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Dahinter lag glitzernd voller goldener Funken und Spiegelungen das Meer, das sich bis zu einer messerscharfen Linie am Horizont erstreckte.

Die Stadt beherrschend, erhob sich in der Nähe ihres Mittelpunktes auf einer Insel im Fluß ein weitläufiger Palast, dessen mit Zinnen besetzte Westmauer ins goldene Licht der Sonne getaucht war. Innenhöfe, Festungswälle, Türme, Gebäudegruppen und Dächer, alle von prächtiger Machart, verschmolzen zu einem vielschichtigen Ganzen mit Höfen voller Bäume oder Rasen oder Teichen. Der Palast schien seine steinernen Arme in dem eifersüchtigen Versuch auszustrecken, die gesamte Insel zu umfassen, auf der er stand.

Aus der Ferne betrachtet, mit den fadendünnen Straßen, die strahlenförmig von der Insel im Mittelpunkt der Stadt ausgingen, und den schmalen Brücken, die den Fluß nach allen Seiten hin überspannten, erinnerte der Palast Richard an nichts so sehr wie an eine fette Spinne inmitten ihres Netzes.

»Der Palast der Propheten«, sagte Schwester Verna.

»Mein Gefängnis«, meinte Richard ohne sie anzusehen.

Sie überging seine Bemerkung. »Das ist Tanimura, und der Fluß, der mitten hindurchfließt, ist der Kern. Der Palast selbst steht auf Drahle, das ist die Insel.«

»Drahle.« Ihm sträubten sich die Nackenhaare. »Da hat sich aber jemand einen bitterbösen Scherz erlaubt.«

»Wieso? Ich habe keine Ahnung, was Drahle bedeutet.«

Richard zog eine Braue hoch. »Eine Drahle benutzt man bei der Falkenjagd. Es ist ein Ring, an dem man die sogenannte Lockschnur festmacht, damit der Falke nur ein Stücke weit fliegen kann, wenn er noch nicht zahm ist und zur Jagd abgerichtet wird.«

Sie tat dies mit einem Achselzucken ab. »Du liest zuviel in die Dinge hinein.«

»Tatsächlich? Wir werden sehen.«

Sie stieß einen leisen Seufzer aus, während sie die Hüften vorschob, und ihr Pferd hügelabwärts in Bewegung setzte. Sie wechselte das Thema. »Es ist viele Jahre her, daß ich zu Hause war, aber es sieht noch so aus wie immer.«

Die beiden Baka-Ban-Mana-Männer, die sie während der letzten beiden Tage durch das sumpfige, weglose Waldgebiet geführt hatten, hatten sich am Morgen von ihnen getrennt, als Schwester Verna sich endlich auf vertrautem Gebiet befand. Er hatte zwar nie das Gefühl für die Richtung verloren, trotzdem verstand Richard, wieso Menschen hier leicht die Orientierung verlieren konnten. Er dagegen war an Orten derart endloser Verlassenheit zu Hause und verlief sich eher in einem Gebäude als im dichten Wald.

Während dieser zwei Tage hatten die Männer nur wenig gesprochen. Zwar waren es Schwertkämpfer, die ebenso wild waren wie jene, gegen die Richard gekämpft hatte, doch hatten sie vor ihm eine ehrfürchtige Scheu gehabt. Richard mußte laut werden, bevor sie die ewigen Verbeugungen einstellten. Wie laut er auch wurde, nichts konnte sie davon abbringen, ihn Caharin zu nennen.

Eines Abends, bevor er wie üblich seinen Wachposten bezog, hatte Schwester Verna ihm in ruhigem Ton erklärt, es tue ihr leid, daß er die dreißig Menschen hatte töten müssen. Ein wenig überrascht von ihrem Ernst und dem offenkundigen Fehlen jeder Bedeutung, die über das Gesagte hinausging, und weil ihn die Erinnerung noch verfolgte, hatte er sich für ihr Verständnis bedankt.

Richard ließ den Blick über die fruchtbaren Hügel und Täler schweifen. »Wieso wird auf diesem Land nichts angebaut? Bei diesen vielen Menschen müssen sie doch Nahrungsmittel anpflanzen.«

Schwester Verna hob die Hand, mit der sie die Zügel hielt, und deutete auf das Land jenseits der anderen Seite der Stadt. »Farmen überziehen das Land auf jener Seite des Flusses. Auf dieser Seite ist es für Mensch und Tier nicht sicher.« Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf das Land hinter ihnen. »Die Baka Ban Mana sind eine ständige Bedrohung.«

»Hier wird also nichts angebaut, weil man Angst vor den Baka Ban Mana hat?«

Sie warf einen Blick nach links. »Siehst du den dunklen Wald?« Sie beobachtete ihn, während er den Rand des verflochtenen Dickichts im nächsten Tal betrachtete. Riesige, alte, knorrige Bäume standen, überwuchert von Moos und Kletterpflanzen, eng beieinander, zwischen ihnen düstere Schatten. »Dieser Waldrand erstreckt sich meilenweit bis hin zur Stadt. Es ist der Hagenwald. Halte dich von ihm fern. Wer sich nach Sonnenuntergang im Hagenwald aufhält, der stirbt. Und viele, die dort einen Fuß hineinsetzen, sterben selbst dann, wenn die Sonne noch hoch am Himmel steht. Es ist ein Ort dunkelster Magie.«

Im Weiterreiten sah er immer wieder hinüber zum Hagenwald. Irgend etwas zog ihn zu diesem unheimlichen Ort hin, so als ergänze er seine düstere Stimmung, als sei er ein Teil davon. Er hatte Mühe, die Augen von ihm abzuwenden.

Aus der Nähe waren die Straßen Tanimuras nicht so wohlgeordnet, wie es aus der Ferne schien. In den äußeren Stadtbezirken herrschte ein Durcheinander voller Elend. Männer, die mit Reissäcken, Teppichen oder Feuerholz, Fellen oder sogar mit Müll beladene Karren zogen oder schoben, schlängelten sich im Zickzack aneinander vorbei und verstopften gelegentlich die Wege. Händler jeder Art säumten die Straßen, verkauften alles, angefangen von Obst und Gemüse und an kleinen Spießen über winzigen, qualmenden Feuern in behelfsmäßigen Steinöfen gebratenen Fleischstreifen, bis hin zu Kräutern und Weissagungen, Stiefeln und Perlen. Wenigstens überdeckte der Duft gebratenen Fleisches stellenweise den atemberaubenden Gestank der Gerbereien.

Aus dichten Trauben von Männern in abgetragenen, schmutzigen Kleidern wurden aufgeregte Rufe laut, rings um Karten- oder Würfelspiele erhob sich Gelächter. In Seitenstraßen und engen Gassen zwischen baufälligen Hütten aus Blech und Planen drängten sich die Menschen. Nackte Kinder liefen zwischen diesen armseligen Behausungen umher, planschten in schlammig trüben Pfützen, jagten einander beim ›Fangt-den-Fuchs‹. Frauen schwatzen miteinander, während sie in Eimern Wäsche wuschen.

Schwester Verna murmelte, sie könne sich nicht an das Elend und die unzähligen Obdachlosen erinnern. Richard fand, daß sie trotz ihrer Lage glücklicher aussahen, als ihnen zustand.

Obwohl sie unter freiem Himmel gelebt hatten und ein wenig schmutzig und heruntergekommen waren, sah Schwester Verna im Vergleich mit diesen Menschen aus wie ein Mitglied des Königshauses. Wer immer in ihre Nähe kam, neigte vor der Schwester ehrfurchtsvoll den Kopf, und als Gegenleistung erbat sie den Segen des Schöpfers für die Menschen.

Die vom Zahn der Zeit angenagten Gebäude waren ebenso voller Menschen wie die Straßen. Bunte Wäsche hing an den rostigen Geländern fast jedes winzigen Balkons. Auf einigen standen Töpfe mit Blumen oder Kräutern. Aus Kneipen und Gasthäusern drangen Gelächter und das Summen von Gesprächen. Im Fenster eines Metzgers hingen fliegenumschwärmte Tiere. In anderen Geschäften wurde getrockneter Fisch, Getreide oder Öl feilgeboten.

Je weiter er und die Schwester kamen, desto sauberer wurde die Stadt. Die Straße öffnete sich, sogar die Seitenstraßen, in denen keine Hütten mehr an den Gebäuden lehnten, wurden breiter. Die Geschäfte hatten größere Fenster mit bemalten Jalousien, die Wagen auf der Straße sahen besser aus. In den Schaufenstern wurden oftmals die bunten Teppiche der Gegend ausgestellt. Als die breite Straße schließlich zum Boulevard wurde, konnte man die Häuser nur noch als prachtvoll bezeichnen. Die Gasthäuser wirkten elegant, die Türsteher davor trugen rote Uniformen.

Auf der steinernen Brücke über den Kern wurden an Pfählen aufgehängte Lampen entzündet, die in der zunehmenden Dunkelheit den Weg erhellten. Unten auf dem Fluß ruderten Fischer in kleinen Booten mit Laternen durch das dunkle Wasser. Soldaten in schmuckvollen Uniformen mit goldbesetzten, weißen Hemden und rotem Wams patrouillierten zu beiden Seiten des Flusses. Als die Pferdehufe über das Pflaster klapperten, brach Schwester Verna endlich das Schweigen.

»Im Palast ist es ein großer Tag, wenn ein Neuer mit der Gabe eintrifft.« Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. »Ein seltenes und freudiges Ereignis. Man wird froh sein, dich zu sehen, Richard, bitte vergiß das nicht. Für die Menschen dort ist dies ein Ereignis von höchstem Rang. Auch wenn du anders empfindest, ihnen wird bei deinem Anblick das Herz aufgehen. Sie werden wollen, daß du dich willkommen fühlst.«