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Kahlan folgte ihm, als er auf Knien und einer Hand hinauskrabbelte. Sie schleppte das Schwert mit. Draußen im Hellen erhob sich ein plötzliches Geraschel, als die Männer aufsprangen.

Hauptmann Ryan rannte zu ihr, doch ein großer Kerl mit einem Arm in der Schlinge hielt den Hauptmann mit dem gesunden Arm zurück. Er hatte eine gewaltige Streitaxt in der Faust.

»Orsk? Du lebst auch noch?«

Seine Augen waren rot von Tränen. Kahlan mußte daran denken, wie sein Vater geweint hatte, wenn seine Mutter, seine Herrin krank gewesen war.

»Herrin!« Erneut schossen ihm die Tränen in die Augen. »Ihr seid wohlauf! Was wünscht Ihr?«

»Orsk, diese Männer hier sind alle meine Freunde. Keiner von ihnen wird mir etwas tun. Du brauchst sie nicht von mir fernzuhalten. Ich bin in Sicherheit. Ich wäre sehr froh, wenn du dich jetzt einfach ruhig hinsetzen würdest.«

Er ließ sich augenblicklich auf den Boden fallen. Kahlan warf Chandalen einen fragenden, verwunderten Blick zu.

Chandalen zuckte mit den Achseln. »Ich habe gesehen, wie er gekämpft hat, um dich zu beschützen. Prindin wollte ihn töten, also gab ich ihm quassin doe. Die Männer haben ihm den Pfeil aus dem Rücken geholt. Ich weiß nicht genau, wie schlimm er verletzt ist. Für seine Verletzung interessiert er sich nicht, nur für dich. Ich konnte nur verhindern, daß er die Hütte betritt, indem ich ihm erklärte, du müßtest Ruhe haben, sonst würdest du dich womöglich nicht erholen. Er wollte aber nicht von diesem Platz weichen, solange du drinnen bist.«

Seufzend betrachtete Kahlan das gräßliche Gesicht, das schweigend zu ihr aufblickte. Sie konnte den Anblick der ausgefransten weißen Narbe und der zugenähten Augenhöhle kaum ertragen. Sie richtete ihr Augenmerk wieder auf den ungeduldigen Hauptmann und die Hunderte von Gesichtern hinter ihm.

»Wie steht es um den Krieg?«

»Der Krieg! Zum Teufel mit dem Krieg! Seid Ihr gesund? Ihr habt uns einen Todesschrecken eingejagt!« Er warf einen hitzigen Blick auf Chandalen, dann auf den im Schnee sitzenden Orsk. »Diese zwei wollten mich nicht einmal kurz zu Euch hereinlassen, um zu sehen, wie es Euch geht.«

»Das war ihre Aufgabe«, erwiderte Kahlan. Sie lächelte ihnen freundlich zu. »Vielen Dank euch allen für eure Sorge. Chandalen hat mich gerettet.«

»Aber was ist passiert? Hier herrschte ein einziges Chaos. Das Dutzend Männer, das ich hiergelassen hatte, war niedergemetzelt worden. Mit einer troga. Prindin und Tossidin sind tot. Überall lagen tote Soldaten der Imperialen Ordnung herum. Wir hatten Angst, sie hätten Euch getötet.«

Kahlan wurde klar, daß Chandalen ihnen nichts erzählt hatte. »Einer der Toten, er liegt ein Stück in dieser Richtung, ist General Riggs von der Armee der Imperialen Ordnung. Orsk hier«, damit zeigte sie hinter sich auf den Einäugigen, »hat die meisten der Soldaten der Imperialen Ordnung getötet. Sie waren gekommen, um mich zu überwältigen. Prindin hat unsere Wachen und seinen Bruder umgebracht und versucht, mich zu töten.« Erschrockenes Geflüster erhob sich unter den Männern.

Hauptmann Ryans Augen schienen aus seinem Kopf platzen zu wollen. »Prindin? Doch nicht Prindin. Bei den Seelen, warum nur?«

Sie wartete, bis es unter den Männern wieder still geworden war. Dann sagte sie in ruhigem Tonfalclass="underline" »Prindin war ein Verderbter.«

Einen Augenblick lang herrschte entsetztes Schweigen, dann hörte sie, wie das Wort ›Verderbter‹ getuschelt durch die Reihen ging.

»Ihr Soldaten leistet gute Arbeit. Doch jetzt müßt ihr ohne mich kämpfen. Ich muß nach Aydindril.« Enttäuschtes Gemurmel erfüllte die Luft. »Ich würde euch nicht verlassen, wenn ich nicht wüßte, daß ihr der Aufgabe gewachsen seid. Ihr alle habt euren Wert und euren Mut im Kampf bewiesen. Ihr seid Soldaten, die jedem Feind gewachsen sind.«

Den Männern schwoll die Brust an. Sie hingen ihr an den Lippen, als hätten sie ihren General vor sich.

»Ich bin stolz auf jeden einzelnen von euch. Ihr seid die Helden der Midlands. Diese Armee der Imperialen Ordnung ist zwar bedrohlich, und doch steht sie nur stellvertretend für eine noch größere Bedrohung der Midlands, ja, für die ganze Welt der Lebenden. Daß der Hüter einen Verderbten schickt, um mich aufzuhalten, ist der Beweis dafür.

Ich bin überzeugt, daß die Imperiale Ordnung mit dem Hüter im Bunde steht. Ich muß mich nun ganz auf diese Bedrohung konzentrieren. Ich weiß, ihr werdet weiterkämpfen, wie ihr es geschworen habt, und dem Feind keine Gnade gewähren. Ich bin überzeugt, die Tage der Imperialen Ordnung sind gezählt.«

Kahlan stellte fest, daß ihr Nacken nicht mehr schmerzte. Sie berührte die Bißwunde mit den Fingern. Sie war verschwunden. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dem Zugriff des Hüters vielleicht auf mehr als eine Art entkommen zu sein.

Mit ernster Miene blickte sie in die jungen Gesichter, die sie aufmerksam ansahen. »Ihr sollt zwar schonungslos weiterkämpfen, doch dürft ihr nicht zulassen, daß ihr zu dem werdet, was ihr bekämpft. Der Feind kämpft, um zu töten und zu versklaven. Ihr kämpft für das Leben und die Freiheit. Bewahrt dies stets in eurem Herzen!

Werdet nicht zu dem, was ihr haßt. Ich weiß, wie leicht das geschehen kann. Mir wäre es fast passiert.«

Kahlan reckte die Faust gen Himmel. »Ich gelobe, keinen einzigen von euch je zu vergessen. Versprecht mir, wenn dies alles eines Tages vorbei ist, nach Aydindril zu kommen, damit die Midlands euer Opfer würdigen können.«

Die Männer hoben alle die Faust zum Gelöbnis. Ein Jubelschrei erschallte.

»Hauptmann Ryan, bitte gebt meine Worte an die Männer in den anderen Lagern weiter. Ich wünschte, ich könnte selbst zu allen sprechen, aber ich muß sofort aufbrechen.«

Er versicherte ihr, daß dies geschehen werde. Kahlan hob das Schwert mit beiden Händen in die Höhe.

»König Wyborn hat dieses Schwert im Kampf geschwungen, um sein Land zu schützen. Die Mutter Konfessor hat es zur Verteidigung der Midlands geschwungen. Nun lege ich es in würdige Hände.«

Hauptmann Ryan nahm das Schwert vorsichtig aus ihrer Hand entgegen. Er hielt es, als hätte er die Krone Galeas selbst in Händen. Strahlend lächelte er sie an.

»Ich werde es mit Stolz tragen, Mutter Konfessor. Danke für alles, was Ihr uns beigebracht habt. Als Ihr uns gefunden habt, waren wir noch Kinder. Ich danke Euch, daß Ihr uns zu Männern gemacht habt. Ihr habt uns nicht nur beigebracht, wie man besser kämpft, sondern, was noch wichtiger ist, Ihr habt uns beigebracht, was es bedeutet, Soldaten und Beschützer der Midlands zu sein.«

Er umfaßte das Heft mit seiner Faust und reckte das Schwert in den Himmel, dann drehte er sich zu seinen Männern um. »Ein dreifaches Hurra für die Mutter Konfessor!« Als sie den drei wilden Jubelschreien lauschte, wurde Kahlan bewußt, daß sie ihr ganzes Leben lang noch niemanden der Mutter Konfessor hatte zujubeln hören. Es fiel ihr schwer, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Mit einem Handkuß bedankte sie sich bei allen.

»Hauptmann Ryan, ich möchte Nick gern mitnehmen, außerdem werde ich auch noch zwei weitere Pferde brauchen.«

Chandalen stürzte nach vorn. »Wozu brauchst du Pferde?« Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn an. »Chandalen, ich habe eine Pfeilwunde im Bein. Ich kann kaum stehen, geschweige denn laufen. Ich muß reiten, wenn ich nach Aydindril will. Hoffentlich hältst du mich deswegen nicht für schwach.«

Er legte die Stirn in Falten. »Nein, das nicht. Natürlich kann niemand erwarten, daß du zu Fuß gehst.« Dann blickte er sie wütend an. »Aber wozu brauchst du die beiden anderen Pferde?«

»Wenn ich reite, mußt du ebenfalls reiten.«

»Chandalen braucht nicht zu reiten! Ich bin stark!« Sie beugte sich zu ihm vor und sprach in seiner Sprache. »Chandalen, ich weiß, die Schlammenschen reiten nicht auf Pferden. Ich erwarte auch nicht, daß du weißt, wie es geht. Ich werde es dir zeigen. Du wirst sehr gut zurechtkommen. Wenn du zu deinem Volk zurückkehrst, wirst du eine neue Fähigkeit beherrschen, die kein anderer besitzt. Sie werden beeindruckt sein. Die Frauen werden erkennen, wie tapfer du bist