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»Hauptmann, ich muß nach Aydindril aufbrechen. Ich muß…«

Er lächelte sie zaghaft an. »Ruht Euch aus. Ihr seid noch zu erschöpft, um zu reisen. Bleibt hier und ruht Euch aus. Wenn wir zurückkommen, seid Ihr ausgeruht und könnt aufbrechen.«

Sie nickte, sich immer noch an seinem Ärmel als Stütze klammernd. »Ja. Und dann muß ich aufbrechen. Ich habe gestern abend darüber nachgedacht. Ich muß nach Aydindril. Ich werde mich ausruhen, bis Ihr wieder zurück seid, aber dann muß ich aufbrechen.« Sie sah sich um. Nur Tossidin war da, zusammen mit dem Hauptmann. »Wo steckt Chandalen — und wo ist Prindin?«

»Mein Bruder ist gegangen, um zu sehen, ob der Feind Wachposten aufgestellt hat oder nicht«, meinte Tossidin, »damit unser Angriff ohne Vorwarnung erfolgt.«

»Chandalen greift mit den Hellebardenträgern an«, sagte Hauptmann Ryan. »Ich soll bei unserem nächsten Angriff mit den Schwertkämpfern zu ihm stoßen.«

Kahlan kümmerte sich um ihre wunde Lippe. »Tossidin, sag Chandalen, daß wir sofort nach eurem Angriff aufbrechen müssen. Seid vorsichtig, ihr drei. Ihr müßt mich noch nach Aydindril bringen.« Sie konnte kaum die Augen offenhalten. Sie brachte kaum die Energie zum Sprechen auf. Sie wußte, daß sie zum Reisen noch zu schwach war. »Bis ihr zurück seid, ruhe ich mich aus.«

Hauptmann Ryan seufzte erleichtert. Hier wäre sie in Sicherheit. »Ich lasse ein paar Männer Wache stehen, während Ihr Euch ausruht.«

Sie winkte ab. »Dieses Lager ist gut versteckt. Hier oben bin ich sicher.«

Er beugte sich eindringlich vor. »Zehn oder zwölf Männer machen für uns keinen großen Unterschied, und ich könnte meine Gedanken besser auf unsere Aufgabe konzentrieren, wenn ich mich nicht darum sorgen muß, daß Ihr hier oben ganz alleine seid.«

Sie hatte nicht die Kraft zu widersprechen. »Also gut…«

Sie ließ sich zurückfallen. Mit sorgenvoller Miene zog Tossidin den Fellumhang über sie. Sie sank bereits zurück in die Schwärze, als die beiden durch die Öffnung nach draußen krabbelten. Sie versuchte zu verhindern, an diesen Ort bar jeder Empfindungen zurückzukehren, wurde aber hilflos fortgerissen.

Das erdrückende Gewicht der Leere brach über sie herein. Sie versuchte sich seinem Zugriff zu entziehen, versuchte wieder nach oben zu kommen, doch die Dunkelheit war zu zäh — es war, als wäre man in Schlamm eingeschlossen. Sie saß in der Falle, wurde immer tiefer eingesogen. Eine Woge von Panik überkam sie.

Sie versuchte zu denken, konnte ihre Gedanken aber nicht zu zusammenhängenden Begriffen ordnen. Sie hatte den Eindruck, daß irgend etwas nicht stimmte, konnte ihren Verstand aber nicht zwingen, auf die Lösung hinzuarbeiten.

Anstatt sich aufzugeben, konzentrierte sie sich diesmal mit aller Kraft auf Richard, darauf, daß sie ihm unbedingt helfen mußte, und schon war die Dunkelheit keine völlige Leere mehr. Sie bekam eine vage Vorstellung von Zeit, spürte immer deutlicher, wie sie verstrich. Sie kam sich vor, als verschliefe sie ihr ganzes Leben, während sie sich in ihren Gedanken hartnäckig an Richard klammerte.

Ihre Sorge um ihn und ihre Angst vor der Fremdheit dieses tiefelosen Schlafs ermöglichten ihr, sich langsam und methodisch den Weg zurück zu bahnen. Und doch kam es ihr vor, als dauerte es stundenlang.

Mit einem verzweifelten Japsen nach Luft wurde sie wach. Ihr drehte sich der Kopf, er pochte und tat weh. Am ganzen Körper verspürte sie ein stechendes, schmerzhaftes Prickeln. Mühevoll drückte sie sich hoch und sah sich starren Blicks in ihrem Unterschlupf um. Die Kerze war fast völlig heruntergebrannt. Die Stille klang ihr in den Ohren.

Vielleicht brauchte sie frische Luft, um wach zu werden. Arme und Beine fühlten sich dick und schwer an, als sie durch die Öffnung nach draußen kroch. Draußen wurde es gerade dunkel. Sie blickte zu den ersten Sternen hinauf, die durch die Bäume blinkten. Ihr Atem dampfte vor ihrem Gesicht, während sie auf wackeligen Beinen stand.

Kahlan machte einen Schritt, stolperte prompt über irgend etwas und landete auf ihrem Gesicht im Schnee. Die Wange noch immer an den Boden gepreßt, öffnete sie die Augen. Wenige Zentimeter entfernt starrten glasige Augen sie an. Ein junger Mann lag mit dem Gesicht seitlich im Schnee, ganz dicht neben ihr. Sie war über sein Bein gestolpert. Es war, als wollten ihre Knochen aus der Haut fahren und davonlaufen.

Seine Kehle klaffte auf, sein Hals war säuberlich durchtrennt, wodurch sein Kopf in einem unmöglichen Winkel zum Körper nach hinten gebogen war. Sie konnte die Öffnung seiner durchschnittenen Luftröhre erkennen. Verklumptes Blut bedeckte den Schnee. Galliger Schaum stieg ihr die Kehle hoch. Schluckend zwang sie ihn zurück nach unten.

Sie hob langsam den Kopf und bemerkte die dunklen Umrisse anderer Leichen. Es waren alles Galeaner. Die Schwerter steckten sämtlich noch in den Scheiden. Sie waren ohne eine Chance auf Gegenwehr gestorben.

Kahlans Beine versteiften sich, wollten fortlaufen, doch sie zwang sich unter Mühen, ruhig zu bleiben. Sie versuchte nachzudenken, trotz des dumpfen Nebels des Halbschlafs, von dem sie sich noch immer nicht befreien konnte. Ihr Verstand schien in einer traumähnlichen Benommenheit festzukleben, unfähig, sich zu konzentrieren. Irgend jemand hatte diese Männer umgebracht und war womöglich noch in der Nähe. Sie mußte sich zwingen nachzudenken.

Sie berührte die Hand des toten Soldaten mit dem Finger. Sie war noch warm. Es mußte gerade eben erst passiert sein. Vielleicht war sie davon aufgewacht.

Sie blickte hoch, zwischen die Bäume. Männer huschten durch die Schatten. Sie hatten sie entdeckt und drangen auf die Lichtung vor, auf der sie lag. Lachend und johlend kamen sie näher, und sie erkannte, wer sie waren — nahezu ein Dutzend D’Haraner sowie eine Gruppe Keltonier. Soldaten aus dem Heer der Imperialen Ordnung. Kahlan japste und sprang auf.

Ein Mann, der ihr am nächsten war, hatte eine aufgedunsene, rote Wunde auf der linken Gesichtshälfte, von der Schläfe bis zum Kiefer, dort wo Nick ihn mit dem Huf erwischt hatte. Eine derbe Naht hielt das schwarzrote Fleisch zusammen. Er verzog seine gesunde Gesichtshälfte zu einem höhnischen Grinsen. Es war General Riggs.

»Sieh an, sieh an, hab’ ich Euch endlich gefunden, Mutter Konfessor.«

Kahlan wie auch die übrigen Soldaten zuckten erschrocken zusammen, als eine düstere Gestalt mit einem Schlachtruf krachend durch das Unterholz gebrochen kam. Als die Männer sich umdrehten, rannte Kahlan in der entgegengesetzten Richtung davon.

Vor dem Umdrehen hatte sie noch gesehen, wie das schwächer werdende Licht auf einer riesigen Streitaxt blitzte. Die halbmondförmige Schneide streckte zwei Männer mit einem einzigen Schwung nieder. Es war Orsk. Offenbar hatte er ebenfalls nach ihr gesucht, damit er sie beschützen konnte. Wer von einem Konfessor berührt war, gab niemals auf.

Ihre Beine fühlten sich plump an, und sie kribbelten, als hätte sie auf ihnen geschlafen, trotzdem rannte sie, so schnell sie konnte. Hinter ihr brach gellendes Gekreische aus. Stahl traf klirrend auf Stahl. Brüllend fiel Orsk über die Männer her, die sie verfolgten.

Tannenzweige schlugen ihr ins Gesicht, als sie zwischen den Bäumen hindurchtaumelte. Abgestorbene Äste und Unterholz rissen an ihrer Hose, ihrem Hemd. Benommen stolperte sie durch die Schneeverwehungen. Schnee klatschte ihr ins Gesicht, sobald sie durch herabhängende Äste brach. Sie konnte ihre Beine nicht dazu bringen, schnell genug zu laufen.

Mit einem Ächzen stürzte sich der Mann, der ihr auf den Fersen war, auf sie. Mit den Armen umschlang er ihre Beine, und sie fiel der Länge nach zu Boden. Schnee spuckend trat sie um sich. Der Mann bekam ihren Gürtel zu fassen und warf sich auf sie.

Das rote Gesicht mit der bösartigen Wunde an der linken Seite schwebte direkt über ihr. Er grinste sie höhnisch triumphierend an. Hinten zwischen den Bäumen hörte sie den Lärm einer wüsten Keilerei. Sie war allein mit Riggs.

Eine Faust packte sie am Haar und hielt ihren Kopf am Boden fest. Mit der anderen Faust schlug er ihr in die Seite, prügelte ihr den Atem aus den Lungen. Er schlug sie noch einmal. Eine heiße Woge von Übelkeit überkam sie, als sie verzweifelt versuchte, Luft zu holen.