Выбрать главу

Sie brauchte dringend Schlaf. Sie hatte ihre Konfessorenkraft noch immer nicht zurückgewonnen, seit sie sie bei dem Einäugigen — Orsk — eingesetzt hatte. Sie konnte die Leere in ihrer Magengrube spüren, den Hohlraum, wo ihre Kraft saß. Es würde noch eine Weile dauern, bis sie wiederhergestellt wäre. Erst nach etwas Schlaf würde sie die übelkeiterregende, schwindlig machende Erschöpfung überwunden haben.

Ihr war danach, sich in ihre Decke zu wickeln und einzuschlafen. Sie war so müde. Doch schlafen war ausgeschlossen. Vorerst.

Sie streifte die Halskette wieder über den Kopf und zog mühsam ihre Kleider an. Aus ihrem Bündel zog sie eine Salbe, die sie auf ihre aufgeplatzte Lippe strich. Während sie sie zurücklegte, fiel ihr das Knochenmesser in die Hände, das Chandalen ihr geschenkt hatte, und sie band es sich wieder um den Arm.

Sie war so erschöpft, daß sie sich kaum zwingen konnte aufzustehen, aber sie hatte noch etwas zu erledigen, bevor sie sich Ruhe gönnen dürfte. Sie mußte sich bei ihren Soldaten zeigen. Die sollten nicht denken, daß ihr deren Wohlergehen nicht mehr am Herzen lag als alles andere. Die jungen Männer hatten ihr Leben riskiert, und das mindeste, was sie tun konnte, war, ihnen im Namen der Midlands ihre Anerkennung auszusprechen.

Sauber, das lange Haar wieder voll und glänzend und endlich mit mehreren Schichten warmer Kleidung und ihrem Umhang bekleidet, bahnte sie sich ihren Weg zwischen den Lagerfeuern hindurch. Ernst und aufmerksam lauschte sie den geschwätzigen Geschichten der einen und den ruhigen, knappen Worten von anderen. Sie antwortete auf Fragen, lächelte beruhigend und zeigte allen, wie stolz sie auf ihre Leistung war. Sie kniete neben den Verwundeten, überprüfte, ob ihnen warm genug war, legte ihnen die Hand tröstend auf die Wange und wünschte ihnen gute Gesundheit und baldige Genesung.

An einem Feuer, um das zehn schweigende Soldaten hockten, saß ein junger Kerl und zitterte — vermutlich nicht der Kälte wegen.

»Wie geht es dir? Alles in Ordnung? Ist dir auch warm?«

Ihr Erscheinen überraschte ihn und munterte ihn auf. »Ja, Mutter Konfessor.« Ein Schüttelfrostanfall ließ ihm die Zähne klappern. »So hatte ich mir das nicht vorgestellt.« Er faßte sich und zeigte auf die anderen. »Das sind meine Freunde. Sechs sind nicht zurückgekommen.«

Sie hielt ihren Umhang mit einer Hand zu und strich ihm mit der anderen das Haar aus der Stirn. »Das tut mir leid. Auch ich trauere um sie. Ich möchte nur, daß ihr Männer wißt, wie stolz ich auf euch bin. Ihr seid die tapfersten Soldaten, die ich je gesehen habe.«

Er lachte nervös auf. »Ohne Euch wären wir alle tot. Wir wurden zurückgetrieben, in Stücke gehackt, und dann seid Ihr mitten unter die Feinde geritten, ganz allein. Sie haben sich alle auf Euch konzentriert, und dann, als sie verwirrt waren, haben wir einen Gegenangriff gestartet. Ihr habt uns gerettet.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, ich hätte heute nacht ebenso viele getötet wie ich Euch habe töten sehen.«

Die anderen nickten ernst, zum Zeichen, daß sie derselben Ansicht waren. Er strich sich mit zitternden Fingern übers Gesicht. »Ich danke Euch, Mutter Konfessor. Ohne Euer Zutun wären wir jetzt alle tot.« Er sah sie nervös lächelnd an. »Wenn ich die Wahl hätte, ich würde lieber mit Euch als mit Prinz Harold in den Kampf ziehen.«

»Sie kann ziemlich gut mit einem Schwert umgehen, was meint ihr?«

Sie blickte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Der Soldat drehte sich um und sah Hauptmann Ryan hinter sich stehen.

»Ich denke, sie könnte uns Schwertkämpfern noch das eine oder andere beibringen. Ihr würdet nicht glauben, was sie…«

Kahlan legte ihm die Hand auf die Schulter. »Hast du schon gegessen?«

Er zeigte auf den Topf Bohnen über dem Feuer. »Würdet Ihr ein wenig mit uns teilen, Mutter Konfessor?«

Fast hätte sie die Kontrolle über ihren empfindlichen Magen verloren. »Eßt ihr nur. Ihr braucht die Kraft. Danke für das Angebot, aber ich muß mich zuerst um die anderen kümmern.« Als sie ging, folgte Hauptmann Ryan ihr. »Ich hatte gedacht, daß Ihr vielleicht ein paar Schwierigkeiten im Umgang mit dem Schwert hättet. Die Männer, die Euer Pferd abgesattelt haben, haben mir erzählt, sie hätten abgetrennte Hände und Finger gefunden, die sich am Bauchgurt und an ein paar anderen Stellen verfangen hatten.«

Kahlan lächelte den Männern im Vorübergehen zu. Sie winkten kurz oder verneigten zum Gruß den Kopf. »Habt Ihr vergessen, wer mein Vater war? Er hat mir den Umgang mit dem Schwert beigebracht.«

»Mutter Konfessor, das bedeutet doch nicht…«

»Leutnant Sloan ist tot.«

Er wurde einen Augenblick lang still. »Ich weiß. Man hat es mir gesagt.« Er stützte sie mit einer Hand unter ihrem Arm, als sie ins Straucheln kam. »Ihr macht keinen sehr guten Eindruck. Selbst einige der Männer, die vergiftet wurden, sahen besser aus als Ihr jetzt.«

»Das liegt nur daran, daß ich so lange nicht geschlafen habe.« Sie verschwieg ihm, daß sie außerdem wieder von ihrer Kraft Gebrauch gemacht hatte. »Ich bin todmüde.«

Draußen vor der winzigen Hütte aus Tannenzweigen bot Tossidin ihr einen Napf Bohnen an. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, wich zurück und schloß die Augen. Beim Anblick und Geruch des Essens war ihr, als würde sie das Bewußtsein verlieren. Tossidin schien zu begreifen und nahm den Eintopf fort.

Prindin legte ihr die Hand unter den anderen Arm. »Mutter Konfessor, du mußt essen, aber noch mehr mußt du dich ausruhen.« Sie nickte. »Ich habe dir etwas Tee gebraut, ich dachte, er würde dich beruhigen.« Er deutete mit dem Kinn auf den Unterschlupf. »Er steht drinnen.«

»Ja, vielleicht hilft Tee, meinen Magen zu beruhigen.« Sie drückte kurz den Arm des Hauptmanns. »Weckt mich am Morgen, wenn es Zeit für den nächsten Angriff ist. Ich werde mit den Männern gehen.«

»Wenn Ihr ausgeruht genug seid. Nur wenn…« Sie schnitt ihm mit einem Blick das Wort ab. »Gut, Mutter Konfessor. Ich werde Euch persönlich wecken.«

Im Innern des behaglichen Unterschlupfes nippte sie an dem Tee und schüttelte sich. Ihr drehte sich der Kopf. Sie konnte nur noch ein paar Schlucke nehmen, bevor sie auf ihr Lager fiel. Es würde ihr besser gehen, redete sie sich ein, sobald sie sich ausgeruht hätte. Endlich spürte sie, wie ihre Kraft zum Leben erwachte und mit altvertrauter Energie in ihrer Brust anschwoll.

Sie rollte sich unter ihrem Fellumhang zusammen und dachte an die tausend Dinge, die erledigt sein wollten. Sie sorgte sich um die Männer, die in diesem Augenblick angriffen, und um die, die als nächste losziehen würden. Sie sorgte sich um alle. Sie waren noch so jung.

Sie sorgte sich um das, was sie in Gang gesetzt hatte. Den Krieg.

Aber angefangen hatte sie ihn nicht. Sie hatte sich lediglich geweigert, unschuldige Menschen dem Tod zu überlassen. Sie hatte keine Wahl gehabt. Als Mutter Konfessor trug sie die Verantwortung für die Menschen in den Midlands. Wenn die Imperiale Ordnung nicht aufgehalten wurde, würden ungezählte Tausende durch ihre Hand sterben, und wer überlebte, würde dies als Sklave dieser Ordnung tun.

Sie dachte an die jungen Frauen im Palast in Ebinissia. Ihre Gesichter zogen an ihrem inneren Auge vorüber. Sie war zu matt, als daß sie hätte um sie weinen können. Wenn sie gerächt wären, war zum Weinen noch genug Zeit.

Sie schäumte vor Rachegelüsten. Sie beschloß, die Armee der Imperialen Ordnung bis ins Grab zu jagen. Am Morgen wollte sie noch einmal ihre Soldaten gegen den Feind führen. Sie würde es zu Ende bringen. Sie würde dafür sorgen, daß diese Mädchen und all die anderen gerächt wurden.

Wenn man der Imperialen Ordnung nicht Einhalt gebot, würden nicht nur unschuldige Menschen dahingemetzelt werden, sondern alle Magie würde zugrunde gehen, die gute wie die schlechte, sowie sämtliche Geschöpfe der Magie.

Richard besaß Magie.

Ihre Gedanken schweiften zu Richard. Und dann weinte sie. Sie weinte und hoffte, daß er sie nicht haßte für das, was sie getan hatte. Sie betete, daß er verstand und ihr vergeben konnte. Sie hatte ihr Bestes für ihn gegeben um ihn zu retten, um die Lebenden zu retten. Ihr Tränenfluß verebbte und endete schließlich mit einem Schluchzer.