Der verhaltene Sprechgesang ging im Takt mit ihren seitlichen Schritten weiter.
Eine Gestalt, die wie die anderen von Kopf bis Fuß verhüllt war, stieg auf einen Stein außerhalb des zweiten Rings.
»Ich bin Du Chaillu. Ich spreche für die Baka Ban Mana.«
Richard konnte es kaum fassen. »Du Chaillu, ich habe dir das Leben gerettet. Warum willst du uns ermorden?«
»Die Baka Ban Mana sind nicht hier, um dich zu ermorden. Wir sind hier, um dich für den Raub unseres heiligen Landes hinzurichten.«
»Du Chaillu, ich habe euer Land niemals zuvor gesehen. Was immer hier geschehen ist, ich habe nichts damit zu tun.«
»Magische Männer haben uns das Land genommen. Sie haben uns unsere Gesetze gegeben. Du trägst die Sünden dieser magischen Männer, deiner Vorgänger, in dir. Zum Beweis trägst du sogar ihr Zeichen. Du mußt tun, was alle vor dir auch getan haben, die wir fangen konnten. Du mußt dich dem Kreis stellen. Du mußt sterben.«
»Du Chaillu, ich habe dir doch gesagt, das Töten muß ein Ende haben.«
»Es ist leicht zu verkünden, das Töten müsse ein Ende haben, wenn man derjenige ist, der sterben soll.«
»Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen! Ich habe mein Leben riskiert, um dem Töten ein Ende zu machen! Ich habe mein Leben für dich aufs Spiel gesetzt!«
Sie sprach leise. »Das weiß ich, Richard. Dafür werde ich dich immer in Ehren halten. Ich hätte dir Söhne geboren, hättest du es von mir verlangt. Ich hätte mein Leben für dich hingegeben. Für das, was du getan hast, wirst du als Held meines Volkes weiterleben. Ich werde ein Gebet an mein Kleid binden, auf daß die Seelen dich zärtlich in ihr Herz schließen.
Aber du bist ein magischer Mann. In den Alten Gesetzen heißt es, wir sollten jeden Tag üben und mit der Klinge besser werden als jedes andere Volk der Welt. Man hat uns gesagt, daß wir jeden magischen Mann töten müssen, den wir fangen oder der Geist der Finsternis zieht die Welt des Lebendigen hinab in die Finsternis.«
»Ihr könnt nicht immer weiter magische Männer töten, oder sonst jemanden! Das muß ein Ende haben!«
»Durch das, was du getan hast, kann das Töten nicht beendet werden. Es kann erst enden, wenn die Seelen mit uns tanzen.«
»Was soll das heißen?«
»Das heißt, wir müssen dich töten, oder es geschieht das, was gesprochen wurde — der Geist der Finsternis entkommt aus seinem Gefängnis.«
Richard zeigte mit dem Speer auf sie. »Du Chaillu, ich will keinen von euch töten, aber ich werde mich wehren. Bitte, hört jetzt auf, bevor noch jemandem ein Leid geschieht. Zwing mich nicht, einen von euch zu töten. Bitte.«
»Hättest du versucht fortzulaufen, hätten wir dir Speere in den Rücken gebohrt, aber da du dich entschieden hast stehenzubleiben, hast du dir das Recht verdient, dich uns zu stellen. Sterben wirst du in jedem Fall, wie alle anderen zuvor, die wir gefangen haben. Wenn du nicht gegen uns kämpfst, wird es schnell gehen und du mußt nicht leiden. Du hast mein Wort drauf.«
Sie drehte ihre Hand in der Luft, und der Gesang setzte erneut ein.
Die Männer des äußeren Rings zogen ihre Schwerter — lange Waffen mit schwarzem Griff, eine jede mit einem Ring am Knauf, an dem ein Band befestigt war, das sich in einer Schlaufe um den Hals des Schwertkämpfers legte, damit das Schwert im Kampf nicht verlorengehen konnte. Die Klingen waren allesamt gebogen und wurden zur Spitze hin breiter.
Die Männer wirbelten mit den Schwertern herum, warfen sie von der rechten in die linke Hand und wieder zurück. Die Klingen kamen nie zum Stillstand. Die Männer des inneren Kreises ließen ihre Speere kreisen.
Richard kannte Führer, die mit Spießen bewaffnet waren. Niemand behelligte einen Waldführer, der mit einem Spieß bewaffnet war. Diese Leute hier waren besser als alle Führer, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Die hölzernen Schäfte verwischten undeutlich im Mondlicht, die stählernen Spitzen waren ein matt schimmernder Kreis reflektierten Lichts.
Richard zerbrach den Speerschaft über seinem Knie und zog sein Schwert. Das Klirren von Stahl übertönte das pfeifende Geräusch der Speere und Klingen.
»Tu es nicht, Du Chaillu! Hör sofort auf, bevor noch jemand zu Schaden kommt.«
»Kämpfe nicht gegen uns, Hexenmann, und wir garantieren dir einen schnellen Tod. Zumindest das bin ich dir schuldig.«
Richards Brust hob und senkte sich, er spannte seine Kiefernmuskeln an. Der Gesang wurde geschwinder, und die Kreise der Männer bewegten sich schneller.
Richard funkelte Du Chaillu, die noch immer auf dem Stein stand, wütend an. »Ich lehne jede Verantwortung ab, für das, was jetzt geschieht, Du Chaillu. Du bist es, die diese Situation erzwingt. Du allein hast zu verantworten, was jetzt geschieht.«
Sie antwortete leise, die Stimme voller Bedauern. »Wir sind viele. Du nur einer. Es tut mir leid, Richard.«
»Nur ein Narr würde auf diese Ungleichheit vertrauen, Du Chaillu. Sie ist nicht, was sie scheint. Ihr könnt euch nicht alle gleichzeitig auf mich stürzen. Ihr könnt allein oder zu zweit oder bestenfalls zu dritt angreifen. Die Zahlen sind nicht so, wie sie in deinen Augen scheinen.« Richard wunderte sich schwach, woher ihm diese Worte gekommen waren.
Er sah, wie sie im Mondlicht nickte. »Du verstehst den Tanz des Todes, Hexenmann.«
»Ich bin kein Hexenmann, Du Chaillu! Ich bin Richard, der Sucher der Wahrheit. Ich gehe nicht freiwillig mit dieser Schwester mit, um ein magischer Mann zu werden. Ich bin ein Gefangener. Das weißt du doch. Aber ich werde mich verteidigen.«
Du Chaillu betrachtete ihn im Mondschein. »Die Seelen wissen, wie leid es mir tut, Sucher Richard. Trotzdem mußt du sterben.«
»Dein Mitleid nützt mir nichts, Du Chaillu. Dir sollten die leid tun, die heute nacht ohne Grund sterben.«
»Du hast die Baka Ban Mana noch nicht kämpfen sehen. Niemand wird uns ein Haar krümmen. Du allein wirst den Stahl zu schmecken bekommen. Sei unbesorgt, du wirst niemandes Tod bedauern müssen.«
Richard ließ der Magie des Schwertes, dem Zorn, freien Lauf.
Die beiden Kreise bewegten sich und sangen schneller, wirbelten ihre Waffen schneller herum. Der Sturm des Zornes aus dem Schwert durchtoste den Sucher. Selbst in den Fängen dieses Zorns, diesem unbarmherzigen Verlangen zu töten, wußte er, daß es nicht reichen würde. Es waren zu viele. Und nie hatte er jemanden gesehen, der so mit Waffen umgehen konnte wie diese Menschen.
Ungeachtet dessen sog er noch mehr Magie in sich hinein. Sog sie in sich hinein, bis die Unbarmherzigkeit des Hasses in seinem Schädel pochte und ihm fast übel wurde. Er zog sie bis in die Tiefen seiner Seele.
Richard stand reglos im Mittelpunkt der sich drehenden Kreise. Er legte sich die blitzblanke Klinge auf die Stirn. Der Stahl fühlte sich kühl an auf seiner erhitzten Haut, auf seinem Schweiß.
»Klinge, sei mir heute treu.«
Weiter rief er die Magie herbei. Noch bevor er richtig merkte, was er tat, riß er sich das Hemd vom Leib und schleuderte es zur Seite, damit es ihn nicht hinderte. Wie war er darauf gekommen? Es schien genau das Richtige zu sein, doch er hatte keine Ahnung, woher der Gedanke kam. Er hielt die Klinge senkrecht vor seinem Körper in die Höhe. Er spannte und entspannte seine Muskeln, die schweißnaß glänzten.
Er fand seine Mitte, den Ort der Ruhe, das Zentrum. Er suchte sein Han inmitten des weißglühenden Zentrums seines Hasses.
Gebrauche, was du hast, sagte eine Stimme in seinem Innern. Gebrauche, was dort ist. Laß es frei.
Indes sein Verstand völlig ruhig wurde, erinnerte sich Richard daran, wie er auf Zedds Zaubererfelsen gestanden und dessen Magie benutzt hatte, sich vor der Wolke zu verstecken, die Darken Rahl auf ihn angesetzt hatte. Der Felsen war vor Zedd bereits von vielen Zauberern benutzt worden. Als Richard auf ihm gestanden und die Magie herbeigerufen hatte, sie durch seinen Körper hatte fließen lassen, da hatte er die innere Natur all derer gespürt, die ihm vorausgegangen waren. Er erinnerte sich, wie es gewesen war, die gleichen Dinge zu spüren wie sie, die gleichen Dinge zu wissen wie sie. Er hatte einen Einblick bekommen in alle, die früher schon von der Magie Gebrauch gemacht hatten.