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»Also«, meinte Schwester Phoebe mit heiterer Stimme. »Gehen wir?«

Schwester Verna sah sie stirnrunzelnd an. »Schwester Phoebe, was sind das für Truppen, die ich gesehen habe, die in den fremden Uniformen?«

Schwester Phoebe legte einen Augenblick lang die Stirn nachdenklich in Falten, dann hellte sich ihre Miene auf. »Ach, diese Truppen.« Sie tat sie mit einer Handbewegung ab. »Vor ein paar Jahren wurde die Regierung gestürzt. Das muß wohl in Eurer Abwesenheit passiert sein. Die Alte Welt hat eine neue Regierung, wieder einmal. Jetzt haben wir einen Kaiser statt all der Könige.« Sie blickte zu Schwester Janet hinüber. »Wie nennen sie sich doch gleich?«

Die Stirn nachdenklich in Falten gelegt, richtete Schwester Janet ihre Augen an die Decke. »Ach, richtig«, meinte sie geziert. »Die Imperiale Ordnung. Und Ihr habt ganz recht, Schwester Phoebe, sie haben tatsächlich einen Kaiser.« Sie nickte. »Genau, die Imperiale Ordnung, geführt von einem Kaiser.«

Schwester Phoebe schüttelte verwundert den Kopf. »Wie töricht. Regierungen kommen und gehen, doch der Palast der Propheten bleibt ewig. Der Schöpfer legt schützend seine Hand über uns. Sollen wir die anderen begrüßen gehen?«

Den dreien folgend, gingen sie durch angenehm dekorierte Korridore und Flure. Soweit es Richard anbetraf, befand er sich auf feindlichem Gebiet. Eine bedrohliche Situation hatte stets zur Folge, daß die Magie des Schwertes der Wahrheit versuchte, sich seiner zu bemächtigen, ihn zu beschützen. Richard ließ es zum Teil zu, hielt den Zorn jedoch auf kleiner Flamme. Schwester Verna warf ihm gelegentlich einen Seitenblick zu, so als wollte sie abschätzen, ob sein Gesicht noch mürrischer geworden war.

Schließlich passierten sie zwei mächtige Türen aus Walnußholz, die sich in einen riesengroßen Empfangssaal öffneten. Sie mußten unter einer niedrigen Decke und zwischen weißen Säulen mit goldenen Großbuchstaben hindurch, bevor sie unter ein gewaltiges Kuppelgewölbe traten, das mit riesigen Szenen von Menschen in Roben bemalt war, die eine Lichtgestalt umringten. Auf zwei Ebenen umringten Balkone mit verzierten Steingeländern den kreisrunden Saal. Fenster mit bunten Scheiben erhellten den obersten Balkon von hinten. Der Boden des Raumes bestand aus kleinen hellen und dunklen Holzquadraten, die man zu einem Rautenmuster ausgelegt hatte. Das Zischeln von weit über einhundert Stimmen hallte durch den Saal.

Frauen standen in Grüppchen auf dem Parkett beisammen, weitere säumten die Balkone. Unter den Frauen auf der zweiten Ebene fanden sich vereinzelt auch einige Männer und Jungen. Die Frauen, die Schwestern des Lichts, wie er vermutete, hatten alle ihre prächtigsten Kleider angelegt. Eine Kleiderordnung schien es nicht zu geben. Alle Farben waren zu sehen, die Schnitte variierten von konservativ bis gewagt. Die Jungen und Mannen trugen alle mögliche Kleidung, angefangen von schlichten Roben bis hin zu eleganten Röcken, die eines Fürsten oder Prinzen würdig gewesen wären.

Das Stimmengewirr verstummte, und alle drehten sich zu den Neuankömmlingen um. Als es still im Saal geworden war, setzte Applaus ein, der zu donnerndem Beifall anschwoll.

Schwester Phoebe ging ein paar Schritte in die Mitte des Saales, hob ihre Hand und bat um Ruhe. Der Applaus flackerte noch ein paarmal auf und verstummte schließlich.

»Schwestern«, hob Schwester Phoebe mit vor Aufregung bebender Stimme an, »bitte heißt Schwester Verna zu Hause willkommen.« Wieder donnerte der Applaus, und wieder brachte ihre Hand ihn nach wenigen Augenblicken zum Verstummen. »Außerdem möchte ich Euch unseren neuesten Schüler vorstellen, unser jüngstes Kind des Schöpfers, unseren neuesten Schützling.« Sie drehte sich um, streckte eine Hand aus, zappelte ungeduldig mit den Fingern und gab damit zu erkennen, daß Richard vortreten solle. Er ging drei Schritte auf sie zu. Schwester Verna blieb an seiner Seite.

Schwester Phoebe beugte sich zu ihm und flüsterte: »Richard …? Ist das dem ganzer Name?«

Richard zögerte einen Augenblick. »Cypher.«

Sie wandte sich wieder an die Menge. »Bitte heißt Richard Cypher im Palast der Propheten willkommen.«

Wieder hob das Klatschen an. Richard funkelte jedes Gesicht wütend an, das ihn betrachtete. Frauen, die in der Nähe standen, drängten weiter nach vorn, um ihn besser sehen zu können. Frauen jeder Art und Altersgruppe hatten sich versammelt, angefangen bei solchen, die alt genug aussahen, um freundliche Großmütter zu sein, bis hin zu denen, die kaum alt genug waren, um als Frauen bezeichnet zu werden. Sie reichten von mollig bis dürr, trugen Frisuren, die so unterschiedlich waren wie ihre Kleider, in jeder Haarfarbe von blond bis schwarz. Auch ihre Augen wiesen alle nur erdenklichen Farben auf.

Ganz in der Nähe fiel ihm eine Frau auf. Sie hatte ein warmes Lächeln auf den schuf dünnen Lippen und seltsam blaßblaue Augen, die mit violetten Sprenkeln durchsetzt waren. Sie sah ihn an, als sei er ein alter, guter Freund, den sie liebte und seit Jahren nicht gesehen hatte. Sie applaudierte begeistert und ermunterte eine überhebliche Frau neben ihr mit einem Ellenbogenstoß, sich dem Beifall anzuschließen, was diese daraufhin schließlich tat.

Richard stand da, ließ die Arme hängen und studierte den Grundriß des Saales, merkte sich Ausgänge, Durchgänge und die Aufstellung der Posten. Als der Beifall verstummte, bahnte sich eine junge Frau in einem Kleid, welches den gleichen Blauton hatte wie Kahlans Hochzeitskleid, ihren Weg durch die Menge. Das blaue Kleid hatte einen runden Halsausschnitt, der mit weißer Spitze verziert war, die bis zur schmalen Taille hinabreichte und die sich auch an den Ärmelaufschlägen fand.

Sie kam näher und blieb genau vor ihm stehen. Sie war vielleicht fünf Jahre jünger als er und einen Kopf kleiner, hatte volles, weiches braunes Haar, das ihr bis auf die Schultern reichte, und große braune Augen.

Sie starrte ihn offenen Mundes an. Mit jedem tiefen Atemzug schwoll ihr Busen unter den Spitzen an. Sie hob langsam ihre Hand. Mit ihren zarten Fingern berührte sie seine Wange und strich ungläubig über seinen Bart.

»Der Schöpfer hat meine Gebete tatsächlich erhört«, sagte sie leise zu sich selbst.

Plötzlich schien ihr wieder einzufallen, wo sie war. Sie riß ihre Hand zurück. Ihr Gesicht errötete.

»Ich … ich bin…«, stammelte sie. Sie fand ihre Haltung wieder, ihr Gesicht nahm wieder eine sanfte Farbe an. Sie verschränkte die Hände vor dem Körper und wandte sich an Schwester Verna, als wäre nichts geschehen. »Ich bin Pasha Maes, Novizin dritten Ranges. Ich bin als nächste an der Reihe, ernannt zu werden. Man hat mir die Verantwortung für Richard übertragen.«

Schwester Verna lächelte sie mit zusammengepreßten Lippen an. »Ich glaube, ich erinnere mich an dich, Pasha. Es freut mich zu sehen, daß du fleißig gelernt und dich gut entwickelt hast. Richard wird mir jetzt aus den Händen genommen und geht in deine über. Möge der Schöpfer seine Hand über euch beide halten.«

Pasha lächelte stolz, dann wandte sie sich an Richard. Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. Dann hob sie den Kopf, sah mit ihren Wimpern flatternd zu ihm hoch und lächelte ihn freundlich an.

»Wie schön, dich kennenzulernen, junger Mann. Mein Name ist Pasha. Du bist mir zugeteilt. Ich soll helfen, dich zu unterrichten, und dir bei allem helfen, was du während deiner Studien benötigst. Ich bin eine Art Führerin für dich. Alle Fragen oder Probleme, die du hast, werden mir vorgetragen, und ich werde mein Bestes tun, um dir zu helfen. Du scheinst ein heller Junge zu sein. Ich bin sicher, wir werden sehr gut miteinander auskommen.«

Ihr Lächeln wurde leicht unsicher, als sie bemerkte, wie wütend er sie anfunkelte. Sie lächelte erneut und fuhr fort. »Nun, zuallererst, Richard, erlauben wir nicht, daß die Jungen hier im Palast der Propheten Waffen tragen.« Sie streckte die Hand aus, mit der Handfläche nach oben. »Ich werde dein Schwert an mich nehmen.«

Das Rinnsal aus magischem Zorn hatte sich in einen Sturzbach verwandelt. »Du kannst mein Schwert gern haben — wenn ich nicht mehr atme.«