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Richard dachte anders darüber. »Kommt zur Sache.«

»Das habe ich gerade getan. Sie werden begeistert sein.«

»Das heißt mit anderen Worten, ich soll sie nicht gleich am Anfang vor den Kopf stoßen.«

»Das habe ich nicht gesagt.« Mit einem leichten Stirnrunzeln betrachtete sie die Posten, die die Brücke bewachten. Schließlich blickte sie ihn wieder an. »Ich bitte dich lediglich anzuerkennen, daß diese Frauen lange auf eben dieses Ereignis hingelebt haben.«

Den Blick starr nach vorn gerichtet, ritt Richard an weiteren Posten in Paradeuniform vorbei. »Ein weiser Mensch, ein Mensch, den ich liebe, hat mir einmal erklärt, wir könnten immer nur derjenige sein, der wir sind, nicht mehr und nicht weniger.« Sein Blick schweifte über den oberen Rand der Mauer vor ihnen hinweg, registrierte die Soldaten dort und wie sie bewaffnet waren. »Ich bin der Bringer des Todes, und ich habe nichts, für das zu leben es sich lohnt.«

»Das stimmt nicht, Richard«, widersprach sie ruhig. »Du bist noch jung, und dich erwartet noch so viel. Du hast ein langes Leben vor dir. Du hast dir vielleicht selbst den Namen ›Bringer des Todes‹ gegeben, ich aber habe dich nichts anderes tun sehen, als dich zu bemühen, dem Töten ein Ende zu machen.«

»Da Ihr Lügen verabscheut, Schwester, werdet Ihr doch sicher nicht wollen, daß ich Euch etwas vorspiele.«

Sie seufzte, derweil sie ein riesiges Tor in der äußeren Mauer durchquerten. Die Hufe der Pferde hallten in der langen, bogenförmigen Öffnung wider. Dahinter wand sich die Straße zwischen geduckten, ausladenden Bäumen dahin. Aus allen Fenstern der Gebäude ringsum strahlte ein sanftes, gelbes Licht. Viele der Gebäude waren durch überdachte Säulengänge oder geschlossene Korridore, deren Bogenfenster mit Gitterwerk überdeckt waren, miteinander verbunden. Auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofes stand eine Vielzahl Bänke vor einer Mauer mit einem Fries, das Reiter darstellte.

Durch Bogengänge mit weiß gestrichenen Toren erreichten sie die Stallungen. Dahinter grasten Pferde auf einer Weide. Burschen in sauberer Livree, mit schwarzen Westen über braunen Hemden, kamen herbei, um die Pferde zu halten, während er und Schwester Verna abstiegen. Richard kraulte Bonnie am Hals und machte sich daran, seine Siebensachen abzuladen.

Schwester Verna strich die Falten ihres Hosenrocks und ihren leichten Umhang glatt. Dann machte sie sich an ihren Locken zu schaffen. »Das ist nicht nötig, Richard. Jemand wird dir deine Sachen bringen.«

»Außer mir faßt niemand meine Sachen an«, meinte er.

Sie seufzte und schüttelte den Kopf, dann befahl sie dem Burschen, ihr Gepäck nach drinnen bringen zu lassen. Der Junge verneigte sich vor ihr, dann hakte er eine Führungsleine bei Jessup ein. Daraufhin riß er kurz und heftig an der Leine. Jessup scheute.

Der Bursche schlug Jessup mit der Peitsche aufs Hinterteil. »Beweg dich, du dummes Vieh!«

Jessup wieherte und versuchte seinen Kopf loszureißen.

Das nächste, was Richard mitbekam, war, wie der Bursche über den Weg geschleudert wurde. Krachend schlug er gegen eine wackelige Holzwand und landete auf dem Hosenboden, während Schwester Verna ihn wütenden Blicks anstarrte.

»Wage es nicht, das Pferd zu schlagen! Was ist nur mit dir los? Wie würde es dir gefallen, wenn ich mit dir das gleiche machte?« Der Bursche schüttelte schockiert den Kopf. »Sollte mir jemals zu Ohren kommen, daß du wieder ein Pferd schlägst, bist du deine Stellung los. Aber zuvor werde ich dir dann deinen mageren Hintern versohlen.«

Der Junge riß die Augen auf, nickte rasch und entschuldigte sich. Schwester Verna sah ihn noch einen Augenblick lang strafend an, dann machte sie kehrt und pfiff ihr Pferd herbei. Als Jessup angetrabt kam, kraulte sie ihn unterm Kinn, tröstete und beruhigte ihn. Sie führte ihn in einen Stall und versorgte ihn mit Wasser und Heu. Richard achtete darauf, daß sie nicht sah, wie er schmunzelte.

Während sie über den Hof gingen, meinte sie: »Vergiß nicht, Richard, hier gibt es keine einzige Schwester, selbst keine Novizin, die dich nicht mit ihrem Han durch den Raum schleudern könnte.«

In einem holzgetäfelten Raum mit langen gelb-blauen Teppichen, die unter verzierten Buffettischen verliefen, warteten drei Frauen. Als sie Schwester Verna erblickten, fingen sie aufgeregt an zu schnattern. Schwester Verna war einen Kopf kleiner als er, und keine dieser drei Frauen war so groß wie sie. Sie strichen ihre voluminösen, pastelligen Röcke glatt und zupften ihre weißen Leibchen zurecht.

»Schwester Verna!« stieß eine hervor, indes die drei angerauscht kamen.

»Oh, liebe Schwester Verna, wie schön, Euch endlich wiederzusehen!«

Tränen kullerten über ihre rosigen Gesichter. Die Frauen strahlten über das ganze Gesicht. Jede einzelne von ihnen schien ein gutes Stück jünger zu sein als Schwester Verna. Diese blickte ihnen musternd in die großen, glänzenden Augen.

Zärtlich streichelte Schwester Verna das verheulte Gesicht vor ihr. »Schwester Phoebe.« Sie drückte die Hand einer anderen. »Und Schwester Amelia und Schwester Janet. Wie schön, Euch wiederzusehen. Es ist wahrlich lange her.«

Die drei kicherten vor Aufregung und fanden schließlich die Fassung wieder. Schwester Phoebe sah sich mit ihrem rundlichen Gesicht suchend um, vorbei an Richard.

»Wo steckt er? Warum habt Ihr ihn nicht mit hereingebracht?«

Schwester Verna hob die Hand und zeigte auf Richard. »Das ist er. Richard, das sind Freundinnen von mir. Die Schwestern Phoebe, Amelia und Janet.«

Das Lächeln auf den Gesichtern verwandelte sich in einen Ausdruck des Erstaunens. Seine Größe und sein Alter brachten sie aus der Fassung. Sie starrten ihn in unverhohlener Verwunderung an, bis sie sich schließlich gegenseitig mit Beteuerungen überschlugen, wie froh sie seien, ihn kennenzulernen. Schließlich rissen sie ihre Blicke von ihm los und wandten ihre Aufmerksamkeit wieder Schwester Verna zu.

»Der halbe Palast wartet, um Euch beide zu begrüßen«, sagte Schwester Phoebe. »Alle waren so aufgeregt, seit wir die Nachricht erhielten, daß ihr heute eintrefft.«

Schwester Amelia strich ihr glattes, kaum schulterlanges braunes Haar zurück. »Seit Ihr Euch auf die Suche nach Richard gemacht habt, ist kein anderer mehr hergebracht worden. All die Jahre, und nicht ein einziger wurde hergebracht. Sie können es alle kaum erwarten, ihn kennenzulernen. Ihnen steht wohl eine ›große‹ Überraschung bevor«, meinte sie errötend mit einem Seitenblick auf ihn. »Besonders einigen der Jüngeren. Eine angenehme Überraschung, möchte ich meinen. Wie groß er ist.«

Richard erinnerte sich an einen Tag seiner Kindheit, als er wegen eines strömenden Regens nicht aus dem Haus konnte. Seine Mutter hatte Besuch von einigen ihrer Freundinnen, die ihr dabei helfen sollten, eine Steppdekke zu nähen, und während der Arbeit wollte sie sich mit ihnen die Zeit vertreiben. Sie saßen da und nähten, derweil Richard auf dem Fußboden spielte. Sie sprachen über ihn, als sei er gar nicht vorhanden, und unterhielten sich darüber, wie er immer größer wurde. Seine Mutter erzählte, wieviel er aß, und wie gut er im Lesen war. Ähnlich peinlich berührt, rückte Richard jetzt seinen Rucksack auf der Schulter zurecht.

Schwester Phoebe drehte sich zu ihm um und strahlte einfach nur. Sie streckte die Hand aus und berührte ihn am Arm. »Da hör sich einer unser Geschwätz an! Wir sollten nicht über dich reden, als seist du gar nicht da. Willkommen, Richard. Willkommen im Palast der Propheten.«

Richard verfolgte schweigend, wie die drei Schwestern zu ihm hinaufblinzelten. Schwester Amelia kicherte und meinte zu Schwester Verna: »Er ist wohl nicht sehr gesprächig, wie?«

»Er redet genug«, antwortete Schwester Verna. Kaum hörbar fügte sie hinzu: »Dem Schöpfer sei Dank, daß er jetzt den Mund hält.«