreie der Verfolger.

Er verlor eine Menge Blut. Aus Erschöpfung legte er ihr den Kopf von hinten an die Schulter. Wenn man die Wunde nicht bald verband, würde er sterben. Sie war nackt und hatte nichts, was sie dazu hätte benutzen können, selbst wenn genügend Zeit gewesen wäre.

»Halte die Wunde mit einer Hand zu«, meinte sie. »Klammere sie zusammen, so fest es geht. Und halte dich mit deinem anderen Arm an mir fest. Ich will nicht, daß du runterfällst.«

Er nahm einen Arm von ihrer Hüfte und hielt die klaffende Wunde zu, während sie hinter den Männern am Ende des Zuges herritt. Sie froren und waren erschöpft. Die Soldaten der Imperialen Ordnung waren nicht mehr weit entfernt. Als Kahlan sich umdrehte, kamen sie in Sicht. Ihre riesige Anzahl war schockierend. Sie grölten und brüllten.

»Lauft! Lauft, oder wir werden eingeholt!«

Eine Felswand, aus deren Ritzen und Spalten buschige Bäume wuchsen, ragte vor ihnen auf. Die Männer rannten den schmalen Paß hinauf, als hinge ihr Leben daran. Und genauso war es.

Während sie den Anstieg durch die schmale Klamm begannen, schlug Kahlan mit der flachen Seite ihres Schwertes dreimal auf den Fels und gab damit das Zeichen.

Ein Mann vor ihr drehte sich im Laufen um. »Wir sind noch gar nicht da! Das war zu früh! Es wird uns zusammen mit dem Feind erwischen!«

»Dann solltet ihr schneller rennen! Wenn wir zu lange warten, kommen sie womöglich auch noch durch!«

Sie klopfte drei weitere Male auf den Fels. Das Klirren wurde durch die dunkle, feuchte Luft davongetragen. Hoffentlich funktionierte es. Sie hatten natürlich keine Möglichkeit gehabt, es auszuprobieren. Die Soldaten vor ihr stolperten den Pfad hinauf. Nicks Hufe glitten mehrmals auf den schneebedeckten Steinen aus.

Anfangs spürte sie es bloß, ein Grollen tief in ihrer Brust, zu tief, um es zu hören. Sie blickte am feuchten, glatten Fels empor, der oben in Dunkelheit und Nebel verschwand. Noch konnte sie nichts erkennen, doch zu spüren war es schon.

Hoffentlich irrte sich der Mann, und es war nicht zu früh. Als sie die Schlachtrufe der von hinten kommenden Männer vernahm, wußte sie, daß sie keine andere Wahl hatten.

Und dann hörte sie es: ein donnerndes Grollen, als bewegte sich die Erde selbst. Sie hörte, wie Baumstämme brachen. Das Donnergrollen hallte von den umliegenden Berghängen wider. Der Boden zitterte.

»Lauft! Könnt ihr nicht schneller rennen? Wollt ihr bei lebendigem Leib begraben werden? Lauft!«

Sie wußte, sie liefen so schnell wie sie konnten, doch sie waren zu Fuß, und von ihrem Pferd aus wirkte es quälend langsam. Tödlich langsam.

Das Donnergrollen wurde immer lauter, als unzählige Tonnen Schnee krachend auf sie herabgestürzt kamen. Erleichtert stellte sie fest, daß es den Männern oben gelungen war, die Lawine auf Kommando auszulösen. Gleichzeitig hatte sie Angst, sie könnte das Kommando vielleicht zu früh gegeben haben.

Ein Klumpen nassen Schnees klatschte ihr ins Gesicht, ein weiterer traf ihre Schulter. Eine Wolke Schneeflocken bedeckte sie. Das Donnern war ohrenbetäubend.

Eine Flut aus donnerndem Weiß schwappte über die Klippe über ihnen. Sie kämpften sich durch den entgegenkommenden Strom, es war, als liefe man durch einen Wasserfall. Hinter ihr schlug ein Baumstamm auf den Pfad und wurde kreisend in den jähen Abgrund geschleudert. Sie waren der Hauptmasse der Lawine um Haaresbreite entgangen.

Die Männer der Imperialen Ordnung hinter ihnen hatten nicht so viel Glück. Der herabstürzende Schnee, durchsetzt mit Baumstämmen und Felsbrocken, stürzte mit stetig zunehmender Wucht kaskadenartig in die Tiefe. Die D’Haraner wurden vom völligen Chaos des weißen Todes fortgerissen. Der tosende Lärm dämpfte die Schreie der Männer, die fortgetragen und von dem alles zermalmenden Schneerutsch mitgerissen wurden, der sie bei lebendigem Leib begrub.

Kahlan sank erleichtert in sich zusammen. Jetzt war jede Verfolgung unmöglich. Der Paß war verschüttet.

Die nach Atem ringenden Männer wurden langsamer, doch allzu langsam durften sie nicht werden, sonst würden sie erfrieren. Die Bewegung hielt sie warm. Ihre Füße, das wußte sie, waren trotz der weißen Lappen, in die man sie gehüllt hatte, um ihnen ein wenig Schutz zu geben, alles andere als warm. Die Männer hatten ihr Bestes für sie gegeben. Sie hatten ihr Bestes für die Midlands gegeben. Viele hatten dabei ihr Leben gelassen.

Wegen des fehlenden Schlafs, der Müdigkeit nach der Schlacht, der emotionalen Auszehrung nach all der Angst sowie der Anstrengung, die der Einsatz ihrer Konfessorenkraft bedeutete, war Kahlan so erschöpft, daß sie sich kaum noch aufrecht halten konnte. Bald, redete sie sich ein, konnte sie sich ausruhen. Bald.

Sie tätschelte die Hand auf ihrem Bauch. »Wir haben es geschafft, Soldat. Wir sind in Sicherheit.«

»Ja, Mutter Konfessor«, flüsterte der völlig erschöpft. »Mutter Konfessor, es tut mir leid.«

»Weshalb?«

»Ich habe nur siebzehn getötet. Es tut mir leid. Ich hatte mir vorgenommen, zwanzig zu erledigen. Ich habe nur siebzehn geschafft«, murmelte er.

»Ich kenne Helden der Schlacht, hochdekorierte Männer, die nicht die Hälfte dieser Zahl im Kampf bezwungen haben. Ich bin stolz auf dich. Die Midlands sind stolz auf dich. Und du solltest genauso stolz auf dich sein, Soldat.«

Er murmelte etwas, das sie nicht verstand.

Sie tätschelte noch einmal seine Hand. »Man wird dir gleich helfen. Halte dich fest. Du wirst wieder gesund werden.«

Er antwortete nicht. Sie blickte zurück, den Pfad hinab, und sah nichts als Weiß und hörte nichts als Stille. In der fernen Dunkelheit der Berge heulte ein Wolf.

Kurz darauf erreichten sie das Lager, das auf einem Hochplateau lag. Den Männern vor ihnen hatte man bereits Decken umgelegt, und sie saßen bibbernd ums Feuer herum und wärmten sich die Füße. Einige streiften unter den Decken ihre Kleider über. Andere Männer warfen Decken über die Soldaten, die vor ihr eintrafen, und versorgten die Verwundeten. Manche der Verwundeten stöhnten vor Schmerzen, die sie erst jetzt wahrnahmen, da der Rausch der Schlacht verflogen war. Sie selbst spürte ein heftiges Pochen in ihrer Lippe.

Im flackernden Schein der kleinen Feuer konnte sie ein Stück entfernt Prindin und Tossidin erkennen, die herumliefen und unter den Ankömmlingen nach ihr suchten. Als sie sie auf dem Pferd erblickten, seufzten beide erleichtert auf und sahen sie grinsend an.

Hauptmann Ryan kam herbeigeeilt; er trug eine D’Haranische Uniform und einer Bandage um seine linke Hand. Andere Männer griffen nach den Zügeln, wieder andere streckten die Hände aus, um den Mann hinter ihr aufzufangen, während sie seinen erschlafften Körper an einem Ellbogen hielt und ihn vorsichtig hinunterließ.

Prindin lief herbei, um sie zu begrüßen, ihren Umhang in der Hand, den er für sie aufhielt. Er wartete darauf, daß sie abstieg, um ihn ihr um die Schulter zu legen. Dabei sah er sie grinsend an.

Sie streckte langsam die Hand aus, ohne sich aus dem Sattel zu bewegen. »Ich habe mich genug anstarren lassen. Das reicht mir bis an mein Lebensende. Wirf ihn hinauf!«

Prindin zuckte verlegen mit den Achseln und warf ihr den Umhang zu. Tossidin versetzte seinem Bruder einen Schlag auf den Hinterkopf. Die versammelten Männer verstummten. Alle blickten peinlich berührt zur Seite, während sie sich den Umhang um die Schultern legte und zusammenband.