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Ich wußte, daß Prindin uns verraten hatte, Tossidin jedoch glaubte, es müsse eine andere Erklärung geben. Er vertraute seinem Bruder und wollte nichts Böses von ihm denken. Er hat für sein Vertrauen, für seinen Fehler, mit dem Leben bezahlt.«

Kahlan wandte in der bedrückten Stille den Blick ab. Sie sah ihn fragend an. »Was ist mit dem Pfeil? Was ist mit der Wunde an deinem Kopf? Wir müssen uns um deine Wunden kümmern.«

Chandalen zog den Kragen seines Wildlederhemdes auf die Seite, so daß ein Verband über seiner linken Schulter zum Vorschein kam. »Die Männer sind in der Nacht zurückgekommen. Sie haben meinen Kopf genäht. Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Sie haben auch den Pfeil entfernt.«

Er zuckte zusammen, als er das Hemd wieder über seine Schulter streifte. »Ich habe Prindin gut unterrichtet. Er hat einen Pfeil mit einer Klinge benutzt. Klingenpfeile richten beim Austreten größeren Schaden an als beim Eintreten. Einer der Männer, der die Verwundeten amputiert und näht, hat den Pfeil herausgeschnitten und mich zusammengeflickt. Der Pfeil war auf Knochen gestoßen und ist nicht allzutief eingedrungen. Mein Arm ist steif, und ich werde ihn eine Weile nicht gebrauchen können.«

Kahlan betastete ihr Bein. Unter ihrer Hose war ein Verband. »Hat er mein Bein auch genäht?«

»Nein. Es mußte nicht genäht, sondern nur verbunden werden. Das habe ich getan. Bei dir hat Prindin eine runde Spitze verwendet. So habe ich ihm das nicht beigebracht. Ich weiß nicht, warum er es getan hat.«

Kahlan spürte die Gegenwart der Leiche neben sich. »Er wollte ihn aus mir herausziehen können, nachdem er das Gift in mich hineingeschossen hatte«, sagte sie ruhig. »Er wollte ihn aus dem Weg haben. Er hatte vor, mich zu vergewaltigen, bevor er mich an den Feind ausliefert.«

Chandalen betrachtete die Leiche, da er Kahlan nicht ins Gesicht sehen wollte, und meinte, er sei froh, daß es nicht dazu gekommen war.

Sie berührte seine linke Hand. »Und ich bin froh, daß es deine linke Schulter war und nicht deine Kehle.«

Er zog eine nachdenkliche Miene. »Ich habe Prindin beigebracht, wie man schießt. Aus dieser Entfernung hätte er meine Kehle niemals verfehlen dürfen. Wieso hat er mich nicht in den Hals geschossen?«

Sie zuckte mit den Achseln und tat, als wüßte sie es nicht. Er grunzte mißtrauisch.

»Chandalen, wieso liegt seine Leiche noch hier? Warum hast du ihn nicht fortgeschafft?«

Er bewegte seinen verwundeten Arm leicht mit der anderen Hand und brachte ihn in eine bequemere Lage. »Weil das Seelenmesser meines Großvaters noch in ihm steckt.« Er betrachtete sie mit ernster Miene. »Du hast die Hilfe von Großvaters Knochen benutzt, seine Seele, um dich selbst zu schützen und das Leben eines anderen zu nehmen. Großvaters Seele ist jetzt mit dir verbunden. Niemand sonst darf sein Knochenmesser jetzt anfassen. Es gehört dir, und nur du darfst es berühren. Du mußt es herausziehen.«

Kahlan überlegte einen kurzen Augenblick, ob sie das Messer nicht einfach lassen könnte, wo es war, es mit dem Toten begraben könnte. Vielleicht sollte man auch das Knochenmesser zur Ruhe legen. Doch dann verwarf sie den Gedanken. Für die Schlammenschen war dies eine mächtige Seelenmagie. Sie würde Chandalen kränken, wenn sie das Messer zurückwies.

Vielleicht kränkte sie möglicherweise auch die Seele von Chandalens Großvater, wenn sie das Messer nicht wieder an sich nahm. Sie war nicht völlig sicher, ob es nicht die Seele in diesem Knochenmesser gewesen war, die Prindin getötet und sie gerettet hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie das Messer in ihre Hand gekommen war.

Kahlan streckte die Hand aus und schloß die Finger um das runde Ende, das aus Prindins Brust ragte. Es gab ein saugendes Geräusch, als sie das Messer aus der Leiche zog. Sie wischte es an den Fichtenzweigen ab, die den Boden bedeckten.

Kahlan führte das runde Ende an die Lippen und küßte es sacht. »Ich danke dir, Großvaterseele, daß du mir das Leben gerettet hast.« Irgendwie schien dies genau das richtige zu sein.

Chandalen lächelte, während sie das Knochenmesser unter das Band um ihrem Arm schob. »Du bist ein guter Schlammensch. Du weißt, was zu tun ist, ohne daß ich es dir erklären muß. Großvaters Seele wird immer über dich wachen.«

»Wir müssen nach Aydindril, Chandalen. Der Schleier zur Unterwelt ist eingerissen. Wir haben unsere Pflicht getan und diesen Männern hier geholfen. Jetzt muß ich meine Aufgabe erfüllen.«

»Als wir diesen Männern begegnet sind, wollte ich nicht bei ihnen bleiben. Ich wollte mich aus ihrem Kampf raushalten, damit du in Sicherheit bist.« Er starrte ins Leere. »Irgendwie ist mir dieser Gedanke abhanden gekommen, und ich wollte nichts weiter tun, als den Feind bekämpfen und töten.«

»Ich weiß«, sagte sie leise, »mir ist es ebenso gegangen. Ich habe alles vergessen, was ich eigentlich hätte tun sollen. Fast scheint es, als hätten auch wir auf den großen, finsteren Geist gehört. Der Schleier ist eingerissen. Vielleicht sind wir deshalb abgelenkt worden.«

»Du glaubst, dieser Schleier ist eingerissen und deshalb haben wir vergessen, was wir vorhatten, und haben nur noch töten wollen?«

»Chandalen, ich kenne die Antworten auf diese Fragen nicht. Ich muß nach Aydindril. Der Zauberer wird wissen, was zu tun ist. Richard braucht Hilfe. Wir haben hier genug Zeit verschwendet. Wir dürfen nicht noch mehr verlieren. Wir müssen mit den Männern reden und uns dann auf den Weg machen. Sind sie dort draußen?« Er nickte. »Fangen wir also an.«

Sie wollte aufstehen, er jedoch legte ihr seine gesunde Hand auf den Arm und hielt sie zurück. »Sie haben die ganze Nacht draußen gewartet. Ich wollte sie nicht hereinlassen.«

Er zog die Hand zurück, während er nach den passenden Worten zu suchen schien. »Ich hatte große Angst, du könntest sterben. Ich wußte nicht, ob ich dir das quassin doe rechtzeitig gegeben hatte. Prindin hat dir Gift gegeben, ohne daß wir etwas davon wußten, und zwar über eine lange Zeit. Fast wärst du in das Land der Seelen aufgebrochen.

Wenn du gestorben wärst, hätte ich nie wieder zu meinem Volk zurückkehren können. Aber das ist nicht der Grund, aus dem ich mich so freue, daß du lebst. Ich bin froh, weil du ein guter Schlammmensch bist. Du bist eine Beschützerin unseres Volkes genau wie Chandalen. Wir kämpfen jedoch jeder auf seine Art.« Er zog die Augenbrauen hoch. »In der letzten Zeit hast du viel zu oft wie Chandalen gekämpft. Darin bist du gut, trotzdem solltest du das mir überlassen und auf die Weise kämpfen, die für dich vorgesehen ist.«

Kahlan mußte lächeln. »Du hast recht. Danke, daß du die ganze Nacht bei mir gesessen hast. Es war gut, dich in der Nähe zu haben. Tut mir leid, daß du verwundet wurdest.«

Er zuckte mit den Achseln. »Irgendwann, wenn ich eine Frau finde, werde ich Narben haben, die ich ihr zeigen kann, damit sie sieht, wie tapfer Chandalen ist.«

Kahlan mußte lachen. »Ich bin sicher, sie wird von deiner Tapferkeit beeindruckt sein, weil du von dem Pfeil getroffen wurdest.«

Chandalen sah sie vorwurfsvoll an. »Daß ich von einem Pfeil getroffen wurde, beweist keine Tapferkeit. Jeder kann getroffen werden.« Er reckte sein Kinn in die Höhe. »Ich bin tapfer, weil ich nicht geschrien habe, als der Pfeil aus mir herausgeschnitten wurde.«

Eines Tages, dachte Kahlan, wird irgendeine glückliche Frau alle Hände voll mit diesem Mann zu tun bekommen. »Ich bin froh, daß die guten Seelen über dich gewacht haben und du bei mir bist.«

Er kniff die Augen zusammen, indes er sie ansah. »Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich glaube, er hat meine Kehle verfehlt, weil auch du über mich gewacht hast.«

Sie schmunzelte nur. Als ihr Blick auf die Leiche fiel, schwand ihr Schmunzeln dahin. Sie strich über das Fell ihres Umhangs. »Der arme Tossidin. Er hat seinen Bruder geliebt. Ich werde ihn vermissen.«

Chandalen warf einen knappen Blick auf die Leiche. »Ich kannte die beiden, seit sie kleine Jungen waren. Sie sind mir beide überallhin gefolgt und haben mich gebeten, sie zu unterrichten. Haben mich gebeten, zu meinen Männern gehören zu dürfen.« Er ließ stumm den Kopf hängen. Schließlich richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. »Die Männer machen sich große Sorgen um dich. Sie warten.«