Sie sah ihn abermals mit ihren braunen Augen an. »Richard, ich habe mein Han benutzt, um eine Antwort zu finden. Mein Han verrät mir nur, daß du die Prophezeiung nutzen mußt, um zu überleben. Du hast dir selbst den Namen Bringer des Todes gegeben, wie es die Prophezeiung vorhersagt. In der Prophezeiung geht es um dich.
Du mußt die Prophezeiung nutzen, wenn du so viele besiegen willst. In der Prophezeiung heißt es, der Träger des Schwertes sei in der Lage, die Toten auf den Plan zu rufen, die Vergangenheit in die Gegenwart zu zitieren. Irgendwie mußt du das tun, um zu überleben — die Toten auf den Plan rufen, die Vergangenheit in die Gegenwart zitieren.«
Richard faltete seine Arme auseinander. »Wir werden in Kürze von dreißig Leuten überrannt werden, die, wie Ihr behauptet, versuchen werden, mich zu töten, und Ihr gebt mir ein Rätsel auf? Schwester, ich habe Euch schon einmal erklärt, ich weiß nicht, was es bedeutet. Wenn Ihr helfen wollt, dann sagt mir etwas, mit dem ich etwas anfangen kann.«
Sie machte kehrt und ging zu den Pferden zurück. »Das habe ich doch. Manchmal sind Prophezeiungen dazu bestimmt, dem Genannten Hilfe zu gewähren, in dem sie Hilfe durch die Zeit hindurch senden und einen Schlüssel liefern, der möglicherweise die Tür zur Erleuchtung öffnet. Ich denke, um eine solche Prophezeiung handelt es sich. Diese Prophezeiung handelt von dir. Du mußt selbst herausfinden, welchem Zweck sie dient. Ich kenne ihre Bedeutung nicht.«
Sie blieb stehen, drehte sich um und sah über die Schulter. »Du vergißt, ich habe versucht zu verhindern, daß wir diesen Menschen in die Hände fallen. Du hast gesagt, in dieser Angelegenheit seist du nicht mein Schüler, sondern der Sucher. Und als Sucher mußt du diese Prophezeiung nutzen. Du bist es, der uns hierhergebracht hat. Und nur du kannst uns hier wieder herausbringen.«
Richard starrte ihr hinterher, während sie die nervösen Tiere besänftigte. Er hatte schon früher über die Prophezeiung nachgedacht und sich, seit sie sie ihm erzählt hatte, gefragt, was sie bedeuten mochte. Gelegentlich war es ihm so vorgekommen, als stünde er kurz davor, sie zu verstehen, doch stets war ihm die Lösung wieder entglitten.
Er hatte das Schwert viele Male benutzt und wußte, welche Fähigkeiten es barg. Auch seine eigenen Grenzen kannte er. Gegen einen einzelnen war das Schwert praktisch unbesiegbar, doch er selber war aus Fleisch und Blut. Er war kein erfahrener Schwertkämpfer. In der Vergangenheit hatte er sich immer darauf verlassen, daß die Magie des Schwertes ihm den entscheidenden Vorteil brachte. Dennoch, er war nur einer, und sie waren viele. Das Schwert konnte nur an einem Ort gleichzeitig sein.
»Sind sie gute Kämpfer?« fragte er.
»Die Baka Ban Mana sind unübertroffen. Sie haben besondere Kämpfer, Meister des Schwertes, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang trainieren, jeden Tag. Und anschließend trainieren sie bei Mondschein. Kämpfen ist für sie fast so etwas wie eine Religion.
Als ich klein war, habe ich gesehen, wie ein Schwertmeister der Baka Ban Mana, dem es gelungen war, in die Garnison von Tanimura vorzudringen, fast fünfzig gut bewaffnete Soldaten tötete, bevor er überwältigt wurde. Sie kämpfen, als wären sie unbesiegbare Seelen. Und manche Menschen halten sie tatsächlich dafür.«
»Na großartig«, meinte Richard kaum hörbar.
»Richard«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. »Ich weiß, wir verstehen uns nicht gut. Wir könnten denselben Gegenstand betrachten, und jeder würde etwas anderes sehen. Wir stammen aus unterschiedlichen Welten, wie sind beide dickköpfig, und keiner von uns mag den anderen besonders.
Aber eins sollst du wissen: In dieser Angelegenheit bin ich nicht halsstarrig. Du hattest recht, hier geht es um den Sucher und nicht um meinen Schüler. In gewisser Weise verstehe ich das nicht, es hängt ebenfalls mit der Prophezeiung zusammen. Die Woge der Ereignisse trägt dich. Ich bin in dieser Sache nur eine unbeteiligte Zuschauerin. Aber wenn du stirbst, dann sterbe auch ich.«
Endlich hob sie den Kopf und sah ihm in die Augen. »Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann, Richard. Die Leute rücken von allen Seiten näher, um zu beobachten, was geschieht, und ich weiß, wenn ich versuche, mich einzumischen, werden sie mich töten. Hier geht es um die Prophezeiung, um dich und die Baka Ban Mana. Ich spiele hierbei keine Rolle, ich werde nur auch sterben, wenn du stirbst.
Was die Prophezeiung bedeutet, weiß ich nicht, und mir ist auch bewußt, daß du es nicht weißt, doch denke an sie, vielleicht stellt sich ihr Nutzen ein, wenn du ihn brauchst. Versuche dein Han zu gebrauchen, falls du kannst.«
Richard stand da, die Hände in die Hüften gestemmt. »Also schön, Schwester, ich werde es versuchen. Mir tut bloß leid, daß ich nicht gut im Rätselraten bin. Und sollte ich getötet werden, nun, dann danke ich Euch für den Versuch, mir zu helfen.«
Er blickte in den Himmel, betrachtete den dünnen Wolkenschleier, der den Mond verdunkelte. Die Dunkelheit erleichterte es den Anschleichenden, sich verborgen zu halten. Es gab keinen Grund, warum sich die Dunkelheit nicht auch zu seinem Vorteil nutzen lassen sollte.
Richard war Waldführer, war in der Dunkelheit der Wälder zu Hause. Er hatte zahllose Stunden mit Spielen wie diesem zugebracht, mit den anderen Führern. Hier war auch er in seinem Element, nicht nur die Baka Ban Mana. Er brauchte ihr Spiel nicht mitzuspielen. Geduckt schlich er davon, fort von der Schwester und den Pferden, und wurde eins mit den Schatten.
Der erste, den er entdeckte, blickte in die falsche Richtung. Still und geräuschlos betrachtete Richard die dunkle, in weite Kleidung gehüllte Gestalt, welche, auf einem Knie hockend, die Schwester beobachtete. Mit einer Hand hielt die Gestalt fest einen kurzen Speer umklammert, dessen hinteres Ende sie in den Sand gesteckt hatte. Zwei weitere Speere lagen auf der Erde.
Richard konzentrierte sich darauf, seinen Atem zu beherrschen, damit er, während er sich näher heranschlich, kein Geräusch von sich gab. Einen Schritt vorwärts, verharren, wieder einen Schritt vorwärts, so kam er allmählich immer näher. Er streckte die Hand aus. Zentimeter vom Speer entfernt erstarrte er, als der Mann den Kopf drehte.
Die Gestalt sprang auf, doch Richard war bereits nahe genug. Er entriß dem Mann den Speer. Während der Kerl herumwirbelte, holte Richard aus und schlug dem Fremden mit dem Speerschaft gegen die Schläfe. Der Kerl ging zu Boden, bevor er Gelegenheit hatte, Alarm zu schlagen.
Einer weniger, dachte Richard, als er sich aufrichtete, und das, ohne ihn töten zu müssen. Zumindest hoffte er, ihn nicht getötet zu haben.
Aus der Dunkelkheit tauchte eine Gestalt auf. Seitlich von ihr eine zweite. Und dann noch eine. Richard drehte sich um und sah immer mehr auftauchen. Bevor er sich zurückziehen konnte, war er umzingelt.
Die Gestalten waren in rindenfarbige, weite Kleidung gehüllt, so daß sie mit der umgebenden Landschaft verschmolzen. Ein um den Kopf gewikkeltes Tuch verhüllte alles bis auf ihre dunklen Augen, in denen grimmige Entschlossenheit aufblitzte.
Es gab keine Möglichkeit zur Flucht. Richard trat seitlich auf die Lichtung, der Kreis aus Gestalten bewegte sich mit ihm. Immer mehr rückten von allen Seiten vor. Richard drehte sich um und sah, wie sie in zwei Reihen um ihn herumstanden.
Vielleicht konnte er es noch immer schaffen, ohne jemanden zu töten. »Wer spricht für euch?«
Der innere Ring aus in Gewändern gehüllten Gestalten ließ die runden Schilde fallen und warf die Zweitspeere auf den Boden, so daß die Spitzen auf Richard zeigten. Dann umfaßte jeder einzelne von ihnen den verbliebenen Speer mit beiden Händen wie eine Stange. Sie ließen ihn keinen Moment aus den Augen. Die Krieger im äußeren Ring warfen ihre Schilde und alle ihre Speere zu Boden und legten die Hände an die Hefte ihrer Schwerter, zogen sie aber nicht.
Ein leiser rhythmischer Gesang setzte ein, und die beiden Kreise setzten sich langsam in entgegengesetzter Richtung in Bewegung.
Richard wich in einem engen Kreis zurück, versuchte, sie alle im Blick zu behalten. »Wer spricht für euch!«