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Ein Schlag mit der Rückseite seiner Faust in ihr Gesicht streckte sie nieder. Von blankem Entsetzen getrieben, begann Kahlan auf Händen und Knien fortzukrabbeln. Der Schnee fror ihr die Finger. Die Knie ihrer Hose waren durchgeweicht und eisig-naß. Sie konzentrierte sich auf die Kälte, um ihre Benommenheit abzuschütteln. Während sie sich mühsam davonschleppte, sah sie über die Schulter.

Prindin zog einen weiteren Pfeil aus seinem Köcher und wischte ihn durch das Gift, während er zusah, wie sie sich abmühte. Genau wie er Chandalen zugesehen hatte. Ein Schrei entwich ihrer Kehle, als sie torkelnd auf die Beine kam und zu laufen begann. Ein Alptraum. Dies mußte ein Alptraum sein.

Als sie der Pfeil in der linken Wade traf, fühlte es sich an wie ein Schlag. Sie schrie auf und fiel aufs Gesicht. Ihr Bein brannte heiß vor Schmerzen. Ein kribbelndes, prickelndes Gefühl breitete sich in dem Muskel aus. Der Schmerz stach bis hoch in die Hüfte.

Plötzlich war Prindin über ihr. Er kniete nieder und packte den Pfeil, der hinten aus ihrem Bein ragte. Seine andere Hand auf ihr Hinterteil stützend, um sie festzuhalten, riß er den Pfeil heraus. Kahlan spürte, wie das Kribbeln des Gifts ihr Bein hinaufkroch.

»Keine Sorge, Mutter Konfessor, ich habe für deinen Pfeil nicht so viel Gift genommen wie für Chandalens. Nur so viel, daß du mir keinen Ärger machen kannst. Noch eine Minute, dann ist er tot. Du wirst lange genug leben, daß man dir den Kopf abschlagen kann.« Er strich ihr mit der Hand über den Hintern. »Wenn sie nicht zu lange warten.« Prindin beugte sich über sie. »Hier draußen ist es zu kalt. Gehen wir zurück

Er packte sie am Handgelenk und begann, sie durch den Schnee zu schleifen. In Gedanken wehrte Kahlan sich gegen ihn: Sie mühte sich ab, sie kreischte, sie schlug um sich, doch sie konnte ihren Körper nicht zwingen, ihr zu gehorchen. Sie war so schlaff wie eine Lumpenpuppe, die durch den Schnee geschleift wurde. Sie spürte, wie das Gift auf ihren Brustkorb übergriff.

Tränen strömten ihr über die Wangen. Orsk. Tossidin. Chandalen. Sie. Wie konnte Prindin so etwas tun? Sie schluchzte, während ihr Gesicht über den Schnee glitt. Wie konnte er nur? Seinen eigenen Bruder. Er hatte seinen eigenen Bruder erstochen, als bedeutete ihm das nichts. Wer war zu so etwas fähig? Wie konnte irgend jemand so etwas tun? Wie konnte irgend jemand außer einem…

Verderbten.

Ihr stockte der Atem, als es ihr dämmerte. Sie hatte nie recht an Verderbte geglaubt. Zauberer hatten ihr erklärt, es gäbe sie wirklich, doch war sie nie so recht von deren Wissen überzeugt gewesen. Sie hatte immer gedacht, es handele sich um einen abergläubischen Unfug, der die Menschen dazu veranlaßte, Wesen im Dunkeln zu jagen, Wesen aus der Unterwelt, Wesen, gerufen vom düsteren Geflüster des Hüters höchstpersönlich.

Doch jetzt wußte sie es. Sie befand sich im Griff eines Verderbten.

Bei den guten Seelen, wie war es möglich, daß niemand es bemerkt hatte? Er hatte ihr so oft geholfen. War zu ihrem Freund geworden.

Damit er ganz in ihrer Nähe bleiben und ihre Spur für den Hüter verfolgen konnte. Er war ein Verderbter. Darken Rahl hatte sie ausgelacht. Weil sie so dumm war.

Jetzt wußte sie es ohne den geringsten Zweifel — der Schleier war eingerissen. Darken Rahl hatte es ihr versprochen. Er war gekommen, um den Schleier gänzlich zu zerreißen, und sie hatte törichterweise geglaubt, sie wäre Herrin ihres Tuns: Dabei hatten Darken Rahl und der Hüter sie die ganze Zeit über durch Prindins Augen beobachtet.

Aber warum hatten sie bis jetzt gewartet? Warum ließ er sie diesen Krieg führen, all diese Menschen sterben, bevor er sie gefangennahm?

Kahlan wußte, warum. Der Hüter stammte aus der Welt der Toten. Der Welt der Lebenden den Tod zu bringen war genau das, was er wollte. Er verabscheute die Lebenden. Deswegen wollte er, daß der Schleier zerrissen wurde — damit er den Tod in die Welt der Lebenden tragen konnte.

Es gelüstete ihn nach dem Lebenshauch dieser Welt. Er genoß es, Menschen sterben zu sehen. Er wollte dem nicht allzu rasch ein Ende bereiten, dem Leid, der Angst, den Schmerzen.

Es war, als würde ihr Arm aus dem Gelenk gerissen, als Prindin sie durch das Unterholz und über einen halb von Schnee verdeckten Baumstamm schleppte. Das Kribbeln des Giftes hatte sich über ihre Brust ausgebreitet.

Ihr linkes Bein war taub geworden. Wenigstens hatte damit auch der Schmerz der Pfeilwunde nachgelassen. Die runde Eisenspitze war auf den Knochen geprallt, und Prindin war beim Herausziehen nicht gerade zimperlich gewesen.

Als sie die kleine Hütte erreichten, konnte sie überall Leichen herumliegen sehen, nicht nur die galeanischen Soldaten, sondern auch die Männer aus der Armee der Imperialen Ordnung, die Orsk getötet hatte. Bald, wenn Prindin mit ihr fertig war, würde er sie an die Imperiale Ordnung ausliefern, und man würde sie enthaupten. Es wäre vorbei, und es gab nichts, was sie tun konnte, um es zu verhindern. Sie war nicht einmal in der Lage, sich zu wehren. Richard würde sie niemals wiedersehen. Bei den Guten Seelen, er würde nie erfahren, wie sehr sie ihn liebte.

Prindin zerrte sie durch die Öffnung in die Tannenhütte und hob sie auf die Matte aus Zweigen. Während er zwei weitere Kerzen an der einen entzündete, welche fast heruntergebrannt war, rang sie nach Atem, um bei Bewußtsein zu bleiben.

»Ich will dich sehen können«, erklärte er lüstern feixend. »Du bist sehr schön anzusehen. Ich will dich ganz sehen

Sein Lächeln hatte sie immer sehr gemocht. Jetzt war das nicht mehr der Fall.

Prindin zog seinen Fellumhang aus und schleuderte ihn zur Seite. Sein Lächeln verschwand. Sein Blick war wild. Er sprach nicht mehr in ihrer Sprache, sondern ausschließlich in seiner eigenen.

»Zieh deine Kleider aus. Ich will dich zuerst anschauen. Damit dein Anblick mich erregt

Selbst wenn er ihr ein Messer an die Kehle gehalten hätte, sie wäre nicht imstande gewesen zu gehorchen. Sie konnte ihren Arm nicht bewegen. »Prindin«, gelang es ihr zu flüstern, »die Männer werden bald zurück sein. Sie werden dich hier finden.«

»Sie haben alle Hände voll zu tun. Sie kämpfen eine Schlacht, wie sie sie sich nicht haben träumen lassen.« Sein Lächeln kehrte zurück. »Sie werden so bald nicht zurückkommen, wenn überhaupt.« Von einem Augenblick zum nächsten verwandelte sich sein Lächeln in eine verzerrte Fratze heißer Wut. »Ich sagte, zieh deine Kleider aus

»Prindin, du bist doch mein Freund. Bitte, tu es nicht.«

Er krabbelte auf sie hinauf und zerrte an ihrem Gürtel. »Dann werde ich dich eben selbst ausziehen

Tränen über ihre Hilflosigkeit, über den Verlust eines Freundes an seinen Wahn, an den Hüter, strömten ihr über die Wangen. »Prindin, warum nur?«

Er setzte sich auf, als hätte ihn diese Frage überrascht. »Die Große Seele hat gesagt, daß ich dich haben darf, bevor sie deine Seele mit in die Unterwelt nimmt. Sie sagte, ich solle eine Belohnung bekommen für die Arbeit, die ich getan habe. Die Große Seele ist zufrieden mit mir, weil ich dich ihr übergebe

Der Biß an ihrem Hals versetzte ihr einen schmerzhaft prickelnden Stich. Sie fröstelte vor Trauer um Tossidin und Chandalen. Fröstelnd wurde ihr die eigene verzweifelt Lage bewußt. Das durch das Gift hervorgerufene Kribbeln hatte sich bis zu ihren Schultern ausgebreitet. Sie spürte ein erstes, leichtes Zwicken, als es ihre Kehle hinaufwanderte.

Er zerdrückte sie fast unter sich, als er die Stelle küßte, wo Darken Rahls Lippen sie berührt hatten, wo die Bißwunde saß. Der Schmerz und die Bilder jagten einen stummen Aufschrei durch ihren Körper.