Plötzlich war ihm klar, was die Prophezeiung bedeutete.
Er fragte sich, wie es möglich gewesen war, das Schwert zu benutzen, ohne dies zu sehen, ohne zu erkennen, was die Magie zum Inhalt hatte. Genau wie auf dem Zaubererfelsen.
Auch andere hatten schon von der Magie des Schwertes Gebrauch gemacht, und die Magie hatte sich ihre Kampfkunst, jede Bewegung, mit der sie das Schwert geführt hatten, gemerkt. Das Talent unzähliger Hunderter von Menschen, die diese Klinge geführt hatten, von Männern und Frauen gleichermaßen, war vorhanden und brauchte bloß angerufen zu werden. Das Können sowohl der guten wie der bösen Menschen war in diese Magie eingegangen.
In seiner Ruhe sah er, wie der erste Angreifer sich von links her näherte.
Sei wie eine Feder, nicht wie ein Fels. Laß dich auf den Schwingen des Sturmes davontragen.
Richard entlud die Magie, wirbelte herum und wich dem Angriff aus, ließ ihn an sich vorbei. Er schlug nicht zu, sondern ließ sich vom Druck des Angriffs treiben. Ließ sich von der Magie des Schwertes leiten. Der Angreifer ging taumelnd zu Boden, als der erwartete Widerstand ausblieb.
Sofort kam der nächste und ließ seinen Speer kreisen. Richard wirbelte erneut herum, und als der Angreifer an ihm vorüberraste, zersplitterte Richard den Schaft mit seinem Schwert. Jemand stieß eine Speerspitze in seine Richtung. Ohne zu stoppen glitt er an ihr vorbei, riß das Schwert nach oben und schnitt den Schaft in zwei Teile. Der nächste Angriff kam von hinten. Richard trat dem Mann vor die Brust und warf ihn nach hinten.
Richard überließ sich der Magie des Schwertes und dem Frieden in seinem Innern. Ohne nachzudenken tat er Dinge, die er nicht einmal verstand.
Er hielt seinen Zorn, unter Kontrolle, damit er niemanden tötete. Mit der flachen Seite der Klinge schlug er dort gegen einen Hinterkopf, ließ hier einen Angreifer über seinen Fuß stolpern. Je schneller sie kamen, desto schneller reagierte er. Die Magie speiste sich aus ihrer Energie. Fließend glitt er zwischen den Angreifern hindurch, zersplitterte Speere, wenn er konnte, versuchte die Baka Ban Mana zu entwaffnen, ohne sie zu töten.
»Du Chaillu! Mach dem ein Ende, bevor ich sie verletzen muß!«
Ihr etwas zuzuschreien war ein Fehler. Es lenkte ihn ab. Es gestattete einem Speer, seine fließende Verteidigung zu durchbrechen. Er stand vor der Wahl, als der Zorn augenblicklich in seinem Herzen explodierte. Er konnte den Angreifer töten oder nur das tun, was nötig war, um ihn aufzuhalten.
Sein Schwert, dessen Spitze durch die Luft pfiff, kam herangewirbelt und kappte die Hand, die den Speer gestoßen hatte. Blut und Knochensplitter füllten die Luft. Der Schrei war der einer Frau.
Einige der Baka Ban Mana waren Frauen, wie er jetzt sah. Es spielte keine Rolle. Sie würden ihn töten, wenn er sich nicht verteidigte. Besser, man verlor eine Hand als den Kopf. Das erste Blut ließ den Zorn, das Verlangen zu töten, in seinem Innern heiß und durstig noch stärker aufbrodeln.
Er kämpfte gegen die Angreifer, und er kämpfte gegen den Drang, zum Gegenangriff überzugehen. Er wollte nicht selbst angreifen. Er wollte nur, daß sie aufhörten. Doch wenn sie nicht aufhörten…
Sobald er ihre Speere zerbrach, nahmen sie andere zur Hand und warfen sich erneut auf ihn. Er glitt zwischen ihnen hindurch wie ein Phantom, bewahrte sich seine Energie, während sie sich verausgabten.
Der äußere Ring, der ihn weiter umkreist hatte, während der innere bereits angriff, hielt inne und begann mit wirbelnden Schwertern vorzurükken. Diejenigen, die mit Speeren bewaffnet — und noch immer auf den Beinen — waren, traten durch den äußeren Ring nach hinten.
Schwerter wirbelten durch die Luft. Anstatt auf den Angriff der Baka Ban Mana zu warten, ging Richard auf sie los. Sie wichen überrascht zurück, als das Schwert der Wahrheit zwei der blinkenden Klingen zerschmetterte.
»Du Chaillu! Bitte! Ich will keinen von euch töten!«
Die Schwertfechter waren schneller als die Speerträger. Zu schnell. Zu sprechen und dabei gleichzeitig zu versuchen, sie zu entwaffnen, ohne sie zu töten, lenkte ihn gefährlich ab. Richard spürte, wie ihn ein heißer Schmerz über seine Rippen durchfuhr. Er hatte die Klinge nicht mal kommen sehen, trotzdem hatte er sich instinktiv bewegt und anstelle eines tödlichen Schnitts nur eine leichte Fleischwunde davongetragen.
Daß nun sein eigenes Blut vergossen wurde, rief die Magie des Schwertes zu seiner Verteidigung auf den Plan — der Zorn, das Können derer, die es vor ihm in den Händen gehalten hatten. Ihr Wesen brannte durch seinen Körper, er konnte es nicht mehr zurückhalten. Die Möglichkeit, sich zu entscheiden, war dahin. Es raubte ihm alle Beherrschung. Er hatte ihnen ihre Chance gegeben. Jetzt war der Punkt überschritten.
Bringer des Todes.
Die Schwertkämpfer griffen in einer tödlichen Welle an.
Er setzte die Magie frei. Das Zögern war vorbei. Die Schranken waren gefallen, jetzt tanzte er mit dem Tod.
Die Nacht explodierte in einem warmen Regen aus Blut. Er hörte sich kreischen, er spürte, daß er sich bewegte, er sah Männer und Frauen fallen, als körperlose Köpfe über den Boden rollten. Lustvolle Gier hatte von ihm Besitz ergriffen.
Keine Klinge berührte ihn mehr. Er konterte jeden Schlag, als hätte er ihn schon tausendmal gesehen, als hätte er schon immer gewußt, was zu tun war. Jeder Angriff bedeutete für den Angreifer einen schnellen und sicheren Tod. Knochensplitter und Blut schossen explosionsartig durch die Nachtluft. Hirnmasse überschwemmte den Boden. All das Grauen verschmolz zu einem einzigen, lange währenden Bild des Tötens.
Bringer des Todes.
Erst als zwei auf einmal aus entgegengesetzten Richtungen kamen, merkte er, daß er sein Messer in der Linken und sein Schwert in der Rechten hielt. Er schlang den Arm um den Hals des einen auf der Linken und schlitzte ihm die Kehle auf, während er gleichzeitig dem anderen auf der Rechten das Schwert durch den Körper rannte. Beide sackten zu Boden, während Richard keuchend stehen blieb.
Stille hallte ringsum wider. Nichts rührte sich bis auf eine kniende Frau, die sich mit einer Hand aufrecht hielt. Die andere Hand fehlte. Sie kam auf die Beine und zog ein Messer aus dem Gürtel.
Trotz seines finsteren Blicks erkannte er die Entschlossenheit in ihren Augen. Mit einem Schrei rannte sie auf ihn zu. Der Zorn pochte, als er sie kommen sah. Sie hob das Messer.
Richards Schwert schnellte hoch und pfählte sie mitten durchs Herz. Das ganze Gewicht ihres Körpers zog das Schwert nach unten, während sie von der Klinge zu Boden glitt und dabei gurgelnd ihren letzten Atem aushauchte.
Bringer des Todes.
Richard richtete seinen haßerfüllten Blick hinauf zu der Frau, die auf dem Felsen stand. Du Chaillu kletterte herunter, enthüllte ihren Kopf, ließ das lange Tuch herabhängen und fiel, sich verneigend, auf ein Knie.
Richard stürmte wutentbrannt auf sie zu. Er hob Du Chaillus Kinn mit der Schwertspitze an.
Mit ihren dunklen Augen starrte sie zu ihm auf. »Der Caharin ist gekommen.«
»Wer ist der Caharin?«
Du Chaillu sah ihm unerschrocken in die Augen. »Der, der mit den Seelen tanzt.«
»Der, der mit den Seelen tanzt«, wiederholte Richard ausdruckslos. Er hatte verstanden. Er hatte mit den Seelen derer getanzt, die das Schwert vor ihm in den Händen gehalten hatten. Er hatte den Tod auf den Plan gerufen und mit ihren Seelen getanzt. Fast hätte er laut aufgelacht.
»Ich werde dir niemals verzeihen, daß du mich gezwungen hast, diese Menschen zu töten, Du Chaillu. Ich habe dir das Leben gerettet, weil ich das Töten verabscheue, und du hast dafür gesorgt, daß das Blut von dreißig Menschen an meinen Händen klebt.«
»Es tut mir leid, Caharin, daß du diese Last auf dich nehmen mußt. Doch nur durch das Blut von dreißig Baka Ban Mana konnte das Töten beendet werden. Nur so können wir den Seelen dienen.«