Sie glitt vom Pferd und mußte feststellen, daß ihre Beine sie kaum mehr trugen. Sie benutzte das Schwert, das sie noch immer in der Hand hielt, als Stock. Einen Augenblick lang hielt sie inne, bis das Schwindelgefühl nachließ. Dann fiel ihr Blick auf den Mann, der im Schnee zu ihren Füßen lag.
»Wieso hilft keiner diesem Mann? Steht nicht rum, helft ihm!« Niemand rührte sich. »Ich sagte, helft ihm!«
Hauptmann Ryan trat zu ihr. Er hielt den Blick zu Boden gesenkt. »Tut mir leid, Mutter Konfessor. Er ist tot.«
Sie ballte ihre Hand zur Faust. »Er ist nicht tot! Ich habe gerade noch mit ihm gesprochen!« Niemand rührte sich. Sie trommelte mit ihre freien Faust auf seine Brust. »Er ist nicht tot! Das ist nicht wahr!«
Alles sah beiseite. Niemand sagte etwas. Endlich warf sie einen raschen Blick auf die Männer, die um die kleinen Feuer herumstanden und die Köpfe hängen ließen. Sie ließ ihre Hand an die Seite fallen.
»Er hat siebzehn von ihnen getötet«, meinte sie zu Hauptmann Ryan. »Er hat siebzehn von ihnen getötet«, sagte sie lauter, an die übrigen gewandt.
Hauptmann Ryan nickte. »Er hat sich tapfer geschlagen. Wir sind alle stolz auf ihn.«
Sie betrachtete die Gesichter, die sich ihr nacheinander wieder zuwandten. »Vergebt mir. Ihr alle, bitte vergebt mir. Ihr habt eure Arbeit gut gemacht.« Ihr Zorn war verraucht. »Ich bin stolz auf euch alle. Für mich und für die ganzen Midlands seid ihr Helden.«
Die Gesichter der Männer hellten sich ein wenig auf. Einige machten sich wieder ans Essen, während andere Blechnäpfe herumreichten und Bohnen aus den auf den Feuern stehenden Kesseln schöpften.
»Wo ist Chandalen?« erkundigte sich Kahlan, als sie ihre Füße in die Stiefel schob, die Tossidin ihr reichte.
»Er hat sich den Bogenschützen angeschlossen. Vermutlich nimmt er gerade D’Haraner mit Pfeilen unter Beschuß.« Hauptmann Ryan beugte sich zu ihr vor, als sich die Brüder entfernten, und senkte die Stimme. »Ich bin froh, daß diese drei auf unserer Seite stehen. Ihr hättet sehen sollen, wie sie die Posten ausgeschaltet haben. Besonders Prindin mit seiner troga, er ist der reinste Tod in Menschengestalt. Es war gespenstisch, wie sie erst hier, dann plötzlich dort waren, und man nie gesehen hat, wie sie sich bewegen. Ich habe nicht das geringste gehört. Sie sind einfach in den Uniformen der Posten aufgetaucht.«
»Ihr hättet sehen sollen, wie sie das im offenen Grasland machen, bei hellichtem Tag.« Kahlan musterte ihn von Kopf bis Fuß. Sie brachte ein dünnes Lächeln zustande. »Ganz kleidsam. Die Uniform steht Euch gut.«
Er zog an seiner Schulter. »Ich weiß nicht, wie sie die ganze Zeit diese schweren Dinger tragen können.« Er betastete den klaffenden Schlitz im Leder. »Aber ich war froh, sie zu haben.«
»Wie ist es gelaufen? Wie viele Männer habt Ihr verloren?«
»Wir haben fast alle Ziele erreicht, die wir uns gesetzt hatten. In diesen Uniformen brauchten wir kaum zu kämpfen. Nur wenige haben uns bemerkt, abgesehen von denen, die wir getötet haben. Verloren haben wir nur ein paar Mann.« Er warf einen Blick über die Schulter. »Sieht aus, als hättet Ihr das meiste abgekriegt. Als Ihr kamt, habe ich eine grobe Zählung vorgenommen. Wir haben nahezu vierhundert der eintausend Schwertkämpfer verloren, die angegriffen haben.«
Sie starrte an ihm vorbei auf die Männer an den Feuern. »Wir hätten sie um ein Haar alle verloren.« Sie richtete ihr Augenmerk wieder auf den Hauptmann. »Aber sie haben sich selbst alle Ehre gemacht. Auch die Kettengespanne.«
Er umfaßte seine bandagierte Hand. »Von jenen, mit denen ich gesprochen habe, hat kaum jemand weniger als zehn Mann erledigt, und viele erheblich mehr. Wir haben der Imperialen Ordnung ein ziemliches Loch ins Fell gerissen.«
Kahlan schluckte. »Sie aber auch uns.«
»Haben die Männer meine Anordnungen befolgt?« fragte er. »Haben sie Euch alle Schwierigkeiten vom Leib gehalten?«
»Sie haben die Feinde so gründlich von mir ferngehalten, daß ich Euch nicht mal sagen könnte, wie die D’Haraner ausgesehen haben. Ich fürchte, ich habe Eurem Schwert nicht allzuviel Ehre hinzufügen können, wenn es auch ein Trost war, es bei sich zu haben. Hoffentlich ist es Euch wenigstens eine Ehre, daß ich es in der Schlacht getragen habe.«
Er runzelte die Stirn und lehnte sich zur Seite, um ihr Gesicht im Feuerschein besser betrachten zu können. »Eure Lippe scheint aufgeplatzt zu sein.« Er warf einen kurzen Blick auf ihr Schlachtroß, dem die Männer gerade das Zaumzeug abnahmen. »Das Pferd ist über und über mit Blut verschmiert. Ihr seid auch vollkommen mit Blut verschmiert, oder täusche ich mich?« Es war ein Vorwurf, keine Frage.
Kahlan starrte ins Feuer. »Irgendein Betrunkener hat mit etwas nach mir geworfen. Das hat mir die Lippe aufgeschlagen. Dieser verwundete Soldat, den ich hergetragen habe, ist auf meinem Pferd verblutet.« Ihr Blick wanderte zwischen den jungen Gesichtern an den Feuern hin und her. »Ich wünschte, ich hätte mich nur halb so gut geschlagen wie sie. Sie waren großartig.«
Er brummte mißtrauisch. »Ich bin nur sehr erleichtert, Euch unversehrt wiederzusehen.«
»Ist alles andere in Ordnung? Die Bogenschützen, die Kavallerie? Wir müssen die Gelegenheit ausnutzen, solange sie betrunken sind und ihnen vom Gift übel ist. Wir müssen auch die Wetterlage ausnutzen, so gut es geht. Wir dürfen keinen Augenblick nachlassen. Ein blitzartiger Überfall nach dem anderen. Kein Kampf. Überfallartige Angriffe, immer von einer anderen Stelle aus.«
»Jeder weiß, was er zu tun hat und brennt darauf, an die Reihe zu kommen. Die Bogenschützen müßten bald fertig sein, dann die Kavallerie, anschließend die Männer mit den Hellebarden. Unsere Leute werden abwechselnd schlafen, die Imperiale Ordnung dagegen wird von jetzt an überhaupt nicht mehr zum Schlafen kommen.«
»Gut. Diese Soldaten müssen sich erholen. Am Morgen sind sie wieder an der Reihe.« Sie hob einen Finger. »Und Vergeßt nicht das Wichtigste.« Sie zitierte ihren Vater: »›Terror und Entsetzen sind die Waffen, die am schnellsten die Vernunft besiegen.‹ Vergeßt das nicht. Es waren auch ihre einzigsten Waffen, und die müssen wir jetzt gegen sie richten.«
Prindin kam zurück und trat in den Schein des Feuers. »Mutter Konfessor. Mein Bruder und ich haben dir einen Verschlag gebaut, damit du dich waschen kannst, wenn du willst.«
Sie versuchte nicht zu zeigen, wie sehr sie sich danach sehnte, den Geruch des Krieges abzuwaschen. »Danke, Prindin.«
Er streckte den Arm aus und wies ihr den Weg zu einer kleinen Lichtung. Die Brüder hatten ihr einen geräumigen Unterschlupf aus mit Schnee bedeckten Balsamtannenzweigen errichtet. Sie krabbelte durch die niedrige Öffnung und fand drinnen Kerzen vor. Der Schneeboden war ebenfalls mit einer Schicht aus Zweigen belegt, wodurch es in der kleinen Hütte angenehm roch. Ein dampfender Eimer mit Wasser mußte unlängst neben heißen, in der Mitte plazierten Steinen abgestellt worden sein. Sie wärmte sich die Finger über den Steinen.
Die Brüder hatten ihr ein warmes und gemütliches Heim für die Nacht errichtet. Sie hätte weinen können über so viel Aufmerksamkeit.
Ihr Bündel war da, und ihre Kleider lagen säuberlich gefaltet auf einem Stapel. Kahlan nahm ihre Halskette ab, die, die Adie ihr geschenkt hatte, mit dem runden Knochen. Das war alles, was sie während der Schlacht getragen hatte. Sie drückte sie einen Augenblick lang an ihre Wange, bevor sie sie abwusch. Die Kette erinnerte sie an jene, die sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte.
Dann tauchte sie den Kopf ins Wasser ein, wusch sich die Haare und anschließend methodisch den übrigen Körper. Es war ein wundervolles Gefühl, das Blut herunterzuwaschen, wenngleich sie sich zwingen mußte, an etwas anderes zu denken, um sich nicht zu übergeben. Sie dachte an Richard, an sein jungenhaftes Lächeln, das sie stets zum Lächeln brachte, dachte an seine grauen Augen, die so tief in ihre Seele blicken konnten. Als sie mit Waschen fertig war, legte sie sich hin und ließ ihr Haar auf den Steinen trocknen.